{"id":11079,"date":"2021-02-07T19:49:06","date_gmt":"2021-02-07T19:49:06","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11079"},"modified":"2023-02-02T20:39:20","modified_gmt":"2023-02-02T19:39:20","slug":"hebraeer-9-15-26b-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-9-15-26b-28\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 9, 15.26b-28"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Karfreitag, 14. April 2006<br \/>\nPredigt zu Hebr\u00e4er 9, 15.26b-28, verfasst von Henning Kiene <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>&#8222;Christus ist der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erl\u00f6sung von den \u00dcbertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verhei\u00dfene ewige Erbe empfangen.<\/em><br \/>\n<em>Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein f\u00fcr allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die S\u00fcnde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die S\u00fcnden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der S\u00fcnde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.&#8220;<\/em><\/p>\n<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>\u201eWir haben\u2019s nur f\u00fcr unsere Kinder getan. Den Kindern soll es mal besser gehen als uns\u201c, sagt eine Frau beim Nachbarschaftsabend unserer Kirchengemeinde. Der Akzent in ihrer Sprache verr\u00e4t ihre Herkunft. Sie erz\u00e4hlt selber, sie hat in Kasachstan gelebt. Vor einigen Jahren ist sie mit ihrer Familie nach Meldorf \u00fcbergesiedelt. \u201eMan nennt uns Russlanddeutsche\u201c, sagt sie, \u201ewir haben wirklich viel zur\u00fcckgelassen. Der Anfang hier ist schwer. Doch wir denken dann an unsere Kinder. Die haben heute endlich gute Zukunftsaussichten!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir haben\u2019s nur f\u00fcr unsere Kinder getan!\u201c. Ich bin mir sicher, diesen Satz sagt diese Mutter stellvertretend f\u00fcr viele andere Menschen. Denn das ist heute sicher, das Leben verlangt in vielen Situationen Opfer von uns. Wie die Mutter aus Kasachstan meint f\u00fcr ihre Kinder das Beste zu tun, so sorgen wir f\u00fcr unsere Kinder und Enkelkinder. Es geht um ihre Zukunft.<\/p>\n<p>Ich war vor Jahren davon \u00fcberzeugt, dass die Zeiten, in denen wir Opfer bringen m\u00fcssen, vorbei seien. Verzicht, schmerzhafte Selbstbegrenzung, es sah mal so aus, als sei das alles nicht mehr n\u00f6tig. Heute wei\u00df ich, das war ein Irrtum. Die leicht bedr\u00fcckende Stimmung, die der Karfreitag mit den vielen schweren Texten und den dunkel wirkenden Passionsliedern verbreitet, kann wie eine Botschaft aus lange vergangenen Zeiten wirken. \u201eWer kann wirklich verstehen, dass Gott seinen liebsten Sohn am Kreuz hingibt?\u201c Antwort: \u201eNiemand verseht das so wirklich richtig! Es sei denn, er ger\u00e4t selber in diese Geschichte hinein.\u201c Heute bin ich davon \u00fcberzeugt, die wirklich tragenden Lebensperspektiven entstehen aus dem Karfreitag. Vieles will unter Schmerzen neu geboren werden. Gott hat das begonnen. Manches entsteht auch daraus, dass die Bereitschaft selber Opfer zu bringen, zunimmt.<\/p>\n<p>Dieser Karfreitag k\u00f6nnte einen Beitrag leisten, in dem alten Wort \u201eOpfer\u201c wieder einen besseren Klang zu h\u00f6ren. Wenn jemand durch die Reihen unserer Kirche gehen w\u00fcrde und nur die Gro\u00dfm\u00fctter und die Gro\u00dfv\u00e4ter bitten w\u00fcrde aus ihrem Leben zu erz\u00e4hlen, dann w\u00fcrden wir vermutlich wissen, worum es geht. Hier haben viele vieles, einige sogar alles gegeben, damit sich in ihren Familien eine Perspektive auftut! Ich erinnere, wie ein Vater sagte, \u201eich w\u00fcrde alles geben, damit mein Kind leben darf.\u201c Sein Kind lebt, er musste nicht alles geben. Er wei\u00df, Gott hat das getan.<\/p>\n<p>Der Hebr\u00e4erbrief kann unsere Gedanken leiten. In diesem Brief lese ich, wie das Opfer Christi dem Leben der Christinnen und Christen eine Zukunftsperspektive er\u00f6ffnet. Gott wird selber durch Jesu Opfer bewegt. Jeder Schlag gegen Jesus trifft Gott ins Mark. Das ist das erste und einzig g\u00fcltige Opfer. Gott bringt es, niemand sonst. Es wird sichtbar, dass Gott selber so stark betroffen ist, dass er der Schuld den Abschied gibt. \u201eEin f\u00fcr alle Mal!\u201c Das ist das, was sich der Vorstellungskraft entzieht, dass Gott sein Liebstes dahingibt. Doch noch unvorstellbarer ist, dass genau so eine Perspektive er\u00f6ffnet wird. Der Karfreitag ist eine Krise, in die Gott hineingeht und er steht zugleich f\u00fcr eine Veredelung, die der Glauben erf\u00e4hrt und die das Leben fortan pr\u00e4gt. Um es im Bild zu sagen: Es ist wie ein Galvanisierungsprozess, in dessen Verlauf geht Metall durch viele \u00e4tzende und energiegeladene S\u00e4ureb\u00e4der. Am Ende taucht aus dem letzten Bad statt des stumpfen Metalls blitzendes Chrom auf. Ich habe die Stimme der Mutter, die in Kasachstan alles aufgegeben hat, damit ihren Kindern eine bessere Zukunft er\u00f6ffnet wird, noch im Ohr, \u201eIch habe es nicht f\u00fcr mich getan, ich habe es f\u00fcr unsere Kinder getan!\u201c Solche Perspektiven entstehen aus Karfreitag heraus.<\/p>\n<p>In der letzen Woche fand im Fernsehen eine Themenwoche zum Leben mit Krebs statt. Da wurden in vielen, die die Sendungen verfolgt haben, auch Erinnerungen wach. Die Tochter einer Kranken erz\u00e4hlte mir von der Krebserkrankung ihrer Mutter: \u201eIch habe sie wochenlang zur Chemo begleitet, sie brauchte mich. Ich habe ein Studiensemester verpasst. Ich war jung, war ganz gesund, wollte leben, feiern und musste in die Welt der Kranken eintauchen. Doch heute wei\u00df ich, ich habe in dieser Zeit mehr gewonnen, als ich verlieren konnte.\u201c<\/p>\n<p>Ein Mann, der schon in den \u201ebesten Jahren\u201c war, erinnerte sich, \u201eals ich begriffen hatte, was von mir erwartet wurde, war alles wie selbstverst\u00e4ndlich.\u201c Er hat seinem schwer kranken Bruder eine seiner beiden gesunden Nieren gespendet. \u201eDer kann jetzt wieder richtig gesund leben. Ich sp\u00fcre nur noch wenig von dem Verlust meiner einen Niere.\u201c Dass die Br\u00fcder seit Jahren kaum Kontakt hatten, spielte keine Rolle. Dass der Kontakt nicht viel besser geworden ist, auch nicht. Er ist davon \u00fcberzeugt, dass er dieses Opfer schuldig war.<\/p>\n<p>Christus hat das Opfer gebracht. Er hat es \u201eein f\u00fcr allemal\u201c hinter sich gebracht, schreibt der Hebr\u00e4erbrief. Opfern hei\u00dft: Ich empfange, weil ein anderer bereit ist, sich selber in Gefahr zu begeben. Aus dieser Gefahr heraus geht es in meinem Leben weiter. Mehr noch: Da wird Jesus Christus so schwer belastet, dass er anderen, uns ihr stumpfes Leben zu Glanz bringt. Heute erfahre ich, dass die Bereitschaft von sich selber so viel zu geben ihren Ursprung in Gottes Handeln hat.<\/p>\n<p>\u201eIch habe es nicht f\u00fcr mich getan, ich habe es f\u00fcr sie getan!\u201c Dieser Satz, den die Eltern als Lebensweisheit vielleicht aus Kasachstan mitgebracht haben, geh\u00f6rt zum Karfreitag. Gott will keine Opfer, die ihn bes\u00e4nftigen. Ich muss mich aber fragen lassen, wann und wo und wie von mir etwas erwartet wird. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Propst Henning Kiene<br \/>\nKampstra\u00dfe 8a<br \/>\n25704 Meldorf<br \/>\n<a href=\"mailto:propst.kiene.kksd@kirnet.de\"> propst.kiene.kksd@kirnet.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag, 14. 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