{"id":10951,"date":"2021-02-07T19:48:52","date_gmt":"2021-02-07T19:48:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10951"},"modified":"2023-03-06T23:43:43","modified_gmt":"2023-03-06T22:43:43","slug":"2-koen-5-1-8-9-15-16-18-19a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-koen-5-1-8-9-15-16-18-19a\/","title":{"rendered":"2. K\u00f6n. 5, (1-8) 9-15 (16-18) 19a"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">3. Sonntag nach Epiphanias, 22. Januar 2006<br \/>\nPredigt zu <strong>2. K\u00f6n. 5, (1-8) 9-15 (16-18) 19a<\/strong>, verfasst von <strong>Walter Meyer-Roscher<\/strong><\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Dieser Mann hat es geschafft. Er ist ganz oben. Er wird geachtet, respektiert, gef\u00fcrchtet. Er hat Einfluss und er hat Macht. Seine Karriere ist beispiellos. \u201eEin trefflicher Mann\u201c, \u00fcbersetzt Luther, \u201eund wert gehalten\u2026, ein gewaltiger Mann\u201c im Herrschaftsbereich seines K\u00f6nigs. Er setzt sich durch und er glaubt an sich \u2013 so k\u00f6nnte man in der Beschreibung vom Feldhauptmann Naaman wohl fortfahren.<\/p>\n<p>Aber da bef\u00e4llt ihn pl\u00f6tzlich diese Hautkrankheit, die alles Erreichte wieder in Frage stellt. Mit der Krankheit kommt die Angst, sein Glaube an die eigene Macht und die eigenen Kr\u00e4fte k\u00f6nnte sich als Irrglaube erweisen; sein Glaube, das Leben sei f\u00fcr einen Mann wie ihn in allen Situationen machbar, k\u00f6nnte tr\u00fcgen; sein Glaube, gelingendes Leben hinge allein vom eigenen Willen und vom eigenen K\u00f6nnen ab, k\u00f6nnte zerfallen wie seine Gesundheit. Dann w\u00fcrde er nichts mehr gelten und nichts mehr wert sein. Eine schreckliche Vorstellung!<\/p>\n<p>Wir besiegen heute Krankheiten wie den Aussatz, medizinischer Fortschritt kann Heilung oder zumindest Linderung von Erkrankungen der Haut bewirken. Aber eine Medizin gegen die Angst, pl\u00f6tzlich nicht mehr mithalten zu k\u00f6nnen im Konkurrenzkampf des Lebens, nicht mehr als vollwertig angesehen zu werden in einer auf Leistung bedachten Gesellschaft, Respekt und Einfluss zu verlieren, eine solche Medizin k\u00f6nnen wir nicht erfinden.<\/p>\n<p>Darum sind wir so darauf bedacht, nach au\u00dfen hin nur ja kein Anzeichen von Krankheit und Schw\u00e4che zu zeigen, m\u00f6glichst lange St\u00e4rke und Selbstbewusstsein zu demonstrieren, den Anschein von Unersetzlichkeit aufrecht zu erhalten. Aber die schleichende Angst bleibt.<\/p>\n<p>\u201eDanke, mir geht\u2019s gut\u201c, ist ein Gedicht \u00fcberschrieben, das diese schleichende Angst aufnimmt.<\/p>\n<p>\u201eDanke, mir geht\u2019s gut! Wir tragen unsere Wunden innen.<br \/>\nAngeschossen \u2013 wir alle.<br \/>\nMitten im Frieden, mitten im Herzen der Schmerz.<br \/>\nDanke, mir geht\u2019s gut! Wir leben den Alltag mit offenen Wunden,<br \/>\nBegegnen einander mit offenen Wunden.<br \/>\nLachen und lieben mit offenen Wunden.<br \/>\nDanke, mir geht\u2019s gut!<br \/>\nWir tragen unsere Wunden innen aus Angst vor der Wahrheit.\u201c<\/p>\n<p>Niemand kann sein Leben allein auf dem Fundament eigener Kraft, eigenen K\u00f6nnens und eigenen Willens aufbauen. Niemand kann lebenslang und ausschlie\u00dflich sein Vertrauen auf Leistung, Anerkennung und Einfluss setzen. Es gibt Situationen im Leben jedes Menschen, in denen die Gesetze und Regeln, nach denen unser Leben und das Zusammenleben in der Gesellschaft sonst funktionieren, pl\u00f6tzlich nicht mehr greifen. Unsere Kompetenz und unser K\u00f6nnen werden br\u00fcchig, unser Selbstbewusstsein tr\u00e4gt nicht mehr. Da sind wir allein und m\u00fcssen umdenken, unser Leben neu begreifen und auch unser Angewiesensein auf andere Menschen neu verstehen. Diese Wahrheit kann verwunden, und diese Wunden tragen wir innen.<\/p>\n<p>Der \u201etreffliche Mann\u201c in unserer Geschichte will es zun\u00e4chst nicht wahr haben. Noch glaubt er, dass mit guten Beziehungen zu den M\u00e4chtigen und mit sehr viel Geld nach wie vor alles machbar ist. Noch meint er, den fremden Propheten kraft seines Reichtums und seines Einflusses f\u00fcr sich benutzen zu k\u00f6nnen. Aber der reagiert nicht so, wie er soll. Das Konzept des selbstsicheren Mannes, weiterhin aus eigener Kraft die Kontrolle \u00fcber sein Leben zu behalten, scheitert noch vor der Haust\u00fcr des Propheten. Naaman bleiben nur Wut und Aggression, Frustration und Verzweiflung. Die Wahrheit hat ihn eingeholt und ent-t\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Ja, so weit kann es kommen \u2013 bis zur Entt\u00e4uschung, dass die Lebens- und Gestaltungsm\u00f6glichkeiten zur\u00fcckgehen, die Angst, vielleicht auch die Wut und die Verzweiflung wachsen. Was aber hilft dann noch?<\/p>\n<p>Wenn wir auf die Erz\u00e4hlung aus alter Zeit von einem kranken Feldhauptmann und einem eigenwilligen Propheten des Alten Testaments h\u00f6ren, dann beginnt sich die Situation zu wandeln, als der m\u00e4chtige Naaman sich aus dem Panzer seiner Selbstsicherheit l\u00f6st, auf andere Menschen h\u00f6rt und sich von ihnen helfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die kleinen Leute, die sonst nichts gelten, geben den Ansto\u00df, bringen unsere Geschichte weiter und lassen Hilfe m\u00f6glich werden, Das beginnt ja schon mit dem Rat der jungen hebr\u00e4ischen Sklavin im Haus Naamans daheim. Wir k\u00f6nnen uns ihr Schicksal vorstellen: ein entf\u00fchrtes Kriegsopfer mit allen Verwundungen und Traumatisierungen, die solch ein Schicksal mit sich bringen kann. Ihren Glauben aber hat sie sich bewahrt und damit eine andere Lebenseinstellung als die der selbstsicheren Macher, die frustriert und verzweifelt aufgeben, wenn sie am Ende sind.<\/p>\n<p>Erst ist es diese junge Frau und sp\u00e4ter sind es Naamans Diener, die das verzweifelte Ende verhindern. Gegen alle Regeln, die bisher sein Leben und sein Verh\u00e4ltnis zu anderen Menschen bestimmten, l\u00e4sst sich der gewaltige Mann auf ihren Rat und auf ein scheinbar sinnloses Experiment ein. Er steigt \u2013 wie vom Propheten befohlen \u2013 in das Wasser des Jordans, dem man eigentlich keine Heilkraft zutrauen kann. Wider alles Erwarten, wider alle Regeln menschlicher Heilkunst, wider alle Gesetze, nach denen das Leben verl\u00e4uft, wird er geheilt.<\/p>\n<p>Aber diese wunderbare Heilung ist noch nicht das Ziel der uralten Erz\u00e4hlung. Am Ende erkennt der erst so selbstsichere und dann so verzweifelte Mann: Nun wei\u00df ich, dass der Glaube an alle unsere G\u00f6tter ein Irrglaube ist. Nun wei\u00df ich, dass es keinen Gott gibt au\u00dfer dem, den der Prophet bezeugt.<\/p>\n<p>Dem Eintauchen in die Tiefe des fremden Flusses vergleichbar hat er bei seinem Abstieg von der Oberfl\u00e4che seiner allt\u00e4glichen Gesch\u00e4ftigkeit eine neue Lebenseinstellung gefunden \u2013 durch das Vertrauen auf Gott, den er als seinen Sch\u00f6pfer und Herrn erkennt. Er kann, wie der Prophet es ihm w\u00fcnscht, \u201emit Frieden\u201c seinen weiteren Weg gehen.<\/p>\n<p>Das also gibt diese Erz\u00e4hlung \u00fcber Jahrtausende weiter: Leben ist mehr als heile Haut. Leben hei\u00dft, \u00fcber dem Wissen um die eigenen Kr\u00e4fte und F\u00e4higkeiten, \u00fcber der Kenntnis aller Regeln und Gesetze einer modernen Gesellschaft, \u00fcber unserer allt\u00e4glichen Gesch\u00e4ftigkeit nicht den Glauben an Gott zu vergessen. Leben hei\u00dft, im Vertrauen auf diesen Gott, seine Zusagen und seine Gebote, den eigenen Weg zu gehen, sich dabei auch von anderen helfen zu lassen und sich anderen zuzuwenden. Leben hat mit dem Frieden zu tun, den der Prophet des Alten Testaments dem davon ziehenden Naaman mitgegeben hat.<\/p>\n<p>Wenn ein Mensch im Frieden mit sich selbst und mit anderen zu leben lernt, beginnen seine inneren Wunden zu heilen. Die bisher das Leben bestimmende und Angst machende Wahrheit wird br\u00fcchig, ebenso wie die Wertvorstellungen, die bisher allein g\u00fcltig waren, ihre ausschlie\u00dfliche Geltung verlieren. Selbstvertrauen und St\u00e4rke, Leistung und K\u00f6nnen, Verdienst und Anerkennung sind nicht mehr G\u00f6tter, die Anbetung und Opfer fordern. Das Vertrauen auf Gott, unseren Sch\u00f6pfer und Herrn, und die Wertsch\u00e4tzung, die wir von ihm erfahren, z\u00e4hlen mehr und lassen innere Wunden heilen. Seine Gebote helfen uns, Lebensentscheidungen und Verpflichtungen in einem neuen Licht zu sehen und \u00f6ffnen uns die Augen f\u00fcr die Menschen neben uns. Dann wird uns der Wunsch des Propheten begleiten: \u201eZieh mit Frieden!\u201c Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Walter Meyer-Roscher<br \/>\nLandessuperintendent i.R.<br \/>\nHildesheim<br \/>\n<a href=\"mailto:meyro-hi@arcor.de\">meyro-hi@arcor.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Sonntag nach Epiphanias, 22. Januar 2006 Predigt zu 2. K\u00f6n. 5, (1-8) 9-15 (16-18) 19a, verfasst von Walter Meyer-Roscher Dieser Mann hat es geschafft. Er ist ganz oben. 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