{"id":11119,"date":"2021-02-07T19:49:10","date_gmt":"2021-02-07T19:49:10","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11119"},"modified":"2023-01-17T22:47:29","modified_gmt":"2023-01-17T21:47:29","slug":"kolosser-212-15-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/kolosser-212-15-5\/","title":{"rendered":"Kolosser 2,12-15"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Quasimodogeniti, 23. April 2006<br \/>\nPredigt zu Kolosser 2, 12-15, verfasst von Wolfgang V\u00f6gele <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>\u201eMit Christus seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den S\u00fcnden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle S\u00fcnden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet. Er hat die M\u00e4chte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie \u00f6ffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.\u201c<\/em><\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Glauben ist mit Sehen verbunden. Zwar preist Jesus diejenigen selig, die nicht sehen und doch glauben. Aber dennoch gilt: Wer glaubt, der hat ein bestimmtes Bild des Jesus von Nazareth vor Augen:<\/p>\n<ul>\n<li>den Redner und Prediger, der vor riesigen Menschenmengen \u00fcber die Hoffnung auf Gottes Reich spricht;<\/li>\n<li>den Richter am Ende der Zeit, der gerechte Urteile f\u00e4llt und gleichzeitig als F\u00fcrsprecher der Menschen auftritt;<\/li>\n<li>den Wunderheiler, den die Krankheiten und Gebrechen leidender Menschen nicht in Ruhe lassen;<\/li>\n<li>den Gekreuzigten, der selbst leidet, gefoltert, verurteilt, verspottet;<\/li>\n<li>den Auferstandenen, die vision\u00e4re Erscheinung, so sehr strahlend, da\u00df sein Anblick blendet.<\/li>\n<\/ul>\n<p>In all diesen Facetten haben Maler aller Epochen der Kunstgeschichte Jesus von Nazareth wieder und wieder dargestellt. Der Predigttext aus dem Kolosserbrief malt uns Zuh\u00f6rern solche Bilder mit Worten vor Augen.<\/p>\n<p>Drei Bilder sind es vor allem:<br \/>\nDer Gekreuzigte.<br \/>\nDer Auferstandene.<br \/>\nDer Weltenherrscher.<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>An den Jesusbildern l\u00e4\u00dft sich der jeweilige Glaube erkennen. Ein Beispiel soll das verdeutlichen. Durch das gesamte Mittelalter hindurch war die Kunst, vor allem Malerei und Bildhauerei, von Darstellungen und Szenen aus dem Leben Jesu bestimmt. Gegen Ende des Mittelalters vollzogen sich pl\u00f6tzlich wichtige Ver\u00e4nderungen: K\u00fcnstler des fr\u00fchen Mittelalters zeigten auf Altarbildern und Wandfresken vor allem den auferstandenen Christus, den Pantokrator, den Herrscher \u00fcber die ganze Welt und den Kosmos. Als Herrscher war Christus zugleich Richter, Weltenrichter, unnahbar und unbestechlich, unbeirrbar in seiner Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Ab einem bestimmten Zeitpunkt r\u00fcckte pl\u00f6tzlich der gekreuzigte, der leidende, der menschliche Christus in den Mittelpunkt. Ein ganz anderes Motiv aus dem Leben Jesu schob sich in den Vordergrund. Jesus Christus ist pl\u00f6tzlich nicht mehr der unnahbare, richtende Gottessohn, sondern der leidende, der kranke, der gequ\u00e4lte Mensch. Der, der sein Kreuz auf sich nimmt. Strenge und Distanz verwandeln sich in Mitleid und Empathie. In Christus, dem Richter, herrschen die Allmacht und die Gerechtigkeit Gottes. In Christus, dem leidenden Gekreuzigten, treten Mitgef\u00fchl und Menschlichkeit hervor.<\/p>\n<p>Und solche Bilder vom leidenden und gekreuzigten Christus h\u00e4ngen nicht mehr nur in den Kathedralen und M\u00fcnstern, sondern pl\u00f6tzlich auch in Krankenh\u00e4usern. Denken Sie an die bekannten Tafeln des Isenheimer Altars von Matthias Gr\u00fcnewald. Dieser Altar, der heute in Colmar im Museum Unterlinden zu sehen ist, stand urspr\u00fcnglich in einem Kloster: Die Antoniter-Br\u00fcder betrieben in diesem Kloster ein Spital, ein Krankenhaus. Das Altarbild mit der Tafel vom leidenden Christus am Kreuz sollte die schwerkranken Menschen tr\u00f6sten.<\/p>\n<p>Gr\u00fcnewald dachte nicht an eine historische Darstellung der Kreuzigungsszene; er wollte malend und deutend den Kranken die Geschichte des Leidens Jesu auslegen.<\/p>\n<p align=\"center\">III.<\/p>\n<p>An den Bildern und Altartafeln d\u00e4mmert pl\u00f6tzlich die Erkenntnis: Die Menschwerdung Gottes bedeutet zugleich eine Anerkennung und Aufwertung des Menschen. Wenn Gott selbst am Kreuz leidet, dann nimmt er auch die Leiden und Krankheiten der Menschen ernst. Wenn Gott selbst leidet und deshalb die Leidenden, die Schwachen die Traurigen ernst nimmt, so ist das sozial und kulturell zu \u00fcbertragen. Daraus entsteht eine Verpflichtung, sich um die Kranken, die Alten und die Leiden zu k\u00fcmmern. Aus diesem einfachen Gedanken heraus entstanden im Mittelalter und noch heute Krankenh\u00e4user, Einrichtungen der Armenpflege, Alten- und Pflegeheime, diakonische und caritative Werke.<\/p>\n<p>Das jammervolle Bild vom leidenden Jesus am Kreuz ist vielschichtig und komplex. Das Bild vom Gekreuzigten hat eine heilende Wirkung, nun aber nicht in einem platten und mirakelhaften Sinn. Es ist nicht so, da\u00df sofort gesund wird, wer nur das Bild betrachtet. Sondern es geht um einen tieferen Sinn: Gott wird Mensch. Gott solidarisiert sich mit den Leidenden. Leiden und Krankheit haben ihre eigene W\u00fcrde. Und der Kranke kann seine eigenen Wunden und Gebrechen in den Wunden und Gebrechen des Gekreuzigten erkennen.<\/p>\n<p>Der Blick auf das Bild des Gekreuzigten nimmt den Kranken und den Leidenden in die Geschichte Jesu mit hinein: Gott ist Mensch geworden. Gott ist besonders beim kranken, beim leidenden Menschen. In Jesus Christus verwandelt der kranke Mensch sich vom Leidenden in den Auferstandenen. Jesus Christus nimmt Leiden, Tod und Auferstehung aller Kranken und aller Menschen vorweg. Das ist im tieferen Sinn die Heilung, die auf den Bildern des gekreuzigten und des auferstandenen Christus in einem tieferen Sinn zu \u201esehen\u201c sind.<\/p>\n<p>Genau das wird auch in den Bildern des Kolosserbriefs deutlich. Seine Bilder aus W\u00f6rtern stehen nicht einfach als Selbstzweck da. Sondern in ihnen verbinden sich Bilder, Gewi\u00dfheit und Glaube. Deswegen ist das unscheinbare Wort \u201e<em>mit<\/em>\u201c ganz entscheidend: Die Taufe bringt euch auf den Weg <em>mit<\/em><em>Christus<\/em>. Deswegen seid ihr <em>mit ihm<\/em> gekreuzigt worden. Deswegen seid ihr aber auch <em>mit ihm<\/em> auferstanden. Deswegen m\u00fcsst ihr euch nicht vor dem Gericht f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Das Bild vom leidenden Christus zeigt uns den Gott, der sich in allem Leid der Menschen erbarmt, ihnen W\u00fcrde gibt und Hoffnung, gegen alle Hoffnung, und Glauben, gegen den Anschein einer grausamen Wirklichkeit. Das Bild vom leidenden Christus lenkt unsere Hoffnung auf den Gott, der Mensch geworden ist. Wir hoffen auf seine Verhei\u00dfungen. Das ist die heilende Wirkung des Bildes vom Kreuz \u2013 und der Geschichte Jesu von Nazareth, die darin ihren Ausdruck findet. Dieses Bild gilt uns allen. Gut, wenn wir auf dieses Bild einen Blick werfen.<\/p>\n<p>Denn Jesu Geschichte l\u00e4\u00dft uns nicht unbeteiligt. Die Taufe, so sagt es der Kolosserbrief, nimmt die Menschen <em>mit <\/em>in die Geschichte Jesu Christi hinein. Sie f\u00fchrt sie von sich selbst weg und bindet ihr Leben an die Geschichte Jesu Christi.<\/p>\n<p align=\"center\">IV.<\/p>\n<p>F\u00fcr Matthias Gr\u00fcnwald war der menschliche Christus wichtig. So deutlich und detailliert wie m\u00f6glich sollten seine Wunden, Narben, Geschw\u00fcre zu sehen sein, damit jeder Kranke erkennen konnte: Er war krank und leidend wie ich. Und umgekehrt: Ich lebe mit ihm, wie er in der Auferstehung Leiden \u00fcberwunden hat.<\/p>\n<p>Heute w\u00fcrde man das Bild anders malen. Mir steht ein Bild des K\u00fcnstlers Karl Ludwig Lange vor Augen, das gegenw\u00e4rtig als Altarbild in der Matth\u00e4uskirche in Berlin am Kulturforum h\u00e4ngt. Das Bild hei\u00dft \u201eLeiden, Auferstehung, Sterben\u201c. Es ist ein Triptychon aus drei gro\u00dfformatigen Tafeln. Von ferne sind gro\u00dfe Fl\u00e4chen in Blau-, Schwarz- und Graut\u00f6nen zu sehen. Je genauer und n\u00e4her man dem Bild kommt, desto sch\u00e4rfer erkennt man die schemenhaften drei Gestalten \u2013 wie im Nebel, wie hinter einem Schleier, undeutlich, ungenau, aber doch sind sie da \u2013 ein leidender und ein sterbender Mensch und schlie\u00dflich \u2013 noch schmemenhafter \u2013 ein Auferstandener.<\/p>\n<p>Mich fasziniert dieses Bild deshalb, weil es den denkbar gr\u00f6\u00dften Gegensatz zur Genauigkeit und zum Detailreichtum, zur malenden Deutungsarbeit Gr\u00fcnewalds darstellt. Das Bild ist undeutlich geworden, ein Schleier hat sich vor die Geschichte gezogen. Ist Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi gemeint? Oder ist Leiden, Tod und Auferstehung aller Menschen gemeint? Man wei\u00df das nicht, und aus dem Bild heraus l\u00e4\u00dft es sich nicht entscheiden. Es scheint, als ob der Maler mit dem W\u00f6rtchen \u201emit\u201c aus dem Kolosserbrief gespielt hat. Die Getauften leiden und sterben mit Christus. Und sie werden mit ihm auferstehen. Deswegen kann man in den schemenhaften Figuren Langes keine Gesichter erkennen.<\/p>\n<p align=\"center\">V.<\/p>\n<p>Am Anfang der Predigt habe ich gesagt, da\u00df die Kunstgeschichte des Mittelalters den Schritt von der Darstellung Jesu als Richter und Weltenherrscher zur Darstellung des Leidenden und Gekreuzigten ging. Der Richter und Weltenherrscher verurteilt die Verfehlungen und das Unrecht der Menschen. Der Gekreuzigte dagegen nimmt die Verfehlungen, die S\u00fcnde der Menschen auf sich, um sie davon zu befreien.<\/p>\n<p>Schauen wir ein weiteres Mal auf den Text aus dem Kolosserbrief, so sehen wir einen Dreischritt: vom leidenden Christus, der die S\u00fcnde der Menschen auf sich nimmt \u00fcber den Auferstandenen zu Christus, dem Herrscher \u00fcber alle M\u00e4chte und Gewalten. Ist das doch wieder das alte Spiel? Jesus Christus als unnahbarer Gott?<\/p>\n<p>Nein. Denn Kreuz und Auferstehung haben dem Herrscher-Sein Jesu Christi eine neue Gestalt gegeben. Es ist keine Herrschaft der anonymen und absoluten Machtaus\u00fcbung, sondern eine Herrschaft der Demut, der Barmherzigkeit, der Einf\u00fchlung und der Freude. Das ist \u2013 mit den Worten des Kolosserbriefs \u2013 der \u201eTriumph\u201c seiner Herrschaft.<\/p>\n<p>Die Taufe nimmt uns in diese barmherzige Bewegung und Geschichte Jesu Christi mit hinein. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>PD Dr. Wolfgang V\u00f6gele<br \/>\nGoldaper Str.29<br \/>\n12249 Berlin<br \/>\nMail: <a href=\"mailto:wolfgang.voegele@aktivanet.de\">wolfgang.voegele@aktivanet.de<\/a><br \/>\nFon: 030 70177366<br \/>\nmobil: 0172 99 1 45 44<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Sie sich f\u00fcr Predigten und theologische Kommentare von mir interessieren, bitte klicken Sie hier: <a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/archiv-8\/passionsreihe-2006.htm\">Meditationen zu Texten von Dietrich Bonhoeffer <\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quasimodogeniti, 23. April 2006 Predigt zu Kolosser 2, 12-15, verfasst von Wolfgang V\u00f6gele \u201eMit Christus seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 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