{"id":10972,"date":"2021-02-07T19:49:07","date_gmt":"2021-02-07T19:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10972"},"modified":"2023-02-02T09:10:20","modified_gmt":"2023-02-02T08:10:20","slug":"offenbarung-1-9-18-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/offenbarung-1-9-18-4\/","title":{"rendered":"Offenbarung 1, 9-18"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Letzter Sonntag nach Epiphanias, 5. Februar 2006<br \/>\nPredigt zu Offenbarung 1, 9-18, verfasst von G\u00fcnter Goldbach <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Mitten in der Nacht brechen wir auf: von dem t\u00fcrkischen Hafen Kusadasi zu einer Fahrt \u00fcber das \u00c4g\u00e4ische Meer. Ein kleines Fischerboot soll uns zu der ca 80 km entfernten griechischen Insel Patmos bringen. Bei Sonnenaufgang teilen wir Brot und Wein. Eine schmale, vom Wind zerzauste Stola \u00fcber dem Anorak des Freundes ist das einzig \u201eSakrale\u201c bei dieser Feier. Und nat\u00fcrlich: die bekannten, \u00fcber den Elementen gesprochenen Worte des Neuen Testaments. Es ist best\u00fcrzend einfach und eindrucksvoll zugleich.<\/p>\n<p>Bei der mehrst\u00fcndigen Fahrt auf schwankendem Boden meint man, das Verlorenheitsgef\u00fchl des Johannes nachvollziehen zu k\u00f6nnen. Ein Gef\u00fchl, das nicht weichen will, wenn Patmos erreicht ist: auch heute noch keine \u201ePerle der \u00c4g\u00e4is\u201c. Nach einer sp\u00e4tbyzantinischen Chronik war diese Strafkolonie der R\u00f6mer ausgestorben und unkultiviert. Bedeckt mit Dornb\u00fcschen und Gestr\u00fcpp. Vollkommen unfruchtbar aufgrund der Trockenheit.<\/p>\n<p>Immerhin konnte sich Johannes frei und ohne Ketten auf der Insel bewegen. Die Grotte, die ihm zur Behausung diente, lag wohl weiter oberhalb, einen weiten Blick \u00fcber das Meer bietend. In der Kunst wird er oft vor dieser Grotte sitzend abgebildet, schreibend oder seinem Sch\u00fcler Prochorus diktierend (vgl. Act. 6,5). Der Blick ist ins Weite gerichtet, gegen den Horizont, wo in der flimmrigen Hitze Himmel und Meer zu einem unaufl\u00f6slichen Ineinander verschmelzen.<\/p>\n<p>Dort geschieht, was unser Text berichtet:<br \/>\nJohannes vernimmt eine Botschaft. Eine Botschaft, die ihn ganz pers\u00f6nlich und unmittelbar betrifft: das Zentrum seiner Angst und Verzweiflung. Eine Botschaft gegen die zerst\u00f6rerische, furchtbare, zur Verzweiflung treibende Macht des Todes. Sie lautet: \u201eF\u00fcrchte dich nicht! Ich war tot, und siehe, ich lebe und habe die Schl\u00fcssel der H\u00f6lle und des Todes\u201c. Die Botschaft gilt dem Johannes, aber nicht nur ihm. Sie gilt allen Christen, nicht nur in den 7 kleinasiatischen Gemeinden. Die 7-Zahl ist eine symbolische Zahl der Ganzheit: \u201eSchreibe es und schick es an die Gemeinden&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Botschaft und Auftrag erh\u00e4lt Johannes in einer Vision. Weil er sehen will, wer zu ihm spricht. Was er sieht, ist \u00fcberw\u00e4ltigend und ihm dennoch bekannt: aus den traditionellen \u00dcberlieferungen derartiger Erscheinungen (vgl. Dan. 10). Und nun auch er, Johannes, sieht es und berichtet: Christus als Weltenrichter mit den Eigenschaften \u00fcbermenschlicher Gr\u00f6\u00dfe, in f\u00fcr ihn unvorstellbarer Sch\u00f6nheit, umstrahlt von glei\u00dfendem Licht.<\/p>\n<p>War diese Vision ein reales Ereignis oder ein bewusst eingesetztes literarisches Werkzeug? Ich bin nicht sicher. Auf jeden Fall: Visionen sind ganz und gar nicht mehr unsere Sache. Denn: Der Schl\u00fcssel ist uns verloren gegangen, der Geheimcode abhanden gekommen, um das in diesem Text verwandte apokalyptische Material in seinen Einzelheiten deuten zu k\u00f6nnen. Skepsis ist jedenfalls angebracht: Visionen sind ja Offenbarungen, die einer hat und andere nicht. Sie sind nicht beweisbar und kontrollierbar. Sie entziehen sich der Einsichtigkeit f\u00fcr jedermann. Sie machen uns eben deshalb misstrauisch. Ja, wer heute \u201eVisionen\u201c zu haben vorgibt, erscheint uns als anormal, krankhaft, ein pathologischer Fall. Keinesfalls erregt er unsere Bewunderung &#8211; wie es wohl damals war, in neutestamentlicher Zeit, zur Zeit des Johannes.<\/p>\n<p>Und auch das, was Johannes sieht, ist uns fremd geworden: Christus als der wiederkommende Weltenrichter. Ja, wir zitieren es in unserem Glaubensbekenntnis: \u201eEr wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten\u201c. Und wir kennen die k\u00fcnstlerischen Darstellungen in vielen Kirchen. Das ber\u00fchmte Mosaik in Ravenna&#8230; Dennoch: Christus als Weltherrscher, als Richter, alles, was sich damit an Vorstellungen verbindet, ist uns nicht mehr vertraut. Christus, den kennen wir besser als den irdischen Jesus. Als den Erniedrigten, der sich nicht scheute, zu werden wie unsereiner. Christus, den kennen wir als den Zeugen f\u00fcr die Barmherzigkeit Gottes. Christus, den bekennen wir als den f\u00fcr uns Gekreuzigten. So wie ihn Johannes schildert, kennen wie ihn eben ganz und gar nicht: sein Haupt wei\u00df wie Schnee, seine Augen wie eine Feuersflamme, aus seinem Mund ein zweischneidiges Schwert, sein Angesicht leuchtend wie die Sonne&#8230; Das alles erscheint uns unwirklich und unvorstellbar. Deshalb ist unsere Frage verst\u00e4ndlich: Was k\u00f6nnen wir heute damit anfangen?!<\/p>\n<p>Da gibt es nat\u00fcrlich kluge Leute, die wissen Bescheid. Die sagen: Na ja, man muss das verstehen. Johannes entwirft das Bild des Weltherrschers Christus als Gegenbild zu seinen ganz unmittelbaren pers\u00f6nlichen Erfahrungen. Die sich frappierend unterscheiden von den auf Christus gerichteten \u201eNaherwartungen\u201c der ersten Christen. Die sich aber sehr wohl decken mit den tats\u00e4chlichen Erfahrungen derjenigen, an die er schreibt. Die sich vielleicht so charakterisieren lassen: Die gro\u00dfen Erwartungen, gekn\u00fcpft an den Auftrag: \u201eGeht hin in alle Welt und macht zu J\u00fcngern alle V\u00f6lker\u201c (vgl. Matth. 28,19) &#8211; diese Erwartungen scheinen sich nicht erf\u00fcllen zu wollen. Ja, in den aufbl\u00fchenden r\u00f6mischen St\u00e4dten Kleinasiens, die Johannes vor Augen hat, gibt es christliche Gemeinden. Vermutlich haben sie sich aus den hellenisierten j\u00fcdischen Gemeinden entwickelt. Aber ihre Zahl ist eher klein. In einer Stadt wie Ephesus mit 150.000 Einwohnern gibt es wohl mehr als ein Dutzend Sekten und Kulte, von denen die christliche Gemeinde vermutlich die zahlenm\u00e4\u00dfig kleinste ist. In den kleinasiatischen Gemeinden gibt es zudem Auseinandersetzungen und Streitigkeiten: Einige Mitglieder passen sich der herrschenden synkretistischen Atmosph\u00e4re an. Andere behaupten rigoroser ihre Sonderstellung und sind entt\u00e4uscht \u00fcber das aggiornamento der Kompromissler. Dar\u00fcber hinaus: Die blutigen Verfolgungen der Christen durch die r\u00f6mische Staatsmacht im 2. Jahrhundert, die Hunderttausende von ihnen das Leben kosten soll, zeichnen sich Ende des 1. Jahrhunderts schon ab: Kaiser Domitian (81 \u2013 96 n. Chr.), der sich \u201eh\u00f6chster Zeus und Heiland\u201c ansprechen l\u00e4sst, besteht auf den Opfern vor seinem Standbild. Verweigerer werden hingerichtet oder in die Verbannung geschickt &#8211; wie eben Johannes. Christen d\u00fcrfen keine \u00f6ffentlichen \u00c4mter mehr bekleiden. Sie werden auf alle erdenkliche Weise schikaniert. Hinzu kommen Spott und Schm\u00e4hungen. Weil die Christen das Heil von jemandem erwarten, der tot ist. Den die weltlichen Autorit\u00e4ten liquidiert und auf schm\u00e4hliche Weise umgebracht haben. &#8211; Die Entt\u00e4uschung, die Resignation, die Verzweiflung unter den Christen nehmen zu. Johannes wei\u00df das. \u201eIch teile eure Trauer\u201c, beginnt er deshalb seinen Brief (in der \u00dcbersetzung von Walter Jens).<\/p>\n<p>Das ist es eben, m\u00f6gen viele von uns denken. Diese ganze Situation &#8211; das ist doch nicht mehr unsere Situation. Wir sind keine verfolgte und leidende Kirche &#8211; jedenfalls nicht in der westlichen Welt. Die Repr\u00e4sentanten unserer Kirchen werden nicht umgebracht oder in die Verbannung geschickt. Vielmehr: Sie sind anerkannt und einflussreich. Die gro\u00dfen Dome und die Kircht\u00fcrme unserer Gottesh\u00e4user pr\u00e4gen die Silhouette unserer St\u00e4dte und charakterisieren die Zentren unserer cities. Da sind keine Mini-Versammlungsr\u00e4ume wie damals oder Ruinen wie heute.<\/p>\n<p>Zugegeben: Nur in Philadelphia als der einzigen der 7 kleinasiatischen Gemeinden treffen wir auf eine kleine Schar von Christen, die uns freundlich empfangen. In einer intoleranten, islamistisch gepr\u00e4gten Umgebung sind sie B\u00fcrger minderen Rechts. Sie bewirten uns in einem kleinen Gasthof neben den Ruinen der Johannes-Kirche &#8211; im Schatten einer gro\u00dfen Moschee.<\/p>\n<p>Ephesus, die schon erw\u00e4hnte hellenistische Metropole: Von der eindrucksvollen Gr\u00f6\u00dfe und Pracht dieser antiken Stadt lassen die ausgegrabenen Ruinen noch immer etwas erahnen. Abseits der dorthin gelenkten Touristenstr\u00f6me, nahe dem Magnesischen Tor, eingez\u00e4unt, von Unkraut halb \u00fcberwuchert, ein sichtbarer R\u00fcckzugsplatz f\u00fcr die vielen streunenden Hunde: das sog. Lukas-Grab. Urspr\u00fcnglich ein gro\u00dfes r\u00f6misches Geb\u00e4ude aus dem 1. Jahrhundert, sp\u00e4ter zur Kirche umfunktioniert und dem Lukas gewidmet: Ein Buckelochse, sein Signum also, das unter ein Kreuz eingemei\u00dfelt wurde, ist noch heute als Relief sichtbar. Hier soll er begraben worden sein. Nach Hieronymus wurden seine Gebeine erst im 4. Jahrhundert nach Konstantinopel \u00fcberf\u00fchrt (De vir. ill. 8). In jedem Fall war Lukas hier als Begleiter des Paulus (vgl. Phlm. 24). Als einziger blieb er auch bei dem in Ephesus (im westlichen Turm der Stadtmauer des Lysimachus) gefangenen Apostel (vgl. 2. Tim. 4, 11). &#8211; Und heute?! Was ist geworden aus dieser Erinnerungsst\u00e4tte an Paulus und Lukas?!<\/p>\n<p>In der N\u00e4he von Ephesus, im heutigen Selcuk, befinden sich die Ruinen der Johannes-Basilika, der ehemals gr\u00f6\u00dften und imposantesten Kirche Anatoliens. Konstantin selbst soll sie \u00fcber dem Grab des Johannes errichtet, Justinian sie im 6. Jahrhundert erweitert haben. Johannes, der nach dem Tod des Domitian im Jahre 96 nach Ephesus zur\u00fcckehren konnte, soll sich hier oben, auf dem Berg Ayasoluk, eine kleine H\u00fctte gebaut haben, in der er lebte. Hier soll er sich, als er den Tod nahen f\u00fchlte, selbst sein Grab in Kreuzesform geschaufelt und hineingelegt haben. &#8211; Die Johannes-Basilika heute: Die Ruinen lassen die ehemalige Gr\u00f6\u00dfe noch erahnen. Relativ gut erhalten im n\u00f6rdlichen Seitenteil befindet sich die Taufkapelle. Zu dem achteckigen Taufbecken, dem Oktogon, kann man die Stufen f\u00fcr die ehemals ge\u00fcbte Immersionstaufe noch immer hinabsteigen. Noch immer befindet sich auch Wasser in diesem Taufbecken. Die Hand hineinzutauchen und sich nach christlichem Ritus mit dem Kreuzeszeichen zu segnen, wird allerdings nicht empfohlen. Moslems, um diesen christlichen Brauch wissend, verrichten gerne ihre Notdurft in diesem Becken.<\/p>\n<p>\u201eIch teile eure Trauer\u201c &#8211; diese Worte des Johannes erscheinen einem immer mehr von prophetischer Weitsicht. Nicht nur den kleinasiatischen Gemeinden seiner Gegenwart k\u00f6nnten sie gegolten haben. Wohl auch deren Zukunft in unserer Gegenwart. Und nun: nicht auch unserer europ\u00e4ischen Gegenwart?! Wom\u00f6glich auch der Zukunft des Christentums in Europa?! Denn Best\u00fcrzung, Wehmut und Trauer \u00fcber den Zustand der christlichen St\u00e4tten in Kleinasien k\u00f6nnten sich sehr schnell relativieren, wenn wir unsere eigene Situation realistisch in den Blick nehmen: die verfallenden Dorfkirchen Mecklenburg-Vorpommerns beispielsweise, die in einem seit Jahrzehnten mehrheitlich nicht mehr christlichen Land kaum noch erhalten werden k\u00f6nnen. Auch f\u00fcr die Innenstadtkirchen westdeutscher Gro\u00dfst\u00e4dte sind zunehmend weniger Mittel vorhanden, sie zu erhalten. Und wie viele sind schon entwidmet worden: zu Museen und Konzerts\u00e4len, gelegentlich auch zu stilvollen Restaurants. Und ist alles dies nicht Ausdruck der immer schw\u00e4cher werdenden Kraft unserer christlichen \u00dcberzeugungen?! Der immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Gleichg\u00fcltigkeit, mit der man uns begegnet?! Die steigende Zahl derer, die sich von uns trennen, spricht eine beredte Sprache! Und schlie\u00dflich: Hat uns etwa die zunehmende \u00f6ffentliche und gesellschaftliche Isolierung n\u00e4her zusammenr\u00fccken lassen? Sind wir dadurch einiger oder einm\u00fctiger geworden? Das Gegenteil ist doch der Fall &#8211; wie vor Zeiten in den kleinasiatischen Gemeinden des Johannes. Wie viele theologische und menschliche Zerw\u00fcrfnisse doch auch in der gegenw\u00e4rtigen Christenheit sind am Tage! Kurz vor seinem Tod hat Johannes Paul das Machtstreben und Karrieredenken unter den Eminenzen und Exzellenzen seiner Umgebung \u00f6ffentlich angeprangert. W\u00e4re von evangelischen Landeskirchen\u00e4mtern und protestantischen Synoden nicht \u00e4hnliches zu sagen? Wie viel dogmatische Rechthaberei und peinliche Alleinvertretungsanspr\u00fcche kursieren unter uns! \u201eDominus Jesus\u201c &#8211; IHM w\u00fcrde es wohl wie damals das Wasser in die Augen treiben, wenn er auf das heutige \u201eJerusalem\u201c s\u00e4he (vgl. Luk. 19,41).<\/p>\n<p>Also: Gerade wenn man auf die \u201eInterna\u201c schaut &#8211; so viel anders als damals geht es auch bei uns heute nicht zu! Von den ganz unmittelbar pers\u00f6nlichen Katastrophen noch gar nicht zu reden, unter denen viele Menschen leiden. Und wir Christen doch nicht weniger! Und auch das heute wie damals! Denn: Wie viel Ungl\u00fcck gibt es unter uns! Oder bleiben wir Christen etwa verschont von den Problemen und Schwierigkeiten, die allen Leuten zu schaffen machen? Das Nicht-mehr-verstehen-k\u00f6nnen und das Nicht-mehr-zurecht-kommen zwischen den Generationen sei beispielhaft genannt. Oder sind unsere Ehen aus einem anderen Holz geschnitzt als die aller anderen Leute? Leiden wir weniger unter furchtbaren Krankheiten &#8211; trotz medizinischer Fortschritte? Und schlie\u00dflich und vor allen Dingen: Werden wir nicht auch immer wieder zur Verzweiflung getrieben von der furchtbaren, zerst\u00f6rerischen Macht des Todes, dem wir selbst entgegen leben?! Angefochtene, leidende Menschen sind wir doch wahrhaftig auch! Und eben darin nur in Nuancen unterschieden von den Christen, die Johannes mit dem Trost zu tr\u00f6sten unternimmt, der ihm Kraft zu geben vermochte angesichts seines ungl\u00fccklichen und vom Tod bedrohten Schicksals.<\/p>\n<p>Deshalb, allein deshalb: Was ihm gesagt wird, wird auch uns gesagt. Was ihm gilt, gilt auch uns. Was er h\u00f6rt, k\u00f6nnen wir uns auch sagen lassen: \u201eIch war tot, aber jetzt &#8211; schau mich an! &#8211; lebe ich wieder\u201c (\u00dcbersetzung von Walter Jens). So spricht der, den Johannes sieht. Der, der den \u201egro\u00dfen Meister der Nacht\u201c (Rudolf Bohren) gemeistert hat, will auch uns an dieser Meisterung beteiligen. Es muss nicht so weitergehen, dass wir Angst haben vor dem Tod. Es muss nicht so weitergehen, dass wir dem Tod entgegen leben. Wie k\u00f6nnen wir nur nicht wahrhaben wollen, was wir an dem haben, den Johannes sieht?! Denn ER hat das letzte Wort, das \u00fcber allem gesprochen wird, nicht gegen sich, sondern f\u00fcr sich. Darum: Wer zu ihm geh\u00f6rt, hat das Leben f\u00fcr sich und den Tod schon jetzt hinter sich. Darum, nur darum k\u00f6nnen wir, Gott sei Dank, so leben: Vom Schicksal geschlagen, aber nicht zerschlagen. Angefochten, aber nicht ohne Trost. Ge\u00e4ngstigt, aber nicht ohne Hoffnung. Zum Sterben verurteilt, aber nicht ohne Gewissheit des Lebens.<\/p>\n<p>In Erinnerung an den Seher Johannes auf Patmos lasst uns noch ein Bild betrachten, das viele l\u00e4ngst kennen m\u00f6gen: Ernst Barlachs Skulptur \u201eDer Bettler\u201c (als Dia projiziert, besser: mit dem Powerpoint hoch gebeamt): Auf den <em>ersten<\/em> Blick sehen wir nur dies: F\u00fc\u00dfe, die nicht mehr gehen; Arme an den Leib gewachsen, von Verwitterung und Verfall gezeichnet. W\u00e4ren die Kr\u00fccken nicht, er s\u00e4nke wie ein B\u00fcndel in sich zusammen. Menschen, an die er sich halten k\u00f6nnte, sind nicht zu sehen.<\/p>\n<p>Wenn wir <em>genau<\/em> hinsehen: Wo sind die bittenden H\u00e4nde, der Mitleid heischende Blick? Stellt er zur Schau, dass er Hilfe braucht? Ist das ein Bettlergesicht?! Das Gesicht &#8211; erinnert es nicht an eine Blume, die sich zur Sonne wendet? Geschlossene Augen, um ganz die W\u00e4rme zu sp\u00fcren. Der Mund ist staunend, erwartend, l\u00e4chelnd ge\u00f6ffnet; fast t\u00f6richt vor etwas Unfasslichem. Und reckt sich nicht auch der K\u00f6rper und dehnt sich zur H\u00f6he wie von erfrischendem Regen \u00fcbersch\u00fcttet &#8211; wieso? Was ist das Geheimnis dieses Bettlers?<\/p>\n<p>\u201eWir sind Bettler, das ist wahr\u201c &#8211; Martin Luthers letzte Worte auf seinem Sterbelager gehen mir nicht aus dem Sinn. Ja, Bettler sind wir, denen am Ende nichts bleibt, als das Leben zu erwarten von dem, der das Leben ist. Den der Seher Johannes sieht und uns bezeugt. Deshalb lasst uns wie er die Blicke auf IHN richten und mit den Br\u00fcdern von Taiz\u00e9 singen: Okuli nostri ad Dominum Jesum (EG 789.5).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-16300\" src=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/060205-2_clip_image002-93x300.jpg\" alt=\"\" width=\"244\" height=\"788\" srcset=\"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/060205-2_clip_image002-93x300.jpg 93w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/060205-2_clip_image002-4x12.jpg 4w\" sizes=\"auto, (max-width: 244px) 100vw, 244px\" \/><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Dr. G\u00fcnter Goldbach<br \/>\n<a href=\"mailto:Guenter.Goldbach@Uni-Osnabrueck.de\">Guenter.Goldbach@Uni-Osnabrueck.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzter Sonntag nach Epiphanias, 5. 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