{"id":11037,"date":"2021-02-07T19:49:01","date_gmt":"2021-02-07T19:49:01","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11037"},"modified":"2023-02-06T11:58:30","modified_gmt":"2023-02-06T10:58:30","slug":"1-petrus-1-13-21-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-petrus-1-13-21-2\/","title":{"rendered":"1. Petrus 1, 13-21"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Okuli, 19. M\u00e4rz 2006<br \/>\nPredigt zu 1. Petrus 1, 13-21, verfasst von Tom Kleffmann<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Das alte Israel hatte den Tempel in Jerusalem. Bis ihn die R\u00f6mer im Jahr 70 nach Christi Geburt zerst\u00f6rten, opferten dort Priester Gott \u2013 dem Sch\u00f6pfer der Welt, dem Herrn, dem Richter, dem Geheimnis, dem Barmherzigen, dem Kommenden. Besonders das S\u00fcndopfer und das Schuldopfer waren immer wichtiger geworden. Das Blut dieser Opfer s\u00fchnte die S\u00fcnde des Volkes. Denn so wie die S\u00fcnde in Wahrheit Tod ist, nichtiges Leben, weil es Gott verachtet und den N\u00e4chsten nicht sieht, weil es ohne Grund und Ziel ist, weil es in allem Schein der F\u00fclle doch nur um sich selbst kreist \u2013 so also, wie die S\u00fcnde in Wahrheit Tod ist, Leben ohne Leben, Doppelleben, L\u00fcgenleben, so ist der Tod der S\u00fcnde Gericht. Der Tod ist die Wahrheit der S\u00fcnde. Und S\u00fchne, das war die Notwendigkeit Gottes \u2013 da\u00df die g\u00f6ttliche Wahrheit des Lebens offenbar wird, die Wahrheit \u00fcber Leben und Tod, und da\u00df der Mensch sich ihr beugt.<\/p>\n<p>So war der Tempel ein Ort der Gnade Gottes des Sch\u00f6pfers, des Richters, denn hier nahm der Herr das Blut des Opfertieres als stellvertretende S\u00fchne. Gott wollte, da\u00df der S\u00fcnder lebt, da\u00df er umkehrt \u2013 und so nahm Gott stellvertretend das Blut des Opfers als Gericht der S\u00fcnde, und der S\u00fcnder konnte neu leben. Gott reichte die Selbsterkenntnis des S\u00fcnders in der Wahrheit des Todes \u2013 wenn es seine Selbsterkenntnis war, die ihn trieb, der Gnade der stellvertretenden S\u00fchne zu vertrauen, die Gott dem Volk gegeben hatte, dann war es gut.<\/p>\n<p>Die Gnade der Stellvertretung, die Gnade des Opfers \u2013 versteht ihr das? Da\u00df das Blut des Opfers den S\u00fcnder erl\u00f6st? S\u00fchne vor Gott durch Blut \u2013 archaisch erhaben und fern ist das, und doch geh\u00f6rt es auch zur Vorgeschichte Christi. Um den Tod als Sold eines verschlossenen Ich ging es. Um die Befreiung aus der Gefangenschaft, die dieser Tod ist, ging es. Und darum geht es auch heute. Um <em>Erl\u00f6sung<\/em> \u2013 Erl\u00f6sung von einer Last, die der Tod ist; von einer Schuld, die den Tod bedeutet. Und die Erl\u00f6sung war eben dies, da\u00df Gott zwischen mir und der Schuld unterschied, zwischen mir und meinem sinnlosen Leben. Da\u00df er anbietet, alles, das Gericht des Todes, die Strafe der Einsamkeit, die Ausweglosigkeit der Verzweiflung auf den Andern zu werfen, auf das Opfer. Und ich kann leben aus neuem Grund. Leben!<\/p>\n<p>So war der Tempel, der Altar ein Ort der Gnade, und Gottes Geist war im Vertrauen dieser Gnade. Aber ihr Geheimnis, \u00e4lter als die Zeit der Welt, war noch nicht offenbar.<\/p>\n<p>So war es bis zum <em>Ende der Zeiten<\/em> \u2013 das hei\u00dft, bis der ewige Gott selbst alles Leid in sich versammelte. Bis die Ewigkeit Gottes in die Zeit der Menschen kam \u2013 und das Ende der Zeiten zur Mitte der Zeit wurde. Bis der ewige Gott selbst der andere Mensch wurde, der f\u00fcr uns den Tod erleidet \u2013 f\u00fcr uns, die sich in ihm erkennen. \u201e<em>Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner gro\u00dfen Barmherzigkeit wiedergeboren hat<\/em>\u201c. \u201e<em>Darum<\/em>\u201c, schreibt Petrus in seinem 1.Brief, \u201e<em>darum umg\u00fcrtet die Lenden eures Gem\u00fcts, seid n\u00fcchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr fr\u00fcher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.<\/em> [&#8230;] <em>denn ihr wi\u00dft, da\u00df ihr nicht mit verg\u00e4nglichem Silber oder Gold erl\u00f6st seid von eurem nichtigen Wandel nach der V\u00e4ter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Wi\u00dft ihr, da\u00df ihr erl\u00f6st seid mit dem Blut Christi als eines unschuldigen Lammes? Es ist das Heiligste, die Mitte unseres Glaubens, offenbares Geheimnis, allen Propheten und Gesetzen und Weisheiten unendlich \u00fcberlegen, daran zweifele ich nicht &#8211; und doch sind diese Worte fast unnahbar fremd geworden, befremdliche Bilder, archaisch fern.<\/p>\n<p>Aber das d\u00fcrfen wir nicht zulassen, das uns diese Sprache entgleitet! Wir m\u00fcssen um diese Sprache ringen \u2013 um alles in der Welt!<\/p>\n<p>Vielleicht sind uns diese Worte schon deshalb so schwer, weil wir nicht mehr wissen, wovon wir zu erl\u00f6sen sind. Aber das glaube ich nicht. Wir wissen es, sonst w\u00e4ren wir Gespenster und keine Menschen. Wann wirs gestehen, ist eine andere Frage. Aber im Grunde kennen wir die Last, die der Tod ist; die Schuld, die den Tod bedeutet. Wir w\u00e4ren sonst nicht hier. Wir kennen die Sinnlosigkeit, das Leben blutleer und ohne wahres Ziel, \u00e4nglich und grundlos; verstrickt in der Angst des Todes und ihren L\u00fcgen, gefangen in Begierden, die nicht erf\u00fcllen und nur zerstreuen, in Leidenschaften, die nicht lieben; s\u00fcchtig nach den l\u00e4ppischen S\u00fc\u00dfigkeiten des Lebens. Im Grunde wissen wir, wovon wir zu erl\u00f6sen sind. Im Grunde. Aber so unklar unsere Schuld ist, so unklar die Erl\u00f6sung. Und das Ringen um die Sprache des Heils fordert nicht nur Bildung und Bibellesen und den Einfall Gottes ins Denken, sondern zuerst und in allem fordert es die H\u00f6llenfahrt der Selbsterkenntnis. Das Kreuz im Spiegel.<\/p>\n<p>Wi\u00dft ihr nicht, da\u00df ihr erl\u00f6st seid mit dem Blut Christi als eines unschuldigen Lammes? Das Lamm ist sein Opfer. Das Blut ist sein Tod.<\/p>\n<p>Vielleicht sind uns diese Worte schon deshalb so schwer, weil wir das wirkliche Blut des Menschen nicht mehr kennen \u2013 unser Blut, unser rotes, warmes Blut. Wir sehen es nicht, solange wir gesund und zufrieden sind, wollen es auch nicht sehen, k\u00f6nnen es nicht sehen. Wir sehen uns heil und unverletzt im Spiegel und f\u00fcrchten den Schmerz. Das Kreuz aber zeigt uns das Blut. Das ausflie\u00dfende Blut ist unser Leid, unser Schmerz, unsere Angst \u2013 da\u00df wir uns selbst entgehen, da\u00df unsere Kraft nur geliehen ist. Flie\u00dfendes Blut ist das Gericht \u00fcber die Illusion, da\u00df unser Dasein fest ist und von Dauer. Flie\u00dfendes Blut ist die Zeit. Flie\u00dfendes Blut ist die Zeit, mit der das Leben sich verstr\u00f6mt \u2013 aber wohin?<\/p>\n<p><em> Ihr wi\u00dft, da\u00df ihr nicht mit verg\u00e4nglichem Silber oder Gold erl\u00f6st seid von eurem sinnlosem Leben, sondern mit dem Blut Christi als eines unschuldigen Lammes<\/em> . Christi Blut f\u00fcr dich vergossen.<\/p>\n<p>Nicht unser Opfer erl\u00f6ste uns von der Einsamkeit, von der Sinnlosigkeit, von den Begierden, die nicht erf\u00fcllen und nur zerstreuen. An wen h\u00e4tten wir es auch adressieren sollen? Einen Tempel, einen Ort, an dem Gott selbstverst\u00e4ndlich war, kannten wir nicht. Uns konnte keine S\u00fchne erl\u00f6sen. Kein menschlicher Priester vermittelte zwischen uns und Gott, und nicht die gr\u00f6\u00dfte Anstrengung der Gedanken kann es schaffen.<\/p>\n<p>Es ist nur <em>eine<\/em> Gnade, offenbart am Ende der Zeiten. Er ist das Opfer. Er ist gekommen. Er ist der Mensch. Er ist unsere Zukunft. Sein Blut ist unser Blut. H\u00f6rt ihr das, in den Krankenh\u00e4usern, in den Altersheimen; h\u00f6rt ihr das, die ihr wach seid in der Nacht und in den schwarzen Himmel schaut, immerfort und immerfort? H\u00f6rt ihr das, ihr Einsamen? Und auch ihr Starken, die ihr einen Sinn sucht f\u00fcr eure Kraft? H\u00f6rt ihr das, ihr Betenden? Es ist nur eine Gnade, offenbart am Ende der Zeiten. Gott hat sich geopfert. Wenn du am Kreuz stehst, ist er da. <em>Ich bin dein und du bist mein, und wo ich bleib, da sollst du sein <\/em>(EG341,7). Es war sein Leben, bis zum Ende: die Sinnlosigkeit, die Einsamkeit des Sterbenden. Das flie\u00dfende Blut, das die Zeit ist. Er ist es, der das Gericht des Todes tr\u00e4gt, die Strafe der Einsamkeit, die Ausweglosigkeit der Verzweiflung. Gott und nur Gott es ist, der sie f\u00fcr mich tr\u00e4gt. Und in seiner Gemeinschaft wird sie zum Leben. Das ist unser Frieden, sein Frieden, h\u00f6her ist als aller Verstand. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<p><strong>PD Dr. Tom Kleffmann<br \/>\nG\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:tom.kleffmann@theologie.uni-goettingen.de\">tom.kleffmann@theologie.uni-goettingen.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Okuli, 19. M\u00e4rz 2006 Predigt zu 1. Petrus 1, 13-21, verfasst von Tom Kleffmann Das alte Israel hatte den Tempel in Jerusalem. Bis ihn die R\u00f6mer im Jahr 70 nach Christi Geburt zerst\u00f6rten, opferten dort Priester Gott \u2013 dem Sch\u00f6pfer der Welt, dem Herrn, dem Richter, dem Geheimnis, dem Barmherzigen, dem Kommenden. 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