{"id":11044,"date":"2021-02-07T19:48:59","date_gmt":"2021-02-07T19:48:59","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11044"},"modified":"2023-02-07T18:26:37","modified_gmt":"2023-02-07T17:26:37","slug":"johannes-6-24-35","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-6-24-35\/","title":{"rendered":"Johannes 6, 24-35"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">L\u00e4tare, 26. M\u00e4rz 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 6, 24-35, verfasst von Erik Bredmose Simonsen (D\u00e4nemark)<br \/>\n<\/span><\/b><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Als das kommunistische System in Osteuropa zusammenbrach und die Mauer zwischen Ost und West fiel, da gab es viele Menschen im westlichen Europa, die Morgenluft witterten und neue M\u00f6glichkeiten sahen. Nicht blo\u00df, weil damit eine latente Bedrohung des Friedes in unserem Teil der Welt entfernt worden war. Nicht nur aus Freude dar\u00fcber, dass Menschen, die ein Menschenalter lang unterdr\u00fcckt gewesen waren, jetzt wieder frei reden konnten und die M\u00f6glichkeit einer menschlicheren Lebensentfaltung erhielten.<\/p>\n<p>Nein, man witterte Morgenluft, weil man M\u00f6glichkeiten sah, die nicht nur das k\u00fcnftige Leben der Osteurop\u00e4er betrafen, sondern auch unser eigenes Leben hier im Westen. Viele Menschen stellten sich n\u00e4mlich vor, mit der eingetretenen Entspannung w\u00fcrde sich die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnen, ein Gesellschaftssystem einzuf\u00fchren, das die bereits bekannten \u00fcbertreffen w\u00fcrde, einen dritten Weg sozusagen, der besser war als der kommunistische und der kapitalistische. Auf den Ruinen des alten Osteuropa w\u00fcrden alle Tr\u00e4ume von einer besseren und gerechteren Welt verwirklicht werden. Man brauchte nur das Beste vom Kommunismus zu nehmen: die Gleichheit, und das Beste vom Kapitalismus: die Freiheit. Hatten doch beide Systeme jeweils f\u00fcr sich ihre Schw\u00e4chen vollauf unter Beweis gestellt. Jetzt aber w\u00fcrde ein Cocktail aus den beiden Systemen das Beste im Menschen und in der Gesellschaft herauff\u00fchren.<\/p>\n<p>Eine Zeitlang sah es tats\u00e4chlich so aus, als ob da etwas Neues im Entstehen war. Die Aufmerksamkeit aller richtete sich damals auf die damalige Tschechoslowakei, wo man einen K\u00fcnstler in das Amt des Pr\u00e4sidenten w\u00e4hlte. Ein euphorischer Optimismus verbreitete sich unter den Intellektuellen des Westens. Es wurde eine Zeitlang in den Medien viel dar\u00fcber geredet und geschrieben, Visionen wurden entworfen und M\u00f6glichkeiten analysiert.<\/p>\n<p>Heute, 15 Jahre danach ist von diesem Optimismus nicht mehr viel \u00fcbrig. Vieles ist sehr viel anders verlaufen, als man es sich ertr\u00e4umt hatte. Aber was war schief gegangen?<\/p>\n<p>Ja, an und f\u00fcr sich war nichts schief gegangen. Die Wirklichkeit hat sich blo\u00df so aufgef\u00fchrt, wie es ihre Gewohnheit ist, n\u00e4mlich anders als die Ideale.<\/p>\n<p>Die Osteurop\u00e4er vermochten nicht so ganz dieselben M\u00f6glichkeiten zu sehen wie die Westeurop\u00e4er. Oder man kann vielleicht sagen, f\u00fcr sie sah die Wirklichkeit einigerma\u00dfen anders aus. W\u00e4hrend westeurop\u00e4ische Intellektuelle sich in idealistischen Gedankenkonstruktionen ergingen, klopfte eine ganz andere Wirklichkeit an die T\u00fcr der Osteurop\u00e4er, die sich nicht damit abspeisen lassen wollten, dass sie in einem gro\u00dfen sozialen und ideologischen Experiment, das in westlichen Gehirnen geboren worden war, als Statisten auftreten sollten.<\/p>\n<p>In Osteuropa wollte man Brot auf dem Tisch haben! Die Erwartungen, die man dort nach dem Fall der Mauer an die Zukunft hatte, galten nicht geistigem, sondern vielmehr materiellem Wohlergehen. Und die Osteurop\u00e4er stellten sich vor, der materielle Wohlstand w\u00fcrde fast ganz von alleine kommen, wenn das kommunistische System erst einmal aus dem Wege ger\u00e4umt w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das geschah bekanntlich nicht, und bald sehnten sich viele Osteurop\u00e4er wieder nach der Zeit des Kommunismus, denn da hatte man immerhin Arbeit, und man wurde satt. Man kann wohl sagen, dass die geistigen Bed\u00fcrfnisse der Osteurop\u00e4er \u2013 das Verlangen nach Freiheit, danach, frei denken, glauben und reden zu k\u00f6nnen, erst an zweiter Stelle kam. Zuerst einmal wollte man Brot auf dem Tisch haben.<\/p>\n<p>So ist der Mensch, er lebt vom Brot, und ohne Brot stirbt er. Es ist, so k\u00f6nnte man wohl sagen, die Naturseite des Menschen, seine biologische Seite, die sich auf diese Weise zu erkennen gibt, und sie ist fundamental, ob man nun im Westen oder im Osten wohnt, im S\u00fcden oder im Norden.<\/p>\n<p>Aber der Mensch ist nun einmal mehr als das. Er hat auch eine andere Seite, die ebenso fundamental ist. Der Mensch ist auch Geist, und deshalb kann er auch von Brot allein sterben.<\/p>\n<p>Der westeurop\u00e4ische Mensch hat Brot auf dem Tisch \u2013 ja, die meisten Menschen haben sogar Brot im \u00dcberfluss. Und doch ist bekanntlich nicht alles lauter paradiesisches Gl\u00fcck hier bei uns. Selbstmorde, psychische Leiden, Kriminalit\u00e4t usw. sind hier zu Lande an der Tagesordnung, und diese Tatsache macht deutlich, dass mit dem t\u00e4glichen Brot nicht alles getan ist.<\/p>\n<p>Als Jesus einmal vom Teufel versucht wurde, wies er ihn zur\u00fcck, u.a. indem er sagte: \u201eDer Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.\u201c<\/p>\n<p>Die deutsche Theologin Dorothee S\u00f6lle hat in einem Artikel diese Worte zugrunde gelegt und hinzugef\u00fcgt, dass der Mensch vom Brot allein sogar stirbt. Der Tod von Brot allein, schreibt sie, das sei der Tod in der menschlichen Abgestumpftheit, das sei, wenn das Verh\u00e4ltnis zwischen Menschen zerst\u00f6rt werde. Von Brot allein k\u00f6nnten wir wohl funktionieren, aber im Grunde doch nur als mechanische Maschinen. Wir atmen, verbrauchen, regulieren, treffen Entscheidungen, produzieren und lassen unserem Mundwerk freien Lauf, und doch leben wir nicht. Der Tod von Brot allein bedeute ein sinnloses Leben ohne Inhalt, wo man nur \u00fcberlebe.<\/p>\n<p>Wer von Brot allein tot ist, erlebt nicht die Freude an anderen Menschen, sieht die anderen Menschen nicht als Reichtum und Herausforderung, sondern als Bedrohung und als Konkurrenten, und, sagt Dorothee S\u00f6lle, es ist dieser Tod, von dem auch die Bibel spricht, dieser Tod, der ein sinnloses und leeres Leben bedeutet.<\/p>\n<p>S\u00f6lle schreibt weiter, dass der Tod von Brot allein die Situation ist, in der das Leben in kleinste St\u00fccke zerf\u00e4llt, zu einem Supermarkt wird, in dem man alles bekommen kann und wo es keinen Grund gibt, sich f\u00fcr das Eine mehr zu interessieren als f\u00fcr das Andere. Von Brot allein und f\u00fcr Brot allein. Deshalb sterben wir den t\u00e4glichen schrecklichen Tod.<\/p>\n<p>So also Dorothee S\u00f6lle.<\/p>\n<p>Der schwedische Dichter P\u00e4r Lagerkvist erz\u00e4hlt in seinem Roman \u201eDer Tod des Ahasverus\u201c davon, wie die Hauptperson Ahasverus eines Nachts in einer Herberge hoch oben in den Alpen sitzt und in einem Gespr\u00e4ch mit einem Fremden sein Leben Revue passieren l\u00e4sst. Ahasverus sagt: \u201eMan denkt so viel dar\u00fcber nach, wovon man leben soll. Man spricht immer so viel davon. Aber wozu soll man leben, kannst du mir das sagen, wozu soll man leben?\u201c<\/p>\n<p>Wovon soll man leben, und wozu soll man leben, diese beiden Fragen verweisen auf den Mangel an Brot zur biologischen Aufrechterhaltung der Lebens bzw. auf den Mangel an Sinn f\u00fcr die Aufrechterhaltung des existentiellen Lebens. Der Mensch braucht beides, aber er k\u00fcmmert sich anscheinend ausschlie\u00dflich darum, wovon er leben soll. \u2013 Von Brot allein \u2013 und das gen\u00fcgt nicht.<\/p>\n<p>Allerdings ist es auch verkehrt, die Realit\u00e4ten nicht mitzudenken, wenn es um unsere menschlichen Bed\u00fcrfnisse geht. Die K\u00f6rperlichkeit, der Leib, das Fleisch \u2013 alles muss das Seine haben. Der Geist muss etwas haben, worin er gedeihen kann, oder man landet in weltfernem Idealismus. Verga\u00df man vielleicht genau das, als man nach dem Fall der \u201eMauer\u201d von den gro\u00dfen M\u00f6glichkeiten tr\u00e4umte?<\/p>\n<p>Im Evangelium von heute belehrt Jesus die Volksmenge, dass es falsch ist, sich ausschlie\u00dflich auf das Essen, das den Magen s\u00e4ttigt, zu konzentrieren. Der Text folgt im Johannesevangelium unmittelbar auf die Erz\u00e4hlung, wie Jesus auf einem Berg 5000 Menschen mit f\u00fcnf Broten und zwei Fischen ges\u00e4ttigt hat, und jetzt dr\u00e4ngen sich die Menschen um ihn, weil sie ihn zu ihrem K\u00f6nig machen wollen. Man stelle sich vor, einen solchen K\u00f6nig zu haben, der Essen hervorzaubern kann, so dass alle essen k\u00f6nnen und satt werden! Welch eine Zukunft h\u00e4tte man vor sich! Ein reines Schlaraffenland w\u00e4re das.<\/p>\n<p>Aber Jesus durchschaut sie und weigert sich, auf ihre Pl\u00e4ne einzugehen. Was ich f\u00fcr euch auf dem Berg tat, sagt er, war ein Zeichen, das euch zeigen sollte, wer ich bin, und womit ich komme, n\u00e4mlich mit dem Brot des Lebens. Mi dem Brot, das nicht nur s\u00e4ttigt wie die t\u00e4glichen Scheiben Vollkornbrot, sondern das \u00fcber alle Grenzen s\u00e4ttigt, ja, sogar im Tod. Ihr sollt euch nicht so sehr um das Essen k\u00fcmmern, das vergeht, sondern um die Nahrung, die f\u00fcr das ewige Leben besteht, sie ist es, die ich euch bringe.<\/p>\n<p>Die Menschen sind nun daran interessiert, zu erfahren, was sie tun m\u00fcssen, um an diesem Brot des Lebens Anteil zu erhalten, und Jesu Antwort ist: glaubt an ihn, den Gott gesandt hat. \u201eIch bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird niemals hungern, und wer an mich glaubt, den wird niemals d\u00fcrsten.\u201c<\/p>\n<p>Es ist klar, dass der Ausdruck \u201eBrot des Lebens\u201c hier symbolisch oder bildlich zu verstehen ist, als Ausdruck all dessen, was wir duch Jesus Christus geschenkt bekommen, n\u00e4mlich das Leben in seiner vollen und ganzen Bedeutung. Wenn Jesus sich selbst das Brot des Lebens nennt, dann ist das ein Hinweis darauf, dass er sich selbst zum Leben f\u00fcr die Welt hingeben wird, dass er in den Tod gehen wird, damit wir leben k\u00f6nnen, und wohlgemerkt leben k\u00f6nnen, nicht nur, bis wir selbst sterben m\u00fcssen, sondern damit wir leben werden, obwohl wir sterben m\u00fcssen. Das bedeutet nicht, dass wir das t\u00e4gliche Brot nicht mehr br\u00e4uchten und nicht mehr daf\u00fcr arbeiten m\u00fcssten; auch es bedeutet auch nicht, dass wir nicht sterben m\u00fcssten, sondern dass wir leben werden, wenn wir auch sterben. Und das ist zweifellos mehr wert, als blo\u00df mit dem t\u00e4glichen Brot versorgt zu werden, so wie die Volksmenge bei der Speisung auf dem Berge mit Brot versorgt wurde.<\/p>\n<p>Aber auch damals waren die Menschen interessiert an dem, was weniger und mehr erdverbunden war, n\u00e4mlich etwas in den Magen zu bekommen, hier und jetzt.<\/p>\n<p>\u201eWozu soll man leben?\u201c, fragte Ahasverus. Und die Frage wird auch im heutigen D\u00e4nemark oft gestellt. Der Tod vom Brot allein breitet sich aus, weil das Ziel unseres Lebens auf das blo\u00df Notwendige herabgeschraubt ist, n\u00e4mlich blo\u00df die Lebensmaschine am Laufen zu halten und nicht mehr.<\/p>\n<p>Aber was sagt das Evangelium zu der Frage? Ja, das Evangelium sagt, dass wir leben werden, weil Gott es will, und weil wir im Gro\u00dfen wie im Kleinen gebraucht werden. Und dass wir leben <em>k\u00f6nnen<\/em> \u2013 sowohl mit uns selbst als auch mit unseren Mitmenschen \u2013 weil Gott ein f\u00fcr alle Mal f\u00fcr uns eingestanden ist, wie schief, zweifelnd, resigniert und hilflos wir auch sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Wer glaubt, dass Gott uns das Leben mit seiner Verantwortung und seinen Aufgaben geschenkt hat, und wer glaubt, dass die Liebe Gottes uns erreicht, auch wenn wir versagen, der wird sich nie mit Ahasverus\u2019 Frage konfrontiert sehen: Wozu soll man leben.<\/p>\n<p>Aber auch derjenige, der zweifelt und dem es schwer f\u00e4llt, irgendeinen gr\u00f6\u00dferen Sinn des Lebens zu entdecken, kann gewiss sein, dass Gottes Liebe auch ihn umfasst. Nichts in unserem Verh\u00e4ltnis zu Gott beruht n\u00e4mlich auf uns, sondern alles beruht allein auf ihm, der als das wahre Brot des Lebens vom Himmel herabgekommen ist und der Welt Leben geschenkt hat.<\/p>\n<p>Als ein Apropos zur Einleitung k\u00f6nnten wir den Menschen im Osten wie im Westen sagen, dass es tats\u00e4chlich M\u00f6glichkeiten gibt, andere Wege zu gehen und andere Pfade zu betreten als die gew\u00f6hnlichen. Es gibt bestimmt einen dritten Weg; aber er liegt sicherlich etwas anders und sieht etwas anders aus, als wir unmittelbar glauben. Er \u00fcberschreitet sowohl die nackte Notwendigkeit als auch den blinden Idealismus. Wir m\u00fcssen ihn nicht selbst ebnen. Er ist gegeben und liegt da und wartet darauf betreten zu werden.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p class=\"Stil1\"><strong>Pastor Erik Bredmose Simonsen <\/strong><br \/>\n<strong>Pr\u00e6stebakken 11 <\/strong><br \/>\n<strong>DK-8680 Ry <\/strong><br \/>\n<strong>Tel.: +45 86 89 14 17 <\/strong><br \/>\n<strong>E.mail: <a href=\"mailto:ebs@km.dk\"> ebs@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00e4tare, 26. M\u00e4rz 2006 Predigt zu Johannes 6, 24-35, verfasst von Erik Bredmose Simonsen (D\u00e4nemark) (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Als das kommunistische System in Osteuropa zusammenbrach und die Mauer zwischen Ost und West fiel, da gab es viele Menschen im westlichen Europa, die Morgenluft witterten und neue M\u00f6glichkeiten sahen. 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