{"id":10999,"date":"2021-02-07T19:49:07","date_gmt":"2021-02-07T19:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10999"},"modified":"2023-01-31T18:16:19","modified_gmt":"2023-01-31T17:16:19","slug":"amos-5-21-24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/amos-5-21-24\/","title":{"rendered":"Amos 5, 21-24"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Estomihi, 26. Februar 2006<br \/>\nPredigt zu\u00a0Amos 5, 21-24, verfasst von Heiko Na\u00df <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Der Prophet Amos sagt:<br \/>\n<em>Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.<\/em><br \/>\n<em>Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.<\/em><br \/>\n<em>Tu weg von mir das Gepl\u00e4rr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht h\u00f6ren!<\/em><br \/>\n<em>Es str\u00f6me aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.<\/em><br \/>\n<em>Habt ihr vom Hause Israel mir in der W\u00fcste vierzig Jahre lang Schlachtopfer und Speisopfer geopfert?<\/em><br \/>\n<em>Ihr truget den Sakkut, euren K\u00f6nig, und Kewan, den Stern eures Gottes, eure Bilder, welche ihr euch selbst gemacht habt;<\/em><br \/>\n<em>so will ich euch wegf\u00fchren lassen bis jenseits von Damaskus, spricht der Herr, der Gott Zebaoth hei\u00dft.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\naus dem Dunkel der Geschichte ruft eine Stimme. Es sind die Jahre um 750 vor Christus in Israel. Was wir aus dieser Zeit wissen, ist wenig, ist so gut wie nichts. Es gibt einige arch\u00e4ologische Funde, aber ob sie in diese Zeit geh\u00f6ren, ist auch unter den Fachleuten nicht sicher. Was wir wissen, stammt aus Berichten, die erst viel sp\u00e4ter aufgeschrieben worden sind.<\/p>\n<p>Aber in diesem Dunkel begegnet uns nun mit einem Mal ein authentisches menschliches Zeugnis. Es ist das Wort des Propheten Amos. Wir h\u00f6ren heute mit unserem Predigttext, zweitausendsiebenhundertf\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter, aus dem Dunkel der Geschichte diese eine menschliche Stimme. Menschen hielten diese Worte fest, weil sie ihnen so bedeutsam waren, \u00fcberlieferten sie auf Tontafeln oder auf Papier, als Zeugnis f\u00fcr die Nachwelt, zum Weitersagen und zum Bedenken. Und so kommt es, dass wir aus einer Zeit, aus der wir allenfalls die Namen der herrschenden K\u00f6nige kennen und ihrer St\u00e4dte, dass wir das Zeugnis einer Stimme h\u00f6ren, eines Menschen, der \u201enur\u201c eine Bauer war, ein Z\u00fcchter von Maulbeerfeigen, aus dem St\u00e4dtchen Thekoa. Eine Stimme, die so stark war, dass wir mit ihr einen Namen kennen, eine Geschichte und eine Botschaft.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, welche Stimme unter uns ist heute so stark, dass sie noch 2700 Jahre nach uns bewahrt, geh\u00f6rt werden w\u00fcrde? Welche von den vielen Worten, die in diesem oder in dem vergangenen Jahrhundert gesprochen worden sind, h\u00e4tten die Kraft und Bedeutung, dass viele Generationen nach uns Menschen sich ihrer noch erinnern, von ihnen Wegweisung erfahren wollte?<br \/>\nMir fallen da nicht sehr viele, wirklich bewahrenswerte, historische Worte ein. Ich denke an Neil Armstrong, den ersten Mann auf dem Mond und seine Worte: Ein kleiner Schritt f\u00fcr mich, aber ein gro\u00dfer f\u00fcr die Menschheit.<br \/>\nIch denke auch an ein Wort von Willy Brandt: Es w\u00e4chst zusammen, was zusammen geh\u00f6rt.<br \/>\nAber haben diese Worte und auch die Ereignisse die Bedeutung, noch 2700 Jahre sp\u00e4ter geh\u00f6rt zu werden?<br \/>\nAm eindr\u00fccklichsten sind mir noch die Worte von Martin Luther King: Ich habe einen Traum\u2026<br \/>\nIn ihnen, die er 1963 vor dem Lincoln Memorial in Washington f\u00fcr die B\u00fcrgerrechte der Schwarzen im eigenen Lande hielt, klingt noch immer die Dynamik, die Vision, das Charisma, lebendig nach: Ich habe einen Traum\u2026 ein Traum von Freiheit und Gerechtigkeit f\u00fcr alle Staaten Amerikas.<br \/>\nDas waren gro\u00dfartige und historische Worte, und von ihnen werden wir noch immer bewegt, heute nach 40 Jahren. Nur, liebe Gemeinde, was sind 40 Jahre heute mit all unseren M\u00f6glichkeiten der Aufzeichnung in Wort und Bild und Ton gegen\u00fcber 2700 Jahre durch die Geschichte hindurch?<\/p>\n<p>Was ist also so bedeutend gewesen an diesen Worten des Propheten Amos, so dass wir sie heute immer noch h\u00f6ren und verlesen?<br \/>\nSchauen wir genauer hin, dann h\u00f6ren wir eigentlich Selbstverst\u00e4ndliches f\u00fcr den Umgang von Menschen miteinander. Amos sagt: Unterdr\u00fcckt nicht das Recht der Armen, lebt keinen Luxus auf Kosten derer, die nichts haben. Er sagt: Ihr sollt nicht das Recht beugen oder Ma\u00dfe und Gewichte f\u00e4lschen und schon gar nicht sollt ihr mit Bestechung euren Vorteil suchen.<\/p>\n<p>Und dann sagt er an die gottesdienstliche Gemeinde gewandt: Als Menschen, die an Gott glauben, die zu den Gottesdiensten kommen, die Gott danken, in Liedern loben, die ihm Opfer darbringen, muss das Reden im Gottesdienst zusammenpassen mit dem Handeln im Alltag.<br \/>\nIn diesem Zusammenhang fallen die Worte, die wir heute als Predigttext h\u00f6ren: <em>\u201eIch bin euren Feiertagen gram und mag eure Versammlungen nicht riechen\u2026 Tut weg von mir das Gepl\u00e4rr eurer Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht h\u00f6ren.\u201c<\/em><br \/>\nDa macht sich prophetischer Zorn laut. Und in diesem Zorn klingt die Autorit\u00e4t Gottes auf. Der Gottesdienst, die Lieder, die Opfer, so gro\u00df sie auch sein m\u00f6gen, sie sind in den Augen des Amos nur H\u00fclle, nicht Sein. Ihnen fehlt die Verbindlichkeit, die Verbindlichkeit der Menschen, nicht nur im Gottesdienst, sondern auch in ihrem Leben und Handeln, Gott zu achten. Denn was Amos will, das erfahren wir, in dem gleich anschlie\u00dfenden n\u00e4chsten Satz: <em>\u201eEs str\u00f6me aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach\u201c.<br \/>\n<\/em>Recht soll wie ein Bach sein, der die Felder bew\u00e4ssert, dass sie fruchtbar sind und Ernte bringen und Menschen, Tieren zur Grundlage des Lebens werden. Wie ein Strom, der von seiner Quelle bis zu seiner M\u00fcndung allen, die an seinen Ufern leben, Segen und Heil bringt, so soll Gerechtigkeit das Leben, den Alltag, die Gesellschaft mit ihren Ordnungen durch str\u00f6men, ohne die kein Gl\u00fcck, kein Reichtum, keine Frucht und Lohn der Arbeit m\u00f6glich w\u00e4ren.<br \/>\nVielleicht hatte Amos bei diesem Bild den Nilstrom vor Augen. Mit seinen j\u00e4hrlichen \u00dcberschwemmungen bew\u00e4ssert er die Felder und schafft in einer ansonsten trockenen Region zu beiden Seiten einen fruchtbaren Streifen gr\u00fcnes Land. Ein ganzes Reich, mehrere gro\u00dfen Dynastien hat der Strom mit seinem Segen hervorgebracht. Vielleicht dachte Amos auch an das fruchtbare Zweistromland zwischen den Fl\u00fcssen Euphrat und Tigris. Die Bl\u00fcte der Macht jenes Staates dort hatte Amos deutlich vor Augen, als er seine Worte sprach. So, sagt der Prophet, so soll auch das Recht sein unter den Menschen und Gerechtigkeit seine Wirkung im Miteinander zeigen.<br \/>\nWo das Recht solcherma\u00dfen gro\u00df geschrieben wird, d\u00fcrfen die Menschen auch Gottesdienst feiern und ihre Feiertage halten.<\/p>\n<p>Muss uns, liebe Gemeinde, diese eigentlich so selbstverst\u00e4ndliche Einsicht immer wieder erinnert werden? Offensichtlich geht der Ma\u00dfstab unseres Handelns, das Miteinander von Gottes- und N\u00e4chstenliebe immer wieder verloren. Und es bedarf dann Menschen, die uns auf diesen unverbr\u00fcchlichen Zusammenhang von Glauben und Handeln hinweisen. Ich denke an Dietrich Bonhoeffer, dessen 100. Geburtstags wir vor kurzem gedachten. Als einer der ganz wenigen in Deutschland hat er den Antisemitismus der Nazi-Ideologie mit den Grundlagen der Bibel kritisiert: \u201eNur wer f\u00fcr die Juden schreit, der darf auch gregorianisch singen\u201c. Beten und Tun des Gerechten geh\u00f6ren zusammen. \u201e\u2019Tu den Mund auf f\u00fcr die Stummen!\u2019(Spr\u00fcche 3,18) \u2013 wer wei\u00df denn das heute noch in der Kirche, dass dieses die mindeste Forderung der Bibel in solchen Zeiten ist?\u201c, schrieb Bonhoeffer im Jahr 1934.<\/p>\n<p>Die \u201emindeste Forderung der Bibel\u201c, sie muss wohl offensichtlich immer und immer wieder neu zur Sprache gebracht werden. Vor 2700 Jahren war es die Stunde des Propheten Amos, dessen Auftrag es war, das Missverh\u00e4ltnis zwischen Gotteslob und Rechtsbeugung im t\u00e4glichen Leben deutlich zu machen. Vor 70 Jahren erhob Bonhoeffer mutig seine Stimme, weil das schreiende Unrecht gegen die Juden jedem erkl\u00e4rten Willen Gottes, der Botschaft seines Evangeliums, entgegen lief.<\/p>\n<p>Und heute, was ist heute unsere Aufgabe als Schwestern und Br\u00fcder in der Gemeinschaft der Heiligen, unserer Kirche?<br \/>\nEs ist unsere Aufgabe, dass wir uns von einem Bewusstsein f\u00fcr Recht und Gottes Gerechtigkeit durchstr\u00f6men lassen. Dass wir darin den Ma\u00dfstab unseres Handelns und unseres Betens sehen. Gottes Gerechtigkeit umfasst einen unbedingten Willen zum Guten f\u00fcr einen jeden Menschen, in unserem Land, auf unserer Erde. Mit dieser inneren Ausrichtung werden wir die konkreten Aufgabenfelder schon sehen lernen, werden erkennen, was von uns selbst und von uns als christliche Gemeinschaft gefordert ist.<br \/>\nWesentlich wird es f\u00fcr das Miteinander in unserem Land und im gro\u00dfen Weltkontext sein, dass wir uns um Verst\u00e4ndigung der Religionen bem\u00fchen. Der Islam ist vielen von uns eine immer noch fremde, zum Teil unverst\u00e4ndliche Religion, und das, obwohl wir die M\u00f6glichkeit haben, mehreren Millionen Menschen mit diesem Glauben in unserem Land zu begegnen. Ein anderes Beispiel von Gerechtigkeit muss unser Einsatz daf\u00fcr sein, dass gute Bildung nicht an die soziale Herkunft gekoppelt sein darf. Wir haben in unserer Kirche die M\u00f6glichkeiten, mit unseren Einrichtungen, den Kinderg\u00e4rten, im Religionsunterricht, im Konfirmandenunterricht und dem st\u00e4ndigen Wirken in die Gesellschaft hinein, uns f\u00fcr einen Ausgleich der Bildungschancen einsetzen und uns gleichzeitig pers\u00f6nlich um einzelne Kinder und Jugendliche zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Aus diesen Beispielen, aus den Erfahrungen der Zeugen vor uns, nehmen wir die Wahrheit mit, dass Recht immer wieder erinnert, Gerechtigkeit immer wieder erneuert werden muss. Durch Menschen, die Gott in den Dienst nimmt, die er mit von seiner Botschaft ber\u00fchrt sein l\u00e4sst. Wir tragen das Zeugnis Jesu weiter, wo wir uns zum Werkzeug seiner Liebe berufen lassen:<br \/>\nim H\u00f6ren auf sein Wort,<br \/>\nim Sagen der Wahrheit,<br \/>\nim Tun des Friedens.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Heiko Na\u00df<br \/>\nPastor, Referent der Kirchenleitung<br \/>\nund stellv. Pressesprecher der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche<br \/>\n<a href=\"mailto:hnass.nka@nordelbien.de\">hnass.nka@nordelbien.de<\/a><\/strong><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Estomihi, 26. Februar 2006 Predigt zu\u00a0Amos 5, 21-24, verfasst von Heiko Na\u00df Der Prophet Amos sagt: Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. 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