{"id":11085,"date":"2021-02-07T19:48:58","date_gmt":"2021-02-07T19:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11085"},"modified":"2023-02-07T21:00:04","modified_gmt":"2023-02-07T20:00:04","slug":"lukas-2326-49-johannes-1917-37","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2326-49-johannes-1917-37\/","title":{"rendered":"Lukas 23,26-49 \/ Johannes 19,17-37"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Karfreitag, 14. April 2006<br \/>\nPredigt zu Lukas 23,26-49 \/ Johannes 19,17-37,<br \/>\nverfasst von Anders Gadegaard (D\u00e4nemark)<\/span><\/b><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Wir lieben ihn, diesen sch\u00f6nen Menschen. Die Inkarnation der Liebe. Wir lieben seine Aufopferung, seinen kompromisslosen Kampf f\u00fcr Wahrheit, Liebe, Freiheit und Verantwortung.<\/p>\n<p>Aber die Welt und wir in ihr sind nicht im geringsten besser geworden im Laufe der knapp 2000 Jahre, die vergangen sind, seit er leibhaftig herumgewandert ist und von der Wahrheit lehrte. Menschen verbreiten Tod und Zerst\u00f6rung untereinander, unfassbare Leiden treffen blind. Wir brauchen nicht einmal unsere eigene enge Welt zu verlassen, um das zu sehen. Menschen leiden und sterben ohne Kontakte, erliegen geborstenen Hoffnungen, gehen in der Destruktion zugrunde \u2013 an der Gleichg\u00fcltigkeit anderer oder der eigenen Entt\u00e4uschung, nicht das zu k\u00f6nnen, was man gern m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Das Leben in der geborgensten Gesellschaft der Welt ist oft genauso unerbittlich und unertr\u00e4glich wie anderswo. Die Selbstmordrate in D\u00e4nemark ist noch immer eine der h\u00f6chsten in der Welt.<\/p>\n<p>Wir kennen die Liebe \u2013 wir kennen sie allzu gut \u2013 und wir sehnen uns. Wir lieben die Liebe \u2013 wir lieben Christus, den zum Tode mit Liebe Gesalbten. Wir lieben ihn \u2013 und wir kr\u00f6nen sein Haupt mit Dornen, und wir durchbohren seine H\u00e4nde und brechen seine Arme und Beine. Wir wissen es nur allzu gut, die Verzweiflung lauert in jedem ernsten Menschen \u2013 wir k\u00f6nnen weder uns selbst noch das Leben aushalten. \u2013 Wer kennt nicht die Versuchung, die Bettdecke \u00fcber den Kopf zu ziehen und der Konfrontation mit noch einem unertr\u00e4glichen Tag auszuweichen?<\/p>\n<p>Fr\u00fcher, als ich noch j\u00fcnger war, dachte ich, wenn Leute in all ihrer Not und all ihrem Leid zu mir kamen, dass es in dem Gespr\u00e4ch mit ihnen darum gehen m\u00fcsste, <em>dasjenige<\/em> Gute zu ergr\u00fcnden, das es doch immer im Leben eines Menschen geben m\u00fcsse. \u2013 Insoweit ein logischer christlicher Ausgangspunkt. Wir betrachten das Leben als lebenswert, als ein fundamentales Gut, Gott hat das Leben gut geschaffen, deshalb m\u00fcssen wir jederzeit zu diesem urspr\u00fcnglichen Guten zur\u00fcckfinden k\u00f6nnen, auch wenn man am allerdeprimiertesten oder v\u00f6llig au\u00dfer sich ist. Deshalb habe ich versucht, den Verzweifelten zu dem Wertvollen im Dasein hinzuf\u00fchren. Ich fragte: \u201eHast du denn keine guten Freunde, nur ein paar? Gibt es denn nicht irgend etwas im Lauf eines Tages, das dir Freude macht? Interessen, einen Spaziergang im Wald?&#8230; \u2013 Wenn es sich um sehr Deprimierte, vom Selbstmord Bedrohte handelte, war diese Suche oft wie eine Wanderung in einer W\u00fcste, die blo\u00df damit endete, dass das Gef\u00fchl der v\u00f6lligen Sinnlosigkeit nur noch zunahm; denn je deutlicher wurde, dass keine Aufmunterung zu finden war, desto deutlicher war dem Deprimierten, dass es nichts gab, wof\u00fcr es sich zu leben lohnte!<\/p>\n<p>Indem ich von meiner eigenen Energie, meiner eigenen Lebensfreude ausging anstatt von dem Gef\u00fchl der Hoffnungslosigkeit auf Seiten dessen, der alles aufzugeben im Begriff war, best\u00e4tigte ich ja nur das Ausma\u00df der Hoffnungslosigkeit. \u2013 So etwas ist nicht gerade ein eindrucksvolles Ergebnis eines seelsorgerlichen Gespr\u00e4chs!<\/p>\n<p>Es ist nicht ungew\u00f6hnlich, dass wir uns zu Trauer und Not anderer so verhalten: \u201eDu wirst sehen, das geht schon vorbei, die Zeit heilt alle Wunden. Es gibt doch auch vieles, wor\u00fcber man sich freuen kann!\u201c \u2013 Ein geringer Trost, wenn alles von Trauer, von Schmerz, von \u00dcberdruss und von Resignation gef\u00e4rbt ist.<\/p>\n<p>Gottes Sohn tat etwas anderes. Sein Wesen war die vollkommene Liebe, die das Leid nicht bagatellisiert oder fortl\u00fcgt. Er nahm daran mit Mit-Leiden teil. Er stellte sich selbst unter diese Bedingungen. In all seinem Leiden, seiner Verspottung und seinem Schmerz, in allem, was ihm von denselben Menschen angetan wurde, f\u00fcr die er lebte, begegnete auch er der v\u00f6lligen Gottverlassenheit. Alles wurde schwarz \u2013 und dennoch hielt er an der Liebe fest in der Vergebung des Menschen, sogar seiner eigenen Henker: \u201eVater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!\u201c<\/p>\n<p>So sollen auch wir den Schmerz und das Elend anderer \u2013 und unser eigenes \u2013 ernst nehmen. Die Berechtigung in ihnen sehen. Die Klage Gestalt gewinnen lassen. Denn durch die Schreie und Klagen k\u00f6nnen wir vielleicht ein Licht ahnen. Wenn wir in Trauer sind, wenn wir Verlust empfinden oder Sehnsucht \u2013 dann haben wir ja etwas gekannt, was wir vermissen und wonach wir uns sehnen. Dann ist da ja etwas, woran sich die Hoffnung kn\u00fcpfen kann.<\/p>\n<p>Wei\u00dft du, was Glaube ist? Glaube ist Gottes Vereinigung mit der Seele. Er kommt zu dir in der Finsternis deines Lebens, nimmt Wohnung in dir, vereint sich mit dir, und in deiner tiefsten Nacht, wo du dich ganz dir selbst \u00fcberlassen glaubst, auch verlassen von Gott, da, in der Gethsemanenacht, wo die letzten Freunde schlafen, wo sich niemand deiner annimmt, sondern alle dich deinem Untergang \u00fcberlassen haben, und selbst Gott schweigt, da vollendet Gott seine Vereinigung mit dir und schafft Glauben.<\/p>\n<p>Auf diesen Glauben antworten hei\u00dft zuh\u00f6ren und dasjenige in uns sehen, was in der Finsternis <em>ist<\/em>, was in dem Schweigen <em>ist<\/em>, in der Verzweiflung. Wenn dein Schmerz und deine Klage am bittersten ist, dann geschieht das, weil du irgendwo von etwas wei\u00dft, was sein <em>k\u00f6nnte<\/em>! Dieses Etwas, das nicht ist, aber sein <em>k\u00f6nnte<\/em>, ist das Nichts in dir, aus dem Gott schafft. Der Glaube, der der Leere in dir entspringt, wie Christus das leere Grab hinterlassen hat als Grundlage unseres Osterglaubens. Die Finsternis durchbrochen von einem zarten Lichtstrahl, ein Keil dr\u00e4ngt sich in die Grabesfinsternis unseres Gem\u00fcts. Und dann erwacht vielleicht eine Hoffnung \u2013 dass es auch in deinem Leben geschehen kann, dass Finsternis in Licht verwandelt wird, Verzweiflung in Glauben, Tod in Leben.<\/p>\n<p>Diese wahnwitzige Behauptung ist die Behauptung von Karfreitag. Deshalb, wenn wir Christus mit Dornen kr\u00f6nen und seine H\u00e4nde durchbohren, weil wir einen anderen Menschen verletzen oder weil wir uns selbst zerst\u00f6ren \u2013 dann ist er dort gegenw\u00e4rtig in der Finsternis, um unsere S\u00fcnde zu tragen, uns zu vergeben, mit uns ins Grab zu gehen <em>und<\/em> uns wieder aus ihm zu heben ins Freie zu neuem Leben.<\/p>\n<p>Wunderbare Tiefe der Weisheit in diesem alles entscheidenden Ereignis, wo G\u00f6ttliches und Menschliches sich begegnen und eins werden! Welch ein bitteres und s\u00fc\u00dfes Ereignis! Diese schmerzliche Grausamkeit verbunden mit der gr\u00f6\u00dften Liebe! Durch all dies Furchtbare zu gehen, verursacht von denen \u2013 von uns \u2013 die damit nie mehr in der \u00e4u\u00dfersten Not allein gelassen sind, sondern auch da dem Gott begegnen, der vergibt und uns bis zum Tod liebt.<\/p>\n<p>Das ist das R\u00e4tsel des Kreuzes: Der Mensch kreuzigte Christus, und wir kreuzigen ihn noch immer: wir erschlagen Liebesleben. Und doch geschah das alles um des Menschen willen, Christus opfert sich jeden Augenblick um unseretwillen.<\/p>\n<p>Hier ist Christus zu finden: in Gottes Selbsthingabe an uns, im Opfer, in der Selbstaufopferung der Liebe. Nicht im siebten Himmel oder in weisen B\u00fcchern oder in frommen Gebeten, sondern tief drinnen in deinem und meinem Kampf, in der Verzweiflung und Angst, in dem Kampf, mit dem Leben zurecht zu kommen, und in der Angst vor der unbekannten Tiefe \u2013 im Dasein und in einem selbst, in der Selbstverachtung, im Schmerz, der Krankheit und der Trauer. Bei allen Opfern der Graumsamkeit sowohl des Lebens als auch des Menschen selbst, da ist Christus, bereit sich zu opfern um der Menschen, um unseretwillen.<\/p>\n<p>Das ist der Trost von Karfreitag, mitten in der Trauer. Christus wurde eins mit uns. Wenn wir meinen, die Finsternis schlie\u00dfe sich am allerdichtesten um uns \u2013 dann erfahren wir, dass es einen gibt, der mit uns leidet, der die Macht der Finsternis f\u00fcr uns \u00fcberwindet und uns damit befreit, das Leben zu lieben. Er bringt uns durch die Finsternis und wieder hinaus ans Licht \u2013 wie er selbst durch die Finsternis und wieder ans Licht gebracht wurde am Ostersonntag. So ist der Ostermorgen ein Teil der Ereignisse schon am Karfreitag. Die Erh\u00f6hung Christi nahm ihren Anfang vor dem Ostermorgen. Es war Auferstehung in allem, was Jesus sagte und tat, als er lebte \u2013 auch Karfreitag. Die Lebensbest\u00e4tigung der Kreuzigung besteht darin, dass der Gott und Sch\u00f6pfer des Lebens von da an immer gegenw\u00e4rtig ist im gr\u00f6\u00dften Leiden, in der gr\u00f6\u00dfen Angst und Verzweiflung, um seinen geliebten Menschen wieder zum Leben zu befreien. Das ist der Trost von Karfreitag, das ist das R\u00e4tsel des Kreuzes.<\/p>\n<p>Dies Geheimnis deines Kreuzes<br \/>\nglaub ich, Herr, kraft deines Geistes!<br \/>\nHilf, will mich der Feind verderben!<br \/>\nReich mir deine Hand im Sterben!<br \/>\nSprich: \u201eWir gehen ins Paradies!\u201c<br \/>\n(Grundtvig, D\u00e4nisches Kirchengesangbuch, Nr. 192,9)<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong>Dompropst Anders Gadegaard<br \/>\nFiolstr\u00e6de 8,1<br \/>\nDK-1171 K\u00f8benhavn K<br \/>\nTel.: +45 33 14 85 65<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:abg@km.dk\">abg@km.dk<\/a><\/p>\n<p>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag, 14. April 2006 Predigt zu Lukas 23,26-49 \/ Johannes 19,17-37, verfasst von Anders Gadegaard (D\u00e4nemark) (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Wir lieben ihn, diesen sch\u00f6nen Menschen. Die Inkarnation der Liebe. 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