{"id":11095,"date":"2021-02-07T19:49:08","date_gmt":"2021-02-07T19:49:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11095"},"modified":"2023-01-31T09:31:01","modified_gmt":"2023-01-31T08:31:01","slug":"matthaeus-28-1-8-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-28-1-8-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 28, 1-8"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong>Auferstehung als Knoten |\u00a0<\/strong><b><span style=\"color: #000099;\"><strong>Ostersonntag, 16. April 2006<\/strong><br \/>\nPredigt zu Matth\u00e4us 28, 1-8, Hans-Ole J\u00f8rgensen (D\u00e4nemark)<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Es muss ein Knoten im Faden sein, wenn man n\u00e4hen will \u2013 sagt S\u00f6ren Kierkegaard einmal. Er formuliert hier eine Erfahrung, die er kaum selbst gemacht haben wird, wenn man sich das allzu konkret vorstellt. S\u00f6ren Kierkegaard hat es nicht n\u00f6tig gehabt, selbst sein Zeug zu flicken und Kn\u00f6pfe anzun\u00e4hen, wenn sie losgegangen waren. Daf\u00fcr bezahlte er seinen Schneider. Aber als Erfahrung von etwas Grundlegendem im menschlichen Leben hat er gewusst, wovon er sprach. Auch hier \u2013 im Leben des Menschen \u2013 muss es einen Knoten geben, damit man ordentlich n\u00e4hen kann, auch der Mensch muss irgendwo seine Verankerung haben, um leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Verankerung bekommen wir von Kindesbeinen an in erster Linie durch unsere Eltern. Aber auch Gro\u00dfeltern und andere unter denen, die um uns sind, wenn wir ankommen, k\u00f6nnen hier gro\u00dfe Bedeutung bekommen. Allm\u00e4hlich weitet sich der Kreis. W\u00e4hrend wir heranwachsen, breiten wir unsere Wurzeln aus und kn\u00fcpfen andere Kontakte als die ersten famili\u00e4ren, wir binden uns in Freundschaften und in Liebe und finden Standorte hier und dort in so vielerlei, aber die Wurzeln, die am weitesten zur\u00fcckreichen, verbleiben in der Regel die solidesten. Was wir an F\u00fcrsorge und Liebe seit dem Anfang unseres Lebens von denen erhalten haben, die uns damals empfingen, sich unserer annahmen und uns auf der ersten Wegstrecke begleiteten, das bleibt gew\u00f6hnlich bestehen als etwas von dem, was am allerwenigsten aus den sp\u00e4teren Ereignissen des Lebens herausgerissen werden kann, als der Knoten an dem Faden des Lebens, der am schwersten aufgeht.<\/p>\n<p>In der Bilderwelt des Christentums ist es <em>die<\/em> Erkenntnis, die dahinter liegt, wenn Jesus einen Menschen Kind Gottes nennt. In keinem anderen Bilde ist der Knoten der Liebe, der uns mehr als alles andere in Stand setzt zu n\u00e4hen, so fest gebunden wie hier. Wohl mag es geschehen, dass Eltern ihre Kinder aus dem Hause werfen und dass sich die Liebe in etwas anderes verwandelt, aber das kommt doch nur selten vor und \u2013 wenn es denn vorkommt \u2013 geschieht es nie ohne Schmerzen, die klar machen, dass das nicht der Sinn der Sache gewesen ist. Jemandes Kind sein ist gew\u00f6hnlich eine Verankerung in der stabilsten Liebe, die man sich denken kann. Und wenn man aufh\u00f6rt, Kind zu sein, \u2013 etwa weil die Eltern sterben \u2013 dann ist das oft auch eine sehr viel st\u00e4rkere und mehr durchgreifende Ver\u00e4nderung im Leben eines Menschen, als man sich vorher vorgestellt haben mag. Wenn wir nicht mehr jemandes Kinder sind, dann schweben wir vielleicht freier in der Luft, als uns gut scheint.<\/p>\n<p>Ostern ist der Knoten des Christentums. Das wird hier verk\u00fcndet \u2013 mit der Auferstehung am Ostermorgen \u2013 und das verleiht dem, was in Jesu Leben zu sehen und erleben war, g\u00f6ttliche G\u00fcltigkeit, ja allem verleiht es G\u00fcltigkeit. Denken wir uns die Auferstehung weg, dann w\u00e4ren alle Worte Jesu und alle Taten Jesu, alles, was in seinem Leben an Gegenwart mit neuer Freude und neuem Sinn \u2013 Auferstehung \u2013 f\u00fcr verkommene Menschen war, ja, dann w\u00e4re all das von derselben Art wie nur das, was auch wir von uns geben und f\u00fcreinander sein k\u00f6nnen, wenn es hoch kommt \u2013 die g\u00f6ttliche Bedeutung aber w\u00fcrde fehlen, und nichts w\u00e4re zu uns gelangt. Wir w\u00fcrden heute nicht einmal von Jesus geh\u00f6rt haben. W\u00e4re alles Karfreitag schon zuende gewesen, w\u00e4re er zweifellos im allgemeinen Vergessen untergegangen, wie so viele andere gro\u00dfe und unschuldig verurteilte M\u00e4nner verschwunden sind.<\/p>\n<p>Auf diese Weise ist die Auferstehung der Knoten des Christentums. Und so beginnt also auch die Verankerung, die uns geschenkt wird, wenn Jesus einen Menschen Kind Gottes nennt, an einem Punkt, wo wir nicht den \u00dcberblick haben. Denn die Auferstehung denken, geschweige denn erkl\u00e4ren, was sie ist, das k\u00f6nnen wir nat\u00fcrlich nicht. Wenn es Auferstehung gibt, dann ist sie unumst\u00f6\u00dflich ein Geheimnis Gottes, ein Geheimnis, zu dem uns der Zugang versagt ist. Deshalb findet sie auch bei allen Evangelisten unter dem Schutz der noch nicht vertriebenen n\u00e4chtlichen Finsternis statt.<\/p>\n<p>Sie ist, was kein Auge sah, sie ist der Grund, auf dem die Kirche ihren Sonntag feiert. Und man <em>kann<\/em> das nat\u00fcrlich anfechten, ohne jede Schwierigkeit. Aber es gibt Dinge in unserem Leben, zu denen wir nur durch die Freude \u00fcber sie Zugang haben, wenn wir darauf verzichten, sie erkl\u00e4ren und verstehen zu wollen. Ja, Dinge, die wir einfach verkehrt aufn\u00e4hmen, wenn wir sie zu erkl\u00e4ren und zu verstehen suchten. Zu diesen Dingen geh\u00f6rt die Liebe, in ihrem Bereich geht es nicht darum, verstehen zu k\u00f6nnen, hier handelt es sich allein darum, in Glauben zuzuh\u00f6ren und zu empfangen, wenn sie mir etwas zu sagen hat. Und mit der Auferstehung ist es ebenso: auch sie hat etwas auf dem Herzen, das zu h\u00f6ren das Wichtige ist. F\u00fcr die Frauen am Grab Jesu war es das, was der Engel verk\u00fcndete, und nicht das, was sie selbst denken mochten, was sie wieder in das Leben schickte.<\/p>\n<p>Und in Wirklichkeit ist es eine St\u00e4rke, dass das so ist. Denn wenn es um das geht, woran wir uns als Menschen halten k\u00f6nnen, wenn es uns scheint, dass wir zu frei in der Luft schweben und dass in unserem Leben etwas auf dem Spiele steht, dann ist das St\u00e4rkste ja niemals das, was von uns selbst abh\u00e4ngt. Der Knoten, der alles in einem Leben zusammenhalten k\u00f6nnen soll, auch das, worin Finsternis ist, der Knoten ist besser in einem Geheimnis bei Gott gebunden als in etwas, das wir selbst binden und deshalb auch l\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als die Frauen mit dem zur\u00fcckkehrten, was ihnen der Engel dort drau\u00dfen am Grabe gesagt hatte, da geschah das mit einer wiedererstandenen Freude in ihrem Herzen. Missmutig waren sie dorthin gekommen, denn sie glaubten, alles sei verloren, erschrocken waren sie auch \u00fcber das, was sie dort erlebten, aber sie kehren zur\u00fcck, in erster Linie wieder ins Leben gerufen von einer wiedererstandenen Freude, mit der sie zur\u00fcck zu den J\u00fcngern eilen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Was war es nun, das sie geh\u00f6rt hatten? Ja, vor allem h\u00f6rten sie, dass die Liebe, die sie gesehen und der sie selbst in ihrem Leben mit Jesus begegnet waren, dass die Liebe, an die sie als eine Liebe geglaubt hatten, die auch die Liebe Gottes war, und die ihnen eine wunderbare Lebenskraft gewesen war in den Tagen, als sie Jesus folgten, wie der Fluss, von dem wir singen \u2013 der Fluss, der Felsen st\u00fcrzen kann, der Fluss, der Eisberge schmelzen kann, der Blutschuld tilgen kann \u2013 , ja, in erster Linie h\u00f6rten sie, dass diese Liebe jetzt doch die Macht hatte und \u00fcber alles hinaus vorw\u00e4rts wies, mit G\u00fcltigkeit f\u00fcr alle Tage, obwohl das geschehen war, was Karfreitag geschah.<\/p>\n<p>Man kann auf vielerlei Weise sagen, was die Freude des Christentums ist. Aber auf jeden Fall, so m\u00f6chte ich sagen, ist sie die Freude daran, in Freim\u00fctigkeit mit der Wahrheit \u00fcber sich selbst und sein Leben umgehen zu k\u00f6nnen. All dem in die Augen sehen zu k\u00f6nnen und doch mit Freuden hier sein zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen es nicht immer von selbst \u2013 allen Dingen in die Augen sehen und doch mit Freim\u00fctigkeit hier sein. In dem Film \u201eThe Shipping News\u201c, einem feinen Film, der wohl noch in den Kinos zu sehen ist, kommt ein kleines M\u00e4dchen vor, das seine Mutter verliert. Die Mutter kommt bei einem Autounfall ums Leben, und der Vater wagt nicht, der Tocher zu sagen, dass ihre Mutter tot ist. Er sagt: \u201e Sie schl\u00e4ft mit den Engeln\u201c, und glaubt, so sei es am besten. Aber es stellt sich heraus, dass das ein Problem ist. Denn wie das M\u00e4dchen sp\u00e4ter sagt: \u201eWenn ich schlafe, dann pflege ich doch wieder aufzuwachen.\u201c<\/p>\n<p>Wir begegnen in dem Film mehreren anderen Personen, die von L\u00fcgen leben, weil sie das Dasein nicht aushalten k\u00f6nnen, wie es ist, \u2013 weil sie nicht in Freim\u00fctigkeit mit der Wahrheit \u00fcber sich selbst und ihr Leben umgehen k\u00f6nnen. Unter ihnen ist auch eine \u00e4ltere Frau. Sie ist als junges M\u00e4dchen von ihrem gro\u00dfen Bruder vergewaltigt worden \u2013 sie wurde auch schwanger, trieb aber das Kind ab \u2013 und ihr ganzes Leben lang hat sie dieses furchtbare Geheimnis f\u00fcr sich behalten. Denn, wie sie sagt, als der Vater des kleinen Kindes auf anderem Weg den Zusammenhang entdeckt hat: \u201eIch glaubte, ich w\u00fcrde zu Stein, wenn es jemand erfahren w\u00fcrde!\u201c Aber die Wahrheit, das zeigt der Film, die Wahrheit ist \u2013 und nat\u00fcrlich ist das die Wahrheit, dass die Enth\u00fcllung erl\u00f6st. Sie macht die Frau frei, diejenige zu sein, die sie ist.<\/p>\n<p>Als der Vater des kleinen M\u00e4dchens gegen Ende der Handlung in dem Film sich gezwungen sieht, dem M\u00e4dchen zu sagen, dass ihre Mutter also tot ist, weil die Tochter darauf beharrt, auf sie zu warten, da zeigt sich auch das als eine Befreiung. Sie weinen zusammen, die Tochter wirft sich dem Vater um den Hals. Beide werden frei davon, so dass sie das Leben, das das ihre ist, leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und so gibt es Wahrheiten, denen wir in die Augen sehen m\u00fcssen, wenn wir frei leben k\u00f6nnen wollen. Es hilft nichts, dasjenige zur Seite zu schieben, was wir am liebsten anders gesehen h\u00e4tten, was unseren Schmerz hervorruft, unseren Verdruss, unsere Angst oder unsere Trauer. Es ist sehr viel besser, die Freim\u00fctigkeit zu besitzen, die das Christentum f\u00fcr die Menschen hat, die Freim\u00fctigkeit, die aus dem Glauben daran kommt, dass der Ostermorgen die Auferstehung <em>der<\/em> Liebe war, die in Jesu Leben war, der Liebe, die also auch die Liebe Gottes war, mit einer Reichweite \u00fcber alle Tage und alle Menschen hin.<\/p>\n<p>Jesu Auferstehung hat niemand gesehen. Und so gibt es vieles, was wir nicht sehen k\u00f6nnen. Und wor\u00fcber wir nicht sprechen k\u00f6nnen. Wir wissen nicht, was der Tod ist und was uns danach erwartet, aber der Auferstehungsglaube will auch etwas anderes mit uns als uns in Spekulationen dar\u00fcber hineinziehen. Die J\u00fcnger werden nicht aus der Welt genommen, sondern sie werden nach Galil\u00e4a geschickt, von wo sie kamen und wo sie ihren Alltag hatten. Denn dort sollen sie leben, im Leben vor dem Tod. Oder im Leben, trotz des Todes.<\/p>\n<p>Wie jemand gesagt hat:<\/p>\n<p>\u201eUnser Galil\u00e4a<br \/>\nist ja morgen<br \/>\nvielleicht ist es die Freude<br \/>\nvielleicht ist es die Trauer<br \/>\nunser Galil\u00e4a.\u201c<\/p>\n<p>Und unter allen Umst\u00e4nden hat die Freim\u00fctigkeit ein reiches Bet\u00e4tigungsfeld, die Freim\u00fctigkeit, die mit dem Hahnenschrei und Morgengesang unser Ostergeschenk ist. Allerorten herrscht Bedarf an der Nahrung, an dem Licht und der W\u00e4rme, die ununterbrochen der Verankerung entstr\u00f6mt, die f\u00fcr einen Menschen darin liegt, sich als ein Kind unseres Herrn betrachten zu k\u00f6nnen. Es ist Tod in so vielem, bei uns. M\u00f6ge dies der Knoten in unserem Leben sein, den nichts aufmachen kann, weder S\u00fcnde noch Tod, weder Trauer noch Schmerz, weder Missmut noch Angst oder irgendetwas sonst.<\/p>\n<p>\u201eWir bitten dich so stille<br \/>\nkomm uns entgegen \u2013<br \/>\nuns, die wir bange sind,<br \/>\nund uns, die wir tot sind,<br \/>\nin deinem Galil\u00e4a.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Hans-Ole J\u00f8rgensen<br \/>\nHyrdestr\u00e6de 5<br \/>\nDK-6000 Kolding<br \/>\nTel.: +45 75 52 06 61<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:haoj@km.dk\">haoj@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong> \u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auferstehung als Knoten |\u00a0Ostersonntag, 16. 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