{"id":11018,"date":"2021-02-07T19:48:55","date_gmt":"2021-02-07T19:48:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11018"},"modified":"2023-02-09T18:45:56","modified_gmt":"2023-02-09T17:45:56","slug":"2-korinther-6-1-10-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-6-1-10-4\/","title":{"rendered":"2. Korinther 6, 1-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Invokavit, 5. M\u00e4rz 2006<br \/>\nPredigt zu 2. Korinther 6, 1-10, verfasst von Wolfgang Petrak <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nDie Worte jenes Mannes:<br \/>\nSie sind so in in die Zeit hinein gesagt, dass wir sie h\u00f6ren m\u00fcssen. Sie zwingen in uns in die Entscheidung hinein, weil die Zeit so ist: jetzt ist der Tag des Heils. Sie lassen uns Einblick nehmen in Verantwortungen, aber auch im Sich-Abm\u00fchen. Sie lassen Abgr\u00fcnde erkennen und \u00c4ngste, und: \u201eSiehe, wir leben\u201c. Alles, was dieser Mann sagt, l\u00e4sst \u00fcber dem, was tief unten zu sehen und zu erfahren ist, ein trotziges \u201eUnd doch\u201c erkennen,freilich nun nicht so daher gesagt, sondern aus dem Glauben gesprochen und gelebt, sodass sich ein neuer Blick er\u00f6ffnet, fr\u00f6hlich und bunt und lebendig, so wie sich der Himmelt weitet \u00fcber dem, was auf der Erde lebt. Ob Paulus gesungen hat?<\/p>\n<p>Gedanken, hin und her:<br \/>\nNur z\u00f6gerlich lassen sie sich durch die Worte bestimmen.<br \/>\nMein Blick muss grau gewesen sein, als ich das Krankenhaus betrat. Ich hatte gewusst, dass der Besuch bei ihr sein sein musste, aber am liebsten w\u00e4re ich ich gar nicht gegangen, h\u00e4tte zumindest dann noch gern in der Cafeteria bei Cappuccino und SPIEGEL-Lekt\u00fcre die Zeit hinausgez\u00f6gert. Aber ihr Mann hatte gesagt: \u201eDoch, doch, geh nur, es geht schon, sie wird sich freuen\u201c. Aber ich hatte mich gef\u00fcrchtet. Sie war immer so strahlend gewesen, dabei so zupackend und neugierig, konnte so spitzig formulieren, voller Energie und Lebenslust. Und nun, wie w\u00fcrde sie sein nach der OP, nachdem sich alles so schlagartig ver\u00e4ndert hatte? So war ich weitergegangen, die sechs Treppen hoch, hatte den Fahrstuhl also nicht genommen, vielleicht, um jetzt nicht mit anderen zusammen zu sein, vielleicht auch, um nicht zu schnell da zu sein. Dann, die T\u00fcren, die zu der<br \/>\nder Station f\u00fchren: sie \u00f6ffnen sich automatisch. Z\u00f6gerliches Eintreten. Pfleger und Schwestern in den gr\u00fcnen Kitteln, kaum ein Gr\u00fc\u00dfen, aber entschlossene Gesch\u00e4ftigkeit. Aus dem Dienstzimmer ged\u00e4mpftes Reden und verhaltenes Lachen. Nat\u00fcrlich, man sagte mir das Zimmer der Patientin, ohne jedoch dabei eine Miene zu verziehen. Auf dem Flur Wagen mit Tabletts und leeren Flaschen. Ein ge\u00f6ffneter Raum liess Monitore erkennen. Endlich das richtige Zimmer. Klopfen ( dass innen sowieso niemand h\u00f6rt, dann z\u00f6gerliches Eintreten. Ich erkannte, dass da schon jemand am Bett sa\u00df und wollte gleich wieder zur\u00fccktreten. \u201eKomm nur, ich gehe schon und mache Platz, \u00fcbernimmt ruhig den Dienst\u201c, sagte die mir unbekannte Besucherin. Im Dienst stehen: so \u00e4hnlich hat es der Mann auch gesagt, der davon gesprochen hat, in allen Dingen sich als Diener Gottes zu erweisen, in gro\u00dfer Geduld, in Tr\u00fcbsal, in N\u00f6ten und \u00c4ngsten. Ob Paulus das auch mal gekannt hat: dieses Zur\u00fcckweichen?<\/p>\n<p>Worte im Zimmer:<br \/>\nDas dann folgende \u00fcbliche &#8218;Hallo&#8216; wurde nur leise gesagt. Sie hatte auch kaum den Kopf zu mir gewandt , sie konnte wohl auch kaum anders lag flach in dem Krankenbett, daneben die Vorrichtung mit den Infusionen und ein Monitor, auf der anderen Seite, etwas weg geschoben, der Krankentisch mit einigen Medikamenten auf der Ablage, dahinter das Fenster zu dem sie im Liegen weiter hinaus sah. \u201eDa auf der anderen Seite\u201c, sagte sie, \u201eda ist das andere Bettenhaus. Es sieht so grau aus. Nur Beton. Und Glas. nachts sehe ich manchmal, wie die Lichter an und ausgehen. Was mag da denn los sein. Wer mag da liegen?\u201c Und nachts w\u00fcrde sie dann auch die eiligen Schritte h\u00f6ren, auf dem Flur, wenn die Schwestern kommen m\u00fcssten; sogar vom Flur \u00fcber ihr. Mein Gott, dachte ich, wie schlimm. Man sieht sieht ja wirklich nur grau. Und man wei\u00df nicht was los ist, kann es sich auch gar nicht ausmalen. So ist es doch in Wirklichkeit. wobei die Bilder blitzschnell wechseln. Gestern, in der Tagesschau, der t\u00fcrkische Vater mit seinem Kind, vor dem Fass mit dem w\u00e4rmenden Holzfeuer. Wochenlang hatten sie f\u00fcr den Erhalt ihrer Arbeitspl\u00e4tze gek\u00e4mpft. Und nun hat die Gewerkschaft bei der Betriebsleitung von Elektro Lux einen Kompromiss her ausgehandelt, mit gestaffelten Abfindungen, je nach alter und Betriebszugeh\u00f6rigkeit, au\u00dferdem eine einj\u00e4hrige Arbeitszeit bei einer gegr\u00fcndeten Auffindungsgesellschaft. Dieses Ergebnis wird sogleich als zukunftsweisendes Modell verhandelt werden: Abfindungen statt K\u00fcndigungsschutz. 12 000\u20ac w\u00fcrde er bekommen, sagte der Mann, \u201edoch was wird werden, wenn das Geld aufgebraucht ist, wo werde ich dann arbeiten k\u00f6nnen\u201c? Die Kamera zeigte, wie er sein Kind an die Hand nahm und wegging. Ich aber sehe es, wei\u00df um die Sicherheit meines Gehaltes und kann f\u00fcr ihn nichts tun. So hart sind die Widerspr\u00fcche, an denen ich auch Anteil habe. wir sind nicht vers\u00f6hnt in der Zeit unserer Welt, und es ist auch kein aufheben der Widerspr\u00fcche erkennbar, wie es einmal ein graub\u00e4rtiger deutscher Philosoph entworfen hatte. Einleuchtender ist mir gewesen, was Bonhoeffer einmal gesagt hat: \u201eWir leben im Vorletzten und glauben das Letzte, ist es nicht so\u201c(Widerstand und Ergebung, 5.12.1943)? Aber: wenn das Vorletzte die Entfremdung ist, ist dann der Glaube an das Letzte nicht ihr eigener Ausdruck, also die einfache Vertr\u00f6stung in das Unwirkliche? Ob Paulus der mal gesagt hat: \u201eNicht aber ich, sondern.\u201c- ob er auch dieses gekannt hat: diese Hilflosigkeit und Verunsicherung?<\/p>\n<p>Worte, die sie mir sagte:<br \/>\nIch wei\u00df, dass ich dieses brauche: Worte, die mir gesagt werden und mich so aus der Stummheit Gedanken herausrufen.<br \/>\n\u201eHey, wo bist du?\u201c, sagte sie, \u201e Du sagst ja gar nichts. Ich glaube \u00fcbrigens, dass ich bald aufstehen kann. \u00dcbrigens: ich sehe nicht nur das Bettenhaus. Ich kann auch ein bisschen den Wald sehen und dar\u00fcber den Himmel\u201c. Und damit sie hat mir gesagt, dass sie mehr sehen kann als das, was bedr\u00fcckt und \u00e4ngstigt. Etwas, was ist sch\u00f6n und weit. Es ist deshalb mehr als der sich entwerfende Geist der Utopie. Weil es wirklich ist. Ja, der Himmel, den sie sieht, ist wirklich. Und das ber\u00fchrt sich mit den Worten, die jener Mann gesagt hat:<\/p>\n<p>\u201eUnd doch\u201c.<\/p>\n<p>Seine Aufz\u00e4hlung : einzelne Worte nur, die zun\u00e4chst beschreiben, was ist, sie ver\u00e4ndern sich unmerklich. Zun\u00e4chst steht nebeneinander, was in Wirklichkeit gewesen ist und was sich nicht ver\u00e4ndern l\u00e4sst: \u201eIn N\u00f6ten, in \u00c4ngsten, in Schl\u00e4gen, in Gef\u00e4ngnis sein, in Aufruhen, in M\u00fchen, in Wachen, in Fasten, durch Ehre und Schande, durch b\u00f6se Ger\u00fcchte und gute Ger\u00fcchte \u201c: die religi\u00f6se und die weltliche Existenz . \u201eNur wenn das, was ist, nicht alles ist, l\u00e4sst sich das, was ist, \u00e4ndern\u201c . Auch dieses sagte einmal ein deutscher Philosoph. Paulus sagt es anders, nicht so abstrakt, sondern konkret. Weil er es lebt. Er sagt: \u201eUnd doch\u201c. Er benennt das andere, weil es das gibt: die andere Wirklichkeit. Zwar gibt es Leute, die ihn als Verf\u00fchrer sehen, und doch: als wahrhaftig: so ist er zu sehen. Als die Unbekannten: und doch: als bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben. Diese Gegenwelt ist wirklich, denn sie ist genau das, was einer leben kann: nicht aber ich, sondern Christus. So sagt es Paulus. Und sagt es konkret: \u201eWir tragen das Sterben Jesu an unserem Leibe, auf dass auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde\u201c ( 2. Kor 4,10). Also: diese durch meine M\u00f6glichkeiten niemals aufzul\u00f6sende Gegens\u00e4tzlichkeit in der Existenz ist zugleich der Ausdruck seiner N\u00e4he. Er lebt sie in uns, damit wir die auf ein einziges Ziel gewiesen werden: die Vers\u00f6hnung mit Gott. Und doch.<\/p>\n<p>Worte, die wir sagen k\u00f6nnen:<br \/>\n\u201eVater Unser\u201c, k\u00f6nnen wir sagen und damit die Sicherheit einer Beziehung ausdr\u00fccken, die uns pers\u00f6nlich gilt. Und ob. \u201eIm Himmel\u201c k\u00f6nnen wir sagen, und damit eine Perspektive erkennen, die unendlich weit ist und sich zugleich sch\u00fctzend \u00fcber das Leben birgt. Wir k\u00f6nnen gemeinsam um das t\u00e4gliche Brot bitten und darin den Willen eintragen, das Feld der Arbeit zu teilen. Wir k\u00f6nnen Einsicht in die eigene Schuld gewinnen und in der Bitte um Vergebung zugleich anderen und uns selbst Neuanf\u00e4nge erm\u00f6glichen. Diese Aussicht auf eine andere Zeit ist nicht grau, sondern herrlich.<br \/>\nSie wird nicht nur ein bisschen dauern, sondern lange w\u00e4hren. Unversch\u00e4mt lange: n\u00e4mlich ewig. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Wolfgang Petrak, Pastor in St. Petri, G\u00f6ttingen-Weende<br \/>\n<a href=\"mailto:w.petrak@gmx.de\"> mailto:w.petrak@gmx.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Invokavit, 5. M\u00e4rz 2006 Predigt zu 2. Korinther 6, 1-10, verfasst von Wolfgang Petrak Liebe Gemeinde! Die Worte jenes Mannes: Sie sind so in in die Zeit hinein gesagt, dass wir sie h\u00f6ren m\u00fcssen. Sie zwingen in uns in die Entscheidung hinein, weil die Zeit so ist: jetzt ist der Tag des Heils. 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