{"id":11086,"date":"2021-02-07T19:48:56","date_gmt":"2021-02-07T19:48:56","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11086"},"modified":"2023-02-09T09:13:02","modified_gmt":"2023-02-09T08:13:02","slug":"hebraeer-915-26b-28-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-915-26b-28-4\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 9:15.26b &#8211; 28"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong>Predigt zu Hebr\u00e4er 9:15.26b &#8211; 28, verfasst von Bischof Prof. Dr. Martin Hein<\/strong><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>15<\/em><em> Christus ist der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erl\u00f6sung von den \u00dcbertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verhei\u00dfene ewige Erbe empfangen.<br \/>\n<\/em><em>26<\/em><em> Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein f\u00fcr allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die S\u00fcnde aufzuheben.<br \/>\n<\/em><em>27<\/em><em> Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht:<br \/>\n<\/em><em>28<\/em><em> so ist auch Christus einmal geopfert worden, die S\u00fcnden vieler wegzunehmen; zum zweitenmal wird er nicht der S\u00fcnde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil. <\/em><\/p>\n<p>Heute ist alles anders, liebe Gemeinde! Kahl und leer zeigt sich der Altar: Keine Kerzen, kein Blumenschmuck, kein Altarbehang, keine Bibel. Nichts. Alles fehlt. Der Altar hat sich zum schlichten, groben Steinklotz gewandelt. Karfreitag ist vom Gef\u00fchl her ein ungem\u00fctlicher Tag. Das wird durch die Kargheit des Kirchenraumes noch unterstrichen. Und entsprechend schwer tun wir uns damit.<\/p>\n<p>Gibt es nicht schon gen\u00fcgend Leiden und Tr\u00e4nen in der Welt, als da\u00df wir uns an diesem Tag auch noch in der Kirche der Traurigkeit und Trostlosigkeit ausliefern m\u00fcssen? Wir schleppen so viel Bedr\u00fcckendes mit uns herum. Warum kann das nicht drau\u00dfen vor der Kirchent\u00fcr bleiben, damit wir hier drinnen davon Abstand gewinnen und \u2013 sei es auch nur f\u00fcr kurze Zeit \u2013 aufatmen k\u00f6nnen? Manchmal scheint es, als h\u00e4tte wir Evangelischen uns fr\u00fcher in einer seltsamen Lust geradezu in den Karfreitag verbissen. Das ist vorbei. Inzwischen w\u00fcrden wir lieber ein gro\u00dfen Bogen um den kahlen Steinklotz machen, der sich uns den Weg stellt \u2013 weg von der D\u00fcsternis des Karfreitags, hin zum hellen Licht des Ostertags. Auferstehung, Leben, Befreiung aus dem Tod und all seinen machtvollen Genossen: Das spricht uns viel mehr an, danach sehnen wir uns aus tiefstem Herzen. In den Feiern der Osternacht k\u00f6nnen wir es erleben und nachempfinden. Sie werden immer beliebter. Aber ein Tag wie heute, der uns auf den Tod hinweist und wo wir scheinbar gar nichts Hoffnungsvolles sehen k\u00f6nnen? Karfreitag macht uns verlegen.<\/p>\n<p>Und dennoch: Wer nur von Ostern fasziniert ist, ohne am Karfreitag einzuhalten und \u00fcber den Tod Jesu nachzudenken, wer einfach den kahlen Steinklotz des Altars beiseite schaffen oder ihn leichtf\u00fc\u00dfig umgehen will, macht sich etwas vor. Leben gibt es nicht ohne Sterben, Auferstehung nicht ohne Tod, das Heil der Welt nicht ohne das Kreuz Jesu. Es hat seinen guten Grund, da\u00df das ausgerechnet Kreuz \u2013 und nicht etwa das leere Grab \u2013 zum Zeichen unseres Glaubens geworden ist. Das aber m\u00fcssen wir entschl\u00fcsseln und, wenn m\u00f6glich, neu entdecken.<\/p>\n<p>Das blo\u00dfe Auge sieht einen Menschen ans Kreuz genagelt. So starben viele im r\u00f6mischen Reich. Es mag zynisch klingen: Das war nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches. Opfer von Gewalt und Intrigen gab und gibt es zu allen Zeiten. Ist also das Kreuz letztlich nur der Ausdruck daf\u00fcr, da\u00df Jesus mit dem, was sein Leben bestimmte, scheiterte? So fragen ja nicht erst die Kritiker des Christentums, sondern schon die J\u00fcnger selbst: \u201eWir hofften, er sei es, der Israel erl\u00f6sen werde.\u201c Das Gegenteil trat ein. Aus und vorbei der Traum!<\/p>\n<p>Warum stirbt Jesus? Und was gibt seinem Tod eine so gro\u00dfe Bedeutung, da\u00df wir uns nicht nur nach zwei Jahrtausenden daran erinnern, sondern uns sogar zu diesem Tod als dem entscheidenden Ereignis der Welt bekennen? Das sind die Fragen, um die es geht und mit denen wir nie fertig sind. Wir m\u00fcssen unsere eigene Antwort darauf immer wieder neu durchbuchstabieren. Das Kreuz Jesu macht dem Glauben M\u00fche. Das ist so!<\/p>\n<p>Der Hebr\u00e4erbrief konnte zu seiner Zeit auf das r\u00e4tselhafte Geschehen des Karfreitags eine Antwort geben. Er wu\u00dfte dem Kreuz von Golgatha einen Sinn abzugewinnen: Jesus ist in der Welt erschienen, sagt er, um \u201edurch sein eigenes Opfer die S\u00fcnde aufzuheben\u201c. Aber ehrlich nachgefragt, liebe Gemeinde: Was hei\u00dft das? Solche Worte sind uns fremd geworden.<\/p>\n<p>Es hat immer wieder Versuche gegeben, den dunklen Schleier ein wenig anzuheben und hinter das zu schauen, was sich dem blo\u00dfen Augenschein vermittelt. Einer dieser Versuche, das Geschehen zu deuten, stammt von dem mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury. Er steht in einer Schrift, die der gro\u00dfe Kirchenlehrer einzig und allein zu dem Zweck verfa\u00dfte, um f\u00fcr sich eine befriedigende Antwort auf das R\u00e4tsel des Kreuzes zu finden. \u201eWarum Gott Mensch wurde\u201c, hei\u00dft das Buch. Ich habe es mehr als einmal gelesen. Dort sagt Anselm an einer Stelle zu seinem Gegen\u00fcber, mit dem er \u00fcber den Weg Jesu von der Geburt im Stall von Bethlehem bis hinauf nach Golgatha nachdenkt: \u201eDu hast noch nicht bedacht, wie schwer die S\u00fcnde wiegt.\u201c<\/p>\n<p>In diesem einen Satz dr\u00fcckt sich etwas ganz Entscheidendes aus: Am Karfreitag geht es nicht um die Hinrichtung eines religi\u00f6sen Idealisten oder Tr\u00e4umers, sondern der Karfreitag hat es elementar mit unserer S\u00fcnde zu tun. Sie trennt uns abgrundtief von Gott. Und weil wir uns unsere S\u00fcnde nicht eingestehen oder sie nicht ernst nehmen, kommen wir mit dem Karfreitag nicht zurecht.<\/p>\n<p>\u201eDu hast noch nicht bedacht, wie schwer die S\u00fcnde wiegt.\u201c Sie ist keine Nebens\u00e4chlichkeit, \u00fcber die Gott, wenn er nur wollte, locker hinwegsehen k\u00f6nnte \u2013 als sei zu vergeben sein ureigenstes Metier. Nein, S\u00fcnde wiegt viel, viel schwerer. Sie reicht tiefer als das, was sich mit den Ma\u00dfst\u00e4ben einer b\u00fcrgerlichen Moral erfassen l\u00e4\u00dft. S\u00fcnde, ganz ernst genommen, ist der st\u00e4ndige menschliche Protest gegen Gott. Wir wollen ihn, wenn es irgend geht, in unseren Gedanken, Worten und Werken entmachten. S\u00fcnde stellt andere G\u00f6tter, am liebsten uns selbst, an den Platz, der allein ihm geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Seit den Anf\u00e4ngen der Menschheit ist dieser Graben immer gr\u00f6\u00dfer geworden, je st\u00e4rker wir uns bem\u00fchten, Gott zu verdr\u00e4ngen und uns Menschen zum Ma\u00df aller Dinge zu machen. Unser Drang nach Gottlosigkeit hat die Geschichte der Beziehung Gottes zu uns zur Geschichte einer einzigen Entt\u00e4uschung gemacht. Und seine fortw\u00e4hrende brennende Liebe konnte man ihm leicht als Schw\u00e4chlichkeit oder Nachsichtigkeit auslegen. Das Alte Testament enth\u00e4lt eine F\u00fclle von Erz\u00e4hlungen, die das beschreiben.<\/p>\n<p>Gott h\u00e4tte sich irgendwann br\u00fcskiert zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen, um uns den Folgen unseres Tuns g\u00e4nzlich preiszugeben. Das aber hat er nicht getan. Er litt weiter an dieser Trennung. Deshalb begann er noch einmal, auf uns zuzugehen \u2013 in Jesus Christus. Der ist der Mittler, hei\u00dft es im Hebr\u00e4erbrief. Mit Leib und Leben stellt er sich in den tiefen Ri\u00df, um ihn zu \u00fcberbr\u00fccken. In ihm ballt sich das Leiden der Menschheit, das die S\u00fcnde heraufbeschw\u00f6rt, und das Leiden Gottes an unserer S\u00fcnde, an unserer Gottferne zusammen; zugleich aber ist in ihm beides, unser Leiden und Gottes Leiden \u00fcberwunden. Kein einfacher und wohlfeiler Weg war das, keine \u201ebillige Gnade\u201c, sondern ein Weg, der Gott sehr viel kostete: das Leben, das er in Christus hingab. F\u00fcr Gott wog unsere S\u00fcnde so schwer, da\u00df er sein Bestes und Liebstes einsetzte, um die Trennung zwischen ihm und uns zu beseitigen. Der Tod am Kreuz markiert tats\u00e4chlich ein Ende: In Jesu Tod stirbt die S\u00fcnde, stirbt die Macht des Todes \u2013 aber gleichzeitig ist hier der neue Anfang gesetzt: Nichts, aber auch gar nichts kann uns mehr von Gottes Liebe trennen. Das gilt unverbr\u00fcchlich. Der Weg zu Gott ist freiger\u00e4umt \u2013 \u201eein f\u00fcr allemal\u201c, wie es im Hebr\u00e4erbrief hei\u00dft. Wir sind nicht mehr auf uns selbst gestellt, verloren in der eigenen Gottlosigkeit. Gott verb\u00fcndet sich ganz eng mit uns, schenkt uns Vergebung und eine neue Hoffnung. Daf\u00fcr b\u00fcrgt das Kreuz Jesu.<\/p>\n<p>Wer dies f\u00fcr sich als Evangelium des Karfreitags entdeckt, sp\u00fcrt, wie sich unter der Hand die dunkle F\u00e4rbung wandelt, ohne etwas von dem Ernst zu nehmen, der diesen Tag umweht. Jesu Tod wird zum Leben f\u00fcr uns. Der Gekreuzigte tr\u00e4gt unsere Schuld, unser Versagen und unsere S\u00fcnde zu Grabe. Wir k\u00f6nnen uns wieder zu Gott wenden und ihn Gott sein lassen. F\u00fcr alle, die das glauben, wird Karfreitag zum Tag, der uns beides zeigt: Gottes Gericht \u00fcber unsere Selbstanma\u00dfung \u2013 und seine Gnade, die uns den Weg zum Heil \u00f6ffnet. Wer der Liebe Gottes vertraut, die im Kreuz Jesu verborgen ist, steht heute schon auf der Seite des Lebens \u2013 mitten in dieser Welt.<\/p>\n<p>\u201eDu hast noch nicht bedacht, wie schwer die S\u00fcnde wiegt\u201c, hatte der Kirchenlehrer gesagt. Gott sei Dank, da\u00df Christus sie tragen konnte. Sie braucht uns nicht mehr zu belasten, zu bedr\u00fccken und zu behindern. Und wir m\u00fcssen keinen verlegenen Bogen um den Karfreitag machen, sondern k\u00f6nnen uns geradewegs Gottes grenzenlose Liebe gefallen lassen. Das l\u00e4\u00dft uns wirklich aufatmen. Die Beklommenheit kann weichen.<\/p>\n<p>Denn, liebe Gemeinde, ab heute ist alles anders. Denn auch f\u00fcr uns gilt: \u201eWir sind nicht mehr die Knechte \/ der alten Todesm\u00e4chte \/ und ihrer Tyrannei. \/ Der Sohn, der es erduldet, \/ hat uns am Kreuz entschuldet. \/ Auch wir sind S\u00f6hne und sind frei.\u201c (EG 94,5). Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Prof. Dr. Martin Hein<br \/>\nEvangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck<br \/>\nWilhelmsh\u00f6her Allee 330<br \/>\n34131 Kassel<br \/>\nTel.: 0561 9378-201<br \/>\n<a href=\"mailto:martinhein@gmx.de\">martinhein@gmx.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Hebr\u00e4er 9:15.26b &#8211; 28, verfasst von Bischof Prof. Dr. Martin Hein 15 Christus ist der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erl\u00f6sung von den \u00dcbertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verhei\u00dfene ewige Erbe empfangen. 26 Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein f\u00fcr [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7402,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[59,1,727,157,853,114,971,1255,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11086","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-hebraeer","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-09-chapter-09-hebraeer","category-martin-hein","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11086","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11086"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11086\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16836,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11086\/revisions\/16836"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7402"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11086"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11086"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11086"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11086"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11086"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11086"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11086"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}