{"id":11107,"date":"2021-02-07T19:48:58","date_gmt":"2021-02-07T19:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11107"},"modified":"2023-02-07T19:30:30","modified_gmt":"2023-02-07T18:30:30","slug":"johannes-20-1-18-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-20-1-18-2\/","title":{"rendered":"Johannes 20, 1-18"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Ostermontag, 17. April 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 20, 1-18, verfasst von Kirsten B\u00f8ggild (D\u00e4nemark)<\/span><\/b><\/h3>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p><strong>R\u00fchre mich nicht an! <\/strong><\/p>\n<p>Er sagte: R\u00fchre mich nicht an! Das ist zu allen Zeiten eine r\u00e4tselhafte Reaktion gewesen. Aber es liegt \u00fcberhaupt etwas Schwebendes und Traumartiges in dem Bericht \u00fcber den Ostermorgen im Johannesevangelium. Die beiden J\u00fcnger, die um die Wette zum Grab laufen \u2013 jeder will der Erste sein \u2013, und die dann im entscheidenden Augenblick doch den Platz tauschen. Maria Magdalena, die weint und die Engel sieht und die Jesus sieht und ihn dennoch nicht sieht, sondern glaubt, es sei der G\u00e4rtner. Sie erkennt ihn nicht, indem sie ihn blo\u00df sieht, sondern erst, als er ihren Namen nennt. Eine vibrierende Unruhe ist in den Menschen, die an jenem Morgen kommen und sehen, dass der Stein vom Grab gew\u00e4lzt ist. Der Glaube an Jesu Auferstehung von den Toten entsteht in einer \u00fcberrumpelnden Reihe von Eindr\u00fccken und Fragen angesichts des leeren Grabes.<\/p>\n<p>Aber warum sagte Jesus: R\u00fchre mich nicht an? Als Maria Magdalene ihn schlie\u00dflich doch wiedererkennt und sich ihm aus lauter Freude an die Brust werfen will? Es k\u00f6nnte so kalt und abweisend klingen, aber auch f\u00fcr uns heute wirken die Worte einigerma\u00dfen gespenstisch und merkw\u00fcrdig. In der letzten autorisierten (d\u00e4nischen) Bibel\u00fcbersetzung von 1992 sagt er zu ihr: Halte mich nicht zur\u00fcck! Da bekommt sein Wort pl\u00f6tzlich einen anderen Sinn, es wirkt nicht so kalt und nicht so gespenstisch. Warum darf sie ihn nicht zur\u00fcckhalten, jetzt wo er lebendigen Leibes vor ihr steht? Weil etwas geschehen ist. Vor seinem Tod war er gegenw\u00e4rtig wie jeder andere Mensch. Sie konnten ihn sehen, ihn h\u00f6ren, ihn ber\u00fchren. Jetzt ist es anders. Er wird nicht zur\u00fcckkehren und unter ihnen leben wie zuvor. Er wird erh\u00f6ht werden und bei Gott sein. Das bedeutet, dass er von der Gegenw\u00e4rtigkeit f\u00fcr die Wenigen zur Gegenw\u00e4rtigkeit f\u00fcr alle \u00fcbergehen wird. Er wird wie Gott allgegenw\u00e4rtig sein. Deshalb darf Maria Magdalene ihn nicht aufhalten. Ein Bruch ist geschehen. Er ist von der Vergangenheit aufgebrochen, hat sich vom irdischen Leben frei gemacht, damit etwas Neues kommen kann: Er wird der allumfassende Heiland sein, darum kann er nicht mehr an einen bestimmten Ort auf der Erde oder an betimmte Menschen, die ihn lieben, gebunden sein. Er muss von der Vergangenheit aufbrechen, um der zu sein, der die universale Gemeinschaft stiftet, wo die Liebe allen gilt und allen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Aber schon die Engel in der Grabkammer sagten es: \u201eFrau, warum weinst du?\u201c Als ob es gar nichts gegeben h\u00e4tte, wor\u00fcber man h\u00e4tte weinen k\u00f6nnen. Der Tote war nicht da. Sie sollte nicht in dem Grab nach ihm suchen, nicht den Tod und die Trauer pflegen. Dass sich der Tote nicht im Grab befand, bedeutete, dass er unter den Lebenden zu suchen war. Die Engel schickten sie aus dem Grab, machten sie frei, nicht \u00fcber einen Verstorbenen zu trauern, sondern sich \u00fcber sein neues Leben zu freuen. Das leere Grab bedeutet einen Bruch mit aller Versteinerung und Pflege des Unabwendbaren. Es bedeutet einen Aufbruch von der Resignation und Eingeschlossenheit der Trauer. \u201eFrau, warum weinst du?\u201c, fragten die Engel verwundert. Konnte sie nicht sehen, dass er nicht mehr tot war, sondern lebendig f\u00fcr die Welt? Dass Bewegung im Leben war und dass sie frei war, hinauszugehen und mit einem neuen Bewusstsein zu leben? Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft arbeiteten in ihr, und noch war sie nicht frei und abgekl\u00e4rt. Sie kehrt in ihrer Verzweiflung dem Grab den R\u00fccken und sieht Jesus und sieht ihn dennoch nicht, sondern fragt trotzig und eigensinnig, wo sein toter Leib ist. Noch ist sie nicht frei vom Griff des Todes, sondern sie klammert sich an die Reste der Vergangenheit. Es ist den Engeln nicht gelungen, sie zu \u00fcberzeugen, aber eine Ahnung ist geschaffen. Etwas Au\u00dferordentliches beginnt in ihrem Herzen zu keimen.<\/p>\n<p>Nimm das schwarze Kreuz vom Grab!<br \/>\nPflanze eine Lilie dort, wo es stand!<\/p>\n<p>So singen wir jede Ostern mit Grundtvigs Lied von Maria Magdalene am Ostermorgen. Optimistisch, froh, uns losrei\u00dfend von den Banden des Todes und der dunklen Nacht der Trauer. Aber es ist eine anstrengende Arbeit, es zu tun. Es geschieht ruckweise \u2013 und es geschieht nicht ohne die Hilfe des Daseins. Wie ein Mensch, der den Menschen verloren hat, den sie am meisten geliebt hat, und wie ein Mensch, der den Glauben und die Hoffnung auf ein zusammenh\u00e4ngendes Leben verloren hat, klammert sich Maria Magdalene an das, was sie verloren hat. Und an die Zeit, die vergangen ist, aber jetzt nicht mehr ist. Als Jesus ihr zwischen den Gr\u00e4bern im Garten erscheint, lodern der Glaube und die Hoffnung und die Liebe wieder auf. Einen kurzen Augenblick glaubt sie, alles w\u00fcrde wie vorher sein. Es ist allgemein menschlich, sich an das, was man kennt, zu klammern, an das, was gewesen ist, die Zeit zur\u00fcckzudrehen und sich Tod und Trauer vergessen und \u00fcberwunden zu w\u00fcnschen, auf dass alles wieder wie vorher sein soll. Das war Maria Magdalenes verborgener, unbewusster Traum. Und einen Augenblick lang glaubte sie, dass er Wirklichkeit geworden war. Aber nein. \u201eHalte mich nicht zur\u00fcck!\u201c sagte er. \u201eIch bin nicht gekommen, um zu bleiben. Ich gehe zu meinem Vater im Himmel, zu Gott, zu deinem Gott und meinem Gott.\u201c Es sollte nicht wie fr\u00fcher sein, es sollte neu und gr\u00f6\u00dfer, ja, allumfassend sein. Das war es, was er ihr zu sagen versuchte, so dass sie es verstehen konnte. Das, was sie geliebt, geglaubt, gehofft hatte, \u2013 es sollte nicht ihr Eigentum und das Eigentum der J\u00fcnger allein sein, es sollte zur Freude und Freiheit aller dienen. Die Arbeit und die Bewusstmachung, die n\u00f6tig sind, um das schwarze Kreuz vom Grab zu nehmen und eine Lilje an seiner Stelle zu pflanzen, bestehen darin, darauf verzichten zu k\u00f6nnen, dass es wie eigener Besitz war, und verstehen zu k\u00f6nnen, dass nichts privater Besitz ist, sondern dass alles f\u00fcr die Gemeinschaft daist. Die Gemeinschaft zwischen den Toten, den Lebenden, den noch nicht Geborenen&#8230; Und wenn das nicht so w\u00e4re, w\u00fcrde der Einzelne in Selbstmitleid und Pflege der Vergangenheit erstarren, der Tod w\u00fcrde die Macht ergreifen, das Leben w\u00fcrde untergehen.<\/p>\n<p>Das hatte Maria Magdalene nicht verstanden. Sie hatte in ihrer eigenen von Tr\u00e4umen erf\u00fcllten Welt gelebt. Sie hatte an die Stelle der Wirklichkeit ihre eigenen Vorstellungen und Einbildungen gesetzt. Man sagt, es sei ein anderer n\u00f6tig, um einen aus einer solchen privaten und eigensinnigen Welt zu rei\u00dfen. Dass es dazu der Begegnung mit einem anderen, eines Gespr\u00e4chs bedarf, damit etwas Neues in der geistigen Entwicklung eines Menschen geschehen k\u00f6nne. Damit sich die Wirklichkeit im inneren Kreislauf zur Geltung bringen kann. Jetzt sprach Jesus zu Maria Magdalene und sagte ihr, was sie tun sollte. Sie war nicht mehr allein. Er sagte, sie solle zu den J\u00fcngern gehen und ihnen sagen, dass er nicht bei ihnen bleiben, sondern bei Gott sein werde. Bei dem Gott, dessen Wille es gewesen sei, dass er aus Liebe sterben und damit die Welt ver\u00e4ndern sollte. Maria Magdalene wurde durch diese Worte aus ihrer Sehnsucht nach der Vergangenheit und aus ihrer eigenen Vorstellungswelt gerissen. Sie erfuhr, dass sie den Garten mit den Gr\u00e4bern verlassen solle, seine Freunde aufsuchen und ihnen erz\u00e4hlen sollte, dass er sie alle verlie\u00df, um bei Gott zu sein. Sie sollte ihre eigene Welt verlassen und nur verk\u00fcnden, was er gesagt hatte. Es war eine neue geistige Wirklichkeit, die damit in ihrem Innern entstanden war. Eine nach vorn gerichtete Wirklichkeit&#8230;<\/p>\n<p>Christus war von den Toten auferstanden \u2013 sie hatte ihn selbst gesehen. Die Erz\u00e4hlung des Johannesevangeliums vom Ostermorgen ist voller Unruhe und Missverst\u00e4ndnisse. Man braucht Zeit, sich das Au\u00dferordentliche anzueignen. Aber Maria Magdalene erz\u00e4hlt am Ende ihr Erlebnis weiter. Sie kann nicht anders. Und sie soll auch nichts anderes tun. Was sie gesehen und geh\u00f6rt hat, das sollen wir wissen. Und dann liegt es an uns, das zu verstehen. Die Auferstehung bedeutete einen allumfassenden, einen kosmischen Sieg der Barmherzigkeit. Den Sieg, den Christus in seinem kurzen Leben auf Erden inkarniert hatte. Von diesem Augenblick an bekam er Geschichte, er wurde zu einer Bewegung in Zeit und Raum, in Geschichte und Ewigkeit. Die Welt wird niemals wieder so sein, wie sie war, bevor Jesus von den Toten auferstand. Es war ein Ereignis, das die Welt revolutionierte, das f\u00fcr immer den Gang der Geschichte \u00e4nderte. Vom Gedanken an Gott als einen strengen und fordernden, strafenden und r\u00e4chenden Gott zum Gedanken an Gott als gn\u00e4dig und barmherzig, als liebend, vergebend und erneuernd \u2013 einen Gott in Bewegung. Die Auferstehung ist Symbol einer Auffassung von der Menschheit als einer Gemeinschaft verlorener Seelen, die ihrem Heil entgegengehen, weil Christus ihnen zu Gott voranging. Darum bedeutet die Auferstehung Licht \u00fcber dem Menschenleben. Eine Zukunft, die vom Licht der Gnade Gottes beschienen ist. Der einzelne Mensch geht unabwendbar seinem Tod entgegen. Der einzelne Mensch wird unabwendbar die Menschen verlieren, die er liebt. Aber zugleich geht er auf das Licht der Auferstehung zu, das Gottes allumfassende Barmherzigkeit ist. DieAuferstehung von den Toten war das Werk eines einzelnen Menschen, da Christus am Ostermorgen auferstand. Aber es wurde bedeutungsvoll f\u00fcr uns alle und f\u00fcr unser Verh\u00e4ltnis zu der gemeinsamen Gegenwart und Zukunft.<\/p>\n<p>Fr\u00f6hliche Ostern. Amen.<\/p>\n<p class=\"Stil1\" align=\"left\"><strong>Pastor Kirsten B\u00f8ggild <\/strong><br \/>\n<strong>Thun\u00f8gade 16 <\/strong><br \/>\n<strong>DK-8000 \u00c5rhus C <\/strong><br \/>\n<strong>Tel. +45 86124760 <\/strong><br \/>\n<strong>E-mail: <a href=\"mailto:kboe@km.dk\">kboe@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostermontag, 17. April 2006 Predigt zu Johannes 20, 1-18, verfasst von Kirsten B\u00f8ggild (D\u00e4nemark) (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) R\u00fchre mich nicht an! Er sagte: R\u00fchre mich nicht an! Das ist zu allen Zeiten eine r\u00e4tselhafte Reaktion gewesen. 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