{"id":10956,"date":"2021-02-07T19:49:02","date_gmt":"2021-02-07T19:49:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10956"},"modified":"2023-02-07T15:01:43","modified_gmt":"2023-02-07T14:01:43","slug":"lukas-17-5-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-17-5-10-2\/","title":{"rendered":"Lukas 17, 5-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">3. Sonntag nach Epiphanias, 22. Januar 2006<br \/>\nPredigt zu Lukas 17, 5-10, verfasst von Elof Westergaard<\/span><\/b><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>\u201eGib uns einen gr\u00f6\u00dferen Glauben!\u201c bitten die Apostel Jesus. In der alten \u00dcbersetzung lauteten die Worte: \u201eGib uns mehr Glauben!\u201c<\/p>\n<p>Mehr \u2013 gr\u00f6\u00dferen Glauben.<\/p>\n<p>Diesen Wunsch finden wir auch in unserer Zeit wieder. Wir h\u00f6ren dieselben Worte: Gib uns mehr und gr\u00f6\u00dferen Glauben. Ja. Gib mir ein tieferes Fundament. Eine gr\u00f6\u00dfere Sicherheit in meinem Leben. Etwas, worauf ich mich st\u00fctzen kann in meinem schwankenden Dasein. Denn mein Leben ist ein ununterbrochenes Erdbeben: Sowohl von innen her als auch durch Ersch\u00fctterungen von au\u00dfen.<\/p>\n<p>Glaube und Glaubensfragen stehen im Brennpunkt des Interesses. Glaube ist zu einer positiven Gr\u00f6\u00dfe geworden. Ich will gerne glauben, aber nicht so sehr, dass ich in finsterem Fundamentalismus ende. Man geht heute davon aus, dass dem Glauben ein positiver Wert zuzuschreiben ist.<\/p>\n<p>Zwar hat jede Zeit ihre Plagen, aber der einzelne Mensch muss heute so viel selbst tragen, w\u00e4hrend zugleich die Gesellschaft, der er angeh\u00f6rt, das Ihre verlangt. Mit anderen Worten und ganz buchst\u00e4blich gesagt, es gibt nicht viel, was wir als gegeben hinnehmen d\u00fcrfen oder wollen.<\/p>\n<p>Der Individualismus ist heute in unserer Gesellschaft sehr stark und beherrschend. Gewiss pflegen wir ihn zu kritisieren, aber er wohnt zugleich in unserem eigenen Herzen und steht hinter so manchen Forderungen, die wir an das Leben stellen. Wir wollen ihn nicht missen. Die Freiheiten und M\u00f6glichkeiten, die er uns gibt. Aber zugleich f\u00fchrt dieser starke Drang, sich selbst zu realisieren und sich selbst zu entwickeln, hohe Unkosten mit sich.<\/p>\n<p>Denn er tr\u00e4gt dazu bei, auf gesellschaftlicher Ebene Anspr\u00fcche hervorzurufen und Forderungen zu stellen, so dass man unabl\u00e4ssig in Bewegung und unterwegs zu sein hat.<\/p>\n<p>Beweglichkeit, Bereitschaft sich umzustellen und zu entwickeln \u2013 das sind Eigenschaften, die konstant von uns gefordert sind, \u2013 nie k\u00f6nnen wir uns der Ruhe hingeben, wir m\u00fcssen immer in Bewegung sein.<\/p>\n<p>Mitten in diesem ununterbrochenen Strom der Bewegung, aus dieser Tiefe, verlangen wir dann doch nach einem festen Halt. Nach einem sicheren Grund unter den F\u00fc\u00dfen. Vielleicht ist es nur scheinbar so, vielleicht ist es aber auch unser Ernst. Aber die Worte erklingen, sie werden wie ein Anker ausgeworfen, als Versuch, hier ein wenig Sicherheit zu finden: \u201eGib mir mehr und gr\u00f6\u00dferen Glauben!\u201c<\/p>\n<p>Die Schule spiegelt in diesem Zusammenhang die Zeit, in der wir leben, eigentlich ganz gut wider. Hier ist es der neue Trend, dass man den Klassenunterricht hinter sich l\u00e4sst. Die Kinder sollen \u2013 und das haben wir bis zur Bewusstlosigkeit geh\u00f6rt \u2013 selbst die Verantwortung f\u00fcr ihr eigenes Lernen \u00fcbernehmen \u2013 das Klassenzimmer soll, ideal gesehen, verschwinden, und die jungen Menschen sollen sich nur umherbewegen und dabei selbst lernen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Sch\u00fcler und Eltern sind jetzt Verbraucher, Benutzer der Schule. Die Lehrer sind jetzt die Dienstleister der Sch\u00fcler. Und die Schulbibliothek verwandelt sich in ein Zentrum f\u00fcr p\u00e4dagogische Dienstleistungen. Die Intentionen der heutigen Aufmerksamkeit f\u00fcr die Mannigfaltigkeit sind gut. Es geht schlie\u00dflich darum, den Sinn zu sch\u00e4rfen f\u00fcr die Verschiedenheit von Kindern und f\u00fcr ihre unterschiedliche Art und Weise, sich Stoff anzueignen. Man hat vom einzelnen Kind auszugehen und muss sich klar machen, dass Kinder verschieden sind. Das ist ja alles v\u00f6llig richtig.<\/p>\n<p>Aber wo ist der Halt? Die Gemeinschaft? Der Ort der Begegnung? Wo kann man die Ruhe finden in einer solchen Idealschule von heute?<\/p>\n<p>Gibt es diese Ruhe wirklich in dem einzelnen Kind, das in diesem Denken vorausgesetzt zu sein scheint? Da ist jedenfalls ein unerh\u00f6rtes Selbstvertrauen und ein unerh\u00f6rter <em>Glaube<\/em> an sich selbst n\u00f6tig. Wenn das Kind als einziger Ausgangspunkt und Mittelpunkt angesehen wird, dann werden die Kinder eher zu einzelnen Atomen im Bereich der Schule, genau wie das Individuum drau\u00dfen in der Welt zum einzelnen Atom wird im Verh\u00e4ltnis zu der Gesellschaft, in der es zu leben hat. Einzelne, isolierte Sterne, die selbst und allein in einem ansonsten finsteren Universum Licht schaffen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In einer solchen Zeit, in der das Individuum den Ehrenplatz einnimmt und wo die Selbstentwicklung des einzelnen Menschen gepflegt und Beweglichkeit von ihm verlangt wird, da ist es wichtig, dass wir jeder f\u00fcr sich selbst Glauben und Vertrauen zu uns selbst haben. Denn wie sonst sollten wir uns in einer so unruhigen Welt anstellen? Die Offenheit des Menschen wird verlangt, und in Verbindung damit ist auch diese neue, wiedergewonnene Wertsch\u00e4tzung des Glaubens zu sehen. Es ist hier wichtig, dass man sich demgegen\u00fcber nicht in sich einschlie\u00dft, sondern dass man der Mannigfaltigkeit der Welt mit gro\u00dfer Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcbertritt, und zwar auch dem gegen\u00fcber, was jenseits des Rationalen liegt.<\/p>\n<p>Das macht es dann heutzutage in mehrfacher Hinsicht auch leichter, das Evangelium zu verk\u00fcnden, denn dem Wunder und dem Mysterium begegnet man nicht nur mit Skepsis und Ungl\u00e4ubigkeit. Ganz im Gegenteil. Es herrscht ein gro\u00dfes Wohlwollen. Denn Glaube ist o.k. Alles ist m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Es ist ja auch ganz sicher gesund zu glauben. Es ist vielleicht sogar eine biologische Notwendigkeit, werden manche meinen, weil Glaube ein besseres Befinden und Ausgeglichenheit vermittelt.<\/p>\n<p>Hierzu allerdings m\u00fcssen wir Einw\u00e4nde vortragen. Glaube ist nicht nur eine Frage des Selbstvertrauens und Wohlbefindens, sondern Glaube ist Hingabe und Vertrauen auf einen anderen. Und dann ist es auch nicht gleichg\u00fcltig, woran wir glauben und wogegen wir uns wenden. Es macht einen Unterschied, ob wir an Gott oder an den Teufel glauben.<\/p>\n<p>Es mag ja sein, dass es einem im Glauben besser mit sich selbst geht. Es kann allerdings auch sein, dass der Glaube in dem Masse die weniger ansprechenden Seiten, die man hat, zur Schau stellt und den Menschen als das, was er ist, enth\u00fcllt, in all seiner aufgeblasenen Selbstzufriedenheit, so dass wir noch mehr ersch\u00fcttert werden, als wir es heute bereits auf Grund unserer eigenen und der Forderungen der Gesellschaft an uns sind. Der Glaube ist also nicht nur als ein Mittel aus dem Reformhaus zu betrachten f\u00fcr den umstellungsbereiten Menschen.<\/p>\n<p>Sowohl Gericht als auch Gnade begegnen uns im christlichen Glauben. Enth\u00fcllung, Trost und Erbauung des Menschen finden wir hier.<\/p>\n<p>Was den Glauben an Gott betrifft, so ist es wichtig, sich klar zu machen, dass im Glauben eine Hingabe liegt, die \u00fcber allen Eigennutz hinausragt und die ein Urteil \u00fcber uns einsetzt, wenn wir einzig und allein uns selbst und das Unsrige in den Mittelpunkt stellen. Eine Gewissheit dar\u00fcber, dass es ohne Gott nur den Abgrund gibt. Nur Gott vermag eine Br\u00fccke \u00fcber den Abgrund zu bauen.<\/p>\n<p>Das Fundament unter uns ist also weiterhin lose, aber im Glauben wird uns Vertrauen geschenkt, Vertrauen zu der Lebensmacht, dem Sch\u00f6pfer, Aufrechterhalter und Erl\u00f6ser, der Gott ist.<\/p>\n<p>Als Gott, wie wir geh\u00f6rt haben, zu dem kinderlosen Abraham kam und zu ihm sagte, dass er eine gro\u00dfe Nachkommenschaft bekommen werde, wandte Abraham zuerst verst\u00e4ndlicherweise ein, dass er und Sarah ja gar kein Kind bekommen h\u00e4tten, in seinen Ohren klang Gottes Rede wie g\u00f6ttliches Mundwasser.<\/p>\n<p>Aber da nahm Gott ihn mit sich vor das Zelt, zeigte auf den Himmel und sagte zu Abraham, seine Nachkommenschaft werde wie die Sterne am Himmel sein. Und da hei\u00dft es in dem Bericht aus dem 1. Buch Moses, den wir geh\u00f6rt haben: \u201eAbraham glaubte dem Herrn, und Gott rechnete ihm das zur Gerechtigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Wie konnten die Sterne Abraham \u00fcberzeugen? Geschah das auf Grund einer magischen Vision? Einer Verwunderung \u00fcber Gottes Macht, die er in der Macht der Sterne widergespiegelt sah? Oder war es Gottes Wort und seine Erkl\u00e4rung, indem er auf den Himmel wies, die ihn \u00fcberzeugten? Das pers\u00f6nliche Gespr\u00e4ch? Wir k\u00f6nnen die Frage nicht beantworten. Jedenfalls aber setzte Abraham jetzt trotz seiner Einw\u00e4nde sein Los auf Gott.<\/p>\n<p>Abraham stellte sich hier nicht hin und \u00fcberlegte, ob es denn nun auch gut f\u00fcr ihn w\u00e4re, auf Gott zu vertrauen und ihm zu glauben. Ob es ihm besser gehen w\u00fcrde, wenn er glaubte? Ja, m\u00f6glicherweise hat der Gedanke, Patriarch zu werden, Abrahams Selbstwertgef\u00fchl gest\u00e4rkt. Man kann das nicht einfach bestreiten. Aber es ist im Grunde unwesentlich.<\/p>\n<p>Und wir h\u00f6ren deshalb in dem Bericht blo\u00df, dass Abraham an ihn glaubte, d.h. er beugte sich vor Gott, legte sein Leben und sein Geschick in Gottes H\u00e4nde. Er vertraute auf Gott. Und indem er so sein Los auf Gott setzte, f\u00fchrte er ein Leben unter dem offenen Horizont, wo er nicht selbst, sondern Gott Herr ist.<\/p>\n<p>Aber wie dann glauben? Denn das ist doch <em>die<\/em> Frage unter den Fragen der Apostel an Jesus heute: \u201eGib uns mehr Glauben, gr\u00f6\u00dferen Glauben!\u201c<\/p>\n<p>Was antwortet Jesus selbst?<\/p>\n<p>\u201eWenn ihr Glauben h\u00e4ttet so gro\u00df wie ein Senfkorn, dann k\u00f6nntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Rei\u00df dich aus und versetze dich ins Meer!, und er w\u00fcrde euch gehorchen.\u201c<\/p>\n<p>Jesus antwortet hier nicht direkt auf die Frage der J\u00fcnger. Aber er lehnt indirekt ihre Rede von mehr oder gr\u00f6\u00dferem Glauben ab. Denn wenn ihr nur Glauben h\u00e4ttet wie ein Senfkorn, w\u00fcrdet ihr einen Maulbeerbaum ausrei\u00dfen k\u00f6nnen, da braucht man weder mehr noch gr\u00f6\u00dferen Glauben. Man kann n\u00e4mlich im Grunde \u00fcberhaupt nicht um mehr oder gr\u00f6\u00dferen Glauben bitten.<\/p>\n<p>Das mag schwer verst\u00e4ndlich sein in einer Welt, wie der unsrigen, wo wir gern alles messen und wiegen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem sagt Jesus hier mit seiner Antwort auch, dass Glaube wohl nicht etwas ist, was irgendein Mensch kann. Denn wer besitzt eine solche innere St\u00e4rke? Sie besitzt nur Gott allein, der schaffen kann, was er nennt. Sagen wir: \u201eEs werde Licht, rei\u00df dich aus der Erde, Maulbeerbaum,\u201c dann geschieht es nicht.<\/p>\n<p>Denn mit dem Glauben ist es wie in das Reich Gottes zu gelangen. Wir stehen in einem gewissen Sinne wie der junge reiche Mann da, der Jesus fragte, wie er in das Reich Gottes gelangen k\u00f6nne. Wie f\u00fcr ihn gilt f\u00fcr uns: Wir k\u00f6nnen im Grund uns selbst und das Unsere nicht loslassen.<\/p>\n<p>Anstatt den Glauben wie eine Leistung und F\u00e4higkeit zu betrachten, \u2013 ja wie eine Eigenschaft, die wir in uns selbst hervorbringen sollen \u2013, sollen wir den Glauben als ein Geschenk verstehen \u2013 als etwas, das uns gegeben wird, so wie auch die Macht der Liebe zu uns kommt.<\/p>\n<p>Glaube ist sicherlich sich selbst loszulassen, sich zu verlassen und zu vertrauen \u2013 aber der Glaube ist vor allem ein Geschenk, das uns geschenkt wird \u2013, wenn uns der begegnet, der uns entgegenkommt und uns so will, wie wir sind.<\/p>\n<p>In der Taufe geschieht das: Du bist mein Kind, sagt Gott in Jesus. Du geh\u00f6rst zu mir.<br \/>\nIm Abendmahl werden wir darin bekr\u00e4ftigt: du erh\u00e4ltst Anteil in mir, sagt er.<\/p>\n<p>Im Leben begegnet uns der Glaube. Der Glaube, der seine schwankende Br\u00fccke \u00fcber den Abgrund schl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Der Glaube kommt durch die Gnade Gottes. Amen.<\/p>\n<p><strong>Pastor Elof Westergaard<br \/>\n<\/strong><strong>Marieh\u00f8j 17<br \/>\n<\/strong><strong>DK-8600 Silkeborg<br \/>\n<\/strong><strong>Tel.: ++45 \u2013 86 80 08 15<br \/>\n<\/strong><strong>E-mail: <a href=\"mailto:eve@km.dk\">eve@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Sonntag nach Epiphanias, 22. Januar 2006 Predigt zu Lukas 17, 5-10, verfasst von Elof Westergaard (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) \u201eGib uns einen gr\u00f6\u00dferen Glauben!\u201c bitten die Apostel Jesus. In der alten \u00dcbersetzung lauteten die Worte: \u201eGib uns mehr Glauben!\u201c Mehr \u2013 gr\u00f6\u00dferen Glauben. Diesen Wunsch finden wir auch in unserer Zeit wieder. 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