{"id":11080,"date":"2021-02-07T19:49:04","date_gmt":"2021-02-07T19:49:04","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11080"},"modified":"2023-02-05T16:16:00","modified_gmt":"2023-02-05T15:16:00","slug":"hebraeer-9-15-26b-28-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-9-15-26b-28-2\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 9, 15.26b-28"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Karfreitag, 14. April 2006<br \/>\nPredigt zu Hebr\u00e4er 9, 15.26b-28, verfasst von Tom Kleffmann <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Es ist Fr\u00fchling und das Erdenleben jubelt. Sonne und Licht w\u00e4rmen uns neu, \u00fcberall brechen Krokusse und frische Gr\u00e4ser aus der Erde und wachsen dem blauen Himmel entgegen. Die Erde duftet wieder. Gottes Erde ist sch\u00f6n. Die Menschen atmen auf, die Sonne macht sie l\u00e4cheln. Manch einer sch\u00f6pft jetzt neuen Mut und neue Kraft, f\u00e4ngt etwas neu an, wagt eine neue oder alte Liebe, macht sich an eine neue Arbeit. Es ist Fr\u00fchling. Uns geht es gut.<\/p>\n<p>Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Es ist nicht einmal die Halbe. Das Entscheidende fehlt. Unser Leben ist gebrochen. In seiner Mitte ist ein Ri\u00df, und den tragen wir durch unsere Jahre. Das geht nicht nur uns so, die wir am Karfreitag Gottesdienst feiern. Wir wissen es, aber die anderen, die jetzt zu Hause sitzen, ahnen es doch auch. Wir kennen die Finsternis, die mitten am Tag \u00fcber das Land und \u00fcber das Leben kommt (Lk.23,44). Wir wissen, was das hei\u00dft, da\u00df die Sonne ihren Schein verliert, da\u00df die selbstsicheren Fassaden des Lebens entzwei rei\u00dfen.<\/p>\n<p>Mitten im Fr\u00fchling halten wir inne. Wir sehen auf den Tod, das Ende unserer Welt, das uns verborgen oder offen jeden Tag begleitet. Wir feiern den Tod als Ort der Wahrheit in der Mitte des Lebens &#8211; und darin die Liebe, die diese Welt schuf.<\/p>\n<p>Da\u00df sich mit dem Tod das Leben entscheidet, das ist unser Glauben. Christus am Kreuz vor 1973 Jahren, und heute, und <em>am Ende der Welt<\/em>.<\/p>\n<p>[Lesung Hebr.9,15.26b-28] Hebr\u00e4erbrief, 9. Kapitel.<\/p>\n<p>Christus gestorben, um unsere S\u00fcnden wegzunehmen. F\u00fcr uns gestorben.<\/p>\n<p>Ich will jetzt nichts mehr zur Vorgeschichte dieses Glaubens im Opferkult des alten Israel sagen \u2013 obwohl es wichtig w\u00e4re: da\u00df schon das eine Gnade Gottes war \u2013 da\u00df er sich durch das Opfer vers\u00f6hnen lie\u00df.<\/p>\n<p>Ich will gleich von uns reden.<\/p>\n<p><em>Christus erschienen, um durch sein eigenes Opfer die S\u00fcnde aufzuheben.<\/em> Es gibt nicht Wenige, f\u00fcr die das v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich ist, ja emp\u00f6rend und schrecklich. Liebt Gott uns trotz unserer S\u00fcnde, weil ein unschuldiger Mensch sich f\u00fcr uns opfert? Braucht Gottes Zorn \u00fcber die Welt das Blut eines sich selbst opfernden Unschuldigen, um bes\u00e4nftigt zu werden? Was w\u00e4re das f\u00fcr ein Gott?<\/p>\n<p>Oder werden wir etwa durch den Tod eines anderen Menschen besser, weiser, liebevoller? M\u00fcssen wir deswegen nicht sterben? Ein Mensch kann sich f\u00fcr andere Menschen opfern (wie man so sagt). Aber kein Mensch kann sich f\u00fcr alle Menschen und alle Zeiten opfern.<\/p>\n<p>Und was hei\u00dft \u00fcberhaupt S\u00fcnde? Die Moral ist doch garnicht unser Problem, oder da\u00df wir uns vor dem j\u00fcngsten Gericht f\u00fcrchten. Da\u00df wir nicht glauben k\u00f6nnen, da\u00df Gott uns verschwimmt, da\u00df wir den Glauben nicht verstehen, das ist unser Problem \u2013 und der Tod, ja der Tod.<\/p>\n<p>Wir fangen erst an zu verstehen, was S\u00fcnde ist. Wir fangen erst an zu verstehen, was Erl\u00f6sung ist.<\/p>\n<p>S\u00fcnde ist ein tiefes Wort. S\u00fcnde ist ein schweres Wort. Was S\u00fcnde bedeutet, das fa\u00dft das Bild des Todes zusammen.<\/p>\n<p>Manche von ihnen haben den beginnenden Todeskampf kennengelernt \u2013 sei es, weil sie einen sterbenden Freund im Krankenhaus begleitet haben, sei es in eigener schwerer Krankheit oder Verletzung. <em>Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen <\/em>(EG 518). Ich schildere das als Wahrheit des Menschen, so wie er f\u00fcr sich allein ist. Atmen tut weh. Sich-bewegen tut weh. Es ist, als ob alles Gesehene brennt. Der Blick wird ganz eng. Der Blick zerrei\u00dft. F\u00fcr immer blind werden. F\u00fcr immer taub werden. F\u00fcr immer stumm werden. Aus dem Bauch kommt in Wellen die Angst. Die ganze Welt schrumpft zusammen in den Punkt der Angst. Die Pl\u00e4ne von gestern sind v\u00f6llig gleichg\u00fcltig und leer geworden. Ich bin in meinem Leib gefangen. Er rei\u00dft mich ins Nichts, aus dem ich geschaffen bin. Und nur der Schmerz, das Brennen, die Angst sind noch mein Eigenes, das Ende.<\/p>\n<p>Was S\u00fcnde ist, das fa\u00dft das Bild des Todes zusammen. Denn der Tod ist die Wahrheit des Menschen nur f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>S\u00fcnde &#8211; das, wovon wir zu erl\u00f6sen sind &#8211; hei\u00dft nicht: einmal stehlen, einmal l\u00fcgen, einmal streiten, einmal geizig sein. S\u00fcnde ist ein verborgenes Gesetz unseres Lebens. Da\u00df alle Dinge mich spiegeln und nicht Gott. Da\u00df ich um mich kreise und nicht um Gott.<\/p>\n<p>Das Leben ist nicht wirklich. Es ist ohne Halt. Es ist ein Betrug. Es ist ein Traum, der verfliegt, und wenn du aufwachst, ist es der Tod. Deine Leidenschaft, dein Kampf, dein Aufstreben und Erfolg \u2013 von au\u00dfen betrachtet vielleicht ein Teil der gro\u00dfen List der Sch\u00f6pfung, um die Menschheit am Leben zu erhalten. Aber was ist mit dir? Wenn du aufwachst, bist du allein. Du warst selbst der Sch\u00f6pfer deiner Scheinwelt, die jetzt vergeht.<\/p>\n<p>Ja \u2013 deine Kinder, deine Frau, dein Mann. Das ist eine Liebe, die gr\u00f6\u00dfer ist als du, das ist wahr. Aber es sind eben deine Kinder, es ist deine Liebe, und die Grenze scheint nur weiter gesteckt. Bist du allein hinter deinen Augen, bist du mit dir in einem Sch\u00e4del allein, dann hat dein Leben keinen Grund. Du hast das Haus gebaut und nun steht es leer. Du hast gek\u00e4mpft und nun bist du alt. Du hast dich gesorgt, aber wof\u00fcr. Dein Leben hat keinen Halt.<\/p>\n<p>Was die S\u00fcnde bedeutet, das fa\u00dft das Bild des Todes zusammen, denn S\u00fcnde bedeutet auf verborgene Weise allein zu sein. Vor Gott sind wir und stehen wir, die ganze Zeit. Er ist der Sch\u00f6pfer. Er ist wirklich. Das Geheimnis. Die F\u00fclle. Das Ziel. Die Ewigkeit. Die Sch\u00f6nheit. Der Grund. \u2013 Vor Gott stehen wir, ob wir wollen oder nicht. Doch leben wir, ohne da\u00df seine Liebe uns erreicht, dann stehen wir vor dem Nichts, jeden Tag. Ist deine Leidenschaft, deine Liebe, deine Sorge nicht gegr\u00fcndet in ihm, der Himmel und Erde gemacht hat, dann bist du fast taub und blind. Bist wie ein Schl\u00e4fer, der sich einen bunten Traum tr\u00e4mt, aber in Wahrheit liegt er allein in der kalten Nacht. Das aber zeigt der Tod: Wenn der Blick ganz eng wird, wenn der Traum zerrei\u00dft, und alle Pl\u00e4ne, die mich gestern bewegten, von mir abfallen; wenn ich in meinem Leibe gefangen bin, und nur noch die Angst mein Eigenes ist.<\/p>\n<p>Das hat der Tod mit der S\u00fcnde zu tun. Er b\u00fc\u00dft sie. Er fa\u00dft sie zusammen: das Leben, in dem ich selbst der kleine Gott einer Traumwelt bin.<\/p>\n<p>Nun aber: <em>Sein<\/em> Tod f\u00fcr unsere S\u00fcnde.<\/p>\n<p>Dieser Mensch lebte von der Liebe des Vaters. Er verk\u00f6rperte sie und er strahlte sie aus in Worten und Taten. Er war in unserer Welt, den Selbstgerechten zum Gericht, den Verzweifelten zu neuem Leben. Der Erde verhie\u00df er das Reich Gottes, und was er sagte, hatte die Kraft des Sch\u00f6pfers. Die Sicheren ha\u00dften ihn, denn er offenbarte ihre Welt als L\u00fcge. Und diese Welt schl\u00e4gt ihn ans Kreuz. Sie wei\u00df noch nicht, da\u00df sie sich damit selbst den Spiegel vorh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Und er stirbt unseren Tod. <em>Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.<\/em><\/p>\n<p>Dieser Tod ist Gottes Wort an uns: Gesetz Gottes, in dem wir unsere Wahrheit sehen, und Evangelium der Erl\u00f6sung. Dieser Tod ist das Opfer, was uns erl\u00f6st \u2013 Gottes Opfer. Wir sind nicht allein. Gott kam in unsern Tod. Das ist alles. Das ist die Liebe, die die Welt schuf. Er hat uns verziehen und verzeiht uns. Wir sind nicht allein.<\/p>\n<p>Unser Leben hat einen Grund, der den Tod besiegt, heute, morgen, und am Ende unserer Tage. &#8211; &#8211; &#8211;<\/p>\n<p>Es ist Fr\u00fchling. Sonne und Licht w\u00e4rmen uns neu. Krokusse und frische Gr\u00e4ser brechen aus der Erde und wachsen dem blauen Himmel entgegen. Gottes Erde ist sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Sein Friede, welcher h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Liedvorschl\u00e4ge: 518; 79<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>PD Dr. Tom Kleffmann<br \/>\nG\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:tom.kleffmann@theologie.uni-goettingen.de\">tom.kleffmann@theologie.uni-goettingen.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag, 14. April 2006 Predigt zu Hebr\u00e4er 9, 15.26b-28, verfasst von Tom Kleffmann Es ist Fr\u00fchling und das Erdenleben jubelt. Sonne und Licht w\u00e4rmen uns neu, \u00fcberall brechen Krokusse und frische Gr\u00e4ser aus der Erde und wachsen dem blauen Himmel entgegen. Die Erde duftet wieder. Gottes Erde ist sch\u00f6n. 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