{"id":11073,"date":"2021-02-07T19:49:08","date_gmt":"2021-02-07T19:49:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11073"},"modified":"2023-01-31T09:50:23","modified_gmt":"2023-01-31T08:50:23","slug":"1-korinther-10-16-17-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-10-16-17-2\/","title":{"rendered":"1. Korinther 10, 16-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Gr\u00fcndonnerstag, 13. April 2006<br \/>\nPredigt zu 1. Korinther 10, 16-17, verfasst von Reiner Kalmbach<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde:<\/p>\n<p>Wer eine Predigt vorbereitet, hat dabei immer auch seine Gemeinde vor Augen\u2026, wer wird kommen?, wieviele?, mit welchen Erwartungen\u2026? An \u201cnormalen\u201d Sonntagen begr\u00fcssen wir fast immer die selben Gottesdienstbesucher, aber es gibt Ausnahmen: da sind z.B. die hohen Feiertage, Taufen und Konfirmationen, Hochzeiten. Bei solchen Gelegenheiten finden auch Menschen den Weg in die Kirche die ihr eher gleichg\u00fcltig, oder sogar ablehnend, gegen\u00fcberstehen. Ein guter Prediger wird gerade diese Menschen im Blick haben und sie einladen.<\/p>\n<p>Predigen am Gr\u00fcndonnerstag; das ist die Ausnahme der Ausnahmen\u2026, wer findet heute den Weg in die Kirche, an diesem Abend? Ich gehe einfach einmal davon aus, dass jeder von Ihnen heute ganz bewusst gekommen ist. Morgen, an Karfreitag und am Ostersonntag, da f\u00fcllt sich unsere Kirche, da kommen \u201calle\u201d (und wer sollte sich dar\u00fcber mehr freuen als Jesus selbst!).<\/p>\n<p>Aber heute sind wir \u201cunter uns\u201d, heute h\u00f6ren wir ein Wort das uns hineinnehmen m\u00f6chte in eine ganz konkrete Situation. Wir feiern sie regelm\u00e4ssig, in manchen Gemeinden sogar jeden Sonntag, aber wir werden wohl noch nicht oft eine Predigt \u00fcber das \u201cHerrenmahl\u201d geh\u00f6rt haben. Es gibt wohl im ganzen Kirchenjahr keinen Tag der das Herrenmahl so zum Zentrum hat wie Gr\u00fcndonnerstag.<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir dieses Wort aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther, Kap. 10, die Verse 16 und 17:<br \/>\n\u201cDer gesegnete Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist\u2019s, so sind wir viele ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig sind.\u201d<\/p>\n<p>Der Apostel Paulus, wie so oft und angesichts von Versuchungen, Irrwegen und der Gefahr von R\u00fcckf\u00e4llen in l\u00e4ngst vergangene Zeiten, sieht sich veranlasst den Christen in Korinth ins Gewissen zu reden\u2026In seinen Briefen an die Gemeinde r\u00fcckt er immer wieder die Dinge zurecht; ermahnt, richtet auf, lehrt und ringt um sie. So auch hier. Es geht ihm um das Wesentliche, um die Kernaussagen des Evangeliums, die immer wieder in der Gefahr stehen verwischt oder relativiert zu werden. Geht es bei den Korinthern um die Teilnahme an nichtchristlichen Kultmahlzeiten (Paulus redet von \u201cG\u00f6tzendienst\u201d), so sollten wir fragen, was hindert uns daran das Wesentliche zu erkennen: welche Rolle spielen unsere Gewohnheiten und Traditionen, oder eine gewisse Routine die sich mit der Zeit eingeschlichen hat? Und unser Bed\u00fcrfnis nach Gemeinschaft in einer immer k\u00e4lter werdenden Welt; ist es falsch dieses Bed\u00fcrfnis in den Mittelpunkt der Feier des Herrenmahls zu stellen\u2026?<\/p>\n<p>In unserer kleinen (Diaspora) \u2013 Gemeinde, hier im S\u00fcden Argentiniens, gibt es eine wundersch\u00f6ne Sitte, auf die niemand (ich schliesse mich ein) verzichten w\u00fcrde. Nach dem sonnt\u00e4glichen Gottesdienst bleiben die meisten Gemeindeglieder zum gemeinsamen Mittagessen. Oft gibt es \u201cAsado\u201d, gegrilltes Fleisch, dessen Zubereitung allein schon an eine Zeremonie erinnert. Jeder bingt etwas mit, Salate, Getr\u00e4nke und alles wird geteilt\u2026Dann sitzen wir bis sp\u00e4t in den Nachmittag: Alleinstehende, junge Familien, Tagel\u00f6hner und Landbesitzer, intellektuelle Uniprofessoren und arbeitslose Fabrikarbeiter, alle sitzen am selben Tisch. Ja selbst ideologische oder politische Unterschiede sind wie aufgehoben. Dabei wird die \u201cSpeise\u201d selbst zur Nebensache\u2026, es tut einfach gut. Manchmal denke ich, h\u00e4tten wir diese Nachmittage (oder Abende) nicht, das viele Stunden w\u00e4hrende Beisammensein, unser Leben in diesem von Krisen und Armut gesch\u00fcttelten Land s\u00e4he noch trauriger aus.<\/p>\n<p>Ist es das was dieses Wort in des Apostels Brief an die Korinther (und an uns) meint?, geht es um das Gemeinschaftsgef\u00fchl\u2026?, will Jesus an diesem Abend unter seinen J\u00fcngern Gemeinschaft stiften\u2026?, ja, was will Jesus?, was steckt \u201chinter\u201d und in den Einsetzungsworten Jesu? Paulus l\u00e4dt uns ein diese Worte einmal \u201cnachzubuchstabieren\u201d.<\/p>\n<p><strong> Erstens:<\/strong> Das \u201cHerrenmahl\u201d ist <em>nicht<\/em> \u201cgemeinsames essen\u201d, <em>nicht<\/em> fr\u00f6hliches Beisammensein, <em>nicht<\/em> unser Essen (zumindest stehen all diese Dinge nicht im Mittelpunkt\u2026), sondern es ist SEIN Mahl! ER, Jesus l\u00e4dt ein, ER, Jesus bereitet den Tisch, ER, Jesus teilt aus, (und nun das unerh\u00f6rt Wesentliche), ER, Jesus teilt <strong><em> sich <\/em><\/strong>aus!, wir, die wir um den Tisch sitzen, wir empfangen IHN!<\/p>\n<p>In manchen Gemeinden wird wenige Stunden nach dem Gottesdienst am Gr\u00fcndonnerstag die Osternacht gefeiert werden, in der das Licht, an der Osterkerze entz\u00fcndet, an alle weitergereicht wird, die gekommen sind. Ist in der Osternacht die Gabe das eine Licht, das alle \u201cansteckt\u201d, an dem alle Anteil bekommen, so ist die Gabe des Herrenmahls der eine \u201cLeib f\u00fcr euch\u201d, der die Empf\u00e4nger in das Heil einbezieht, das er bringt: Durchbrechung der Todesgrenze, Stiftung neuen Lebens, das mit der Aufhebung von Schuld andere Grundmuster setzt, der neue Bund, gesetzt mit dem Christus, der sich hingegeben hat, beim Vater lebt und die nicht lassen will, mit denen er sich verbindet. In diesem Sinne ist der heutige Gottesdienst ein Ausblick auf das ganz sicher Kommende, ein Feiern auf das Ziel hin und vom Ziel her: Ostern.<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren lernte ich auf einer \u00f6kumenischen Veranstaltung einen \u00e4lteren Mann kennen, er ist aktives Gemeindeglied einer kath. Stadtgemeinde. In einer Pause kam er auf mich zu und wollte wissen wie wir Protestanten die Frage nach Schuld und Abendmahl sehen. Zuerst verstand ich seine Frage nicht, aber dann bot er an zu einem Gespr\u00e4ch in mein B\u00fcro zu kommen. Da sassen wir dann viele Stunden lang: ein evangelischer Pfarrer und ein \u201cH\u00e4ufchen Elend\u201d, das zwanzig Jahre seines Lebens vor mir aussch\u00fcttete. Er, ein gl\u00e4ubiger Christ, seit zwanzig Jahren geschieden und <em> deshalb<\/em> (\u00a1) seit zwanzig Jahren ohne Zugang zum Tisch des Herrn\u2026, am Ende heulten wir beide, ich aus Wut angesichts der Grausamkeit die wir Christen einander (noch immer) antun, er, weil ich ihn fragte, ob er denn ernstlich glaube, dass Christus, der Stifter des Mahls, ihn, der sich nichts sehnlicher w\u00fcnscht, als an diesem Tisch zu sitzen, ausschliessen w\u00fcrde\u2026! Schliesslich teilte sich Jesus sogar jenem der ihn wenig sp\u00e4ter verraten wird\u2026Jesus liebt uns bedingungslos und deshalb wendet er sich uns bedingungslos zu, wie sollte er dann einen von uns ausschliessen\u2026!?<\/p>\n<p>Am folgenden Sonntag feierten wir Gottesdienst und das Herrenmahl, er, nach zwanzig Jahren zum ersten mal. Auch f\u00fcr viele aus der Gemeinde war diese Abendmahlfeier ganz anders, neu, und deshalb vielleicht sogar wie das erste mal. Wieder gab es Tr\u00e4nen, aber diesmal aus Freude und Dankbarkeit.<\/p>\n<p>ER gibt sich uns! D.h. was w\u00e4hrend der Herrenmahlfeier geschieht ist nicht etwas das wir selbst untereinander herstellen, etwa das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, sondern wir empfangen etwas, wir empfangen IHN, und <em>deshalb<\/em> wird sich unser Verh\u00e4ltnis untereinander ver\u00e4ndern. Deshalb, weil\u2026<\/p>\n<p><strong> Zweitens:<\/strong> \u2026ER sich mit uns verbunden hat, ist Verbundenheit unter uns m\u00f6glich!<\/p>\n<p>Aus des Herrn eigener Hand \u2013 nur vermittelt durch die des \u201cVerwalters\u201d \u2013 empfangen wir ihn selbst. So sind wir dann auch untereinander verbunden. Das Sakrament schl\u00e4gt dann tats\u00e4chlich Br\u00fccken, auch wo menschlicherweise nur Gr\u00e4ben sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr den der Brot und Wein <em>so <\/em>empf\u00e4ngt, wird offenbar, was f\u00fcr ihn nun anders geworden ist: weil er \u201cden Leib f\u00fcr dich\u201d empfangen hat, ist er in ihn einbezogen und Teil dieses Leibes, nicht mehr als einer unter vielen, sondern mit Namen ansprechbar. Es ist so wie in der Osternacht, wenn das Licht weitergegeben ist, und aus der Finsternis die Gesichter aufleuchten und ganz deutlich zu sehen sind.<\/p>\n<p>Jetzt verstehen wir auch die Rede vom \u201ceinen Leib\u201d und seinen Gliedern. F\u00fcr Luther hat die Teilnahme am sakramentalen Christus (der Christus der sich uns im Mahl gibt) ganz konkrete Konsequenzen: alle auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden, alle allen verpflichtet, jeder Sieg des einen ein Sieg auch f\u00fcr alle anderen, jedes Versagen von weittragenden Folgen auch f\u00fcr die anderen, jeder Schmerz (auch im \u201ckleinsten Zehlein\u201d) alarmierend f\u00fcr das Ganze, jede Freude des einen eine Freude f\u00fcr alle\u2026<\/p>\n<p>Und noch ein <strong> Drittes:<\/strong> Die Teilnahme am Herrenmahl ist weit mehr als eine \u201cgeistige Anteilnahme\u201d. Im Mahle teilt unser erh\u00f6hter Herr sich selbst an uns aus. Empfang des Sakraments ist Eingliederung in seinen himmlischen Leib. Der <em>ganze<\/em> Christus \u2013 leibhaft sich austeilend als Brot und Wein. Er schenkt sich uns so, wie wir ihn brauchen. So tief gibt er sich in unser Leben hinein. Es ist ein konkretes, wirkliches Geschehen, pers\u00f6nlich, ganz auf uns, euch, mich bezogen, wie wir nun einmal beschaffen sind, nie an unserer kreat\u00fcrlichen Wirklichkeit vorbei, sondern in, mit und unter ihr. Haben zwei Menschen einander lieb und es fasst eine Hand die andere, dann ist dieses Ergreifen, dieses Zufassen und der Druck der H\u00e4nde nicht blosses Hilfsmittel der Sprache, sondern selbst ein St\u00fcck wirkliche Gemeinsachaft. Jeder weiss, dass eine Liebesbeziehung die sich, aus Gr\u00fcnden der geografischen Distanz, auf Telefon, Brief oder Mailkontakt reduziert, auf Dauer schwerlich funktionieren kann.<\/p>\n<p>Christus gibt sich im Mahle so, dass wir ihn fassen, greifen, in uns aufnehmen k\u00f6nnen. Nicht weniger real, als er in seinen Erdentagen inmitten der Seinen stand. Nur jetzt <em>noch n\u00e4her. <\/em>Wir bekommen an ihm selbst teil. Er wollte es so \u2013 gerade in der Abschiedsstunde des Gr\u00fcndonnerstag. Wir sollen nicht ohne ihn sein.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Reiner Kalmbach (Patagonien \/ Argentinien)<br \/>\n<a href=\"mailto:reikal@neunet.com.ar\">reikal@neunet.com.ar <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gr\u00fcndonnerstag, 13. April 2006 Predigt zu 1. Korinther 10, 16-17, verfasst von Reiner Kalmbach Liebe Gemeinde: Wer eine Predigt vorbereitet, hat dabei immer auch seine Gemeinde vor Augen\u2026, wer wird kommen?, wieviele?, mit welchen Erwartungen\u2026? 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