{"id":10991,"date":"2021-02-07T19:49:06","date_gmt":"2021-02-07T19:49:06","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10991"},"modified":"2023-02-02T21:16:39","modified_gmt":"2023-02-02T20:16:39","slug":"2-korinther-12-1-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-12-1-10-2\/","title":{"rendered":"2. Korinther 12, 1-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Sexagesimae, 19. Februar 2006<br \/>\nPredigt zu 2. Korinther 12, 1-10, verfasst von Wolfgang Ebel <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde !<\/p>\n<p>Einen Heiligen beleidigt man nicht. Das zeitigt Konsequenzen. Wir k\u00f6nnen das dieser Tage erleben. Die zornigen jungen M\u00e4nner, die den Tod fordern f\u00fcr die Beleidiger, die aufgebrachte Menge, die Botschaften anz\u00fcndet und Mobiliar zertr\u00fcmmert, l\u00e4sst westlich gesinnte Menschen in Angst geraten: So viel Energie steckt in Religion. Nat\u00fcrlich kann man vieles, was geschieht, dem politischen Machtkalk\u00fcl abgewirtschafteter Regime zuschreiben. Staatlich gecoachte Provokateure wird es dabei gegeben haben. Aber es l\u00e4sst sich nicht einfach alles durch soziale und psychologische Begr\u00fcndungen weg erkl\u00e4ren. Es bleibt ein Rest des Unheimlichen. Und dem kommt man auch nicht bei, indem man sich auf Werte der aufgekl\u00e4rten westlichen Welt beruft \u2013 Freiheit der Presse, Freiheit der Kunst, Freiheit der Meinungs\u00e4u\u00dferung, Freiheit der Religionsaus\u00fcbung. Die Freiheit ist ein hohes Gut, solange sie aus dem Evangelium flie\u00dft. Die Freiheit des Einzelnen in der Beziehung zu den Anderen. Das gilt nicht nur national und f\u00fcr den kulturellen Nahbereich. Der Andere ist immer auch derjenige, der meinen Freiheitsradius begrenzt. Der Andere, das Fremde an ihm, will wahrgenommen sein. Der Andere, auch mein Feind, verdient meinen Respekt.- Er verdient um Christi Willen meine Liebe und meine F\u00fcrbitte.<\/p>\n<p>So viel Energie kann religi\u00f6ser Stolz freisetzen. Und die Verankerung im Glauben ist f\u00fcr die Menschen, die oft gar nicht im Fernsehen gezeigt werden, die wichtigste, st\u00e4rkste Kraftquelle ihres Lebens. Sie haben sonst nicht viel, was sie davon ablenken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Paulus schreibt seine Briefe nach Korinth, weil er \u2013 wie er fundamental an anderer Stelle gesagt hat \u2013 beschlossen hatte, unter den Menschen dort nichts zu wissen als allein Christus, den Gekreuzigten. Noch nicht einmal vom Sieg des Auferstandenen will er \u201eetwas wissen\u201c. Im Focus seines Redens, Handelns, seiner Existenz steht der Mann, der um Gottes und der Menschen Willen an das Kreuz geht. \u2013 Der Sonntag heute tr\u00e4gt den Namen \u201eSechzig\u201c. 60 Tage noch z\u00e4hlen wir ab jetzt bis zum Fest der Auferstehung. Wie die Sonne ist sie im Blick derer, die in der Nachtzeit betend auf den Morgen warten. Auferstehungswirklichkeit \u2013 wir sehen sie jetzt nicht, wir h\u00f6ren sie jetzt nicht, wir sp\u00fcren sie \u00fcber lange Strecken des Lebens nicht. Doch Paulus spielt hier eine Erfahrung ein, die in den paradoxen Satz m\u00fcndet: Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.<\/p>\n<p>Er kann sogar sagen: Ich freue mich \u00fcber Krankheiten und Misshandlungen \u2026, \u00fcber Notlagen, wenn ich sie f\u00fcr Christus erleiden muss. Das ist kein Masochismus. Das ist auch keine Leidensverg\u00f6tzung. Paulus leidet ja unter einer Krankheit, die ihm zusetzt und die er nicht loswird. Er hat darum gebetet, von ihr frei zu kommen. Er wei\u00df, diese Krankheit kommt aus der Sph\u00e4re des B\u00f6sen, wie er sagt, aus satanischen M\u00e4chten, die nach ihm greifen. Er hat um die Austreibung dieser Macht gebetet. Und sein Gebetswunsch ist nicht erf\u00fcllt worden Aber sein Gebet wurde geh\u00f6rt. Er hat eine Resonanz erfahren. Er hat einen Hinweis erhalten auf die Frage: Wozu bin ich krank ? Gibt es einen Sinn daf\u00fcr ?<\/p>\n<p>Seine wahrscheinlich chronische Krankheit ist ihm zu einem leibseelischen Zeichen f\u00fcr Christus geworden. Sie erinnert ihn an die Wirklichkeit des Gekreuzigten. Sie zeigt ihm: auch du bist auf deinem Kreuzesweg. Und wenn du selbst gar nichts mehr bist, wird Christus f\u00fcr dich alles sein.<\/p>\n<p>Paulus ist ja wer. In der Gemeinde von Korinth schwelen Konflikte. Es stinkt unter der Decke. Das ist um das Jahr 50 nicht anders als heute. Machtk\u00e4mpfe im Kirchenkreistag. Nur dass es heute oft merkw\u00fcrdig harmlos zugeht. Es geht um Verteilungsfragen. Um Pfarrstellen und Finanzmittel. In Korinth geht es um Vollmacht, um Wirkungen des Geistes, um die Frage: Wer kann religi\u00f6s etwas ? Wer gibt nur vor, etwas zu k\u00f6nnen ? Ein Frage, die heutzutage in unserer nachaufgek\u00e4rten westlichen Welt eher in die Esoterikszene ausgewandert ist.<\/p>\n<p>Ja, manchmal ist es n\u00f6tig, sich selbst zu r\u00fchmen, sagt Paulus. Aber er wei\u00df auch schon: es n\u00fctzt ja nichts. Es ist ein altes Spiel. Was haben die anderen, was ich nicht habe ?\u00a0 Was die k\u00f6nnen, kann ich schon lange ! Das Sich \u2013 Einander \u2013 Messen mit den eigenen St\u00e4rken, das Pochen auf die pers\u00f6nliche Leistungskraft und Kompetenz, das alles geh\u00f6rt zum Leben dazu. Manchmal auch in der Gemeinde. Der Erfolg des Christus wird woanders erfahrbar. Der Erfolg des Gekreuzigten erweist sich an den Grenzen. In Krankheiten. In Misshandlungen. In N\u00f6ten. In Verfolgungen und \u00c4ngsten. \u00dcberall da, wo Gott abwesend erscheint. Wo Er vielleicht da ist, aber eben doch nicht \u201eda\u201c.<\/p>\n<p>Paulus hat Erfahrungen gemacht, von denen auf Buchklappentexten heute die Rede ist: Erfahrungen spiritueller Selbstfindung. Doch bei ihm klingt der Bericht davon wenig vollmundig, wenig spektakul\u00e4r, wenig Neugier befriedigend. Gott wei\u00df es \u2013 ist darin der wichtigste Satz. Ich wei\u00df es nicht, Gott wei\u00df es. Er, Paulus, ist der \u201eMensch\u201c, den er kennt, der eine Himmelsreise gemacht hat, der unaussprechliche Worte dort geh\u00f6rt hat, die kein Mensch aussagen kann. Daf\u00fcr fehlen die Worte in der menschlichen Sprache. Immerhin vierzehn Jahre ist das her, dass er \u201ewoanders\u201c war. Das ist nicht gerade inflation\u00e4r h\u00e4ufig passiert. Ja, einen Blick in den Himmel, den hat es gegeben \u2013 schnell schlie\u00dft sich das Fenster der Erinnerung wieder.<\/p>\n<p>Es gibt nichts zu r\u00fchmen. Es bringt gar nichts, sich aufzublasen. Aus sich vor Gott und f\u00fcr Gott etwas zu machen. \u2013 Paulus macht weiter. Er hat die Gewissheit: Christus tr\u00e4gt mich durch alles hindurch. Dietrich Bonhoeffer hat das in seinem Gef\u00e4ngnistagebuch so gesagt: \u201e\u2026in der F\u00fclle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, &#8211; dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst \u2026\u201c<\/p>\n<p>Gott leidet in der Welt. Durch Menschen, die Menschen opfern und Ihn daf\u00fcr in Anspruch nehmen. Durch Menschen, die den Respekt verloren haben vor dem, was anderen heilig ist. Auch Gottes Zorn ist in der Welt. Diese Wirklichkeit kann sich Bahn brechen, wenn man Seine Heiligkeit verletzt.<\/p>\n<p>Ein Mensch ist im dritten Himmel gewesen. Die Tiefe der Gnade Gottes erleiden wir, wenn wir es lernen hoch zu sch\u00e4tzen, wo Seine Herrlichkeit verehrt wird.<\/p>\n<p>men.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Wolfgang Ebel<br \/>\n<a href=\"mailto:Pastor.Ebel@med.uni-goettingen.de\">Pastor.Ebel@med.uni-goettingen.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexagesimae, 19. Februar 2006 Predigt zu 2. Korinther 12, 1-10, verfasst von Wolfgang Ebel Liebe Gemeinde ! Einen Heiligen beleidigt man nicht. Das zeitigt Konsequenzen. Wir k\u00f6nnen das dieser Tage erleben. 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