{"id":11111,"date":"2021-02-07T19:48:56","date_gmt":"2021-02-07T19:48:56","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11111"},"modified":"2023-02-09T09:18:15","modified_gmt":"2023-02-09T08:18:15","slug":"kolosser-2-12-15-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/kolosser-2-12-15-4\/","title":{"rendered":"Kolosser 2, 12-15"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Quasimodogeniti, 23. April 2006<br \/>\nPredigt zu Kolosser 2, 12-15, verfasst von Andreas Brummer<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>Mit Christus seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den S\u00fcnden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle S\u00fcnden.<br \/>\nEr hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und ans Kreuz geheftet. Er hat die M\u00e4chte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie \u00f6ffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>1<br \/>\nHeute feiern wir den Sonntag &#8222;Quasimodogeniti&#8220;. Ein ziemlich seltsamer Name ist das, bei dem man immer zuerst an den Gl\u00f6ckner von Notre Dame denkt und gar nicht so sehr an einen Gottesdienst. Gerade deshalb aber will ich mich einmal auf die F\u00e4hrte dieses Sonntags machen. Was hat es auf sich mit diesem &#8222;Quasimodogeniti&#8220;?<br \/>\nIch beginne mit einem Sprung zur\u00fcck in die Geschichte der Kirche. Und zwar weit, weit zur\u00fcck, noch hinter Martin Luther und die Reformation, mitten hinein in das erste christliche Jahrtausend und die die altkirchliche Tauftradition:<br \/>\nDa ist der erste Sonntag nach Ostern. Der Abschlu\u00df der \u00f6sterlichen Festwoche. Im Mittelpunkt stehen dabei die Neugetauften. Noch heute erinnert der Name des Sonntags daran. \u201eQuasimodogeniti&#8220; &#8211; das hei\u00dft n\u00e4mlich \u00fcbersetzt: &#8222;wie die neugeborenen Kindlein&#8220;. Und damit sind gerade die Neugetauften, die durch die Taufe Neugeborenen gemeint, auch wenn sie damals nicht Kindlein, sondern erwachsene Leute waren. Getauft in der Osternacht waren sie die Osterwoche hindurch, gekleidet in wei\u00dfe Gew\u00e4nder, von Kirche zu Kirche gezogen und haben dort jeweils Station gemacht und Gottesdienst, Messe gefeiert. Stellen Sie sich das vor: Eine Festwoche ganz in wei\u00df, ein Leben wie in einer eigenen Welt, n\u00e4mlich der Welt \u201edes neuen Lebens\u201c &#8211; voll von den D\u00fcften der Salb\u00f6le, voll dem Licht der Kerzen und dem Rhythmus der liturgischen Ges\u00e4nge: Eine eigene Welt war das abseits des Alltags, eine Liturgie des Lebens, die da einge\u00fcbt wurde.<br \/>\nUnd dann kommt der 1. Sonntag nach Ostern: Die Neugetauften legen ihre wei\u00dfen Festkleider, ihre Taufkleider ab und zum ersten Mal wieder die Alltagskleider an. Der Kleiderwechsel als ein Zeichen f\u00fcr den \u00dcbergang: Jetzt nehme ich dieses neue Leben hinein in mein Alltagsgewand. Jetzt soll mein Alltagskleid diese Lebensluft, diese Lebenslust atmen. Jetzt soll dieses Leben auch den Stoff, aus dem mein Alltag gewebt ist, durchwirken.<\/p>\n<p>2<br \/>\nDas neue Leben \u2013 der Kolosserbrief umrei\u00dft es in den Versen, die wir vorhin geh\u00f6rt haben: Ein Leben, in dem der Schuldbrief auch der verkrachtesten Existenzen getilgt wird; ein Leben, in dem die M\u00e4chte und Gewalten, welche das nun auch sein m\u00f6gen, ihrer Macht entkleidet werden und so pl\u00f6tzlich nackt da stehen, sozusagen als schlotternde Karrikaturen ihrer selbst.<br \/>\nF\u00fcr unsere Ohren mag das vollmundig klingen, aber die Neugetauften der alten Kirche haben die Worte unserer Epistel noch ganz anders begreifen und ergreifen k\u00f6nnen als wir heute. Denn gerade so, wie es der Kolosserbrief beschreibt, m\u00fcssen sie es empfunden haben, wenn sie in der Osternacht getauft wurden: untergetaucht, zumindest tief hineingetaucht in das Taufwasser. War dieses Untergehen nicht wie ein Tod, wie ein Begrabenwerden? War das nicht so, als ob sie selbst zeichenhaft Anteil bekamen am Schicksal Jesu Christi? Und war die Taufe, das Wiederauftauchen, war das Anlegen der wei\u00dfen Gew\u00e4nder, waren die hellen Kerzen und Lichter als Zeichen des neuen Lebens am Ostermorgen, war das nicht alles auch f\u00fcr sie wie eine Erfahrung von Neugeburt, von Auferweckung, von Befreiung?<\/p>\n<p><em>Mit Christus seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den S\u00fcnden &#8230; er hat den Schuldbrief getilgt .. er hat die M\u00e4chte und Gewalten ihrer Macht entkleidet &#8230;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Worte einer urchristlichen Taufpredigt m\u00f6gen dies urspr\u00fcnglich gewesen sein, eine Deutung dessen, was die T\u00e4uflinge in der Osternacht am eigenen Leibe erlebt haben. So werden sie das gesp\u00fcrt haben: Dass n\u00e4mlich wirklich alles, was war, in jener Nacht hinter sie gefallen ist und sie hineingetaumelt sind in die Liturgie eines neuen Lebens. In die Liturgie eines neuen Lebens, die sich all den Liturgien des Todes, die unsere Welt kennt, entgegenstellt.<\/p>\n<p>3<br \/>\nReligi\u00f6se Euphorie mag man das nennen. Oder ist es doch ein Ahnen und ein Sp\u00fcren, dass da das Wort von der Auferstehung eben nicht nur Wort ist, sondern Fleisch werden will \u2013 in mir, in ihnen, in jedem T\u00e4ufling \u2013 und dass da mit jeder Taufe dem Todeskuchen unserer Welt ein St\u00fcck Leben abgerungen wird?<\/p>\n<p>Manchmal stehen wir auf<br \/>\nstehen wir zur Auferstehung auf<br \/>\nmitten am Tage<br \/>\nmit unserem lebendigen Haar<br \/>\nmit unserer atmenden Haut.<\/p>\n<p>Marie-Luise Kaschnitz hat so gedichtet von der Auferstehung, die Fleisch wird, die unser Fleisch annimmt. \u201eMehr Demokratie wagen\u201c hie\u00df das Programm Willy Brandts Ende der 60er Jahre. W\u00e4re es nicht ein Programm f\u00fcr Christen heute nun \u201emehr Auferstehung zu wagen\u201c \u2013 mit lebendigem Haar, mit atmender Haut: mit Schuldbriefen, die getilgt werden, mit M\u00e4chten und Gewalten, die in ihrer Armseligkeit blo\u00dfgestellt werden, zumindest aber aufgedeckt, auf dass sie nicht l\u00e4nger versteckt ihre grausamen Spiele der Zerst\u00f6rung und der Entmenschlichung und der Entsolidarisierung treiben?<\/p>\n<p>Manchmal stehen wir auf<br \/>\nstehen wir zu Auferstehung auf<br \/>\nmitten am Tage<\/p>\n<p>Manchmal. Ob das reicht? Warum nicht: Immer wieder! Oder immer \u00f6fter! Oder aber umgekehrt: immer weniger! Immer weniger lassen wir uns halten von den Alltagsketten, von der eingeredeten oder auch realen Schuld, von denen und von dem, das sich unser bem\u00e4chtigt, mitten am Tage, mitten in der Nacht.<\/p>\n<p>4<br \/>\n<em>\u201e&#8230; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten\u201c<br \/>\n<\/em>Als Getaufte stehen wir auf f\u00fcr das Leben.<br \/>\nDas wei\u00dfe Taufkleid ist das Zeichen \u2013 Mit-Auferstandene sind wir! Und der Kolosserbrief h\u00e4lt es uns vor die Nase, neckend fast, lockend: \u201eSchl\u00fcpf hinein\u201c, scheint er zu raunen, \u201ezieh es \u00fcber! Schau dich an im Osterspiegel, umkleidet mit dem Leben, erf\u00fcllt von Gottes Kraft. Lass dich sehen \u2013 Mit-Auferstandener, der du bist &#8211; als solcher, der etwas entgegenzusetzen hat all dem, was da Menschen die Luft zum Atmen nehmen will.\u201c<\/p>\n<p>In einem Gedicht von Hilde Domin hei\u00dft es: Wir Auferstandene seit unserer Geburt.<br \/>\nJa, da f\u00e4ngt sie schon an, die Auferstehung in unserem Fleisch: mit unserer Geburt. Als Gottes Gesch\u00f6pfe sind wir schon immer Auferstandene. Doch im Osterlicht und im Taufwasser k\u00f6nnen wir es noch einmal neu entdecken, wird es uns wieder vor Augen gestellt: Wir geh\u00f6ren dazu, Sie und ich auch und alle, die wir taufen &#8211; wir geh\u00f6ren zu dieser gro\u00dfen Auferstehungsbewegung gegen den Tod und m\u00fcssen uns deshalb nicht von unseren Alltagssorgen niederdr\u00fccken lassen. Die Taufkleider der ersten Christen und die Taufkleider unserer T\u00e4uflinge erinnern uns: Es ist noch eine andere Macht in deinem Leben, Lebens- nicht Todes-Macht, die strahlt hinein in deinen Alltag. Heute. Morgen. Allezeit.<\/p>\n<hr \/>\n<div class=\"Stil1\"><span style=\"font-size: 16px;\"><strong><span style=\"font-family: Arial;\">Pastor Andreas Brummer<\/span><\/strong><\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 16px;\"><strong><span style=\"font-family: Arial;\">L\u00fcneburger Damm 4b<\/span><\/strong><\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 16px;\"><strong><span style=\"font-family: Arial;\">30625 Hannover<\/span><\/strong><\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-size: 16px;\"><strong><span style=\"font-family: Arial;\">e-mail: <a title=\"mailto:Andreas.Brummer@evlka.de\" href=\"mailto:Andreas.Brummer@evlka.de\">Andreas.Brummer@evlka.de<\/a><\/span><\/strong><\/span><\/div>\n<div><strong>\u00a0<\/strong><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quasimodogeniti, 23. 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