{"id":10980,"date":"2021-02-07T19:49:07","date_gmt":"2021-02-07T19:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10980"},"modified":"2023-02-02T21:34:54","modified_gmt":"2023-02-02T20:34:54","slug":"jeremia-9-22-23-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-9-22-23-2\/","title":{"rendered":"Jeremia 9, 22-23"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Septuagesimae, 12. Februar 2006<br \/>\nPredigt zu Jeremia 9, 22-23, verfasst von Heinz Janssen<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><strong>\u201eSchenk uns Weisheit, schenk uns Mut\u201c<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Predigttext<\/strong> : Jeremia 9,22-23 (\u00dcbersetzung nach Martin Luther, Revision 1984)<\/p>\n<p>(22) So spricht GOTT: Ein Weiser r\u00fchme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker r\u00fchme sich nicht seiner St\u00e4rke, ein Reicher r\u00fchme sich nicht seines Reichtums.<br \/>\n(23) Sondern wer sich r\u00fchmen will, der r\u00fchme sich dessen, dass er klug sei und mich erkenne, dass ich GOTT bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit<br \/>\n\u00fcbt auf Erden; denn solches gef\u00e4llt mir, spricht GOTT.<\/p>\n<p><strong>Gebet<\/strong> (mit Worten von Dietrich Bonhoeffer * 4.02.1906, + 9.04.1945)<\/p>\n<p>Gott, zu Dir rufe ich in der Fr\u00fche des Tages.<br \/>\nHilf mir beten und meine Gedanken sammeln zu Dir;<br \/>\nich kann es nicht allein.<\/p>\n<p>In mir ist es finster, aber bei Dir ist das Licht;<br \/>\nich bin einsam, aber Du verl\u00e4sst mich nicht;<br \/>\nich bin kleinm\u00fctig, aber bei Dir ist die Hilfe;<br \/>\nich bin unruhig, aber bei Dir ist der Friede;<br \/>\nin mir ist Bitterkeit, aber bei Dir ist die Geduld;<br \/>\nich verstehe Deine Wege nicht, aber Du wei\u00dft den Weg f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Vater im Himmel,<br \/>\nLob und Dank sei Dir f\u00fcr die Ruhe der Nacht,<br \/>\nLob und Dank sei Dir f\u00fcr den neuen Tag.<br \/>\nLob und Dank sei Dir f\u00fcr alle Deine G\u00fcte und Treue in meinem vergangenen Leben.<br \/>\nDu hast mir viel Gutes erwiesen,<br \/>\nlass mich nun auch das Schwere aus Deiner Hand hinnehmen.<br \/>\nDu wirst mir nicht mehr auflegen, als ich tragen kann.<br \/>\nDu l\u00e4sst Deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen.<\/p>\n<p><strong>Predigt<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nVon Weisheit, St\u00e4rke und Reichtum ist in unserem Predigttext aus dem Jeremiabuch die Rede. Weisheit, St\u00e4rke und Reichtum \u2013 wer m\u00f6chte nicht etwas davon haben! Weisheit \u2013 im Sinne von Lebensweisheit \u2013 zu erlangen, ist bis heute ein hohes Ziel des Menschen geblieben; wer k\u00f6nnte von sich behaupten, dass er es erreicht h\u00e4tte. St\u00e4rke \u2013 ich meine nicht die Ellenbogenst\u00e4rke \u2013 w\u00fcnsche ich mir besonders in Bedr\u00e4ngnissen, eine Kraft, die mich st\u00fctzt und mir hilft, durchzuhalten. Bei Reichtum denke ich nicht allein an die materiellen Dinge, an Geld und Grundbesitz, wovon ich jedem Menschen soviel w\u00fcnsche, dass er sein Leben in W\u00fcrde gestalten kann; sondern ich meine einen Reichtum, der mich bef\u00e4higt, mit anderen Menschen zusammenzuleben, mit ihnen zu kommunizieren, auf sie zu h\u00f6ren und von ihnen zu lernen \u2013 um unseres Menschseins und um Gottes willen. H\u00f6ren wir nocheinmal(Jeremia 9,22):<\/p>\n<p>So spricht GOTT:<\/p>\n<p>Ein Weiser r\u00fchme sich nicht seiner Weisheit,<br \/>\nein Starker r\u00fchme sich nicht seiner St\u00e4rke,<br \/>\nein Reicher r\u00fchme sich nicht seines Reichtums.<\/p>\n<p>Der Prophet Jeremia meldet sich damit zu Wort, er tritt, wie das \u201eSo spricht GOTT\u201c betont, als Sprecher Gottes auf, als Gottes Bote, der seinem Volk etwas sagen muss. Dabei scheint der Prophet hier weniger zurechtweisende T\u00f6ne anzuschlagen als solche, die den Weg weisen: die den Menschen vor dem wenig gemeinschaftsf\u00f6rdernden Selbstruhm, dem Eigenlob, bewahren und ihn auf eine andere Lebenseinstellung einstimmen wollen.<\/p>\n<p>Dem Dreiklang menschlicher M\u00f6glichkeiten &#8211; Weisheit, St\u00e4rke, Reichtum &#8211; stellt der Prophet den Dreiklang der Barmherzigkeit, des Rechts und der Gerechtigkeit Gottes gegen\u00fcber (Jeremia 9,23):<\/p>\n<p>Sondern<\/p>\n<p>wer sich r\u00fchmen will,<br \/>\nder r\u00fchme sich dessen, dass er klug sei und mich erkenne,<br \/>\ndass ich GOTT bin,<br \/>\nder Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit<br \/>\n\u00fcbt auf Erden;<br \/>\ndenn solches gef\u00e4llt mir,<br \/>\nspricht GOTT.<\/p>\n<p><em>Weisheit und Barmherzigkeit<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Mit einem \u201eweisen\u201c Menschen verbinden wir, dass er sehr viel Wissen und Lebenserfahrung hat. Wissen und Lebenserfahrung bestimmen sein Handeln. In Verbindung mit der Barmherzigkeit, der Barmherzigkeit Gottes, wird dieses Handeln den Menschen, einer Gesellschaft, einem Volk, Gutes bringen. Barmherzigkeit im Sinn von liebender Zuwendung und Gemeinschaftssinn lenken das Wissen in die richtige Bahn. &#8222;Wissen ist Macht&#8220; \u2013 wir kennen diesen Ausspruch. Zum pers\u00f6nlichen Vorteil, egoistisch genutzt, zu Machtspielen missbraucht, kann kein Wissen zur Weisheit f\u00fchren, die das Leben wenigstens ein St\u00fcck weit erkundet und sich seinem Geheimnis naht. Das biblisch-hebr\u00e4ische Wort f\u00fcr Weisheit, <em>chokma<\/em>, hat etwas mit der Kenntnis des Lebens, mit Lebenserfahrung und Lebensbew\u00e4ltigung zu tun. Der auf solche Weisheit bedachte Mensch wei\u00df noch etwas Entscheidendes: Ohne Gottes Anteil nehmende Zuwendung w\u00e4re sein Handeln hohl und leer \u2013 er w\u00fcrde einem Baum ohne Wurzeln gleichen oder einem Fluss ohne Quelle. \u201eBei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht\u201c, wei\u00df der betende Mensch des 36.Psalms. Bei Gott finden wir, was uns im Leben Halt gibt und tr\u00e4gt, in der Verbindung und Beziehung zu Ihm beginnt alle wahre Menschenweisheit &#8211; \u201eDer Weisheit Anfang ist die Furcht GOTTES\u201c, hei\u00dft es im Buch der Spr\u00fcche Salomos (Prov 9,10. F\u00fcr uns ist heute im umfassenden Sinn die Bibel Quelle der Weisheit, aus der wir bei der Suche nach Orientierung, Hilfe und Trost immer wieder sch\u00f6pfen.<\/p>\n<p><em>St\u00e4rke und Recht<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Folgen wir weiter dem Dreiklang des Gotteswortes. Welche St\u00e4rke brauche ich, jetzt in meiner Lebenssituation? Wo will ich mich selbst f\u00fcr andere stark machen? Es geht hier nicht um milit\u00e4rische Macht oder um Gewalt auf dem Schulhof, und es geht nicht nach dem Motto &#8222;Der St\u00e4rkere siegt&#8220;. Der Prophet weist auf eine St\u00e4rke hin, die mit dem Gott zu tun hat, der will, dass wir auf das Recht des anderen Menschen bedacht sind, f\u00fcr ihn eintreten, wenn er benachteiligt wird, ihn in Schutz nehmen, wenn andere \u00fcber ihn herfallen. So entsprechen wir dem Willen Gottes, so \u201e\u00fcben\u201c wir uns in seinem Recht, das unser Miteinander f\u00f6rdern und das Gegeneinander \u00fcberwinden will, mit Gott \u201eallen Recht schaffen, die Unrecht leiden\u201c (Psalm 103,6) \u2013 es gibt heute viele auch organisierte M\u00f6glichkeiten mitzuwirken (Beispiele\u2026), so sind wir \u201eFamilia Dei\u201c, Gottes gro\u00dfe V\u00f6lkerfamilie.<\/p>\n<p>Wir brauchen auch Charakterst\u00e4rke, um den vielf\u00e4ltigen negativen Versuchungen im t\u00e4glichen Leben zu widerstehen, um sich gegen das B\u00f6se f\u00fcr das Gute zu entscheiden. Entscheiden wir uns f\u00fcr das Recht Gottes und jagen wir nicht dem Rechthabenwollen um jeden Preis nach und der Durchsetzung des Rechtes mit aller Gewalt, so ist jeder Tag der Beginn der Welt, wie sie Gott gewollt hat und wie sie ihm \u201egef\u00e4llt\u201c (Jeremia 9,23). Ihm soll unser Halleluja gelten &#8211; \u201eLaudate, omnes gentes, laudate Dominum\u201c, \u201eLobsingt, ihr V\u00f6lker alle, lobsingt und preist den Herrn\u201c!<\/p>\n<p><em>Reichtum und Gerechtigkeit<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Zum dritten Ton im Dreiklang: Mit einer Lebenseinstellung, die sich an Gott h\u00e4lt, m\u00fcssen wir nicht arm, mittellos, sein; materieller Reichtum wird von Jeremia nicht pauschal verurteilt.Rechtm\u00e4\u00dfig muss der Reichtum erworben sein, nicht ergaunert und gestohlen. Er darf als Frucht meiner Arbeit oder der Arbeit meiner Vorfahren mir selbst Freude bereiten. Aber genie\u00dfe ich diesen Reichtum nur selbst und verpflichtet er mich nicht, damit auch anderen zu helfen, hat der Geiz schon Einzug gehalten, und die Freude verwandelt sich in Furcht um den Besitz. Reichtum in Verbindung mit der Gerechtigkeit Gottes, einer Lebensethik, die sich f\u00fcr das Wohl einer Gemeinschaft und eines Ganzen mitverantwortlich wei\u00df, vervielfachen dagegen die Freude. Zu schenken, wo Not ist, abzugeben, zu teilen, wenn um Hilfe gerufen wird &#8211; dies bereichert das menschliche Herz, und es kommt zum gr\u00f6\u00dften Reichtum, den uns Gott geschenkt hat. Nicht um den \u201eguten Menschen\u201c geht es, sondern um den Menschen, der sich von Gottes Gutsein ber\u00fchren und in seinem Handeln bestimmen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><em>Klugheit und Gotteserkenntnis<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Ein Mensch, der sich auf den Dreiklang der Barmherzigkeit, des Rechts und der Gerechtigkeit Gottes einstimmen und davon (rational und emotional) bestimmen l\u00e4sst, ist, wie Jeremia hervorhebt, \u201eklug\u201c, das hei\u00dft (im Sinne des entsprechenden hebr\u00e4ischen Wortes): Dieser Mensch zeigt Einsicht in das Handeln Gottes, es leuchtet ihm ein, und er erlebt es wie ein Licht auf seinem Lebensweg. Er erkennt und anerkennt Gott, dass Gott da ist, f\u00fcr uns da ist, wie es der israelitisch-j\u00fcdische Gottesname zum Ausdruck bringen will (2.Mose 3,14). Dieser Gottesname steht f\u00fcr &#8222;Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit&#8220; (Jeremia 9,23). Finden wir zu solcher Erkenntnis, kann und darf unsere dankbare und die liebende Zuwendung Gottes erwidernde Antwort im t\u00e4glichen Leben nicht ausbleiben. \u201eSelig seid ihr, wenn ihr lieben lernt \u2013 Selig seid ihr, wenn ihr Lasten merkt \u2013 Selig seid ihr, wenn ihr Unrecht sp\u00fcrt\u201c (EG 667, Anhang Baden, Elsass und Lothringen). Und wenn uns Hartherzigkeit und Ungerechtigkeit niederschl\u00e4gt und hilflos macht? &#8211; Kyrie eleison.<\/p>\n<p>Wissen um Gott ist hier mehr als das Wissen, von dem man zu sagen pflegt, es sei Macht. Wissen um Gott bezieht den anderen Menschen, ja die ganze Sch\u00f6pfung ein. Es w\u00e4chst und weitet sich in der konkreten Erfahrung in der Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, wie wir mit Konflikten umgehen, wie wir auf andere Menschen zugehen, die in schwierigen Lebenssituationen sind, kurz: ob wir es wagen, den Weg des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu gehen&#8230;<\/p>\n<p>Alles zielt auf die Entfaltung des Lebens, zu einem umfassend guten Leben, in dem wir gerade in bedr\u00e4ngenden Lebenserfahrungen gehalten und getragen sind. Darauf zu achten bedeutet \u201eKlugheit\u201c, von welcher der Prophet Jeremia im Namen Gottes spricht, eine Einsicht, die sich von dem Vertrauen inspirieren l\u00e4sst, dass Gottes Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit sich durchsetzen und letztlich st\u00e4rker sind als alle Angst machenden und zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4fte, die Menschen leider immer wieder erfahren. Dem setzt Gott etwas entgegen: Eine Erfahrung, um die der Prophet Jeremia und sp\u00e4ter der Apostel Paulus wussten: \u201eLass dir an meiner Gnade gen\u00fcgen, denn meine Kraft ist in den Schwachen m\u00e4chtig\u201c, spricht Gott (2.Korinther 12,9), das hei\u00dft, Gottes Kraft erreicht ihre Vollendung dort, wo wir &#8211; angesichts von Hartherzigkeit, Rechtsbeugung und mangelndem Unrechtsbewusstsein, aber auch angesichts von vielf\u00e4ltigen Leiderfahrungen &#8211; Ohnmacht empfinden und menschlich an eine Grenze sto\u00dfen. Solcher Schwachheit k\u00f6nnen wir uns sogar \u201er\u00fchmen\u201c, wie Paulus noch bekr\u00e4ftigt (2.Korinther 11,30) und in direktem R\u00fcckbezug auf unsere Jeremiaworte der Gemeinde zuruft: \u201eWer sich aber r\u00fchmt, der r\u00fchme sich des Herrn\u201c (1.Korinther 1,31; 2.Kor. 10,17).<\/p>\n<p>F\u00fcr solche Einsichten bedarf es der \u201e\u00dcbung\u201c (Jeremia 9,23), der &#8222;Schulung&#8220;, ein Forum daf\u00fcr will die Kirche sein, ich denke z.B. an die Kinder- und Jugendarbeit, die in die Konfirmation m\u00fcndet &#8211; hier geht es um die Ein\u00fcbung von Gemeinschaftssinn und damit verwoben um die Frage nach dem Sinn unseres Lebens, wer Gott f\u00fcr uns ist, um das Aussprechen von Fragen und Klagen, auch Zweifeln, die uns kommen.<\/p>\n<p>Gottes Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit sind gute und heilsame Kr\u00e4fte.<br \/>\nHeute, am Sonntag Septuagesimae, 70 Tage vor Ostern, beginnt im Kirchenjahr die Zeit, in der wir in unseren Gottesdiensten, Andachten und kirchenmusikalischen Veranstaltungen den Weg Jesu von Nazareth besonders bedenken, diesem durch die tiefsten Tiefen menschlichen Lebens f\u00fchrenden Weg nach-denken, dabei unsere eigene Lebensgeschichte nicht au\u00dfen vor lassen, sondern sie in das Bedenken der Passion Jesu mit hineinnehmen. Machen wir uns mit Jesus auf den Weg, vielleicht nocheinmal ganz neu, auch wenn ich auf so manchem meiner Wege Gottes Wege nicht verstehe. \u201eIch verstehe Deine Wege nicht, aber Du wei\u00dft den Weg f\u00fcr mich\u201c, betete Dietrich Bonhoeffer in einem Morgengebet. Als christliche Gemeinde glauben, vertrauen, zu d\u00fcrfen, dass in Jesus von Nazareth, dem gekreuzigten und auferstandenen Christus, dem kein Leid fremd war, (wie der Apostel Paulus einmal schreibt) \u2013 \u201ealle Sch\u00e4tze der Weisheit und Erkenntnis verborgen liegen\u201c (Kolosser 2,3) und Gott in ihn sogar \u201ezur Weisheit und zur Gerechtigkeit\u201c in Person gemacht hat (1.Korinther 1,30) \u2013 welch ein Reichtum \u2013 \u201eGeheimnis des Glaubens\u201c! Das Botenwort des Propheten Jeremia von Anatot sucht nach \u00fcber 2600 Jahren seit seiner Ausrufung und Niederschrift auch heute noch seine Boten. Und wir k\u00f6nnen jetzt vielleicht das Gebet des Propheten Jeremia besser verstehen, wenn er Gott bittet: \u201eHeile du mich, Herr, so werde ich heil, hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm\u201c (Jeremia 17,14).<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Anhang zum Predigttext<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><em>Zur literarischen Form und Abgrenzung der Perikope<\/em><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Jer 9,22f. liegt formal ein Botenspruch vor, dieser wird durch die Botenspruchformel (\u201eSo spricht\/hat gesprochen GOTT\u201c) eingeleitet und durch die Offenbarungsformel (\u201espricht\/hat gesprochen GOTT\u201c) ausgeleitet. Damit ist der Inhalt als Gotteswort autorisiert und legitimiert. Durch die beiden literarischen Formeln ist Jer 9,22f. gegen\u00fcber dem vorangehenden und folgenden Zusammenhang deutlich abgegrenzt. Inhaltliche Verbindungslinien f\u00fchren auf verschiedene Zusammenh\u00e4nge im Jeremiabuch, hingewiesen sei auf Jer 9,11; 8,8f.; 4,22b; 22,16:<\/p>\n<p>\u201eWer ist nun weise, da\u00df er dies verst\u00fcnde, und zu wem spricht des HERRN Mund, da\u00df er verk\u00fcndete, warum das Land verdirbt und \u00f6de wird wie eine W\u00fcste, die niemand durchwandert?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie k\u00f6nnt ihr sagen: \u00bbWir sind weise und haben das Gesetz des HERRN bei uns\u00ab?<br \/>\nIst&#8217;s doch lauter L\u00fcge, was die Schreiber daraus machen. Die Weisen m\u00fcssen zuschanden, erschreckt und gefangen werden; denn was k\u00f6nnen sie Weises lehren, wenn sie des HERRN Wort verwerfen?\u201c<\/p>\n<p>Kritische Worte zur Weisheit des Volkes, das sie im durch und durch pervertierten Sinn praktiziert:<br \/>\n\u201eWeise sind sie genug, \u00dcbles zu tun, aber rechttun wollen sie nicht lernen\u201c.<\/p>\n<p>Vorbildlich wird K\u00f6nig Josias \u201eWeisheit\u201c genannt, weil er dem Elenden und Armen zum Recht half und damit wahre Gotteserkenntnis gezeigt und praktiziert hat: \u201eEr half dem Elenden und Armen zum Recht, und es ging ihm gut\u201c.<\/p>\n<p><em>Zur Intention der Perikope<\/em><\/p>\n<p>Jeremia soll als Bote GOTTES mit seinem Volk eine Auseinandersetzung um \u201eWeisheit\u201c, \u201eSt\u00e4rke\u201c und \u201eReichtum\u201c f\u00fchren, Werte, die damals wie heute im gesellschaftlichen Leben eine gro\u00dfe Rolle spielen: will doch einer mehr sein und mehr haben als der andere und sich br\u00fcsten mit seinem Wissen\/K\u00f6nnen, seiner Macht und seinem materiellen G\u00fctern \u2013 \u201eD\u00fcnkel und Selbstsicherheit\u201c (W. Rudolph, S.69) sind die Folgen einer solchen Lebenshaltung.<\/p>\n<p>Vor Gott haben aber Weisheit, St\u00e4rke und Reichtum andere Kennzeichnungen: Ein \u201eweiser\u201c Mensch (hebr. <em>chakam, <\/em>vgl. das Nomen <em>chokma<\/em>, V.22) zeigt Einsicht in Gottes Wege und Handeln (so die Bedeutung des hebr. Verbes <em>skl<\/em> hif., das Martin Luther mit \u201eklug sein\u201c \u00fcbersetzt), er erkennt und liebt Gott (so die die Liebe zu Gott einschlie\u00dfende Bedeutung des hebr. Verbes <em>jd`<\/em>, das gew\u00f6hnlich mit \u201ewissen, (er-)kennen\u201c \u00fcbersetzt wird). Sicher ist es kein Zufall, dass auf die drei Nomina in V.22 \u201eWeisheit, St\u00e4rke, Reichtum\u201c in V.23 nocheinmal drei folgen: \u201eBarmherzigkeit, Recht, Gerechtigkeit\u201c, sie interpretieren, was \u201eWeisheit, St\u00e4rke, Reichtum\u201c vor Gott sind und bedeuten. Der Weisheit (hebr. <em>chochma<\/em>) stellt der Prophet die von Gott gewirkte \u201eBarmherzigkeit\u201c gegen\u00fcber (das hebr. Nomen <em>ch\u00e4s\u00e4d <\/em>bedeutet die innige Verbundenheit\/Solidarit\u00e4t\/Gemeinschaft Gottes mit den Menschen), der \u201eSt\u00e4rke\u201c das \u201eRecht\u201c (hebr. <em>mischpat<\/em> = Rechtsentscheid, der dem anderen Menschen gerecht wird, ihm zu seinem Recht verhilft), dem \u201eReichtum\u201c die \u201eGerechtigkeit\u201c (heb. <em>zedaka<\/em> = Rechtverhalten, Gerechtwerden); bei allen drei Kennzeichnungen in V.23 handelt es sich um Beziehungsaussagen zwischen Gott und Mensch.<\/p>\n<p>An Gottes Handeln soll der Mensch\/das Volk erkennen, was es hei\u00dft, \u201eweise\u201c zu leben, \u201eSt\u00e4rke\u201c zu zeigen und zur \u201eBereicherung\u201c beizutragen; es geht zutiefst darum, einander gerecht zu werden, dann kommt das Gott-Erkennen\/Lieben zum Gott wohlgef\u00e4lligen Ziel (\u201esolches gef\u00e4llt mir\u201c, V.23 vgl. Lukas 2,14). Auf die Beantwortung der Gottesfrage kommt alles an, und alles h\u00e4ngt davon ab, ob der Mensch dem Menschen ein Wolf bleibt (\u201ehomo homini lupus\u201c) oder ihm zum Menschen, der Gottes Willen entspricht, wird (\u201ehomo homini Deus\u201c), kurz: ob der Mensch \u201ewesentlich\u201c (Angelus Silesius) wird. Dann hat der Mensch wirklichen Grund, \u201esich zu r\u00fchmen\u201c, weil er damit keinen anderen als Gott r\u00fchmt, der in ihm \u201edas Wollen und Vollbringen\u201c (Philipper 2,13) wirkt. Was Martin Luther mit \u201esich r\u00fchmen\u201c \u00fcbersetzt, ist im Hebr\u00e4ischen <em>hll<\/em> (II) hitp., wir kennen das Wort aus unserer Liturgie, wenn wir mit dem hebr\u00e4ischen Wort HALLELUJA zum Lobpreis Gottes, zum \u201eR\u00fchmen\u201c seiner gro\u00dfen Taten aufrufen \u2013 \u201eAllein Gott in der H\u00f6h sei Ehr\u201c (EG 179, vgl. die Hallel-Psalmen).<\/p>\n<p><em>Zur Hermeneutik (Alttestamentlicher Text und christliche Predigt)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Von dieser Sicht in Jer 9,22-23 wird verst\u00e4ndlich, was zB in Prov 9,10 zusammengefasst bzw. auf den Punkt gebracht ist: \u201eDer Weisheit Anfang ist die Furcht GOTTES\u201c. Wie stark die Anthropologie und Theologie der prophetischen Aussagen aus Jer 9,22-23 weiterwirkten und keineswegs \u201ealttestamentlich\u201c im Sinne von \u201ealt\/vergangen\u201c blieben, sondern auch die Formulierung des christlichen Kerygmas pr\u00e4gten, zeigt die direkte Bezugnahme auf die Perikope durch den Apostel Paulus in seiner umfassenden Reflexion \u00fcber die Weisheit in 1.Korinther 1,18-3,23 (hier 1,31 = 2.Kor 10,17 mit verk\u00fcrztem Zitat aus Jer 9,23): \u201eWer sich r\u00fchmt, der r\u00fchme sich des KYRIOS\u201c (= JHWH\/GOTT), und GOTT ist es, so betont der Apostel, der \u201eChristus Jesus\u2026uns\u2026zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erl\u00f6sung\u201c \u201egemacht\u201c hat (1.Kor. 1,30).<\/p>\n<p><em>Zur Bedeutung des Predigttextes im Kirchenjahr<\/em><\/p>\n<p>Am Sonntag Septuagesimae, 70 Tage vor Ostern, beginnt im Kirchenjahr die Zeit, in der wir in unseren Gottesdiensten, Andachten und kirchenmusikalischen Veranstaltungen den Weg Jesu von Nazareth besonders bedenken, diesem durch die tiefsten Tiefen menschlichen Lebens f\u00fchrenden Weg nach-denken, dabei unsere eigene Lebensgeschichte nicht au\u00dfen vor lassen, sondern sie in die Meditation der Passion Jesu mit hineinnehmen. Machen wir uns mit Jesus auf den Weg, vielleicht nocheinmal ganz neu (darin sehe ich die Chance, die mir die gute Ordnung des Kirchenjahres gibt), auch wenn ich auf so manchem meiner Wege Gottes Wege nicht verstehe. \u201eIch verstehe Deine Wege nicht, aber Du wei\u00dft den Weg f\u00fcr mich\u201c, betete Dietrich Bonhoeffer in seinem Morgengebet f\u00fcr Mitgefangene (1943, in: \u201eWiderstand und Ergebung\u201c). Als christliche Gemeinde glauben, vertrauen, zu d\u00fcrfen, dass in Jesus von Nazareth, dem gekreuzigten und auferstandenen Christus, dem kein Leid fremd war, \u201ealle Sch\u00e4tze der Weisheit und Erkenntnis verborgen liegen\u201c (Kolosser 2,3) \u2013 welch ein Reichtum \u2013 \u201eGeheimnis des Glaubens\u201c! Das Botenwort des Propheten Jeremia von Anatot sucht nach \u00fcber 2600 Jahren seit seiner Ausrufung und Niederschrift auch heute noch seine Boten.<\/p>\n<p><em>Literatur<\/em> : W. Rudolph, Jeremia, HAT 12, 1968, z.St.; A. Weiser, Das Buch Jeremia, ATD 20\/21, 1977, z.St.; G. Fischer, Jeremia 1-25, HThKAT, 2005, z.St.; D. Bonhoeffer, Morgengebet, in: Widerstand und Ergebung.<\/p>\n<p><em>Lieder<\/em> : \u201eDu hast uns, Herr, gerufen\u201c (EG 168,1-3), \u201eLaudate, omnes gentes\u201c (EG 181.6), \u201eGott liebt diese Welt\u201c (EG 409), \u201eSchenk uns Weisheit, schenk uns Mut\u201c (EG 662, Anhang Baden, Elsass und Lothringen), \u201eDu hast uns, Herr, gerufen\u201c (EG 168,4-6):<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Heinz Janssen<br \/>\nPfarrer an der Providenz-Kirche in Heidelberg (Altstadt\/City)<br \/>\n<a href=\"mailto:providenz@aol.com\">providenz@aol.com<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesimae, 12. Februar 2006 Predigt zu Jeremia 9, 22-23, verfasst von Heinz Janssen \u201eSchenk uns Weisheit, schenk uns Mut\u201c Predigttext : Jeremia 9,22-23 (\u00dcbersetzung nach Martin Luther, Revision 1984) (22) So spricht GOTT: Ein Weiser r\u00fchme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker r\u00fchme sich nicht seiner St\u00e4rke, ein Reicher r\u00fchme sich nicht seines Reichtums. (23) [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6710,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23,1,2,727,853,114,856,349,109,857],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10980","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-jeremia","category-aktuelle","category-at","category-archiv","category-bibel","category-deut","category-kapitel-09-chapter-09-jeremia","category-kasus","category-predigten","category-septuagesimae"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10980","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10980"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10980\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16354,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10980\/revisions\/16354"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6710"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10980"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10980"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10980"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10980"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10980"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10980"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10980"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}