{"id":11015,"date":"2021-02-07T19:49:04","date_gmt":"2021-02-07T19:49:04","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11015"},"modified":"2023-02-05T17:29:07","modified_gmt":"2023-02-05T16:29:07","slug":"lukas-2224-32-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2224-32-3\/","title":{"rendered":"Lukas 22,24-32"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Invokavit, 5. M\u00e4rz 2006<br \/>\nPredigt zu Lukas 22,24-32, verfasst von Niels Henrik Arendt (D\u00e4nemark)<\/span><\/b><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Das Evangelium von heute handelt von Gr\u00f6\u00dfe und Macht. Obwohl Jesu Feinde zum Zeitpunkt des Wortwechsels, den wir h\u00f6rten, bereits die letzten Vorbereitungen f\u00fcr seine Gefangennahme treffen, haben die J\u00fcnger noch nicht begriffen, wie wenig Ruhm in der Gefolgschaft mit Jesus zu finden ist. Sie haben die tiefe Machtlosigkeit noch nicht erlebt, die sie nur wenige Stunden sp\u00e4ter ergreifen wird, wo es ums reine \u00dcberleben gehen wird. Sie streiten sich also \u00fcber Gr\u00f6\u00dfe und Macht. Jesus weist sie zurecht, das aber nicht nur, weil ihr Streit um ihre eigene Bedeutung in diesem ernsten Augenblick fehl am Platze w\u00e4re. Seine Zurechtweisung richtet sich ganz allgemein gegen Gr\u00f6\u00dfe und Macht \u2013 er stellt einen Gegensatz auf zwischen den M\u00e4nnern der Macht, \u201eden K\u00f6nigen der V\u00f6lker\u201c, und denjenigen, die seine J\u00fcnger sein wollen.<\/p>\n<p>Erteilt er in Wirklichkeit aller Macht und jedem Gebrauch von Macht zwischen Menschen eine Absage? Redet er einer alternativen Ordnung das Wort, in der niemand Befugnisse im Verh\u00e4ltnis zu anderen hat? Ist von einer revolutionierenden Auseinandersetzung von nie zuvor gesehener Sch\u00e4rfe mit der Art und Weise die Rede, wie die Menschen sich eingerichtet haben? Glaubt er wirklich selbst an eine herrschaftsfreie Gemeinschaft?<\/p>\n<p>Eine endg\u00fcltige Antwort k\u00f6nnen wir auf derlei Fragen wohl nicht geben, aber wir k\u00f6nnen doch immerhin sehen, dass Jesus die gel\u00e4ufigen Vorstellungen im Gro\u00dfen wie im Kleinen auf den Kopf stellt. Wir wissen, wie eine ganze Versammlung von Ratlosigkeit ergriffen werden kann, wenn derjenige, der sie zu leiten pflegt oder ihr nat\u00fcrlicher Anf\u00fchrer ist, diese Aufgabe nicht \u00fcbernimmt, sondern unt\u00e4tig bleibt. Wir wissen auch, wie die Machtverh\u00e4ltnisse in einer Versammlung ganz fein, aber bestimmt nicht unmerkbar, in den allerallt\u00e4glichsten Dingen zum Ausdruck kommen k\u00f6nnen \u2013 wie beispielsweise darin, wer zuerst Platz nimmt. Aber Jesus verh\u00e4lt sich nicht blo\u00df passiv: in seiner Gemeinschaft gibt es nicht nur niemanden, der den Vorsitz f\u00fchrt, sondern alles wird vom geringsten Platz aus gesehen. Denn da sitzt er selbst. Und wer ist da der Gr\u00f6\u00dfte?<\/p>\n<p>In unserer menschlichen Gemeinschaft ist der Gebrauch von Macht eine Tatsache. Das gilt sogar f\u00fcr die engsten Verh\u00e4ltnisse. Eltern nehmen ihre Befugnisse im Verh\u00e4ltnis zu ihren Kindern wahr \u2013 das tun auch diejenigen, die ganz bewusst versuchen, es zu vermeiden, sie tun es nur auf eine in Wirklichkeit weitaus raffiniertere Art und Weise. Ja, die Liebenden gebrauchen eigentlich auch Macht in ihrem gegenseitigen Verh\u00e4ltnis \u2013 ohne dass das im Widerspruch zu ihrer Liebe zueinander zu stehen braucht, wenn ihre Liebe nur ihre Gewalt \u00fcber sie bewahrt. In dem Bereich, der au\u00dferhalb der engen Familienverh\u00e4ltnisse liegt, gilt das selbstverst\u00e4ndlich auch: am Arbeitsplatz, in Freizeitgemeinschaften usw. Bestimmte Leute haben das Sagen. So ist das eben. Und das gilt nat\u00fcrlich sichtbar und ausdr\u00fccklich auch in der Welt der Politik. Hier geht es um Macht, um gegenseitiges St\u00e4rkeverh\u00e4ltnis, so wie wir das in der Irak-Krise gesehen haben und wie es uns in einem jeden Wahlkampf vor Augen gef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Wie sollen wir uns dazu verhalten auf dem Hintergrund der Worte Jesu? Ich m\u00f6chte meinen, dass wir uns wenigstens anfechten lassen sollten (wie Paulus angefochten war, wie Martin Luther es war). Aber es ist, wie wenn wir nicht besonders angefochten sind gegen\u00fcber dem Gebrauch von Macht. Macht ist ja notwendig, sagen wir \u2013 das Himmelreich gibt es hier auf Erden nicht. Jesus kann das nicht so meinen. Wenn wir \u00fcberhaupt Machtgebrauch mit einem Fragezeichen versehen, dann ausschlie\u00dflich so, dass wir fragen, ob es der Rechte ist, der bestimmt. Selbst f\u00fcr die revolution\u00e4rsten Parteien geht es h\u00f6chstens darum, dass Andere den Vorsitz f\u00fchren sollen. Die Position des Bettlers ist nie gefragt.<\/p>\n<p>Wir sollten uns anfechten lassen. Und wollten wir uns nicht anfechten lassen von Jesu Worten und Beispiel, ja, dann sollten wir Zweifel hegen und Fragen stellen, wenn wir sehen, welches Unheil Machtgebrauch allzu oft verursacht und wie oft Macht missbraucht wird. Jesus spricht \u00fcber diese Dinge in den letzten Stunden vor seinem Tode. Nur wenige Stunden sp\u00e4ter sind Menschen, die eigentlich ehrbare Leute waren und sich wirklich bem\u00fchten, das Rechte zu tun, dabei, ihre Macht auszunutzen, um Jesus hinzurichten. Ein Beispiel, wozu Machtanwendung f\u00fchren kann. Zu Beginn haben wir heute von einem anderen Beispiel geh\u00f6rt in der Erz\u00e4hlung von Kain und Abel \u2013 es ist die nackte Wahrheit dar\u00fcber, wie sich die Herrschaft des einen Menschen \u00fcber den anderen in Wirklichkeit allzu oft des St\u00e4rkeren bem\u00e4chtigt und ihn dazu verleitet, B\u00f6ses zu tun.<\/p>\n<p>Ich glaube, wir wissen das von den Verh\u00e4ltnissen, die uns ganz nahe sind; wir wissen, wie gef\u00e4hlich es sein kann, gegen die eigenen Kinder vorzugehen, wenn wir von unserer Befugnis nicht mit Vorsicht Gebrauch machen. Wir wissen, wieviel wir in engen Beziehungen durch den Gebrauch von Macht kaputt machen k\u00f6nnen. Hier nehmen wir uns trotz allem oft in Acht. Aber auch im Gro\u00dfen kann Kain von seiner eigenen Macht gefangen werden. Und dann verursacht er todsicher B\u00f6ses. Der Schaden ist nicht geringer, wenn Elefanten k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Der Gebrauch von Macht ist unumg\u00e4nglich. Gewalt ist notwenig, das ist wahr. Kain muss daran gehindert werden, Abel umzubringen. Und es n\u00fctzt nichts, wenn demjenigen, der Kain in den Arm f\u00e4llt, um ihn zur\u00fcckzuhalten, selbst die H\u00e4nde zittern. Aber der Machtgebrauch darf niemals zu einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit f\u00fcr ihn werden. Denn dann w\u00fcrde er ja selbst Gefahr laufen, zu einem Kain zu werden, d.h. von seiner eigenen Macht gefangen zu werden.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir also daran gehindert werden \u2013 wie k\u00f6nnen wir Herrschaft aus\u00fcben, wozu wir ja in dieser Welt gezwungen sind, ohne von ihr gefangen zu werden? Das tun wir nur, wenn wir uns daran erinnern, dass all unsere Macht relativ ist und ihre Zeit hat. Wenn uns gesagt wird, was Jesus wenige Stunden sp\u00e4ter zu Pilatus sagt: Du h\u00e4ttest keine Macht, wenn sie dir nicht von Gott gegeben w\u00e4re. Und Gott wird dich fragen, wozu du die Macht gebraucht hast. So soll alle irdische Herrschaft unter die Verantwortung vor Gott gestellt werden, und das gilt gleicherma\u00dfen, ob sie in den nahen famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen oder auf der Weltszene ausge\u00fcbt wird. So ist sie jederzeit angefochten. Nur so kann sie in Schranken gehalten werden.<\/p>\n<p>Jesu Verh\u00e4ltnis zu seinen J\u00fcngern lie\u00df ihnen keine M\u00f6glichkeit, Macht und Gr\u00f6\u00dfe untereinander zu verteilen, und er selbst verzichtete darauf, Macht zu gebrauchen, um sich der Gewalt der politischen Machthaber zu entziehen. St\u00e4rker h\u00e4tte er ihre Herrschaft nicht in Frage stellen, deutlicher h\u00e4tte er sie nicht in die Verantwortung nehmen, klarer h\u00e4tte er nicht zeigen k\u00f6nnen, wie Menschen von ihrer eigenen Macht gefangen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber noch etwas anderes kam darin zum Ausdruck. Eine einzigartige Gemeinschaft mit dem Menschen. Es vergingen nicht viele Stunden, ehe die J\u00fcnger nicht mehr an Gr\u00f6\u00dfe dachten, sondern hilflos empfanden, dass sie die Situation jetzt nicht beherrschten, sondern dass es die Situation war, die sie beherrschte. Es war ein Gef\u00fchl der Hilflosigkeit \u2013 nicht un\u00e4hnlich dem Gef\u00fchl, das auch wir im Verh\u00e4ltnis zum Leben haben k\u00f6nnen, ja im Grunde auch im Verh\u00e4ltnis zu der Macht, die wir \u00fcber einander haben. In dieser Situtation liegt der einzige Trost darin, dass Gott in der Gestalt Jesu nicht ein Teil dessen ist, was die Macht \u00fcber uns ergreift, sondern dass er im Gegenteil an unserer Seite steht. Wie er den J\u00fcngern versprach, dass sie mit ihm zu Tische sitzen w\u00fcrden, so verspricht er auch uns eine Gemeinschaft, die besteht, wenn all unsere Tr\u00e4ume von Gr\u00f6\u00dfe zunichte geworden sind. Wir werden mit ihm zu Tische sitzen, ja schon heute l\u00e4dt er uns dazu ein. Amen.<\/p>\n<p><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\n<\/strong> <strong>Ribe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<br \/>\nTel.: +45 74 52 20 25<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\">nha@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Invokavit, 5. M\u00e4rz 2006 Predigt zu Lukas 22,24-32, verfasst von Niels Henrik Arendt (D\u00e4nemark) (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Das Evangelium von heute handelt von Gr\u00f6\u00dfe und Macht. 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