{"id":11063,"date":"2021-02-07T19:48:58","date_gmt":"2021-02-07T19:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11063"},"modified":"2023-02-08T13:00:18","modified_gmt":"2023-02-08T12:00:18","slug":"jesaja-50-4-9-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-50-4-9-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 50, 4-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Palmarum, 9. April 2006<br \/>\nPredigt zu Jesaja 50, 4-9, verfasst von Franz-Heinrich Beyer <\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>der heutige Sonntag ist der letzte der Passionszeit und er ist damit auch der letzte Sonntag vor Karfreitag. Diese beiden Tage \u2013 so nahe beieinander und doch welche Gegens\u00e4tze. Die inhaltliche Besonderheit dieser beiden Tage \u2013 Palmsonntag: der jubelnde und \u00fcberschw\u00e4ngliche Empfang des einziehenden Jesus in Jerusalem; Karfreitag: die Verurteilung und Kreuzigung eben dieses Jesus \u2013 die inhaltliche Besonderheit dieser beiden Tage kennzeichnen Extreme, deren enge Verbindung nur schwer zu ertragen ist. Heute das \u201eHosianna\u201c und Freitag das \u201eKreuzige ihn\u201c.<\/p>\n<p>Unser heutiger Predigttext ist noch \u00e4lter als die Geschichte Jesu. Aber er zeigt das Beieinander solcher extremsten Erfahrungen, nun aber in einem Lebensbericht \u2013 in dieser Weise k\u00f6nnen wir den heutigen Predigttext verstehen. Er ist Teil eines sogenannten Gottesknechtsliedes im Buch des Propheten Jesaja.<\/p>\n<p>Der Text, den wir geh\u00f6rt haben, er ist durchzogen von einer Sprachgestalt, die eine innige Verbindung zwischen dem Sprechenden und Gott zum Ausdruck bringt:<\/p>\n<p>Der Sprechende vermag etwas, wozu Menschen nicht selbstverst\u00e4ndlich in der Lage sind. Er kann mit M\u00fcden reden, er vermag es, abgestumpfte Menschen aufzur\u00fctteln, er gibt ihnen, was sie brauchen. In einem biblischen Bild gesagt: Er vermag zu sein wie ein Hirte, der Schafe so weidet, dass sie finden, was ihnen gut tut. Und so kann er zum Ausdruck bringen, was ihn pers\u00f6nlich erf\u00fcllt und was sein Lebensgef\u00fchl pr\u00e4gt:<\/p>\n<p>\u201eGott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie J\u00fcnger haben, dass ich wisse mit<br \/>\nden M\u00fcden zu rechter Zeit zu reden.\u201c<\/p>\n<p>Aber dem \u201eReden-K\u00f6nnen\u201c, wenn es nicht blo\u00dfes Geschw\u00e4tz bleiben soll, liegt etwas voraus. Das H\u00f6ren liegt dem Reden voraus. Nur wer h\u00f6rt, kann reden. Ja, es ist grundlegend f\u00fcr die Menschlichkeit des Menschen, dass er h\u00f6ren kann, dass er zu h\u00f6ren vermag. Dazu geh\u00f6rt zuallererst, sich selbst angeredet zu wissen: Ich bin gemeint. Diese Worte gelten mir. Sie stehen nicht oder sie klingen nicht einfach nur im Raum; diese Worte wollen mich erreichen, mein Erleben und F\u00fchlen.<\/p>\n<p>Die Erfahrung der Menschen durch die Jahrhunderte hindurch ist aber h\u00e4ufig eine andere: Nicht das H\u00f6ren-Wollen und auch nicht das H\u00f6ren-K\u00f6nnen lassen sich beobachten, sondern ein Weg-H\u00f6ren oder einfach eine Taubheit. H\u00f6ren-K\u00f6nnen, das ist etwas, was wir nicht aus uns heraus verm\u00f6gen. Es ist nicht etwas, was in unserm Verm\u00f6gen und Belieben liegt. Vielmehr bedarf es dazu eines Eingreifens von au\u00dfen. Und so klingen die Worte des Sprechers in dem Gottesknechtslied sowohl einleuchtend als auch verlockend:<\/p>\n<p>\u201eAlle Morgen weckt Gott mir das Ohr, dass ich h\u00f6re, wie J\u00fcnger h\u00f6ren. Gott der Herr<br \/>\nhat mir das Ohr ge\u00f6ffnet.\u201c<\/p>\n<p>Die bisher betrachteten Passagen des Gottesknechtsliedes, wir k\u00f6nnen sie als Beschreibung des Menschlichen verstehen, als Modell des Menschlichen \u2013 H\u00f6ren-K\u00f6nnen erm\u00f6glicht Sprechen-K\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber damit ist noch nicht alles gesagt, was das menschliche Leben pr\u00e4gt. Entt\u00e4uschung und Feindschaft, Schmerz, Trauer und Zweifel beanspruchen immer einen Teil, manchmal auch das gesamte Lebensempfinden. Hier nach einfachen, einsehbaren Antworten zu suchen w\u00e4re wenig hilfreich. Der Sprecher im Gottesknechtslied ordnet die ganz unterschiedlichen Erfahrungen lediglich nebeneinander an, wenn er fortf\u00e4hrt:<\/p>\n<p>\u201eIch bin nicht ungehorsam und weiche nicht zur\u00fcck. Ich bot meinen R\u00fccken dar<br \/>\ndenen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein<br \/>\nAngesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.\u201c<\/p>\n<p>Schlimmes hatte dieser Mensch zu erleiden und zu ertragen. Und bei all dem lesen wir kein Wort der Klage, keinen Vorwurf. Dieser Mensch ist nicht das passive Objekt von Folter, er nimmt nicht nur hin. Vielmehr ist er es selbst, der dem Leiden nicht aus dem Weg geht, der seinen R\u00fccken, seine Wangen, sein Angesicht den Gewaltt\u00e4tern gleichsam als Objekt f\u00fcr die Gewalt darbietet. Was ist das f\u00fcr ein Mensch, der so lebt und leiden muss? Was ist das f\u00fcr ein Mensch, der so leidet und dabei lebt? \u2013 Alles, was wir sagen k\u00f6nnen ist: Es ist ein Mensch, dessen Leben und dessen Erleben von einem tiefen Gottvertrauen durchzogen ist. In der Sprachform des Gottesknechtsliedes findet das seinen Ausdruck in diesen Worten:<\/p>\n<p>\u201eAber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum habe ich<br \/>\nmein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich wei\u00df, dass ich nicht<br \/>\nzuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht macht.\u201c<\/p>\n<p>Der diese Worte spricht, der sieht sich nicht als Spielball von Willk\u00fcr und Gewalt. Er sieht sich in aller Ohnmacht und Einsamkeit eben nicht g\u00e4nzlich verlassen. Das letzte Wort \u00fcber ein Menschenleben zu sprechen \u2013 nicht bei den Gewaltt\u00e4tern liegt es, es liegt allein bei Gott.<\/p>\n<p>Darum, bei allem, was uns, was mir im Leben widerf\u00e4hrt \u2013 Gelingen und Scheitern, Lebensfreude und Fassungslosigkeit, Starksein und Schwachsein \u2013 bei all dem kann ich mich an diese Worte des Gottesknechtsliedes erinnern, an diese Worte kann ich mich halten:<br \/>\n\u201eGott der Herr hilft mir, wer will mich verdammen?\u201c<\/p>\n<p>Dieses Gottesknechtslied wurde in seinen Worten lange vor der Zeit Jesu formuliert und ist durch Jahrhunderte im j\u00fcdischen Volk \u00fcberliefert worden. Dieses Gottesknechtslied war f\u00fcr die fr\u00fchen Christen eine naheliegende Form, ihrem Wissen von Jesus und ihrem Bem\u00fchen um das Verstehen des Weges Jesu eine Gestalt zu geben. Das Gottesknechtslied aus Jesaja mit den Worten und Aussagen \u2013 es konnte so etwas sein wie ein Spiegel, in dem das Bild des gepeinigten und leidenden Menschensohns gesehen und wiedererkannt wurde.<\/p>\n<p>Und uns, wiederum beinahe zwei Jahrtausende sp\u00e4ter, auch uns l\u00e4sst dieses Gottesknechtslied nicht unber\u00fchrt. Manches von dem, was unser, was mein Leben bestimmt, meine ich dort zu entdecken. Aber m\u00f6glicherweise noch st\u00e4rker wird angesichts des Gottesknechtsliedes das sichtbar, was mir fehlt, wonach ich mich sehne, n\u00e4mlich &#8211; im H\u00f6ren zu leben, mit den M\u00fcden zu reden wissen, in den Wechself\u00e4llen des Lebens auf Gottes Hilfe vertrauen k\u00f6nnen. So sehe ich dieses Gottesknechtslied auch f\u00fcr uns heute wie einen Spiegel an. Wer in einen Spiegel schaut erwartet den Anblick des eigenen, vertrauten und wohlgeformten Gesichts. So zeigen es auch Maler, die ihr eigenes Bildnis als Spiegelbild malen. Ein besonderes Selbstbildnis, ein besonderes Spiegelbild hat im 16. Jahrhundert der Maler Albrecht D\u00fcrer gestaltet. Das im Spiegel sichtbare und von ihm gezeichnete Bild tr\u00e4gt die charakteristischen Merkmale des Schmerzensmannes. Der Maler, in einer Situation bedrohlicher Krankheit und pers\u00f6nlicher Krise \u2013 er zeigt im Spiegelbild nicht das eigene, von Krankheit und Zweifel gepr\u00e4gte Antlitz; er zeigt das Bild des leidenden Gottesknechts, des gepeinigten Schmerzensmanns, das Bild des Jesus, dessen Weg zum Kreuz f\u00fchrte, aber dort nicht endete.<\/p>\n<p>Wer so zu schauen vermag, wer so vertrauen kann, der erf\u00e4hrt sich aufgehoben, in allem, was geschieht. \u201eDenn\u201c \u2013 mit den Worten des Gottesknechtsliedes \u2013 \u201edenn ich wei\u00df, dass ich nicht zuschanden werde. Gott ist nahe, der mich gerecht macht\u201c. Die Passionszeit, sie weist uns vor allem auf den Trost hin, den wir haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Franz-Heinrich Beyer<br \/>\n<a href=\"mailto:Franz-Heinrich.Beyer@rub.de\">Franz-Heinrich.Beyer@rub.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Palmarum, 9. April 2006 Predigt zu Jesaja 50, 4-9, verfasst von Franz-Heinrich Beyer Liebe Gemeinde, der heutige Sonntag ist der letzte der Passionszeit und er ist damit auch der letzte Sonntag vor Karfreitag. Diese beiden Tage \u2013 so nahe beieinander und doch welche Gegens\u00e4tze. 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