{"id":10984,"date":"2021-02-07T19:48:55","date_gmt":"2021-02-07T19:48:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10984"},"modified":"2023-02-09T19:05:07","modified_gmt":"2023-02-09T18:05:07","slug":"060212-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/060212-4\/","title":{"rendered":"060212 4"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Septuagesimae, 12. Februar 2006<br \/>\nPredigt zu Matth\u00e4us 25, 14-30, verfasst von Arne \u00d8rtved (D\u00e4nemark)<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Damit diese alte, geniale, beunruhigende Geschichte uns nicht an der Nase herumf\u00fchrt oder vielmehr an den Ohren vorbeigeht, m\u00fcssen wir mit einer Gewissensfrage beginnen. Das kann sich gewiss machen lassen, da man die Frage nur in Gedanken f\u00fcr sich selbst beantworten muss, ohne dass jemand die Antwort zu h\u00f6ren bek\u00e4me. Daf\u00fcr aber m\u00fcssen wir verlangen, dass man v\u00f6llig ehrlich antwortet, denn es ist schlimm, wenn man l\u00fcgt, aber es ist zugleich auch unglaublich dumm, wenn man vor sich selbst l\u00fcgt, auch wenn es eine ungeheuer verbreitete Angewohnheit ist. Tats\u00e4chlich brauchen wie viel Erfindergeist, um vor uns selbst zu l\u00fcgen.<\/p>\n<p>Die Gewissensfrage lautet folgenderma\u00dfen: <em>Wie ging es eigentlich mit deinen Talenten in der letzten Woche? Wie oft hast du sie vergraben, weil du bange warst oder faul oder schlapp oder einfach nur aus irgendeinem Grunde auf v\u00f6llig falschem Wege.<\/em> Wenn du nicht wei\u00dft, was das Wort <em>Talente<\/em> in diesem Zusammenhang bedeutet, kannst du es einfach durch das Wort <em>Leben<\/em> ersetzen. Dann wird die Frage zugleich auch noch dringlicher.<\/p>\n<p>Also: Wie ging es mit deinem Leben in der vergangenen Woche? Wie viel ist deinetwegen verloren gegangen? Es gibt niemanden, der an deiner Stelle antworten k\u00f6nnte \u2013 au\u00dfer Gott nat\u00fcrlich. Er ist es doch, dem wir letzten Endes verantwortlich zu sein haben; aber vorl\u00e4ufig hast du jetzt dir selbst verantwortlich zu sein.<\/p>\n<p>Wie ging dein Leben vergangene Woche? Wieviele Male hast du es unterlassen zu antworten, mit einem L\u00e4cheln, mit Gesang, mit Hilfe, indem du dich freutest, indem du deine F\u00e4higkeiten und deine Energie mit voller Kraft einsetztest? Oder direkter: Wie oft bist du anderen Menschen begegnet mit Misstrauen, mit Unwillen, mit Unaufmerksamkeit oder direkter Ablehnung, eingeschlossen in dich selbst und deine kolossalen Probleme? Wieviel Male hast du betrogen?<\/p>\n<p>Entschuldigung! Ich kann sehr wohl h\u00f6ren, dass das Fragen sind, die sehr stark die Richtung einer Antwort angeben; aber doch nicht mehr, als dass du im Innersten sehr genau wei\u00dft, wie dein Leben letzte Woche war. \u2013 Und insoweit jede einzelne Woche. Wozu sollte man denn leben, wenn nicht, um offen, froh, dankbar und hilfsbereit zu sein. Alles andere w\u00e4re doch v\u00f6llig t\u00f6richt. Es w\u00fcrde doch das Leben zerst\u00f6ren, und das kann doch niemals der Sinn des Lebens sein.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich: Wenn man in vollem Ernst meint, dass es Sinn des Lebens ist, so leicht wie m\u00f6glich darum herumzukommen und allzeit seine eigenen Vorteile zu suchen und so viel wie m\u00f6glich f\u00fcr andere Menschen kaputt zu machen, ja, dann ist die Gewissensfrage ganz anders zu beantworten, als ich es mir vorgestellt h\u00e4tte; und dann hat man sicherlich sp\u00e4ter im Gottesdienst seine Probleme. Wenn man wirklich dieser Meinung ist, dann, glaube ich im \u00fcbrigen, l\u00fcgt man sich was vor. Jedermann kan h\u00f6ren, dass das verkehrt klingt; und jedermann kann sehen, wie leicht man in einem solchen Spiel zumVerlierer werden kann.<\/p>\n<p>Etwas ganz anderes ist es nun, dass wir uns oft so benehmen, als w\u00e4re genau dies der Sinn des Lebens; aber dadurch wird es nicht richtiger. Das zeigt nur, wie wichtig es ist, die Gewisssensfrage zu stellen, der wir heute gegen\u00fcberstehen: Wie ging es mit deinem Leben vergangene Woche? Wieviel ging verloren? Wieviel hast du kaputt gemacht? Hast du das Leben vergraben, um bessere Zeiten abzuwarten? Hast du vergessen, dass du nur <em>ein<\/em> Leben hast: das Leben, in dem du genau jetzt stehst! Wie viele Stunden, Tage, Wochen hast du nach und nach vergraben, so dass sie nur herumliegen und verwesen?<\/p>\n<p>Jetzt wollen wir diese aufdringlichen Fragen verlassen, damit wir nicht hier sitzen und allzu sehr wegen unserer eigenen Erb\u00e4rmlichkeit an uns selbst denken, \u2013 da ginge das Leben ja auch verloren. Viele Menschen verschwenden allzu viel Leben auf Spekulationen dar\u00fcber, wie schlecht sie f\u00fcr das Leben geeignet sind. Das ist genauso verkehrt wie das Gegenteil: niemals dar\u00fcber nachzudenken, weil man von seiner eigenen Vortrefflichkeit in dieser Hinsicht \u00fcberzeugt ist.<\/p>\n<p>Wie war es mit Jesus und dieser Frage? Ich glaube nicht, dass er sehr viel dar\u00fcber nachgedacht hat, aber das hatte seinen Grund darin, dass er nie versucht hat zu betr\u00fcgen. Er war dort, wo er sein sollte, und tat, was er tun sollte, als das Allerselbstverst\u00e4ndlichste von der Welt. Und das war nicht der Fall, weil er solch ein Prachtexemplar gewesen w\u00e4re, ein richter Pfadfinder, der wusste, wie man sich zu benehmen hat, und der daf\u00fcr sorgte, dass er ein Vorbild f\u00fcr alle anderen war. Nein, Jesus lebte nur, und alles kam aus ihm wie reines Wasser aus einer Quelle: Worte, Taten, Zeichen, Leben, Schicksal. Es war nicht immer gleich angenehm, dessen Zeuge zu sein, weil es so entlarvend wirkte. Das Ende vom Ganzen war denn auch, dass man ihn t\u00f6tete.<\/p>\n<p>Heute begegnen wir ihm an einem der letzten Tage seines Lebens. Ruhig setzt er sich nieder und belehrt seine J\u00fcnger dar\u00fcber, was es hei\u00dft zu leben. Nicht mit Hilfe von Regeln und von Moral und erhobenem Zeigefinger. Nein, in kleinen Erz\u00e4hlungen, die genauso einfach sind, wie es sein eigenes Leben gewesen ist, und die dennoch eine solche Tiefe enthalten, dass man sie immer wieder von Neuem h\u00f6ren und auf neue Weise verstehen kann.<\/p>\n<p>Hier erz\u00e4hlt er von einem Mann, der ins Ausland reist und sein Verm\u00f6gen seinen Dienern anvertraut. Sie bekommen jeder einen Teil davon, der jeweils zu ihrem Gem\u00fct passt. So ist das Leben also: uns wird etwas anvertraut, das uns als denjenigen, die wir sind, genau angepasst ist. Es kann sehr wohl sein, dass das von Person zu Person verschieden ist, aber das hat dann seinen Grund in der Verschiedenheit der Personen. Aber alle sollten leben k\u00f6nnen, so ist das Leben dieser kleinen Geschichte zufolge ganz einfach eingerichtet.<\/p>\n<p>Aber nicht alle l\u00f6sen die Aufgabe gleich gut. Das kennen wir nur zu gut vom wirklichen Leben. Viele \u2013 sowohl ganz oben als auch ganz unten \u2013 viele verirren sich. Wir k\u00f6nnen die Geschichte nicht dazu benutzen, bestimmte Gruppen hervorzuheben, die besonders gef\u00e4hrdet w\u00e4ren. Jesus war nicht Mitarbeiter eines Sozialforschungsinstitutes, und es h\u00e4tte auch die ganze Geschichte verdorben, wenn soziale Begr\u00fcndungen, mit Statistiken untermauert, angegeben worden w\u00e4ren. Es ist doch nicht die Schuld der Gesellschaft, wenn man hingeht und sein Leben vergr\u00e4bt. Und es ist deshalb auch keine bestimmte Gruppe in der Gesellschaft, die besonders dazu geneigt w\u00e4re. Es ist ganz einfach eine Eigenschaft des Menschen \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Vielleicht wendet Jesus sich ja gerade an die Schwachen, die Ausgesto\u00dfenen, die drauf und dran sind, aufzugeben. Jesus ist nicht darauf aus, diejenigen zu loben, die in der Geschichte gelobt werden, sondern er will im Gegenteil diejenigen ermuntern, denen es wie ihm geht, denen es so furchtbar schlimm erging in der Geschichte. Es k\u00f6nnte ja sein, dass es solche Leute waren, die die Geschichte h\u00f6rten; und jetzt will er sie ermuntern, dass sie anfangen zu leben, ehe es zu sp\u00e4t ist. Die J\u00fcnger, die ihm folgten, waren jedenfalls nicht Menschen, die sich durch phantastische Taten auszeichneten. Sie waren furchtsam und eitel, wie die meisten von uns. Es waren einige kleine Schleicher, die Jesus folgten, weil sie hofften, es w\u00fcrde dabei etwas f\u00fcr sie herausspringen, und weil sie es nicht lassen konnten. Aber als es wirklich darauf ankam, da versagten sie alle. Sie vergruben Talente, das Beste, was sie gelernt hatten, w\u00e4hrend er gekreuzigt wurde.<\/p>\n<p>Die Geschichte, die Jesus erz\u00e4hlt, ist keine Geschichte f\u00fcr Supermenschen. Die haben so viele andere Freuden; warum sollten sie denn auch Vergn\u00fcgen an Gott haben? Nein, er erz\u00e4hlt sie f\u00fcr die, die tagt\u00e4glich allzu viel Leben vergeuden. F\u00fcr die, die nicht zu leben wagen. F\u00fcr die, die meinen, dass sie bald nicht mehr k\u00f6nnen. F\u00fcr die, die meinen, dass sie nur Niederlagen sehen, wenn sie auf ihr Leben zur\u00fcckblicken.<\/p>\n<p>Nein, wir wollen nicht noch mehr aufz\u00e4hlen. Es geht nicht um einige konkrete Menschen, sondern es geht darum, dass die Menschen anfangen zu leben. Es geht darum zu begreifen, dass es gar nicht so unm\u00f6glich ist zu leben, denn wir sind faktisch dazu geschaffen. Und obwohl wir vielerlei Widerstand erleben und in alle m\u00f6glichen Probleme verwickelt werden, so geht es doch an zu leben, weil das der Sinn unseres Daseins ist.<\/p>\n<p>An jenem Tage, da Jesus die Geschichte erz\u00e4hlte, verstanden die J\u00fcnger nicht recht ihren Sinn. Sie wurden ein wenig unruhig, weil sie es doch gewohnt waren, dass Jesus immer auf ihrer Seite stand; und jetzt klang es so, als ob er die Partei der Starken, der Reichen ergriffen h\u00e4tte. Aber nach seinem Tod und seiner Auferstehung erkannten sie, dass die Geschichte sowohl von ihm selbst als auch von ihnen handelte. Dass es angeht, sein Leben zu investieren, ungeachtet, wie gering es ist und wie wenig Zeit noch dazu ist und wie sehr es kaputt gegangen zu sein scheint.<\/p>\n<p>Es geht an zu leben. Gott hat es selbst durch seinen Sohn Jesus Christus erfahren. Und er versucht es fortgesetzt gemeinsam mit uns. Er folgt uns auf diesem Weg. Er st\u00f6\u00dft uns an, er spricht zu uns: <em>Beginne zu leben. Ich werde bei jedem Wetter bei dir sein; wenn du nur lebst&#8230; \u2013 also lebst: L\u00e4chelst, singst, deinem N\u00e4chsten hilfst, dich \u00fcber das Leben freust, IHM dankst, der dir schenkte, wenn die Sonne aufgeht, den Morgen in Seele und Leib selbst zu empfinden.<\/em><\/p>\n<p>Nein, auch hier wollen wir nicht mit einer Aufz\u00e4hlung aufwarten. Es gibt kein Rezept f\u00fcr das rechte Leben; aber du hast gewiss schon selbst eine Antwort gefunden. Geh also hinaus und lebe! Das Leben wartet auf dich. Menschen warten auf dich. Gott wartet auf dich. Lebe!<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Arne \u00d8rtved<br \/>\nBirkeb\u00e6k 8<br \/>\nDK-7330 Brande<br \/>\nTlf.: ++ 45 \u2013 97 18 10 98<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:ortved@mail.dk\">ortved@mail.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesimae, 12. 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