{"id":11020,"date":"2021-02-07T19:49:07","date_gmt":"2021-02-07T19:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11020"},"modified":"2023-03-12T14:11:16","modified_gmt":"2023-03-12T13:11:16","slug":"jesaja-51-7-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-51-7-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 5,1-7"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Reminiszere, 12. M\u00e4rz 2006<br \/>\nPredigt zu Jesaja 5,1-7, verfasst von Reinhard \u00dcberr\u00fcck <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Am besten gibt den Charakter des &#8222;Weinbergliedes&#8220; die Gute- Nachricht-\u00dcbersetzung wieder):<\/p>\n<p><strong>1<\/strong> H\u00f6rt mir zu! Ich singe euch das Lied meines Freundes von seinem Weinberg:<br \/>\nAuf fruchtbarem H\u00fcgel, da liegt mein St\u00fcck Land,<br \/>\n<strong><br \/>\n2<\/strong> dort hackt ich den Boden mit eigener Hand,<br \/>\nich m\u00fchte mich ab und las Felsbrocken auf,<br \/>\nbaute Wachtturm und Kelter, setzte Reben darauf.<br \/>\nUnd s\u00fc\u00dfe Trauben erhofft ich zu Recht,<br \/>\ndoch was dann im Herbst wuchs, war sauer und schlecht.<\/p>\n<p><strong>3<\/strong> Jerusalems B\u00fcrger, ihr Leute von Juda,<br \/>\nwas sagt ihr zum Weinberg, was t\u00e4tet denn ihr da?<\/p>\n<p><strong>4<\/strong> Die Trauben sind sauer &#8211; entscheidet doch ihr:<br \/>\nWar die Pflege zu schlecht? Liegt die Schuld denn bei mir?<br \/>\n<strong><br \/>\n5<\/strong> Ich sage euch, Leute, das tue ich jetzt:<br \/>\nWeg rei\u00df ich die Hecke, als Schutz einst gesetzt;<br \/>\nzum Weiden solln Schafe und Rinder hinein!<br \/>\nUnd die Mauer ringsum &#8211; die rei\u00dfe ich ein!<br \/>\nZertrampelnden F\u00fc\u00dfen geb ich ihn preis,<br \/>\nschlecht lohnte mein Weinberg mir Arbeit und Schwei\u00df!<\/p>\n<p><strong>6<\/strong> Ich will nicht mehr hacken, das Unkraut soll sprie\u00dfen!<br \/>\nDer Himmel soll ihm den Regen verschlie\u00dfen!<br \/>\n<strong><br \/>\n7<\/strong> Der Weinberg des Herrn seid ihr Israeliten!<br \/>\nSein Lieblingsgarten, Juda, seid ihr!<br \/>\nEr hoffte auf Rechtsspruch &#8211;<br \/>\nund erntete Rechtsbruch,<br \/>\nstatt Liebe und Treue nur Hilfeschreie!<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Was soll dass denn? Ein Karnevalstext an einem Passionssonntag? Das war mein erster Gedanke als ich unseren Predigttext in dieser frech gereimten Form in der Guten-Nachricht-Bibel las. Erst zwei Wochen nach den &#8222;Tollen Tagen&#8220; hat man solche S\u00e4tze ja noch im Ohr. Aber seit Aschermittwoch ist doch eigentlich alles vorbei! Wie passt solch ein Predigttext in die Passionszeit?<\/p>\n<p>In der Luther\u00fcbersetzung, ungereimt, klingt er l\u00e4ngst nicht so karnevalsartig, eher langweilig.<br \/>\nDoch die Gute-Nachricht gibt wohl ganz gut wieder, wie dieser Text tats\u00e4chlich beim Propheten Jesaja gemeint ist. Es ist tats\u00e4chlich ein Spottlied mit viel Ironie. Warum soll sich nicht ein Prophet auch solcher ironischen Sprachmittel bedienen? Ich kann mir einen Propheten ganz gut als eine Art Kabarettisten vorstellen, der bei irgendeinem \u00f6ffentlichen Anla\u00df, einem Erntefest vielleicht, sich hinstellt und seine f\u00fcr das Volk nicht so erfreuliche Botschaft eben in ein gef\u00e4llig gereimtes Liedchen verpackt. Es ist vielleicht seine einzige Chance, seine unbequeme Botschaft den Menschen \u00fcberhaupt nahe zu bringen. Offene Kritik, klar ausgesprochen, verh\u00e4rtet die Fronten, kann ganz schnell abgetan werden, aber in ein Liedchen verpackt: Erst beim genauen Hinh\u00f6ren offenbarte es die messerscharfe Kritik. Man kann sich als H\u00f6rer kaum seiner Wirkung entziehen. Mit seinem eing\u00e4ngigen Bild und den Suggestivfragen zieht es einen mit hinein, und ehe man sich versieht, merkt man, dass man selber ja gemeint ist<\/p>\n<p>Aber da ein Kabarettist heute und eben ein Prophet damals nicht so richtig ernst genommen werden m\u00fcssen, kann man sich von der ge\u00e4u\u00dferten Kritik auch wieder leichter distanzieren. Ernstes, ironisch verpackt, hat manchmal eine gr\u00f6\u00dfere Chance anzukommen als die nackte Wahrheit.<\/p>\n<p>Vom Stil her versucht der Prophet ein ganz altes Liebeslied zu karikieren, was seinen Zuh\u00f6rern wohl bekannt war. Der Weinbauer ist der Liebhaber, der sich um seine Geliebte, den Weinberg bem\u00fcht, aber es kommt nichts dabei heraus, nur eine Art Liebeskummer, der sogar in Entt\u00e4uschung und Zorn umschl\u00e4gt. Auch heute noch wird diese Form des Liedes eines entt\u00e4uschten Liebhabers \u00f6fter von Kabarettisten angewandt, meist, um sich \u00fcber Politiker und ihre W\u00e4hler lustig zu machen, die mal wieder auf Wahlversprechen reingefallen sind.<\/p>\n<p>Eines unterscheidet das Spottlied des Jesaja dann aber doch von den Reimen eines Karnevalisten oder Kabarettisten. Letztere nehmen zwischenmenschliches Verhalten auf die Schippe.<\/p>\n<p>Der Prophet Jesaja thematisiert in seinem Weinberglied g\u00f6ttliches Verhalten. Das Bild, das er malt, ist da auch ziemlich einfach zu entschl\u00fcsseln. Der Weinbergbesitzer ist Gott selber und der Weinberg, das sagt ja der siebte Vers ganz deutlich, das sind die Israeliten, Gottes auserw\u00e4hltes Volk. Gott ist in das Volk Israel verliebt. Er ist der Liebhaber, doch das geliebte Volk Israel erwidert seine Liebe nicht. Gott hat deshalb Liebeskummer, wird sauer, zornig, denkt sich sogar eine Rache aus, will das Volk Israel abstrafen.<\/p>\n<p>Das ist schon eine ungeheuerliche Aussage. Alles steht auf dem Spiel: das ganze Alte Testament bis zum Propheten Jesaja. Im Auszug aus \u00c4gypten, im Gelobten Land, im Gesetz, da wurde ja immer wieder von der Zuwendung Gottes zum Volk Israel berichtet, und das wird in diesem Lied in Frage gestellt. Vielleicht mu\u00dfte der Prophet diese schreckliche Botschaft deshalb in so gef\u00e4llige Reime verpacken, weil sie f\u00fcr einen Israeliten und auch f\u00fcr einen Christen heute sonst kaum zu ertragen ist. Die Zuwendung Gottes zu den Menschen, seine Liebe zu uns, das durchzieht doch als Evangelium, als Gute Nachricht, wie ein rotes Band die ganze Bibel. Und genau hier droht dieses kleine Lied mit Gottes Liebes- oder Zuwendungsentzug.<\/p>\n<p>Was ist da passiert, dass Gott dem Volk Israel so mit Liebesentzug droht?<\/p>\n<p>&#8222;Er hoffte auf Rechtsspruch und erntete Rechtsbruch&#8220; Dieses Wortspiel ist der einzige Hinweis auf die Vergehen des Volkes Israel in unserem Lied. In anderen \u00dcbersetzungen hei\u00dft es &#8222;Bluttat statt Guttat&#8220; oder &#8222;Schlechtigkeit statt Gerechtigkeit&#8220;. Das bleibt aber auch sehr allgemein. Das, was wirklich vorgefallen ist, kann man nur aus den Kapiteln im Buch des Propheten Jesaja um dieses Lied herum rekonstruieren und zusammensuchen . Die Israeliten beten G\u00f6tzenbilder an, betreiben Wahrsagerei und obwohl ihr Land voll Gold und Silber ist, haben die \u00c4ltesten des Volkes die Armen beraubt, hei\u00dft es da. Die Jungen haben keinen Respekt mehr vor den Alten, die Frauen sind eitel geworden und denken nur an Schmuck. Die Landbesitzer wollen immer mehr haben. Es werden Orgien gefeiert mit Musik und Alkohol, aber Gott wird nicht mehr verehrt.<\/p>\n<p>Es scheint also einiges schief zu laufen im religi\u00f6sen und gesellschaftlichen Bereich, aber auch diese Vorw\u00fcrfe klingen etwas nebul\u00f6s. Sie sind im Alten Testament durchaus \u00f6fter zu h\u00f6ren. Fast jeder Prophet hat seinen Zeitgenossen \u00e4hnliches vorzuwerfen. Auch ein heutiger Prophet k\u00f6nnte das, wenn er &#8211; vielleicht als politischer Kabarettist &#8211; den Zustand unser Gesellschaft beschreiben w\u00fcrde. Er k\u00f6nnte dann \u00e4hnliches anprangern: Dass falsche, materielle G\u00f6tter verehrt werden, wie sie auch immer hei\u00dfen m\u00f6gen, Auto, Fu\u00dfball oder Konsum, dass die Generation der Alten die Jugendgeneration nicht versteht, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer mehr werden, dass Arbeitslosigkeit herrscht trotz Exportweltmeisterschaft, Kaufrausch, Drogenkonsum. Das alles k\u00f6nnte auch ein moderner Prophet heute kritisch feststellen \u00fcber unsere Gesellschaft. Im Laufe der Geschichte der Menschheit betrachtet ist es also gar nichts &#8222;Besonderes&#8220;, was der Prophet Jesaja in seinem Weinberglied anklagt. Mu\u00df man daf\u00fcr wirklich gleich mit Gottes Liebesentzug drohen?<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wir k\u00f6nnen zun\u00e4chst nur festhalten, dass unser Lied es tats\u00e4chlich so sieht: Wenn in der Gesellschaft etwas schief l\u00e4uft, dann droht der Zuwendungsverlust Gottes. Glauben und soziales Leben geh\u00f6ren zusammen. Und wenn das Leben nicht richtig, nicht gerecht und sozial verl\u00e4uft, dann stimmt auch mit dem Glauben etwas nicht.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdig ist schon, wie das Weinberglied diese Drohung mit dem g\u00f6ttlichen Liebesentzug dann aber weiter deutlich macht im Bild von dem Weinberg und seinem Besitzer. Was wir gewohnt sind, ist, dass auf gesellschaftliches Fehlverhalten Gott mit einem gro\u00dfen Strafgericht reagiert.<\/p>\n<p>Hier entzieht Gott dem Weinberg einfach seine Sorge, seine Pflege, seinen Schutz, ja sogar den zum Wachsen notwendigen Regen. Gott tut einfach nichts mehr von dem, was der Weinberg doch so dringend braucht. Gott ist einfach nicht mehr da, nicht mehr f\u00fchlbar und dann, so dr\u00fcckt es dieses alte Bild aus, wird ganz folgerichtig alles den Bach runtergehen. Wenn Gott einfach nicht mehr da ist, die Welt sich selber \u00fcberl\u00e4\u00dft, dann ist das vielleicht schlimmer als jedes Gericht. Eine Welt, die gar nichts mehr wei\u00df von Gottes Anspr\u00fcchen an gelingendes Leben, von Recht und Gerechtigkeit, von Frieden und Bewahrung der Sch\u00f6pfung, die kann eigentlich nur ins Verderben laufen. Sonst stellen wir ja angesichts des vielen Leides in unserer Welt immer die gro\u00dfe Frage nach Gott: &#8222;Wo bist du Gott, wenn alles schief l\u00e4uft?&#8220;<\/p>\n<p>Das Weinberglied dreht diese Fragerichtung geradezu um: &#8222;Was w\u00e4re, wenn Gott gerade im gr\u00f6\u00dften Chaos einfach nicht da w\u00e4re? Wenn Gott die Welt einfach fallen l\u00e4\u00dft?&#8220;<\/p>\n<p>Wie gesagt, das Weinberglied stellt nur diese Frage, droht mit ihr, eben, um zu warnen vor einem Leben ohne Gott. Denn noch haben wir es in der Hand, Gott einzubeziehen in unser Leben, in unsere Welt.<\/p>\n<p>Eine Welt, die Gottes Willen noch kennt, kann immer noch dem Leben eine Richtung geben, kann Fehlentwicklungen entgegen steuern, auch wenn sie dem, wie es eigentlich sein sollte, immer hinterherl\u00e4uft und Gott etwas schuldig bleibt. Eine Welt, die Gott noch kennt, die kann er nicht fallen lassen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Reinhard \u00dcberr\u00fcck<br \/>\nEv. Seelsorger in der Bundeswehr<br \/>\nEschenweg 3<br \/>\n59423 Unna<br \/>\nEmail: <a href=\"mailto:rueberruck@t-online.de\">rueberruck@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reminiszere, 12. M\u00e4rz 2006 Predigt zu Jesaja 5,1-7, verfasst von Reinhard \u00dcberr\u00fcck (Am besten gibt den Charakter des &#8222;Weinbergliedes&#8220; die Gute- Nachricht-\u00dcbersetzung wieder): 1 H\u00f6rt mir zu! 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