{"id":10994,"date":"2021-02-07T19:48:59","date_gmt":"2021-02-07T19:48:59","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10994"},"modified":"2023-02-07T18:47:25","modified_gmt":"2023-02-07T17:47:25","slug":"markus-426-32-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-426-32-5\/","title":{"rendered":"Markus 4,26-32"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Sexagesimae, 19. Februar 2006<br \/>\nPredigt zu Markus 4,26-32, verfasst von Kirsten B\u00f8ggild (D\u00e4nemark) <\/span><\/b><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p><strong>Vertrauen in die Zukunft <\/strong><\/p>\n<p>Die beiden kurzen Gleichnisse, die wir eben geh\u00f6rt haben, bringen ein grenzenloses Vertrauen in die Zukunft zum Ausdruck. Das Reich Gottes, die Barmherzigkeit wird aus eigener Kraft gro\u00df und machtvoll werden. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, es wird mit der Sicherheit eines Naturgesetzes ganz von selbst geschehen. W\u00e4hrend die Zeit verstreicht, w \u00e4hrend wir leben, w\u00e4hrend wir wachen und w\u00e4hrend wir schlafen. Die Gnade Gottes wird wachsen und sich von ihrem eigenen Beginn an ausbreiten. Wie der Same in der Erde aus seiner eigenen biologischen Kraft zu Korn wird. Wie das Senfkorn aus seiner geringen Gr\u00f6\u00dfe zu einer gro\u00dfen Pflanze heranw\u00e4chst mit Zweigen, die so gro\u00df sind, dass V\u00f6gel darin Nester bauen k\u00f6nnen, aus eigener Kraft und aus eigener Bestimmung. Oder wie ein Embryo in der Geb\u00e4rmutter, das von selbst geboren wird und heranw\u00e4chst und zu einem erwachsenen Menschen wird mit seinem eigenen Leben und seiner eigenen Geschichte. Das Mysterium des Wachsens k\u00f6nnen wir \u00fcberall in der Natur und im Menschenleben beobachten. Und so sind es denn auch nicht wir, die das Reich Gottes oder den Anfang dazu geschaffen h\u00e4tten. Es kommt von Gott, wie es ja selbst sagt. Er ist die Quelle des Wachstums der Liebe. Er ist derjenige, der Gnade vor Recht ergehen l\u00e4sst \u2013 und damit beginnen die Wirkungen der Gnade, sich Geltung zu verschaffen. Dass Menschen dankbar sind, neuen Mut bekommen, einander Liebe und F\u00fcrsorge erweisen, Glauben an die Zukunft bekommen&#8230; Die Gnade breitet sich wie Ringe im Wasser aus. Es wird m\u00f6glich, daran zu glauben, dass sich das Leben erneuert.<\/p>\n<p>Es ist eine Glaubenssache, dass es so ist. Dass die Gnade ihre Wirkungen wie Ringe im Wasser ausbreitet. Dass alles am Ende gut sein wird. Und dass es deshalb sinnvoll ist, an die Zukunft zu glauben. \u2013 Es gibt so viele Dinge, die uns Angst machen vor der Zukunft und uns denken lassen, alles hinge davon ab, was wir selbst tun oder nicht tun. Das macht uns pessimistisch. Denn wir wissen sehr wohl, dass wir nicht viel Macht \u00fcber die Zukunft haben, weder \u00fcber unsere eigene noch \u00fcber die Zukunft anderer oder \u00fcber die Zukunft der Welt. \u2013 Was aber gesch\u00e4he, wenn wir auf die Gleichnisse Jesu h\u00f6rten und den Glauben daran ann\u00e4hmen, dass das Reich Gottes in Zukunft von selbst wachsen und gro\u00df werden wird?! Dass alles am Ende gut sein wird? Man stelle sich vor, an die Zukunft glauben zu k\u00f6nnen! Welch eine Freiheit! Freiheit von Angst, von Sorge, von Entt\u00e4uschung \u00fcber das Leben und das Schicksal!<\/p>\n<p>Man sagt, alte Menschen w\u00fcrden milde und freundlich. Was geht da vor sich? Ist die Milde im Gem\u00fct mit den Jahren gewachsen? Mit den Erfahrungen und der Menschenkenntnis eines langen Lebens? Damit dass man sich selbst und andere im Guten wie im B\u00f6sen kennen gelernt hat? Hat ein langes Leben sie mit ihren Mitmenschen vers\u00f6hnt, weil sie erfahren haben, dass das Leben sie mit sich selbst vers\u00f6hnt hat, obwohl sie es nicht verdienten? \u2013 Aber man sagt auch, dass alte Menschen verdrie\u00dflich und m\u00fcrrisch werden. Warum nun das? Geschieht das, weil sie die Freude vergessen haben? Die Freude an anderen Menschen? Geschieht das, weil ihr Leben in Entt\u00e4uschung \u00fcber das, was es war, geendet ist? Und weil sie sich nicht damit vers\u00f6hnen k\u00f6nnen? Weder mit Gott noch mit Menschen und sich deshalb im Grunde nicht mit sich selbst vers\u00f6hnen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Das bedeutet, dass das Reich Gottes im pers\u00f6nlichen Leben heranwachsen und gro\u00df werden kann, in Gem\u00fct und Geschichte des einzelnen Menschen. Aber es bedeutet auch, dass es im pers\u00f6nlichen Leben, im Gem\u00fct des einzelnen Menschen vertrocknen und sterben kann. Beide M\u00f6glichkeiten sind vorhanden. Aber das Entscheidende ist, dass es, wenn es keimt, von selbst w\u00e4chst. Und das ist der Grund, weshalb der Einzelne in seinem pers\u00f6nlichen Leben grenzenloses Vertrauen in die Zukunft haben kann, Vertrauen darauf, dass alles am Ende gut wird.<\/p>\n<p>Aber woher hat der Einzelne diesen Glauben an die Gnade der Geschichte \u2013 wenn nicht vom Christentum? Von der Verk\u00fcndigung der Kirche? Er ist nicht von selbst entstanden wie eine angeborene Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Aber der Gedanke, dass die Geschichte des Menschen als durch die Gnade Gottes erleuchtet erfahren werden kann, das ist ein Gedanke, der mit der christlichen Verk\u00fcndigung gekommen ist. Und auch wenn man nicht in die Kirche zum Gottesdienst hineingeht, um den biblischen Texten und der Liturgie der Kirche zuzuh\u00f6ren, so lebt der Gedanke dennoch in unserem gemeinsamen Unterbewusstsein, weil er ein entscheidender Bestandteil unserer gemeinsamen Geschichte in tausend Jahren gewesen ist. Die Geb\u00e4ude der Kirchen \u2013 besonders die alten wie z.B. unser 800 Jahre alter Dom hier in Aarhus \u2013 stehen in der Landschaft und im Stadtbild als eine Erinnerung an etwas, das vielleicht fern und unverst\u00e4ndlich, zugleich aber ewig und unentbehrlich ist. Sie stehen da als Symbole der Gnade Gottes, hier und jetzt und am Ende der Geschichte, sowohl der individuellen Geschichte als auch der kollektiven. Das Geb\u00e4ude der Kirche als Symbol der Erneuerung von Zeit und Ort durch die Gnade, von Geschichte und Entwicklung. Als Symbol, dass die Zukunft offen ist, nicht verschlossen. Hin und wieder ist es, als ob Schuld und Ungl\u00fcck der Geschichte alles f\u00fcllten und jegliche Hoffnung auf Erneuerung und Zukunft zunichte machten. Aber da ist es die Gnade der Geschichte, dass die Vergangenheit in einem neuen Licht gesehen werden kann, so dass sie nicht verschlie\u00dft sondern das Tor \u00f6ffnet f\u00fcr ein reicheres Leben mit einem neuen und mehr umfassenden Verst\u00e4ndnis. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erscheinen in einem neuen Licht, und eine neue Vision der Zukunft kann Leben und Nahrung erhalten. Die Gnade erl\u00f6st die Vergangenheit; das wird erfahren durch Tage und Jahre, als ob sich die Zeit selbst bewegte und frei macht. Niemand und nichts steht still, auch wenn man es so empfinden kann. Die Geschichte bewegt alles, und wenn das \u00fcbergeordnete Symbol der Geschichte die Gnade Gottes ist, dann sind Befreiung und Erneuerung entscheidend in jeder kleinen und gro\u00dfen Geschichte. Viele Gef\u00fchle und Gedanken kreisen um Schuld und Strafe und Hoffnungslosigkeit, um das Leben als eine Entt\u00e4uschung \u2013 aber das ist nicht die innerste Wahrheit. Die Verk\u00fcndigung der Vergebung der S\u00fcnden verjagt den Gedanken vom Leben als einer Entt\u00e4uschung und ersetzt ihn durch Hoffnung und Phantasie.<\/p>\n<p>Wenn Jesus diese kleinen gro\u00dfartigen Gleichnisse \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und Menschen erz\u00e4hlte, in denen Gottes Gnade dasjenige ist, aus dem alle Dinge wachsen und reifen, w\u00e4hrend Menschen leben und sterben, lieben und hassen, f\u00fcrchten und hoffen \u2013 dann waren sie Ausdruck einer g\u00f6ttlichen Vision. Ein Sich-erheben \u00fcber die Angst fr\u00fcherer Zeiten, verloren zu gehen. Furcht, dass man am Ende sein Leben zusammen mit dem Leben anderer in Schuld und Bedeutungslosigkeit verschwinden sehen wird. Dass man sein Leben in Bitterkeit dar\u00fcber beenden sollte, dass es umsonst gelebt worden ist, weil es verfehlt war, ja gar nicht gelebt worden war. \u2013 Die Gnade der Geschichte sieht das Menschenleben anders, behauptet Jesus. Sie gibt ihm Bedeutung f\u00fcr uns selbst, f\u00fcr die anderen, f\u00fcr Gott. Sie wirft ein anderes geschichtliches Licht \u00fcber unser Leben, als wir selbst es k\u00f6nnen. Sie inkorporiert die Geschichte unseres Lebens in die Geschichte Gottes. In einer Bewegung, die von einem gr\u00f6\u00dferen Horizont kommt als nur dem unsrigen. Deshalb ist es m\u00f6glich, auf neues Leben zu hoffen, wie t\u00f6dlich getroffen es uns auch vorkommen mag.<\/p>\n<p>Denn die Erneuerung des Lebens kommt von der Gnade Gottes. Von Gottes Geschichte mit den Menschen. Das ist religi\u00f6se Rede und l\u00e4sst sich nicht ohne weiteres auf gew\u00f6hnlichen weltlichen oder wissenschaftlichen Gedankengang \u00fcbertragen. F\u00fcr die n\u00fcchterne Vernunft scheint es, als w\u00fcrde unsere Welt fr\u00fcher oder sp\u00e4ter untergehen. Sie scheint sich selbst aufzufressen in Konsum und Krieg oder anderen Katastrophen. Aber diesem Pessimismus gegen\u00fcber spricht die religi\u00f6se Sprache in der Kirche von Gottes Gnade in der Geschichte des Menschen. Wie lassen sich so verschiedene Denkweisen miteinander vereinen? Der moderne Mensch muss mit den beiden Verst\u00e4ndnissen leben und sich in dem allen einen Platz erk\u00e4mpfen. Er hat die M\u00f6glichkeit bekommen, mit einem unbegrenzten Vertrauen in die Zukunft zu leben, wenn die Zukunft als die Gnade Gottes verstanden wird. Und dann muss der moderne Mensch all das, was er nicht versteht oder bew\u00e4ltigt, dieser Gnade \u00fcberlassen. Nur dann kann er schlafen und wachen, leben und sterben ohne das Gef\u00fchl von Untergangsverzweiflung und Frustration im Namen der Ganzheit.<\/p>\n<p>Es gibt ja mehrere M\u00f6glichkeiten, frei und froh zu sein. Man kann die Augen schlie\u00dfen und so tun, als g\u00e4be es nur G\u00fcte und Freude in der Welt. Das taugt nicht. Eines Tages muss man die Augen aufmachen und sehen, wie h\u00e4sslich es auch ist, in einem selbst und drau\u00dfen in der Welt. Man kann auch von Anfang an die Augen aufmachen und alles durchschauen, das Gute und das B\u00f6se, das Sch\u00f6ne und das H\u00e4ssliche \u2013 und von der Gnade der Geschichte lernen, es als die Wirklichkeit in Bewegung zu sehen. Die Freude ist erlaubt, wenn es denn erfahren wird, dass sie von Neuem entsteht, dass sie sich als eine unbezwingbare St\u00e4rke erweist in der Zeit, die geht und geht und sich ver\u00e4ndert und kommt und geht, wie sie will. Trotz all des B\u00f6sen, all des H\u00e4sslichen. \u2013 Von allen Seiten ruft man, dass wir aktiv sein sollen, dass wir uns einsetzen sollen \u2013 f\u00fcr unser eigenes Leben und f\u00fcr das Leben der anderen. Das ist nicht verkehrt. Aber heute sagen die Texte der Kirche etwas anderes: Dass Gott \u2013 ungeachtet was wir tun, ob wir wachen oder schlafen \u2013 mit uns und unserer Geschichte handelt, weil Gott Gnade ist und die Zeit Befreiung und Erneuerung.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong>Pastor Kirsten B\u00f8ggild<br \/>\nThun\u00f8gade 16<br \/>\nDK-8000 \u00c5rhus C<br \/>\nTel. +45 86124760<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:kboe@km.dk\">kboe@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexagesimae, 19. Februar 2006 Predigt zu Markus 4,26-32, verfasst von Kirsten B\u00f8ggild (D\u00e4nemark) (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Vertrauen in die Zukunft Die beiden kurzen Gleichnisse, die wir eben geh\u00f6rt haben, bringen ein grenzenloses Vertrauen in die Zukunft zum Ausdruck. 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