{"id":10981,"date":"2021-02-07T19:48:53","date_gmt":"2021-02-07T19:48:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10981"},"modified":"2023-02-28T17:18:15","modified_gmt":"2023-02-28T16:18:15","slug":"jeremia-922-23-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-922-23-4\/","title":{"rendered":"Jeremia 9,22-23"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Septuagesimae, 12. Februar 2006<br \/>\nPredigt zu Jeremia 9,22-23, verfasst von Richard Engelhardt<\/span><\/b><del><\/p>\n<hr \/>\n<p><\/del><\/h3>\n<p>&#8222;So spricht der Herr:<br \/>\nEin Weiser r\u00fchme sich nicht seiner Weisheit,<br \/>\nein Starker r\u00fchme sich nicht seiner St\u00e4rke,<br \/>\nein Reicher r\u00fchme sich nicht seines Reichtums!<br \/>\nSondern wer sich r\u00fchmen will, der r\u00fchme sich dessen,<br \/>\ndass er klug sei und mich kenne,<br \/>\ndass ich der Herr bin,<br \/>\nder Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit \u00fcbt auf Erden;<br \/>\ndenn solches gef\u00e4llt mir, spricht der Herr.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>In diesen Wochen wird es vielen jungen Menschen so gehen wie Jan. Sie bereiten sich darauf vor, dass die Schulzeit endet und sie eine Lehre beginnen k\u00f6nnen. Jan ist 17 Jahre alt und steht vor dem Realschulabschlu\u00df. Tischler m\u00f6chte er werden und vielleicht einmal einen kleinen Betrieb zum Restaurieren alter M\u00f6bel aufbauen. Leider hat er ein kleines Handikap, er leidet unter einer Lese- und Schreibschw\u00e4che. Zwar hat er hart an sich gearbeitet, aber es f\u00e4llt eben doch gelegentlich auf. Dabei ist Jan ein guter Sportler, einige Jahre war er Klassensprecher und seit einem Schulpraktikum geht er regelm\u00e4\u00dfig in ein Pflegeheim, um denen, die dort leben m\u00fcssen mit kleinen aber wichtigen Handreichungen Hilfe anzubieten. Er ist ein fr\u00f6hlicher junger Mann, zugewandt und offen. Ja, und nun hat die Schule ihm und seinen Mitsch\u00fclerinnen ein Bewerbungstraining angeboten. Zuerst ging es dabei um die \u00e4u\u00dferlichen Dinge: Was geh\u00f6rt zu einer Bewerbung, wie muss sie in der Form aussehen, welches Foto geh\u00f6rt dazu. Aber dann kam etwas, das ihn zutiefst beunruhigte: Er solle \u2013 so sagte der Lehrer \u2013 seine St\u00e4rken hervorkehren. Er solle von seinen Erfolgen zum Beispiel im Sport, von seinem sozialen Engagement im Pflegeheim, \u00fcberhaupt von seinen F\u00e4higkeiten und seiner Leistungsbereitschaft berichten. Und das machte ihm gro\u00dfe M\u00fche, denn er konnte und wollte sich nicht selbst r\u00fchmen. Aber, so wurde ihm gesagt, das geh\u00f6re heute nun einmal dazu, sich selbst ins rechte Licht zu r\u00fccken. Und was sollte er machen. Er musste sich f\u00fcgen. Er hat sich selbst gelobt, sich selbst ger\u00fchmt. Seht, was ich f\u00fcr ein toller Kerl bin. Er brauchte ja die Lehrstelle. Zu einem anderen Preis war sie nicht zu bekommen.<\/p>\n<p>Wenn ich dem Jan jetzt diese S\u00e4tze aus dem Werk des Propheten Jeremia mitteilen w\u00fcrde: Ein Weiser r\u00fchme sich nicht&#8230;, ein Starker r\u00fchme sich nicht&#8230;, ein Reicher r\u00fchme sich nicht.., er w\u00fcrde noch unsicherer sein.<\/p>\n<p>Da taucht die Frage auf: Ist es mit diesem biblischen Text \u00e4hnlich wie mit den Worten Jesu in der Bergpredigt, von denen immer wieder behauptet wird, sie seien gro\u00dfe Worte, sie beschrieben ein edles Ideal, aber im Alltag, dort wo Konkurrenzkampf herrscht, wo Durchsetzungsverm\u00f6gen gefragt ist, k\u00f6nne man sie doch nicht \u201eeins zu eins\u201c umsetzen?<\/p>\n<p>Der Prophet Jeremia hat solche Ablehnung dessen, was er im Auftrag Gottes zu sagen hat, am eigenen Leib erfahren. F\u00fcr einen Spinner hat man ihn gehalten, f\u00fcr einen Miesmacher. Er wird als ein Verr\u00e4ter verfolgt und manchmal auch wohl f\u00fcr nicht ganz klug gehalten.<\/p>\n<p>Dabei geht es ihm doch um \u201eder Stadt Bestes\u201c (29, 7). Er sieht die politischen Fehlentscheidungen beim K\u00f6nig und seinen Beratern, auch bei den am Hofe zugelassenen beamteten Kollegen. Er sieht den Verfall der Sitten, den Abfall vom Glauben der V\u00e4ter. Aber der K\u00f6nig sieht sich stark und r\u00fchmt sich, dank seiner St\u00e4rke k\u00f6nne er die babylonischen Feinde abwehren. Seine Berater sehen sich weise und r\u00fchmen sich ihrer klugen Entscheidungen. Dagegen sieht der Prophet auch die Folgen f\u00fcr sein Volk, den zwangsl\u00e4ufig kommenden Krieg mit Verw\u00fcstungen schlimmster Art und langer Knechtschaft. Er stellt sich im Namen Gottes dagegen.<\/p>\n<p>Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit, diese guten Gaben Gottes, bleiben nach seiner auf Gottes Wort gegr\u00fcndeten \u00dcberzeugung auf der Strecke. Aber genau hierum sollte es dem K\u00f6nig und denen, die Verantwortung f\u00fcr das Volk tragen, gehen: um Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Wer diese Gaben Gottes nutzt, wer sich also um den Willen Gottes m\u00fcht, der darf sich r\u00fchmen. Er ist wahrhaft klug zu nennen. Ein prophetisches Wort an einen K\u00f6nig!<\/p>\n<p>Nur an einen K\u00f6nig? Die Worte de Propheten Jeremia wurden nicht aus historischen Gr\u00fcnden \u00fcber die Jahrhunderte in Ehren gehalten und weitergetragen. Menschen haben, seitdem diese S\u00e4tze in einer ganz bestimmten Zeit unter ganz bestimmten Umst\u00e4nden ausgesprochen wurden, immer wieder aus ihnen auch Gottes Wort f\u00fcr sich geh\u00f6rt, f\u00fcr ihre Zeit und f\u00fcr ihre Lebensbedingungen. Versuchen wir eben dies, die Worte des Propheten f\u00fcr uns zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Um es vorweg zu sagen: Es geht in dem Prophetenspruch nicht um ein moralisches Urteil \u00fcber Menschen, die sich selbst loben oder vielleicht auch nur ihre guten Taten ins rechte Licht setzen, indem sie auf ihre Leistungen und F\u00e4higkeiten verweisen. Es geht auch nicht um die kleinen Eitelkeiten, in denen die Freude \u00fcber gute Leistungen zum Ausdruck kommt. Es geht dem Propheten darum, die guten Gaben Gottes ins Ged\u00e4chtnis zu rufen: Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit auf Erden.<\/p>\n<p>Da gab es vor vielen Jahren einen Film \u201eRosen f\u00fcr den Staatsanwalt\u201c. Erz\u00e4hlt wird die Geschichte eines jener schrecklichen Juristen, die ihre Schuld zu Zeiten des Krieges nicht eingestehen k\u00f6nnen, sich aber nach 1945 in Amt und W\u00fcrden wiederfinden. Dieser Mann wird geschildert als einer, der sich als der Herr \u00fcber Recht und Gesetz f\u00fchlt. Seine Klugheit, seine \u2013 wie sich zeigen wird \u2013 vorget\u00e4uschte St\u00e4rke, sein b\u00fcrgerliches Ansehen machen ihn beim trickreichen Spiel mit Recht und Gerechtigkeit auch unbarmherzig. Er trifft auf einen sogenannten kleinen Mann, der sich mit M\u00fche und hier und da einer kleinen Gaunerei durchs Leben schl\u00e4gt. Dieser Mann stand schon einmal vor ihm, damals am Ende des Krieges. Es war ein Kriegsgericht. Er hatte ihn zum Tode verurteilt wegen einer gestohlenen Tafel Schokolade. Aber der Krieg ging schneller zu Ende als das Urteil vollstreckt werden konnte. Der kleine Mann \u00fcberlebte. Jetzt steht er wieder vor diesem Juristen. Der \u2013 inzwischen Staatsanwalt \u2013 pl\u00e4diert ohne Recht und Gesetz zu achten und unbarmherzig gegen den Angeklagten. Und dabei bricht die ganze Fassade zusammen. Er, der geachtete und gef\u00fcrchtete Jurist steht da als der, der er ist, ein Mensch, der weder Weisheit noch St\u00e4rke hat, auch keine W\u00fcrde und keine Ehrfurcht vor den guten Gaben Gottes, f\u00fcr die er doch einmal von Berufs wegen angetreten ist.<\/p>\n<p>Das ist es: Wer den Herrn, wer Gott nicht kennt und achtet, wer nicht weiss oder wissen will, dass Gott Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit auf Erden \u00fcbt, der entwertet selbst alle seine F\u00e4higkeiten und Leistungen f\u00fcr wie gro\u00dfartig er sie auch halten mag, wie sehr er sich ihrer auch r\u00fchmt, wie reich er durch sie auch werden mag. Wie gesagt: das hat nichts mit moralischen Urteilen \u00fcber Eigenlob oder Stolz auf eigene Leistung zu tun. Warum sollte der, der etwas Besonderes vollbracht hat, sich dar\u00fcber nicht auch freuen? Um die Einordnung geht es. Handle ich, leiste ich nur, um mich ins scheinbar rechte Licht zu setzen und einen Profit f\u00fcr mich zu holen? Gilt mein Handeln ausschlie\u00dflich meinem eigenen Vorteil ohne R\u00fccksicht auf das Wohl und Wehe der Menschen, die mit mir auf dem Wege sind, vielleicht gar abh\u00e4ngig von mir?<\/p>\n<p>Gottes Wille f\u00fcr diese Welt und die Menschen, seine Gesch\u00f6pfe, ist es, dass Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit das Leben bestimmen. Das ist die Wahrheit, von der viele Jahrhunderte sp\u00e4ter der Apostel im 1. Brief an Timotheus schreibt: Gott \u201ewill, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen\u201c. Der Apostel bringt diese Wahrheit mit der Erl\u00f6sung durch Jesus Christus in einen unaufl\u00f6slichen Zusammenhang. Von daher gesehen steckt trotz aller prophetischen Mahnung zur Barmherzigkeit, zu Recht und Gerechtigkeit in den S\u00e4tzen unseres Predigttextes auch eine gute Nachricht. Weil Jesus Christus zum Inbegriff der g\u00f6ttlichen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit auf Eden wurde, sind wir frei auch vom Zwang zur Selbstrechtfertigung durch unsere eigenen gro\u00dfartigen Leistungen. Wir m\u00fcssen nicht mehr die Gr\u00f6ssten, Kl\u00fcgsten, Reichsten sein, um \u00fcberhaupt einen Wert zu haben. Weil Gott barmherzig ist, haben wir vor ihm einen unermesslichen Wert. Weil Gott uns durch Jesus Christus erl\u00f6st hat vom Zwang zur Selbstrechtfertigung, die im Grunde immer ungerecht ist, k\u00f6nnen wir in W\u00fcrde und Freiheit leben. Gott sei Dank.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Richard Engelhardt<br \/>\n37083 G\u00f6ttingen<br \/>\nLotzestra\u00dfe 53<br \/>\nTel.: 0551-3706970<br \/>\nFax: 0551-3706962<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesimae, 12. Februar 2006 Predigt zu Jeremia 9,22-23, verfasst von Richard Engelhardt &#8222;So spricht der Herr: Ein Weiser r\u00fchme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker r\u00fchme sich nicht seiner St\u00e4rke, ein Reicher r\u00fchme sich nicht seines Reichtums! Sondern wer sich r\u00fchmen will, der r\u00fchme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":17181,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23,1,2,727,157,853,114,856,349,109,1202,857],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10981","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-jeremia","category-aktuelle","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-09-chapter-09-jeremia","category-kasus","category-predigten","category-richard-engelhardt","category-septuagesimae"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10981","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10981"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10981\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17182,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10981\/revisions\/17182"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17181"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10981"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10981"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10981"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10981"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10981"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10981"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10981"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}