{"id":11001,"date":"2021-02-07T19:48:53","date_gmt":"2021-02-07T19:48:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11001"},"modified":"2023-02-28T18:08:19","modified_gmt":"2023-02-28T17:08:19","slug":"amos-5-21-24-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/amos-5-21-24-4\/","title":{"rendered":"Amos 5, 21-24"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Estomihi, 26. Februar 2006<br \/>\nPredigt zu\u00a0Amos 5, 21-24, verfasst von Petra Savvidis<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>&#8222;So spricht der Herr: Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Gepl\u00e4rr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht h\u00f6ren! Es str\u00f6me aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde! Diese Rede ist heftig. Ein vernichtendes Urteil, eine totale Kritik. Gott zeigt sich ablehnend, abweisend, spricht in hartem Befehlston: Weg damit, ich will es nicht h\u00f6ren, ich mag es nicht. H\u00f6rt mir auf mit euren Gottesdiensten, h\u00f6rt mir auf mit euren Liedern. Ich hasse das, weg damit. Nat\u00fcrlich kennen wir auch solche harten Worte von Gott, im alten und im neuen Testament, aber dann richten sie sich gegen liebloses Tun, gegen Unmenschlichkeit, Ungerechtigkeit, Unglauben. Hier richten sie sich gegen Gottesdienst, gegen die feiernde Gemeinde, gegen ihre Opfergaben, ihre Lieder und ihre Musik. Das ist etwas anderes. Und das macht es schwer, es zu begreifen. Und es ist schwer, uns das sagen zu lassen.<\/p>\n<p>(eine Stimme aus der Gemeinde) Sind wir \u00fcberhaupt gemeint? Ja, sind wir mit unseren Gottesdiensten tats\u00e4chlich gemeint? Wenn das so w\u00e4re, k\u00f6nnten wir doch gleich einpacken und nach Hause gehen. Dann br\u00e4uchten wir nicht zu predigen und zu singen und zu beten, wenn doch nur alles ein Graus ist f\u00fcr Gott.<\/p>\n<p>Was ist das, was Gott so zornig macht, was hat er dem Amos gesagt, was bringt ihn dazu, so zu reden?<\/p>\n<p>(wieder die Stimme aus der Gemeinde usw.) Sind wir \u00fcberhaupt gemeint?<\/p>\n<p>Gehen wir zur\u00fcck in die Zeit des Propheten Amos, schauen wir uns um mit ihm in seinem Land, werfen wir einen Blick auf die Menschen damals, wie sie glaubten und lebten. Und dann werden wir eine Antwort finden darauf, ob wir gemeint sind oder nicht.<\/p>\n<p>Amos war kein geborener Prophet, auch keiner, der sein Geld damit verdiente, Menschen wohl dosierte Prophezeiungen zu sagen. Er war ein Viehz\u00fcchter und lebte ein ganz normales Leben als kleiner Mann im S\u00fcden von Jerusalem. Bis eines Tages Gott zu ihm sprach und ihn auf einen langen Weg schickte. Ins Nordreich sollte er gehen, dorthin, wo die Menschen nach langen Kriegen und Unterdr\u00fcckung eine wahre Bl\u00fctezeit erlebten. Ein Wirtschaftswunder ereignete sich gerade, eine Wohlstandsgesellschaft sicherte ein gutes, sattes Leben. Zumindest f\u00fcr einige Menschen. F\u00fcr die, die das Sagen hatten, f\u00fcr die, die Geld ausgeben konnten. Nat\u00fcrlich fielen viele durch die Maschen. Das ist immer so. Die Kehrseite dieses Wirtschaftswunders war die wachsende Verarmung eines Teils der Bev\u00f6lkerung. Und es gab auch damals in Israel soziale Ungerechtigkeit und Korruption, Beamte waren bestechlich, Gerichtsurteile waren k\u00e4uflich. Sicher hatte Amos, der kleine Viehz\u00fcchter, keine Ahnung von Wirtschaftspolitik und Sozialethik, sicher wusste er, obwohl er doch ein Prophet war, auch nichts davon, dass das in allen Jahrhunderten nach ihm so bleiben w\u00fcrde: Reichtum und Armut gehen zusammen. Wirkliche Gerechtigkeit gibt es nicht. Obwohl er ein Prophet war, hat er das sicher nicht vorausgesehen. Denn sonst h\u00e4tte ihn das wohl gelassener gemacht. So wie es uns erstaunlich gelassen l\u00e4sst. Oft, nicht immer. Manchmal erhitzt ein Finanzskandal die Gem\u00fcter, wenn sich ein Manager allzu schamlos selbst bedient. Vielleicht h\u00e4tte Amos gelassener reagiert, h\u00e4tte er das schon gewusst. So aber schaute er sich um in seiner Gegenwart und regte sich auf. Und zwar geh\u00f6rig: W\u00fcste Worte findet er f\u00fcr die Menschen, die sich nicht scheren um die Ungerechtigkeit vor ihrer Haust\u00fcr. Die mitmachen bei eintr\u00e4glichen Gesch\u00e4ften, die andere ruinieren. Schlimme Beschimpfungen l\u00e4sst er los gegen Menschen, die sich ausstaffieren mit Luxusg\u00fctern und den Bettler mit leeren H\u00e4nden gehen lassen. Heutzutage m\u00fcsste Amos mit einer Flut von Beleidigungsklagen rechnen. Denn immer treffen seine Worte diejenigen, die sich solche Klagen auch leisten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Sind wir \u00fcberhaupt gemeint?<\/p>\n<p>Amos hatte einen klaren, unverstellten Blick. Den lie\u00df er durch das Land wandern und erkannte etwas sehr Einfaches: wenn die Menschen satt sind und Geld haben, wenn sie in einem sicheren Land befriedet wohnen, wenn sie ruhig und beschaulich, mit wenig Luxus oder mit viel jeden Tag gut leben k\u00f6nnen, dann kommt auf schleichenden Sohlen die Selbstzufriedenheit. Dann geht der Blick f\u00fcr die N\u00f6te anderer verloren, dann schleicht sich dieser Gleichmut ein, der doch nur Gleichg\u00fcltigkeit ist. Dieses satte, zufriedene, um sich selbst kreisende Lebensgef\u00fchl. Nat\u00fcrlich muss Frieden und Wohlstand nicht dazu f\u00fchren, aber es ist eben oft so. Damals war es so.<\/p>\n<p>Sind wir \u00fcberhaupt gemeint?<\/p>\n<p>Amos hatte einen Auftrag, er hatte eine Botschaft zu verk\u00fcnden. Und die war h\u00f6chst be\u00e4ngstigend. Gott wendet sich ab von seinem Volk, er ist zornig und kann euch nicht mehr riechen. Als Amos sich umschaut im Lande, da ahnt er, was Gott so zornig macht. Warum seine Worte so kompromisslos hart sind. Amos zeigt mit dem Finger auf alles, was er Unerfreulich-Unerh\u00f6rtes sieht, und er fragt: Was wollt ihr mit euren vollen B\u00e4uchen und eurer Selbstzufriedenheit eigentlich noch von Gott? Seid ihr euch nicht l\u00e4ngst selbst genug? Es ist doch verlogen, dass ihr Gottesdienste feiert, fette Opfer bringt und Lieder singt und dann nach Hause geht und fr\u00f6hlich weiterfeiert, ohne Gott und ohne einen Blick f\u00fcr die,die nichts zu lachen und nichts zu feiern haben. Wie k\u00f6nnt ihr glauben, dass Gott sich an euren Gottesdiensten freut, wenn sie doch nichts, aber auch gar nichts zu tun haben mit eurem Leben? So nicht! sagt Amos. Sagt Gott. So nicht!<\/p>\n<p>Sind wir \u00fcberhaupt gemeint?<\/p>\n<p>Ja, wir sind hier alle angesprochen und gemeint. Dann n\u00e4mlich, wenn wir verstehen sollen, dass Gottesdienst und Alltag zusammengeh\u00f6ren. Dass unser Glauben und unser Leben zusammengeh\u00f6ren. Ja, wir sind alle gemeint. Wir brauchen alle von Zeit zu Zeit diese Mahnung. Dass wir Gottesdienst feiern, um uns zu st\u00e4rken f\u00fcr den Dienst, der uns im Alltag bevorsteht. Den Dienst an Menschen, die Not leiden, den Dienst f\u00fcr alle, die uns zum N\u00e4chsten werden k\u00f6nnen. Eine Gemeinde, die selbstvergessen und selbstzufrieden ist und bleibt, die sich selbst im Gottesdienst feiert, nur nett, nur unverbindlich, bei der ist Gott nicht gerne Gast. Die kann er nicht riechen. Die schmeckt ihm nicht. Gottesdienste d\u00fcrfen gern sch\u00f6n und stimmungsvoll und einladend sein, aber sie d\u00fcrfen eben nicht nur sch\u00f6n sein. Sie sollen nicht einlullen und auf ewig best\u00e4tigen, was wir immer schon geglaubt, gewusst und gelebt haben. Unsere Gottesdienste \u2013 und das muss ich auch mir als Pastorin sagen lassen \u2013 m\u00fcssen nicht allen gefallen, sondern sie sollen uns so best\u00e4rken und ermutigen, dass sie uns in Bewegung setzen und Kr\u00e4fte frei machen und sp\u00fcren lassen, dass Gott lebendig ist und machtvoll, und uns auch dazu bringen will, lebendig zu sein und in seiner Kraft zu handeln.<\/p>\n<p>(Stimme aus der Gemeinde) Ja, wir sind gemeint.<\/p>\n<p>Und das ist gut so. Weil wir n\u00e4mlich als fr\u00f6hliche und mutige Gottesdienstbesucherinnen und \u2013besucher an diesem Sonntag diese Rede gut aushalten k\u00f6nnen. Wenn wir es ernst nehmen mit dem Glauben, begreifen wir ja, dass die Sonntagsreden uns auch im Alltag etwas zu sagen haben sollten. Dass die Gemeinschaft des Sonntags in Gottesdienst und Abendmahl sich auch zeigen m\u00fcsste im allt\u00e4glichen Leben. Wir begreifen es ja, dass Glauben und Leben und Gottesdienst und Alltag zusammengeh\u00f6ren. Allerdings: es f\u00e4llt manchmal schwer.<\/p>\n<p>Und genau darum hilft wohl der allerletzte Satz des Predigttextes. Am Schluss der harten Worte Gottes durch Amos\u00b4Mund steht dann doch noch ein Bild, das die H\u00e4rte nicht mindert, das aber die ganze Kraft in eine gute, hilfreiche Richtung lenkt: Es str\u00f6me aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. So stellt Gott sich das vor. Recht und Gerechtigkeit will er f\u00fcr die Welt. Und das ist so umfassend, dass es unser Vorstellungsverm\u00f6gen \u00fcbersteigt. Unsere kleine Kraft sowieso. Mit Appellen, mit Forderungen ist das nicht zu tun. Recht und Gerechtigkeit nach Gottes Willen umfasst G\u00fcte und Barmherzigkeit, Liebe und Vertrauen zum Leben und f\u00fcr die Menschen. Wie lebensnotwendiges Wasser soll das str\u00f6men und fluten. Und die Gottesdienste, die sollen Orte sein, wo wir aus dieser Quelle reichlich sch\u00f6pfen und es dann mitnehmen in den Alltag. Recht und Gerechtigkeit . Das ist wie ein Strom, in den wir uns nur hinein nehmen lassen k\u00f6nnen. Belebend, anr\u00fchrend, mitrei\u00dfend. Ein Geschenk, eine Gottesgabe.<\/p>\n<p>Mit Gott in unserer Mitte, mit dem, was wir von ihm begreifen k\u00f6nnen, und mit allem, was uns unbegreifbar bleibt, so sollen wir Gottesdienst feiern. Und dann bitten, dass unser Beten und unser Singen und all das, was wir vor ihn bringen, ihm gef\u00e4llt, ihm schmeckt und er uns gut riechen kann. Das gebe Gott.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alles, was wir begreifen k\u00f6nnen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrerin Dr. Petra Savvidis<br \/>\n59514 Welver-Schwefe<br \/>\n<a href=\"mailto:savvidisp@hotmail.com\">savvidisp@hotmail.com<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Estomihi, 26. 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