{"id":11082,"date":"2021-02-07T19:48:54","date_gmt":"2021-02-07T19:48:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11082"},"modified":"2023-02-24T16:19:07","modified_gmt":"2023-02-24T15:19:07","slug":"hebraeer-9-15-26b-28-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-9-15-26b-28-3\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 9, 15.26b-28"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Karfreitag, 14. April 2006<br \/>\nPredigt zu Hebr\u00e4er 9, 15.26b-28, verfasst von Claudia Bruweleit<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>Christus ist der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erl\u00f6sung von den \u00dcbertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verhei\u00dfene ewige Erbe empfangen.<br \/>\n<\/em><em>Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein f\u00fcr allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die S\u00fcnde aufzuheben.<br \/>\n<\/em><em>Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht:<br \/>\n<\/em><em>so ist auch Christus einmal geopfert worden, die S\u00fcnden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der S\u00fcnde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil. <\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Karfreitag ist nicht erbaulich. Der Gottesdienst am Karfreitag ist schwer auszuhalten. Er steht quer zu unseren W\u00fcnschen und Neigungen. Wir feiern gerne sch\u00f6ne Gottesdienste, lassen uns best\u00e4rken im Lob Gottes, das fr\u00f6hlich stimmt. Zu Recht tun wir dies \u2013 an allen anderen Sonn- und Feiertagen des Jahres. An diesem Tag jedoch sehen wir auf die dunkle Seite des Lebens. Gerne w\u00fcrden wir die Augen verschlie\u00dfen davor, weglaufen, uns ablenken, nicht hinsehen m\u00fcssen auf das, was weh tut, was wir nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen. Einmal im Jahr, am Karfreitag, bringen wir genau diese Erfahrungen vor den Altar Gottes. Am Karfreitag gilt es, den Schmerz zu ertragen. Das Leiden und die Gottverlassenheit Jesu. Und das Leiden und die Gottverlassenheit der Welt. In der Passionsgeschichte, die wir eben geh\u00f6rt haben, sind es die Frauen, die stark genug sind, der Realit\u00e4t ins Angesicht zu sehen. Alle J\u00fcnger (bis auf Johannes) sind geflohen, doch die Frauen beobachten das Geschehen von ferne. Sie harren unter dem Kreuz aus.<\/p>\n<p>Und warten. Es sind Karfreitagsmenschen, Menschen, die unter dem Kreuz ausharren \u2013 ausharren m\u00fcssen und deren Leid so gro\u00df ist, das es keine Worte gibt, mit denen man das Geschehen bew\u00e4ltigen kann. Darin, dass sie dort am Fu\u00dfe des Kreuzes Jesu warten, suchen nach einem Halt \u2013 dass sie nicht sich allein \u00fcberlassen sind. Gemeinsam warten, das Gott handelt.<\/p>\n<p>Karfreitagsmenschen. Menschen, die unendlichen Schmerz aushalten m\u00fcssen. Ich denke an eine junge Mutter, die ihr Kind im zweiten Drittel der Schwangerschaft verloren hat \u2013 es w\u00e4re ihr erstes gewesen. Gemeinsam mit ihrem Freund hatte sie in der Klinik von der M\u00f6glichkeit geh\u00f6rt, ihr totes Baby in dem Grab f\u00fcr ungeborene Kinder beisetzen zu lassen und so kamen beide zu mir. Diese Frau wirkte wie versteinert. Sie schwieg. Worte schienen keinen Widerhall in ihr zu finden. Trost war unerreichbar. Selten habe ich in einem Seelsorgegespr\u00e4ch so viel Hilflosigkeit empfunden. Ich war dankbar, dass es einen Menschen an ihrer Seite gab, der die Trauer mit aushielt.<\/p>\n<p>Karfreitagsmenschen. Menschen, die nichts tun k\u00f6nnen als warten, bis Gott handelt. Ich sehe das Photo einer Fl\u00fcchtlingsmutter in Afrika vor mir, der sich die vertrocknete Hand ihres einj\u00e4hrigen Kindes auf den Mund presst. <em>(Pr\u00e4miert als World-Press Photo 2005.)<\/em> Ihre Augen scheinen in weite Ferne gerichtet, ohne Ziel. Hunger aushalten, den eigenen und, schlimmer noch, den des Kindes. Und nicht wissen, ob es ein besseres Morgen geben wird.<\/p>\n<p>Karfreitagsmenschen. Menschen, die keinen Weg finden aus der Hoffnungslosigkeit. Ich sehe vor mir eine alte Frau, deren Mann nach sechzig gemeinsamen Jahren gestorben ist. Kinder haben sie nicht. Verwandte wohnen weit weg. Still und zur\u00fcckgezogen hatten sie ihr Leben geteilt, hatten sich gefreut an der gemeinsamen Lekt\u00fcre der Tageszeitungen, an kurzen Spazierg\u00e4ngen und besorgungen. Nun, da er tot ist, ist die Wohnung ganz still. Die Lekt\u00fcre erscheint ihr inhaltsleer, es fehlt der, der ihr die interessantesten Artikel weiterreicht, dar\u00fcber mit ihr spricht. Das Essen zuzubereiten scheint ihr m\u00fc\u00dfig, f\u00fcr sich allein will sie nicht kochen. Auf die Stra\u00dfe geht sie nicht aus Angst, sie k\u00f6nnte fallen. Freunde kommen selten, m\u00f6gen nicht mehr h\u00f6ren, wie schwierig alles f\u00fcr sie geworden ist.<\/p>\n<p>Die Leere aushalten. Warten, dass neuer Lebensmut sich einstellt. Dass ein Gedanke aufblitzt mit der Kraft, etwas zu tun.<\/p>\n<p>Karfreitagsmenschen. Ihr Anblick ist nicht erbaulich. Sie sind gezeichnete, von der Unerl\u00f6stheit in unserer Welt ber\u00fchrte. Ihren Schmerz anzusehen, tut weh. Wohl ihnen, wenn jemand da ist, der ihre N\u00e4he nicht scheut. Der hineingeht in ihre Situation und sie tragen hilft.<\/p>\n<p>Es ist etwas anderes, Leid anzusehen als selbst zu erfahren. Die Trauer eines anderen Menschen ist eine andere Trauer als die, die mich \u00fcberrollt. Dennoch gelingt es zu Zeiten, mit zu f\u00fchlen. In eine Situation von Angst und Abschied hineinzugehen und sie mit auszuhalten. Manchmal ist einem dann nur noch zum Heulen zumute und alles eigene einmal erfahrene Leid steigt mit auf und auch die ungeweinten Tr\u00e4nen, die noch kommen werden. Und doch ist es gut, den anderen nicht allein zu lassen. Den Tr\u00e4nen Raum zu geben und zu wissen: der Berg der Trauer wird abgetragen durch die Tr\u00e4nen und das Reden und das Schweigen \u00fcber dem, was geschehen ist.<\/p>\n<p>Manchmal gelingt es auch, Halt zu geben.<\/p>\n<p>Die Frauen und der Lieblingsj\u00fcnger halten es aus, hinzusehen. Sie tragen das Zeichen der Gottesverlassenheit dieser Welt. Und zugleich das Geheimnis Gottes, der gerade um dieser Gottesferne willen in die Welt gekommen ist.<\/p>\n<p><em> Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein f\u00fcr allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die S\u00fcnde aufzuheben. <\/em><\/p>\n<p>Der Predigttext beschreibt dies Geheimnis als ein Opfer, als ein bewusstes Eintreten Gottes, ein Hineingehen Gottes in die Situation der leidenden Menschen.<\/p>\n<p>Karfreitagsmenschen geh\u00f6ren zu dem, der am Kreuz gestorben ist. Der verlassen war von allen. Selbst Gott verbarg sich Jesus in diesem Moment. \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c ruft er in Todesangst.<\/p>\n<p>Karfreitag hat er erlebt, wie es ist, wenn der Tod der n\u00e4chste Verwandte ist.<\/p>\n<p>Die Frauen und der Lieblingsj\u00fcnger unter dem Kreuz, sie sind die erste Karfreitagsgemeinde, ja die erste Gemeinde \u00fcberhaupt, die hinschaut, die harrt und wartet. Und unter ihnen ist auch Gott.<\/p>\n<p>Das R\u00e4tsel von Karfreitag, unser Nichtverstehen, warum es kein Eingreifen und kein L\u00f6sen der Fesseln gibt, warum es Jesu Tod am Kreuz gibt und Menschen davor dieses hilflos anschauen, miterleiden m\u00fcssen, dieses R\u00e4tsel wird uns angesagt als ein Ort, an dem doch Trost, und das bedeutet, Gott zu finden ist. Wenn es stimmt, dass wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, Gott unter ihnen ist, dann ist Gott auch hier, unter den Menschen am Kreuz, die warten, aushalten und ertragen. Er ist unter denen, die auf das Kreuz schauen, einer von ihnen, verharrend im Schmerz. Gott hat nicht die Ferne des Himmels f\u00fcr sich erw\u00e4hlt hat, sondern die N\u00e4he der Menschen, die aus eigener Kraft nichts verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>In Gottes Gegenwart ist auch das Nichtwissen um das, was geschehen wird, eingeschlossen.<br \/>\nSeitdem sammelt sich Gemeinde Christi unter dem Kreuz.<\/p>\n<p>Die Trauer der Mutter, die mit ihrem Kind alle Tr\u00e4ume vom Leben mit einem Baby, alle Z\u00e4rtlichkeit f\u00fcr dieses schutzlose Wesen mit begr\u00e4bt, Gott kennt auch sie. Er hat seinen eigenen Sohn am Kreuz sterben sehen und konnte nichts dagegen tun.<\/p>\n<p>Der Schmerz der Fl\u00fcchtlingsfrau, der das Kind unter den H\u00e4nden zu verhungern droht, er spiegelt sich in den Augen des Gekreuzigten, den d\u00fcrstet und er bekommt doch nur Essig dargeboten.<\/p>\n<p>Die Angst der einsamen Witwe vor dem n\u00e4chsten Schritt in einem Leben, das fremd und unwirtlich geworden ist, sie schreit aus den Worten des Gekreuzigten, Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.<\/p>\n<p>Karfreitag ist der Tag, an dem wir f\u00fcr einen Moment die Abgr\u00fcnde in uns und im Leben anderer ansehen und aushalten k\u00f6nnen in dem Wissen, dass Gott sie kennt und durchmessen hat. Dass wir in seinem Geheimnis geborgen sind. Gott hat sie selbst durchschritten. Er kommt uns von ihrem Ende her entgegen.<\/p>\n<p><em>\u201eZum zweiten Mal wird Christus nicht der S\u00fcnde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil\u201c,<\/em> sagt der Hebr\u00e4erbrief. Er sagt dies aus der Erfahrung von Ostern her. Durch diese Worte scheint die Ewigkeit durch. Mit der Verhei\u00dfung, dass aus Leidenden Leid-Tragende werden k\u00f6nnen, Menschen, die an der Erfahrung von Leid nicht zugrunde gehen, sondern Kraft bekommen, es zu tragen und weiter zu leben und Freude zu erleben.<\/p>\n<p>Karfreitag ist nicht erbaulich. Karfreitag ist jedoch der Moment, an dem wir das Geheimnis Gottes erahnen k\u00f6nnen, der unsere N\u00e4he sucht \u2013 dort, wo wir schwach sind.<\/p>\n<p>Karfreitagsmenschen sind Menschen, die das erfahren haben. Als Gemeinde stellen wir uns zu ihnen unter das Kreuz und ahnen, dass wir nicht aus unserer St\u00e4rke, sondern aus Gottes N\u00e4he leben.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als alle unser Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Claudia Bruweleit<br \/>\nPastorin an der Pauluskirche zu Kiel<br \/>\n<a href=\"mailto:bruweleit@heiligengeistgemeinde.de\">bruweleit@heiligengeistgemeinde.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag, 14. April 2006 Predigt zu Hebr\u00e4er 9, 15.26b-28, verfasst von Claudia Bruweleit Christus ist der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erl\u00f6sung von den \u00dcbertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verhei\u00dfene ewige Erbe empfangen. 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