{"id":11076,"date":"2021-02-07T19:49:04","date_gmt":"2021-02-07T19:49:04","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11076"},"modified":"2023-02-05T16:58:30","modified_gmt":"2023-02-05T15:58:30","slug":"johannes-131-15-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-131-15-4\/","title":{"rendered":"Johannes 13,1-15"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Gr\u00fcndonnerstag, 13. April 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 13,1-15, verfasst von Elisabeth Birgitte Siemen (D\u00e4nemark)<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Diese Woche, die Woche vor Ostern, hei\u00dft seit alter Zeit die stille Woche. Und ich denke so oft, wenn wir in diesem Zusammenhang von Stille reden wollen, dann muss das die Stille vor dem Sturm sein. Denn es l\u00e4uft ja nicht in aller Stille ab. Die H\u00f6lle ist los. Man denke an Mel Gibsons viel beachteten Film die Passion Christi, \u00fcber die letzten 12 Stunden Jesu, \u2013 ich habe den Film nicht selbst gesehen, aber, wie man h\u00f6rt, ist er alles andere als Stille und Ruhe.<\/p>\n<p>Es begann eigentlich alles so gut, am Palmsonntag mit dem Einzug in Jerusalem. Da kam er reitend in die Stadt, der Eselmann. Und die Leute riefen und schrien und jubelten. Denn sie kannten sehr wohl die alte Geschichte: wenn der wirkliche K\u00f6nig kommt, dann kommt er sanftm\u00fctig auf einem Esel reitend, und nicht auf dem feurigen Streitross.<\/p>\n<p>Sie kannten die Sage genau, ja, aber sie hatten deren tiefere Bedeutung vergessen. Sie hatten das eine Wort vergessen \u2013 sanftm\u00fctig. Und das bedeutete, dass seine Erf\u00fcllung der K\u00f6nigserwartungen in scharfem Gegensatz stand zu ihren Tr\u00e4umen und Hoffnungen. Ja, es wurde fast zu einer Karikatur. Und so wurde Jesus denn auch sp\u00e4ter selbst karikiert und damit auch so verstanden, von einem r\u00f6mischen Gladiator, der seinen christlichen Kollegen damit necken wollte.<\/p>\n<p>Auf einer Ruine aus dem 2. Jahrhundert hat man eine Zeichnung mit einem Graffito gefunden, sie stellt eine gekreuzigte Person mit einem Eselskopf dar, und darunter steht das Graffito: \u201eAlexamenos betet seinen Gott an.\u201c Das ist kaum freundlich gemeint, aber so richtig gesehen: es handelt vom Kommen Christi mit Sanftm\u00fctigkeit, mit dem sanften Mut, dem Mut des Lebens \u2013 ganz im Gegensatz zu dem prahlerischen Mut des Soldaten, dem Todsmut, der so viel auf dem Gewissen hat.<\/p>\n<p>Der Feind verstand genau das in Bezug auf Jesus, was niemand damals am ersten Palmsonntag verstehen wollte, ja, was die Menschen seines engsten Kreises nicht begriffen. Der Feind verstand, was die Freunde nicht begriffen, weil sie es nicht begreifen wollten. Sie verstanden nur, was sie sowieso schon kannten \u2013 wir h\u00f6ren es in der Erz\u00e4hlung vom 2. Ostertag \u00fcber die J\u00fcnger auf dem Wege nach Emmaus, sie waren gefangen in ihrer altbekannten Geschichte von Sieg und Niederlage, bis der Fremde ihnen auf dem Wege die neue erz\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Nein, sie verstanden nicht, worum es ging. Das ist deutlich. Als Jesus anf\u00e4ngt, ihnen die F\u00fc\u00dfe zu waschen, wie wir es vorhin bei Johannes geh\u00f6rt haben, protestieren sie lauthals \u2013 denn es geh\u00f6rt sich doch nicht, dass der Gr\u00f6\u00dfte unter ihnen dienen soll. Aber sie waren ja auch alle kleine Leute, die es nicht gewohnt waren, dass jemand \u00fcberhaupt etwas f\u00fcr sie tat. Anders ist das mit uns \u2013 wir leben in einer Zeit, in einer Gesellschaft, in der niemand dienen will, sondern alle bedient werden wollen!<\/p>\n<p>Jesus muss sich erkl\u00e4ren \u2013 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, eure F\u00fc\u00dfe gewaschen habe, dann seid ihr rein, dann sind euch alle eure S\u00fcnden vergeben \u2013 und dann&#8230;<br \/>\nNein, Herr \u2013 unterbricht Petrus ihn, du sollst doch wohl nicht mich waschen, es muss doch eher umgekehrt sein.<br \/>\nNein, Petrus \u2013 sagt Jesus, du hast es noch nicht verstanden. Wenn ich dir nicht diene und dich nicht wasche, so hast du keinen Teil an mir. Und dann wusch er den J\u00fcngern die F\u00fc\u00dfe, erz\u00e4hlt der Evangelist Johannes.<br \/>\nUnd dann waren sie ja rein. Aber sie verstanden es nicht. Sie hatten nicht verstanden, worum es ging.<\/p>\n<p>Wenden wir uns der zweiten Erz\u00e4hlung von den Ereignissen von Gr\u00fcndonnerstag zu, dem Bericht vom Abendmahl, so wissen wir, dass das Thema dasselbe ist.<br \/>\nSie verstanden nicht, was sich da ereignete.<br \/>\nSie glaubten, dass sie Ostern feierten \u2013 und das taten sie ja auch, aber es ging um andere Dinge.<br \/>\nDenn Gr\u00fcndonnerstag ist der H\u00f6hepunkt all dessen, was Jesus sie gelehrt hat. Gr\u00fcndonnerstag ist die letzte, ultimative Liebestat, die er ihnen gegen\u00fcber tut. Es geht um Liebe und Vergebung.<\/p>\n<p>Die Liebe ist die m\u00e4chtigste Kraft in der Welt. Sie kann Br\u00fccken zwischen Menschen bauen, ja, sogar Br\u00fccken \u00fcber den Abgrund von Schuld. Und eben darum geht es Gr\u00fcndonnerstag.<br \/>\nBr\u00fccken zu bauen.<br \/>\nUnd das ist nicht so zu verstehen, dass die Liebe die Schuld zum Verschwinden br\u00e4chte, denn dann w\u00e4re Vergebung ja gar nicht n\u00f6tig.<br \/>\nVergebung bedeutet nicht die Entfernung von Schuld, sondern sie bedeutet Wiederherstellung einer Gemeinschaft trotz der Schuld.<\/p>\n<p>Er wusch ihre F\u00fc\u00dfe, er sa\u00df mit ihnen zu Tisch \u2013 obwohl er wusste, dass sie versagen und ihn verraten w\u00fcrden, sie alle miteinander. Einer von euch wird mich verraten, sagt er \u2013 und der Wortwechsel zwischen ihnen offenbart, dass sie alle potentielle Verr\u00e4ter sind.<br \/>\nAuf ihre Frage \u2013ich bin es doch wohl nicht, Herr?, antwortet er, indem er den Verr\u00e4ter <em>nicht<\/em> identifiziert.<br \/>\nDer ist\u2019s, dem ich den Bissen eintauche und gebe, sagt er \u2013 aber sie haben ja alle den Bissen eingetaucht, und sie werden ihn alle verraten.<br \/>\nDas geschieht sp\u00e4ter am selben Abend im Garten Gethsemane, wo sie einschlafen trotz seiner wiederholten Bitte, mit ihm zu wachen.<br \/>\nDas geschieht im Hof des Hohenpriesters, wo Petrus fluchend und schw\u00f6rend jegliche Kenntnis Jesu leugnet.<br \/>\nDas geschieht auf seinem einsamen Weg nach Golgatha.<br \/>\nUnd als er von den Toten auferstand, verrieten sie ihn, indem sie auch das nicht glauben wollten.<br \/>\nJa, sie sind schuldig, alle zusammen.<br \/>\nNicht nur Petrus oder Judas, sondern sie alle.<br \/>\nUnd das Interessante ist doch, dass Jesus nicht Judas als den Verr\u00e4ter ausmacht.<\/p>\n<p>Als Judas genau wie die anderen fragt: ich bin es doch wohl nicht, Herr?, antwortet Jesus: Du sagst es.<br \/>\nEs ist dieselbe Antwort, die Pontius Pilatus erh\u00e4lt auf seine Frage: Bist du der K\u00f6nig der Juden?<br \/>\nEs ist Judas, der sich identifiziert, als Verr\u00e4ter, wie es Pilatus ist, der Jesus als K\u00f6nig identifiziert.<br \/>\nDer Tradition zufolge ist Judas der Verr\u00e4ter aller Verr\u00e4ter.<br \/>\nEs ist keinesfalls ein Zufall, dass Judas in Dantes Kom\u00f6die am tiefsten in der H\u00f6lle sitzt, im Munde des B\u00f6sen.<br \/>\nDenn kein Verrat galt im Mittelalter als schlimmer denn der Verrat an seinen Freunden.<br \/>\nAber es ist zweifellos die Frage, ob das alles ist, was \u00fcber Judas zu sagen ist. Ich meine, einer musste ihn ja verraten, sonst w\u00e4re der Plot nicht aufgegangen.<br \/>\nUnd dieser Eine zu sein, das war also das Schicksal des Judas.<\/p>\n<p>Aber es steckt ein interessanter Aspekt in dem griechischen Wort f\u00fcr verraten: es kann auch die Bedeutung von \u00fcbertragen, \u00fcbergeben haben. Auf D\u00e4nisch handelt es sich auf \u00e4hnliche Weise um ein Zusammenspiel von verraten und ausliefern.<\/p>\n<p>Es ist Judas\u2019 Schicksal, oder man kann sagen, dass Judas dazu auserw\u00e4hlt ist, ihnen den neuen Bund zu \u00fcbertragen. Denn Judas ist es, der mit seinem Kuss den alten Bund au\u00dfer Kraft setzt.<\/p>\n<p>Der alte Bund, der Bund, den Moses auf dem Berg Sinai schloss \u2013 davon handelt das j\u00fcdische Osterfest.<br \/>\nAn dem Abend wird das ganze Ereignis durchgespielt, in Lied, Erz\u00e4hlung und Handlung.<br \/>\nOstern wird begangen zur Erinnerung daran, wie Gottes auserw\u00e4hltes Volk damals aus der Sklaverei entkam und zu einem freien Volk wurde.<br \/>\nAber das war doch ein ganz exklusiver Bund. Er umfasste nur das auserw\u00e4hlte Volk.<br \/>\nDer neue Bund ist, im Gegensatz dazu, inklusiv \u2013 er ist allumfassend. Und es ist dieser Bund, den Judas mit seinem Kuss in Kraft setzt.<br \/>\nUnmittelbar schaudern wir doch bei dem Kuss, und bei der Hohlheit, die der Verrat symbolisiert.<br \/>\nAber vielleicht ist die Bedeutung doch tiefer als nur dies.<\/p>\n<p>Im Alten Testament wird erz\u00e4hlt: als Esau und Jakob viele, viele Jahre, nachdem Jakob dem Esau sein Erstgeburtsrecht durch List genommen hatte \u2013 ja, da k\u00fcsste Esau Jakob. Mit dem Kuss zeigte er, dass er das Recht Jakobs anerkannte. Dieser Kuss war ein Kuss der Anerkennung.<\/p>\n<p>Und als der Profet Samuel Saul zum K\u00f6nig salbte, goss er \u00d6l auf sein Haupt, k\u00fcsste ihn und sagte: Jetzt salbt dich der Herr zum F\u00fcrsten \u00fcber sein Eigentum. Der Kuss ist ein Kuss der Kr\u00f6nung.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es so, dass der Judaskuss auch ein Kuss der Anerkennung und Kr\u00f6nung ist. Der Kuss der Unterwerfung, womit Judas sein Schicksal auf sich nimmt als derjenige, der auserw\u00e4hlt ist, den alten Bund au\u00dfer Kraft zu setzen, um damit sie alle an die Gnade des neuen Bundes auszuliefern.<\/p>\n<p>Wenn das der Fall ist, dann ist Judas nicht der schlimmste Verbrecher oder der Antichrist selbst, wie er auch genannt worden ist.<br \/>\nDann ist er eher noch ein Opfer, derjenige, der geopfert werden muss, damit andere frei sein k\u00f6nnen.<br \/>\nJa, man kann so weit gehen zu meinen, dass er als ein vorl\u00e4ufiges Bild dastehen wird, ein Bild f\u00fcr das Opferlamm, das auf Golgatha geopfert werden wird, knapp vierundzwanzig Stunden sp\u00e4ter.<br \/>\nBis zum Kuss des Judas war es so, dass wir an unseren Taten erkannt wurden und an unseren Taten gemessen wurden.<br \/>\nNach dem Judakuss werden wir weiterhin an unseren Taten erkannt, aber wir werden an den Taten eines anderen gerichtet \u2013 n\u00e4mlich an den Taten Christi.<\/p>\n<p>Der Pfarrer und Dichter Johannes M\u00f6llehave schreibt klug in einem Gedicht genau dies:<br \/>\nHierin liegt Jesu R\u00e4tsel &#8218;<br \/>\ner hat Judas\u2019 Scham getilgt<br \/>\nselbst der Verr\u00e4ter bekommt die Gnade:<br \/>\nJesus k\u00fcsste auch ihn.<\/p>\n<p>Ja, denn ein Kuss ist gegenseitig!<\/p>\n<p>So stark ist die Macht der Liebe, sie kann Zorn umfassen und sie kann Schuld umfassen!<\/p>\n<p>Zu lieben, wirklich zu lieben hei\u00dft, die Gemeinschaft wollen, auch wenn es einen teuer zu stehen kommt, auch wenn man nichts f\u00fcr das bekommt, was man bezahlt.<br \/>\nUnd das wollte und konnte die Liebe, f\u00fcr die Jesus stand.<br \/>\nEs ist die Liebe, die reinigt und die Verr\u00e4ter rein macht, trotz ihrer Schuld.<br \/>\nUnd es ist auch die Liebe, die der Inhalt des letzten Abendmahls ist.<br \/>\nEr teilt Brot und Wein aus \u2013 und sagt: nehmet, esset, trinket. Das bin ich selbst, mein Leben, meine Liebe, mein Fleisch und Blut. Das ist das Blut des neuen Bundes, das vergossen wird f\u00fcr viele zur Vergebung der S\u00fcnden.<br \/>\nUnd er isst und trinkt selbst mit ihnen.<br \/>\nEr nimmt selbst Teil an dem, was gegeben wird, denn ganz bis zum Schluss teilt er das Leben mit Menschen.<\/p>\n<p>Und als sie gegessen und getrunken haben, wiederholt er zum letzten Mal die Vorhersage seines Todes: Von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht dieses Weinstockes trinken, bis an den Tag, an dem ich von dem neuen Wein trinken werde zusammen mit euch in meines Vaters Reich.<\/p>\n<p>Er nimmt alles auf sich \u2013 alles kann seine Liebe tragen: Schuld, Verantwortung, S\u00fcnde und Tod.<\/p>\n<p>Und wir?<br \/>\nJa, wir bekommen weder mahnende Wort noch Schuld.<br \/>\nWir bekommen vielmehr das Leben, um es von neuem zu leben.<br \/>\nDas j\u00fcdische Osterfest wird gefeiert zur Erinnerung an die Befreiung aus \u00c4gypten, an den \u00dcbergang von der Sklaverei zur Freiheit.<br \/>\nUnd das christliche Osterfest ist dem sehr \u00e4hnlich, denn wir feiern es zur Erinnerung an die Befreiung vom Joch des Gesetzes, wo bekanntlich der S\u00fcnde Sold der Tod ist.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastorin Elisabeth Birgitte Siemen<br \/>\nKirseb\u00e6rbakken 1<br \/>\nDK- 2830 Virum<br \/>\nTel.: +45 45 85 63 30<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:ebsi@km.dk\">ebsi@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gr\u00fcndonnerstag, 13. 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