{"id":11039,"date":"2021-02-07T19:49:07","date_gmt":"2021-02-07T19:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11039"},"modified":"2023-02-02T09:03:22","modified_gmt":"2023-02-02T08:03:22","slug":"philipper-1-15-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/philipper-1-15-21\/","title":{"rendered":"Philipper 1, 15-21"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">L\u00e4tare, 26. M\u00e4rz 2006<br \/>\nPredigt zu Philipper 1, 15-21, verfasst von Monika Waldeck<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Ein alter Mann im alten Griechenland sa\u00df an der Stra\u00dfe nach Korinth und wurde von einem Wanderer befragt, wie weit es noch bis in die Stadt sei.<br \/>\nEr gab bereitwillig Auskunft. Dann wollte der Wanderer noch wissen, was in Korinth f\u00fcr Menschen wohnten.<br \/>\n\u201eWo kommst du her?\u201c fragte der Alte dagegen. \u201cAus Athen\u201c, sagte der Wanderer. \u201eUnd was f\u00fcr Menschen leben da?\u201c \u2013 \u201eAch\u201c, meinte der Wanderer, \u201ealles Halunken und Verbrecher, L\u00fcgner und Betr\u00fcger!\u201c \u2013 \u201eDein Pech\u201c, antwortete der alte Mann, \u201ein Korinth wirst du es nicht anders finden, auch alles L\u00fcgner und Betr\u00fcger.\u201c Bek\u00fcmmert zog der Wanderer weiter.<\/p>\n<p>Nach einer Weile kam ein anderer Wanderer und fragte ebenfalls nach dem Weg und nach den B\u00fcrgern von Korinth, und wieder erkundigte sich der alte Mann, wo der Wanderer herk\u00e4me und welche Menschen er da angetroffen h\u00e4tte.<br \/>\nAus Athen k\u00e4me er, berichtete jener und dort lebten lauter freundliche und hilfsbereite Leute.<br \/>\n\u201eDa hast du Gl\u00fcck\u201c, sagte der Alte, \u201ein Korinth leben die besten Menschen der Welt, alles nette Leute!\u201c \u201eFein\u201c, sagte der Wanderer und zog fr\u00f6hlich von dannen.<br \/>\nEin Dritter, der beide Gespr\u00e4che mit angeh\u00f6rt hatte, n\u00e4herte sich dem Mann und machte ihm bittere Vorw\u00fcrfe, wie er so doppelz\u00fcngig reden k\u00f6nne. \u201eEntweder wohnen in Korinth Halunken oder anst\u00e4ndige Leute. Was ist nun? Beides zugleich ist unm\u00f6glich!\u201c<br \/>\n\u201eDu irrst dich\u201c, entgegnete ihm der Alte, \u201edie anderen sind immer so wie wir selbst. Wessen Herz voller Argwohn und dunkler Gedanken ist, der trifft \u00fcberall auf Lug und Trug. Aber wessen Herz arglos und voller freundlicher Gedanken ist, der trifft \u00fcberall in der Welt auf Freundlichkeit und Freundschaft.\u201c<\/p>\n<p>Klug ist er, der alte Mann. Wie ein Arzt beobachtet er die Gespr\u00e4chspartner, stellt seine Diagnose. Aber er behandelt sie nicht.<br \/>\nAuf den Einwand des Beobachters, er w\u00fcrde den Fragern nach dem Mund reden, antwortet er: Es gibt keine Wahrheit. Jeder sieht die Welt aus seiner Perspektive, es gibt so viele Wirklichkeiten, wie es Menschen gibt. Daran ist nichts zu \u00e4ndern. Oder?<\/p>\n<p>In der Legende bleibt jeder bei sich.<br \/>\nWas jedoch ist mit uns, die wir von au\u00dfen auf die Geschichte schauen? Wenn Sie innerlich in der Erz\u00e4hlung mitgehen konnten, dann waren Sie vielleicht am Ende \u00fcberrascht \u00fcber diese Botschaft: Wenn ich mit anderen gut umgehe, so tun sie es auch mit mir, wie mir die Welt erscheint, das hat etwas mit mir zu tun.<\/p>\n<p>Nicht selten f\u00fchlen wir uns im Alltag ungerecht oder schlecht behandelt: am Arbeitsplatz, in der Familie, von Beh\u00f6rden, im Freundeskreis. Die anderen erscheinen ablehnend, arrogant oder rechthaberisch. Gegenseitiges Verstehen misslingt.<br \/>\nEs hat, oft jedenfalls, etwas mit einem selbst zu tun. Darauf will die Geschichte hinweisen und doch etwas ansto\u00dfen \u2013 n\u00e4mlich bei Ihnen und mir, die wir heute morgen hier in der Kirche zusammen sind.<\/p>\n<p>Blo\u00df, wie kommt es, dass der eine die Welt so schwarz sieht und der andere so freundlich? Schlie\u00dflich kann keiner sein Verhalten so einfach \u00e4ndern, wie wenn man einen Lichtschalter umlegen w\u00fcrde. Manche Abgrenzungen gegen andere haben wir im Laufe unseres Lebens als hilfreich erlebt. Sie dienten der Selbstbehauptung, halfen, unsere Pers\u00f6nlichkeit zu bilden.<br \/>\nNein, so einfach kann keiner aus seiner Haut.<\/p>\n<p>Trotzdem w\u00e4re es ja traumhaft, sich \u00e4ndern zu k\u00f6nnen, die Welt mit anderen Augen zu sehen, von anderen akzeptiert zu sein. Der Wunsch danach f\u00fchrt uns letzten Endes auch heute morgen hier zusammen.<br \/>\nWir sind auf der Suche nach einem grundlegenden Angenommensein, weil wir uns, solange wir leben, auseinandersetzen m\u00fcssen mit Angst und Hoffnung, Scham und Zorn, Freude und Trauer.<br \/>\nWir suchen nach einem Grund und Halt im Leben, der die Angst bannt und schlie\u00dflich erm\u00f6glicht, anderen freundlich begegnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Von einem, der seinen Grund gefunden hat, erz\u00e4hlt der heutige Predigttext. Zuversichtlich erz\u00e4hlt er, fast federleicht und mit ungeheurer Ausdruckskraft.<br \/>\n\u201eChristus ist mein Leben\u201c, so sagt Paulus, der Schreiber des Briefes an die Philipper. Es ist sein pers\u00f6nliches Glaubensbekenntnis, eines, das ihm in vielen Situationen seines Lebens bisher von Bedeutung war.<br \/>\n\u201eChristus ist mein Leben\u201c, das hat f\u00fcr Paulus Konsequenzen. Wegen dieses Bekenntnisses befindet er sich zur Zeit im Gef\u00e4ngnis, wahrscheinlich in Ephesus. Die Philipper berichten ihm von Streit in der Gemeinde zwischen Christen griechischer und j\u00fcdischer Herkunft.<br \/>\nPaulus meint, letzten Endes ginge es um Neid und Eitelkeit und gar nicht um theologische Fragen. Er zieht seine Bilanz: Der Markt derer, die Gott in der Welt zur Sprache bringen wollen, sei gro\u00df, und die Motive so unterschiedlich wie die Menschen \u2013 was soll\u2018s? Wenn nur Christus verk\u00fcndigt werde auf jede Weise, so freue es ihn.<\/p>\n<p>Es ist eine tolerante, \u00f6ffnende Konsequenz aus seinem pers\u00f6nlichen Glaubensbekenntnis, \u00fcberraschend anders hier als sonst in seinen Schriften, wo er oft mit absolutem Wahrheitsanspruch redet. Es ist eine Einsicht, die den anderen Wertsch\u00e4tzung entgegenbringt, die nahe bei den anderen ist. Es ist der Versuch, nicht alle gleichzumachen, sondern die unterschiedlichen Haltungen anzuerkennen. Es gibt nicht nur einen, es gibt viele Wege, Christus zu bekennen, und alle sind recht.<br \/>\nVielleicht kann eine solche Haltung uns heutigen Christen hilfreich sein. In unseren konfessionellen Streitigkeiten \u00fcber das rechte Bekenntnis zwischen evangelisch, katholisch, orthodox, pfingstlerisch oder baptistisch wird das Gespr\u00e4ch nur gelingen, wenn wir die Haltung des anderen tolerieren lernen.<\/p>\n<p>Das ist etwas anderes als Gleichmacherei. Das ist etwas anderes als Gleichg\u00fcltigkeit. Eine solche Haltung gelingt nur, wenn ich wei\u00df, wo ich selbst stehe, wenn ich eine pers\u00f6nliches Glaubensbekenntnis habe.<\/p>\n<p>Paulus kann seinem Bekenntnis sogar noch hinzuf\u00fcgen: \u201eSterben ist mein Gewinn\u201c. Selbst der Gedanke an den Tod macht ihn nicht mutlos, sondern bringt ihn Christus n\u00e4her. Er muss den Tod nicht verleugnen, da Jesus ihn auch kannte. Darum gibt es f\u00fcr ihn Grund zur Gelassenheit, ja zur Freude.<\/p>\n<p>Ich finde das eine starke Haltung. Nicht, weil ich danach streben m\u00fcsste, selbst so zu werden wie Paulus.<br \/>\nF\u00fcr mich ist es eine Ermutigung, mich zu trauen, eingetretene Pfade mal zu verlassen. Es k\u00f6nnten \u00fcberraschende Begegnungen werden, die auf uns warten: mit dem Arbeitskollegen, den ich nicht mag; mit meinem Kind, das vielleicht gerade in der Pubert\u00e4t ist und jeden Tag neue Auseinandersetzungen heraufbeschw\u00f6rt oder mit dem Nachbarn, \u00fcber den ich mich st\u00e4ndig \u00e4rgere.<\/p>\n<p>Ich kann mich erinnern, dass ich getauft bin und der Satz: \u201eChristus ist mein Leben\u201c auch f\u00fcr mich Geltung hat. Dessen kann ich mir sicher sein und ein sicherer Glaube weitet das Herz, w\u00e4hrend ein verunsicherter festhalten muss an Zw\u00e4ngen und einseitigen Normen f\u00fcr \u201erichtiges\u201c Christsein.<\/p>\n<p>Haben wir in Glaubensfragen und im Alltag Mut zur Anerkennung der Sicht anderer, \u201esolange nur Christus verk\u00fcndigt wird!\u201c Denn: \u201edie anderen sind immer so, wie wir selbst\u201c, darauf weist der alte Mann in der griechischen Legende hin. Die Welt wird dadurch freundlicher, das ist gewi\u00df. Und nichts brauchen wir dringender.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Monika Waldeck<br \/>\nKlinikpfarrerin<br \/>\n<a href=\"mailto:waldeck.esg-wiz@ekkw.de\">waldeck.esg-wiz@ekkw.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00e4tare, 26. M\u00e4rz 2006 Predigt zu Philipper 1, 15-21, verfasst von Monika Waldeck Ein alter Mann im alten Griechenland sa\u00df an der Stra\u00dfe nach Korinth und wurde von einem Wanderer befragt, wie weit es noch bis in die Stadt sei. Er gab bereitwillig Auskunft. 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