{"id":10990,"date":"2021-02-07T19:48:54","date_gmt":"2021-02-07T19:48:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10990"},"modified":"2023-02-23T16:58:35","modified_gmt":"2023-02-23T15:58:35","slug":"paulus-und-titus-in-makedonien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/paulus-und-titus-in-makedonien\/","title":{"rendered":"Paulus und Titus in Makedonien"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Herbst war es in Makedonien, der Wein in der Kelter, die Jahresarbeit beendet. Die Menschen, die den Sommer \u00fcber zwischen ihren Feldern gewohnt hatten, waren in die D\u00f6rfer zur\u00fcckgekehrt. Das war wie immer ein Anlass zum Feiern gewesen, und nun war Ruhe eingekehrt. Doch der Ruhe folgte jedes Mal und ziemlich bald die Langeweile.<\/p>\n<p>Durch dieses herbstliche Makedonien zog Paulus und versuchte zu missionieren. Oft hatte er allerdings den Eindruck, dass er nicht mehr war als eine willkommene Abwechslung und dass seine Auftritte nach ihrem Unterhaltungswert beurteilt wurden. Jedenfalls schloss er das aus manchen Reaktionen, aus b\u00f6sartigen Zwischenrufen zum Beispiel, auf die schallendes Gel\u00e4chter folgte, aus fauligen Apfelsinen, mit denen man nach ihm warf, aus dem Getuschel von Leuten, wenn er durch die Stra\u00dfen ging. Manchmal w\u00fcnschte er sich eine stille Kammer, um sich unbemerkt auszuheulen, manchmal aber sp\u00fcrte er eine solche Wut, dass er die ganze Meute am liebsten verpr\u00fcgelt h\u00e4tte. Doch er tr\u00f6stete und beruhigte sich damit, dass er f\u00fcr Christus litt, dass er mit ihm litt und im Leiden Anteil an ihm haben konnte. Die Leute aber, die ihn provozieren wollten, hielten ihn f\u00fcr arrogant, weil er sich nicht provozieren lie\u00df. Das steigerte ihre Bosheiten noch.<\/p>\n<p>Dann war eines Tages Titus eingetroffen, war ihm aus Korinth nachgereist, von woher sie sich kannten. Titus war Heide gewesen, bevor er Christ wurde, und Paulus hatte durchgesetzt, dass Titus von j\u00fcdischen Aufnahmeriten befreit wurde. Paulus nahm \u00fcberall zun\u00e4chst Kontakt zur j\u00fcdischen Gemeinde auf; dort kannte er sich mit dem Ablauf der Gottesdienste aus, dort konnte er mit seiner Predigt an Bekanntes ankn\u00fcpfen und vieles voraussetzen, was den Heiden unbekannt war. \u00dcberhaupt war ja, was Paulus verk\u00fcndigte, j\u00fcdisch und ohne Glauben an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht zu verstehen. So lebten j\u00fcdische Br\u00e4uche in den fr\u00fchen Christengemeinden ganz selbstverst\u00e4ndlich fort, und es gab starke Fraktionen, die das ganze Gesetz und alle Propheten auch f\u00fcr Heiden verbindlich machen wollten. Paulus war entschieden dagegen. Das hatte zu einem heftigen Streit mit der Gemeinde in Jerusalem und schlie\u00dflich zur Trennung gef\u00fchrt. Doch der Jerusalem-Virus verbreitete sich \u00fcberall dort hin, wo es j\u00fcdische Gemeinden gab, und so ging der Streit von Jerusalem in anderen St\u00e4dten weiter. Unter anderem auch in Korinth, und dort durch weitere Varianten noch versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Nun war Titus gekommen, um zu berichten, was der Brief des Paulus in Korinth bewirkt hatte. Was Paulus h\u00f6rte, tr\u00f6stete ihn. Zun\u00e4chst jedenfalls, denn Titus hatte erst einmal von positiven Entwicklungen erz\u00e4hlt. Doch je l\u00e4nger sie zusammen waren, je mehr das gegenseitige Vertrauen wuchs, um so deutlicher erkannte Paulus, dass in Korinth noch manches im Argen lag. Mit der Zeit d\u00e4mmerte ihm, dass er wohl noch einen zweiten Brief w\u00fcrde schreiben, wom\u00f6glich sich noch einmal selber auf den beschwerlichen Weg machen m\u00fcssen. Das sagte er auch zu Titus. Je mehr dieser erz\u00e4hlte, um so mehr begann Paulus, in Gedanken einen Brief zu formulieren.<\/p>\n<p>Eines Abends sa\u00dfen die beiden wieder zusammen, es war ein angenehmer Tag gewesen, Paulus hatte interessierte Zuh\u00f6rer gehabt und war mit sich und der Welt zufrieden. Nat\u00fcrlich war Korinth wieder das Thema. Paulus erfuhr, das Aquila und Priscilla f\u00fcr ein streng j\u00fcdisch ausgerichtetes Christentum warben, w\u00e4hrend der Synagogenvorsteher Crispus einen sehr liberalen Standpunkt vertrat; er war sogar im Amt geblieben. Titius schlie\u00dflich, bei dem Paulus gewohnt hatte, praktizierte ein schw\u00e4rmerisches, mystisches Christentum. Dann war noch ein Apollos aufgetaucht, wohl ein ehemaliger J\u00fcnger des T\u00e4ufers, und predigte eine asketischen Glaubenspraxis. \u201eSie alle haben ihre Anh\u00e4nger,\u201c schloss Titus seinen Bericht, \u201eschade nur, dass sie sich nicht vertragen.\u201c<\/p>\n<p>Paulus h\u00f6rte das mit zunehmender Entt\u00e4uschung, in die sich das altbekannte Gef\u00fchl mengte, ein Versager zu sein. \u201eHabe ich denn in mehr als 18 Monaten nichts erreicht?\u201c fragte er schlie\u00dflich, \u201ehabe ich ihnen denn nicht das eine wahre und kein anders Evangelium gepredigt?\u201c \u2013 \u201eDas hast du,\u201c antwortete Titus und legte dem Freund die Hand auf die Schulter, bevor er fortfuhr: \u201eDoch seid du abgereist bist, haben andere an Einfluss gewonnen. Sie alle verk\u00fcndigen Christus, aber mit jeweils anderen Akzenten und Konsequenzen. Dadurch gibt es in der Stadt verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viele Christen, denn unterschiedliche Menschen k\u00f6nnen eine Form finden, die sie anspricht. Sieh das doch mal positiv!\u201c<\/p>\n<p>Das aber konnte Paulus nun \u00fcberhaupt nicht; ihn schmerzte, dass er in Korinth offenbar seine Autorit\u00e4t verloren hatte. Das war gef\u00e4hrlich f\u00fcr ihn und f\u00fcr seinen Anspruch an sich selber, f\u00fcr Christus m\u00f6glichst viele Menschen zu fischen. Als Sp\u00e4tberufener wollte, musste er einfach besser sein als ein Berufsfischer wie Petrus. \u201eWieso laufen die Leute von mir weg und zu den andren hin?\u201c fragte er; die Frage richtete er mehr an sich selbst als an Titus, doch der antwortete: \u201e Erstens bist du weit weg, doch die Leute haben Fragen und wollen Antworten. Bis du auf schriftliche Fragen antwortest, vergehen Monate; so lange k\u00f6nnen die Leute nicht warten. Und zweitens handelt es sich bei allen \u2013 au\u00dfer Apollos \u2013 um angesehene und einflussreiche B\u00fcrger der Stadt. Apollos aber ist ein mitrei\u00dfender Redner.\u201c \u2013 \u201eUnd ich bin weder das eine noch das andere, willst du sagen,\u201c bemerkte Paulus. Titus schwieg, und Paulus stellte fest: \u201eDu stimmst dem also zu.\u201c<\/p>\n<p>So ruckartig stand Paulus auf, das Titus erschrak. War er zu offen gewesen, hatte seine Ehrlichkeit Paulus gekr\u00e4nkt? Er wollte ihm doch helfen, ihm ein paar Hinweise geben, schlie\u00dflich kannte er die Situation in Korinth und die Leute dort besser als Paulus.<\/p>\n<p>Der war inzwischen mit kurzen, heftigen Schritten ein paar mal hin- und hergelaufen, die Arme auf dem R\u00fccken und den Kopf gesenkt, als wollte er damit durch eine Wand. Abrupt blieb er vor Titus stehen: \u201eNun h\u00f6r mir mal gut zu, und was du h\u00f6rst, erz\u00e4hle in Korinth: Wer von all diesen Leuten, die J\u00fcnger eingeschlossen, hat vor Damaskus eine Christuserscheinung gehabt wie ich? Wer von all diesen Leuten ist seit nun fast zwanzig Jahren unterwegs, ist trotz chronischer Krankheit bei Wind und Wetter und gl\u00fchender Sonne Tausende Meilen gelaufen, geritten und gesegelt wie ich? Wer von all diesen Leuten hat gehungert und gefroren, ist unterwegs mehrmals ausgeraubt worden, hat Schiffbruch erlitten und \u00fcberlebt wie ich? Wer von diesen Leuten hat in Gef\u00e4ngnissen gesessen, ist gefoltert und ausgepeitscht worden wie ich? Und das alles um Christi Willen. Kannst du mir einen einzigen dieser selbsternannten Apostel nennen, die das alles erlitten haben und trotzdem weitermachen? \u2013 Siehst du, du schweigst. Habe ich das verdient, wie eine Null, wie ein hergelaufenes Nichts behandelt zu werden, ich, der ich den Menschen die Botschaft vom Heil bringe? Einen angesehenen, einflussreichen Menschen behandelt man so nicht, so geht man mit Schw\u00e4chlingen um, mit Leuten, die sich f\u00fcr ihren Glauben zum Narren machen. Aber ich kann nun mal nicht anders.\u201c<\/p>\n<p>Paulus verstummte, und Titus wusste nicht, was er sagen sollte. \u201eAber,\u201c stotterte er schlie\u00dflich, \u201eaber, Paulus, Mensch, das wei\u00df doch keiner!\u201c und nach einer Weile: \u201eDu bist kein Schw\u00e4chling, Paulus, und auch kein Narr. Wer hat denn als Gefangener und Gefolterter, als Schiffbr\u00fcchiger und so St\u00e4rke gezeigt, wenn nicht du. Sie haben dich nicht mundtot gekriegt, haben dir nicht das R\u00fcckgrat verbogen. Immer warst du dann der St\u00e4rkere, wenn andere dich schwach machen wollten.\u201c \u2013 \u201eNicht ich, Titus, nicht ich\u201c widersprach Paulus, \u201eChristus hat mich stark gemacht. Und du hast recht: Ich habe seine Kraft immer dann am st\u00e4rksten gesp\u00fcrt, wenn mein Leben in Gefahr war, immer dann, wenn ich sie brauchte. Darauf kann ich mich verlassen, und darin liegt ein tiefer Trost. Komm, lass uns noch ein wenig spazieren, das kl\u00e4rt die Gedanken.\u201c<\/p>\n<p>Sie gingen durch den herbstlichen Abend irgendwo in Makedonien, die Luft war noch recht mild, und ein halber Mond gab etwas Licht auf ihren Weg. In abendlicher Ruhe \u00fcberlegten sie, wie die Gemeinde in Korinth reagieren k\u00f6nnte, wenn sie erfuhr, was Titus erfahren hatte. Dabei wurde der Schritt des Paulus immer fester, sein Gang aufrechter. Er wusste, worauf er sich verlassen konnte. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Gebet<\/strong>: Guter Gott, wer geknickt ist, den zerbrichst du nicht, sondern richtest ihn auf; wer am Boden liegt, den zerst\u00f6rst du nicht, sondern st\u00e4rkst ihn, dass er sich erhebt. Daf\u00fcr, dass wir dies in unserem Leben erfahren haben, sagen wir dir Dank. Und weil wir dass erfahren haben, bitten wir dich heute f\u00fcr Menschen, die unter ihrer Schwachheit leiden:<\/p>\n<p>F\u00fcr Hungernde und D\u00fcrstende, dass sie satt werden; f\u00fcr Einsame, dass sie Gemeinschaft bekommen; f\u00fcr Obdachlose und Heimatlose, dass sie ein Zuhause finden; f\u00fcr in Schuld und Verstrickung Gefangene, dass sie frei werden; f\u00fcr am Leben Verzweifelnde, dass sie Sinn finden; f\u00fcr ihres Glaubens wegen Verfolgte, dass sie zur Ruhe kommen.<\/p>\n<p>Guter Gott, du legst zwar Lasten auf, aber du hilfst auch tragen, dass die Last ertr\u00e4glich bleibt. Gib denen, die unter ihrer Last zu zerbrechen meinen, Zuversicht und Gewissheit, dass sie nicht tiefer fallen als bis in deine Hand.<\/p>\n<p>Was uns belastet, und auch, was uns erleichtert, bringen wir vor dich und beten gemeinsam: Unser Vater im Himmel &#8230;<\/p>\n<p><strong>Ges\u00e4nge<\/strong>: 452, 1 \u2013 3; 279, 1, 4, 5; 366, 1 \u2013 4; 243, 1, 4, 6<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Paul Kluge P. em.<br \/>\nGro\u00dfer Werder 17<br \/>\nD-39114 Magdeburg<br \/>\nTel.: 0391\/5412050<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Paul.Kluge@t-online.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbst war es in Makedonien, der Wein in der Kelter, die Jahresarbeit beendet. Die Menschen, die den Sommer \u00fcber zwischen ihren Feldern gewohnt hatten, waren in die D\u00f6rfer zur\u00fcckgekehrt. Das war wie immer ein Anlass zum Feiern gewesen, und nun war Ruhe eingekehrt. Doch der Ruhe folgte jedes Mal und ziemlich bald die Langeweile. 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