{"id":11003,"date":"2021-02-07T19:48:58","date_gmt":"2021-02-07T19:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11003"},"modified":"2023-02-09T11:19:44","modified_gmt":"2023-02-09T10:19:44","slug":"psalm-31","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/psalm-31\/","title":{"rendered":"Psalm 31"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong>Predigt zu Psalm 31, verfasst von Pastor Elof Westergaard<\/strong><\/h3>\n<p>\u201eHerr, neige deine Ohren zu mir&#8230; Sei mir ein starker Fels&#8230; In deine H\u00e4nde befehle ich meinen Geist.\u201c Wir haben diese Worte der Lesung aus dem Alten Testament, aus dem Psalm geh\u00f6rt.<br \/>\nDer Psalmist spricht hier sehr konkret \u00fcber und sehr pers\u00f6nlich zu Gott. Gott ist geschildert als eine Person mit Ohren, die zuh\u00f6ren k\u00f6nnen. Er hat H\u00e4nde, die den Menschen umfassen k\u00f6nnen.<br \/>\nBei ihm k\u00f6nnen wir Zuflucht finden.<br \/>\nGott ist Befreier und Erl\u00f6ser. Er kann den Menschen retten. Deshalb legt der Dichter des Psalms Gott denn auch andere Eigenschaften zu als die, die normalerweise einen Menschen charakterisieren.<br \/>\nDer Psalmist nennt Gott auch einen Fels, eine Burg.<br \/>\nGott hat menschliche Z\u00fcge, aber er besitzt zugleich auch die schwerere Ruhe und St\u00e4rke der Natur. Gott ist der Best\u00e4ndige und Starke im Verh\u00e4ltnis zu dem gebrechlichen Gesch\u00f6pf. Er ist ewig wie der Fels im Gegensatz zum zeitgebundenen Menschen.<\/p>\n<p>Der Psalmist muss, wie wir auch, Bilder benutzen, um Gott zu schildern. Bilder, die nicht tr\u00fcgen. Sie erweitern vielmehr den Eindruck von dem Gott, den wir selbst nicht greifen k\u00f6nnen. Er, der der Sch\u00f6pfer alles Geschaffenen ist. Er, der mit unserem Denken und unserem Verstand nicht zu greifen ist. Er, der bei dem brennenden Dornenbusch mit Wahrheit von sich selbst zu Moses sagte: \u201eIch bin, der ich bin.\u201c<\/p>\n<p>Die Gefahr von Bildern ist dann nat\u00fcrlich die, dass sie ein zu stereotypes, einheitliches und geschlossenes Bild von dem geben, \u00fcber den wir reden, hier also von Gott, aber umgekehrt tragen Bilder auch dazu bei, den Blick, das Verst\u00e4ndnis und das Empfinden f\u00fcr Gott zu erweitern als f\u00fcr den, der uns in seinem Wort wirklich begegnet.<br \/>\nWenn es in dem alttestamentlichen Psalm hei\u00dft, dass Gott H\u00e4nde und Ohren hat und zugleich ein Fels ist, dann \u00f6ffnet sich die M\u00f6glichkeit eines Gottesbegriffs mit mehreren Dimensionen. Gott l\u00e4sst sich hier nicht einfach einschlie\u00dfen in eine festes und geschlossenes Bild einer Person. Wir sehen mit Paulus noch immer nur in einem Spiegel, wie in einem R\u00e4tsel.<br \/>\nDie Verhei\u00dfung steht aber da, dass wir eines Tage von Angesicht zu Angesicht sehen werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr ein stereotypes Bild von Gott haben wir ein gutes Beispiel im Bericht des Evangeliums von heute:<br \/>\nHat Gott Ohren und H\u00e4nde, ist er wie der Fels und die Burg, dann gef\u00e4llt den J\u00fcngern n\u00e4mlich die Schilderung Jesu vom Schicksal des Menschensohnes nicht. Des Menschensohnes, dieser Erl\u00f6sergestalt, die mit dem Kommen des Reiches Gottes verbunden ist.<br \/>\nJesus erz\u00e4hlt den J\u00fcngern n\u00e4mlich, dass der Menschensohn gefangen genommen werden wird. Er wird verspottet und misshandelt werden. Sie werden ihn anspeien und ihn gei\u00dfeln, um ihn am Ende zu t\u00f6ten. Am dritten Tage wird er wieder auferstehen.<br \/>\n\u201eDie J\u00fcnger verstanden nichts davon,\u201c schreibt der Evangelist Lukas. Das Bild der J\u00fcnger von Gott und dem Erl\u00f6ser als starkem K\u00f6nig, als einem Felsen und einer Burg steht f\u00fcr sie im Wege, um Jesu Rede vom bevorstehenden Leiden und Tod des Menschensohnes verstehen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nHier geht ihre Grenze f\u00fcr eine Menschwerdung Gottes.<br \/>\nGott hat Ohren und H\u00e4nde, er ist wie der Fels der Natur und wie die starke und best\u00e4ndige Burg, aber dass seine Menschlichkeit auch Erniedrigung, Schmerz und Tod bedeuten kann, das ist zuviel. Das macht keinen Sinn in dem \u00fcblichen Bild von Gott.<\/p>\n<p>Die Blindheit der J\u00fcnger hier kennen wir sehr gut. Auch unsere Bilder und Vorstellungen sowohl von Gott als auch von einander k\u00f6nnen leicht ein Hindernis sein f\u00fcr eine eigentliche Begegnung, f\u00fcr Vertrauen und Glauben.<br \/>\nWir erwarten oft von vornherein etwas Bestimmtes. Wir haben uns bereits entschieden, wir haben unsern Verstand und Sinn mit den Beurteilungen und Einsch\u00e4tzungen gef\u00fcllt, mit den Charakterz\u00fcgen und Eigenschaften, den Sympathien oder der Geringsch\u00e4tzung, die wir uns bereits im Voraus gebildet haben auf Grund unserer Bilder von dem Anderen.<br \/>\nDie Bilder stehen hier im Wege f\u00fcr eine eigentliche Begegnung, weil sie allzu eindeutig sind, ohne Platz f\u00fcr das Wunder, das Gott und Mitmensch ist.<br \/>\nDas Offene und Ger\u00e4umige, das das Bild im \u00dcbrigen ausdr\u00fccken sollte, verschwindet in eindeutiger Begrenzung. Die Bilder gefrieren, und es bleibt kein Platz, sich zu wundern und \u00fcberrascht zu werden von dem einzigartigen, fremden und andersartigen Wesen des Anderen.<br \/>\nWir stehen somit oft wie Blinde vor Gott und unserem N\u00e4chsten.<\/p>\n<p>Unser eigenes Bild von Gott und das der J\u00fcnger als dem allm\u00e4chtigen Herrn und Sch\u00f6pfer wird hier in dem Bericht des Evangeliums von heute gebrochen.<br \/>\nJesus ist ein Mensch mit H\u00e4nden und K\u00f6rper, Augen und Ohren. Er ist mit Gott verbunden. Durch ihn kennen wir Gott. Aber warum muss er dann auch leiden und sterben?<br \/>\nSeine H\u00e4nde sind nun nicht nur kraftvoll, nein, sie werden von N\u00e4geln durchbohrt. Seine Finger sind nicht nur stark, nein, sie werden sich auch in Schmerz verkrampfen. Wo ist die Ruhe des Felsens und die St\u00e4rke der Burg in diesem Bild von Gott, dem wir in Jesus begegnen? Es passt gleichsam nicht zu unserer Vorstellung von Gott als allm\u00e4chtig und als dem Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde.<br \/>\nJedenfalls haftet etwas Paradoxes an diesem Gottesbild, dem wir im christlichen Glaubensbekenntnis begegnen.<br \/>\nJesus ist und bleibt ein Kreuz f\u00fcr den Gedanken an Gott.<br \/>\nDa ist sowieso schon etwas an Gott, was wir nicht begreifen k\u00f6nnen, etwas, was unsere eigenen Bilder und Vorstellungen von Gott nicht voll und ganz ausf\u00fcllen k\u00f6nnen und was bewirkt, dass unsere eigene Blindheit auch so offensichtlich wird. Das hat zu tun mit dem Verh\u00e4ltnis von der Ewigkeit Gottes und unserer Zeitlichkeit, zwischen ewigem Leben und Tod.<br \/>\nAber mit Jesu Wort und seinem Leben und Tod wird das alles nur umso merkw\u00fcrdiger \u2013 ja, wenn wir dar\u00fcber nachdenken und nur unserem Verstand gehorchen, dann kann das geradezu verr\u00fcckt wirken \u2013 diese Verbindung zwischen Gott, Leiden und Tod in Jesus.<br \/>\nAber es ist dennoch wesentlich, daran festzuhalten: wir kennen Gott in Jesus. Wir kennen Gott durch den gekreuzigten und auferstandenen Christus.<br \/>\nUnmittelbar trifft uns diese Wahrheit mit Blindheit und mit einem Gef\u00fchl der Verst\u00e4ndnislosigkeit. Denn verstehen kann ich das nicht. Ich stehe mit meinem Gehirn und mit meinem Verstand wie ein Blinder gegen\u00fcber dieser Begegnung von Gott in Jesus.<\/p>\n<p>Blindheit und Blindheit ist nicht dasselbe. Es gibt die physische Blindheit, n\u00e4mlich dass ich nicht mehr sehen kann, was ich vorher lesen konnte. Blindheit, wie sie den armen Bettler vor den Mauern Jerichos geschlagen hatte.<br \/>\nAber wir kennen auch eine andere Blindheit \u2013 eine Blindheit im Verh\u00e4ltnis zueinander, \u2013 dass wir den Anderen wohl sehen, aber ihn dennoch nicht so sehen, wie er uns eigentlich in seiner ganzen Originalit\u00e4t entgegentritt.<br \/>\nUnsere Augen k\u00f6nnen also wohl sehen, aber zugleich sind wir wie Blinde.<br \/>\nDas kann dann von der Art und Weise abh\u00e4ngen, wie wir sehen. Wir sind von einer gewissen Blindheit geschlagen, wenn wir blo\u00df sehen und sehen, ohne uns eigentlich engagieren zu wollen \u2013 wenn wir wohl das Erlebnis wollen, aber die Erscheinung nur an uns vor\u00fcbergleiten lassen \u2013 wie wenn das Geh\u00f6rte in das eine Ohr eindringt, um sogleich wieder durch das andere Ohr zu verschwinden.<br \/>\nEs f\u00e4llt nicht schwer, unsere Sinne so unverbindlich zu gebrauchen in unserer Zeit, in der wir oft im Auto oder im Zug sitzen, alles unter Kontrolle haben, in dem sitzen, was uns geh\u00f6rt, und dort unverbindlich beobachten, wie die Welt vorbeigleitet.<br \/>\nWenn eine solche Sicht der Welt als eine Art Blindheit betrachtet werden muss, dann hat das seinen Grund darin, dass uns hier nur allzu oft etwas fehlt: Liebe und Leidenschaft; dass derjenige, der sieht, nicht nur sehen will, um in seinem eigenen Bild von Gott und der Welt best\u00e4tigt zu werden, sondern vielmehr die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, dem zu begegnen, der uns will.<br \/>\nIn diesem Licht betrachtet ist es also auch irref\u00fchrend, wenn man sagt, Liebe w\u00fcrde blind machen. Ganz im Gegenteil: Liebe \u00f6ffnet die Augen, indem Liebe nicht sich selbst will, sondern den anderen will, so wie der Betreffende sich f\u00fcr einen offenbart.<\/p>\n<p>Es ist genau diese Blindheit, die Jesus auch heilt, indem er \u2013 getragen von der Liebe Gottes \u2013 sich mit der Welt vereint. Gott ist in ihm nicht nur der allessehende Gott im Himmel, der voller Sch\u00f6pferkraft und mit der St\u00e4rke von Burg und Fels das Leben bew\u00e4ltigen kann. Gott ist auch die Macht der Liebe, der Augen\u00f6ffner \u00fcber allen. Denn Gott h\u00e4lt sich nicht zur\u00fcck, um uns dort zu begegnen, wo wir sind. Er geht mit in das Leiden und mit in den Tod. Er tritt an das Taufbecken und gibt uns Anteil an sich beim Abendmahl. Seine Wille zur Gegenw\u00e4rtigkeit, seine Leidenschaft f\u00fcr uns \u00fcbersteigt alle Grenzen.<\/p>\n<p>Es mag also sehr wohl sein, dass Jesu Rede von Leiden und Tod unser Denken \u00fcber Gott herausfordert, aber ohne ihn w\u00e4re die Burg nur weit weg von uns, seine Augen w\u00e4ren hoch oben in den Wolken und seine H\u00e4nde w\u00e4ren erhaben und rein. Aber Gott kennt den Weg des Blutes. Er ist unsere Hoffnung, der gekreuzigte und auferstandene Christus. In Jesu Namen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Elof Westergaard<br \/>\nMarieh\u00f8j 17<br \/>\nDK-8600 Silkeborg<br \/>\nTel.: ++45 \u2013 86 80 08 15<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:eve@km.dk\">eve@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Psalm 31, verfasst von Pastor Elof Westergaard \u201eHerr, neige deine Ohren zu mir&#8230; Sei mir ein starker Fels&#8230; In deine H\u00e4nde befehle ich meinen Geist.\u201c Wir haben diese Worte der Lesung aus dem Alten Testament, aus dem Psalm geh\u00f6rt. Der Psalmist spricht hier sehr konkret \u00fcber und sehr pers\u00f6nlich zu Gott. 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