{"id":11124,"date":"2021-02-07T19:48:53","date_gmt":"2021-02-07T19:48:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11124"},"modified":"2023-02-25T17:59:05","modified_gmt":"2023-02-25T16:59:05","slug":"johannes-10-22-30-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-10-22-30-2\/","title":{"rendered":"Johannes 10, 22-30"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Miserikordias Domini, 30. April 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 10, 22-30, verfasst von Kirsten B\u00f8ggild (D\u00e4nemark)<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>MEINE SCHAFE H\u00d6REN MEINE STIMME<\/p>\n<p>Es gibt etwas, was man nicht so geradeheraus sagen kann. Etwas, was man nur indirekt sagen kann. Weil es keine genau entsprechende Sprache daf\u00fcr gibt. Oder weil es eine direkte Sprache nicht duldet. Oder weil sich ein Mysterium nicht klar und unzweideutig ausdr\u00fccken l\u00e4sst, sondern nur in der Form einer Ahnung, eines R\u00e4tsels, eines Bildes. Wenn man es aber in einer flachen und groben Sprache ausdr\u00fccken wollte, w\u00fcrde es seine Tiefe, seine Komplexit\u00e4t, ja, sein Wesen verlieren \u2013 und dann ist es nicht mehr dasselbe, sondern etwas anderes. Ein Mysterium l\u00e4sst sich auf dieselbe Weise verstehen, wie wir eine Rechenaufgabe oder eine wissenschaftliche Beschreibung etwa eines biologischen Sachverhalts verstehen. Oder wie Dostojewskij gesagt hat: Ein Mensch ist kein Traktat von zwei Seiten, mein Herr. Ein Mensch ist ein R\u00e4tsel. \u2013 Trotzdem sind wir so gebaut, dass wir gern klar und deutlich informiert werden wollen, damit wir nicht von Zweifeln oder Unsicherheit geplagt werden. Andere sollen uns die Wahrheit sagen, damit wir die Arbeit nicht selbst machen m\u00fcssen. Die Menschen, die sich w\u00fcnschten, dass Jesus selbst sagte, ob er der Christus war oder ob er es nicht war, wollten sich also ihrerseits der Verantwortung entziehen und nicht Stellung nehmen. Sie wollten sich nicht mit Ahnungen, R\u00e4tseln, bildlichen Reden, mit Glauben anstatt Wissen zufrieden geben. Sie wollten sicher sein, aber die Sicherheit sollte von au\u00dfen zu ihnen kommen, nicht von innen, aus ihnen selbst. Das h\u00e4tte ihnen nicht gepasst \u2013 denn das w\u00fcrde ja bedeuten, dass sie selbst etwas leisten m\u00fcssten, und dazu waren sie nicht bereit. Sie wollten sich die Wahrheit einfach servieren lassen. Dann h\u00e4tten sie sich in ihrem Sofa zur\u00fccklehnen und sie genie\u00dfen k\u00f6nnen, ohne sich jemals selbst f\u00fcr irgendetwas angestrengt zu haben.<\/p>\n<p>Aber so lernen wir das Leben nicht kennen. Und so lernen wir Christus nicht kennen. Als sie von ihm verlangen, dass er direkt sagen soll, ob er Christus ist oder nicht, verweist er auf all das, was er im Namen Gottes getan hat. Seine Werke haben ihre eigene Sprache gesprochen. Eine indirekte Sprache. Werke, die von denen, die gesehen und geh\u00f6rt haben, ausgelegt und gedeutet werden k\u00f6nnen. Die Ungewissheit, die ihre Seelen plagt, verl\u00e4sst sie nie. Sie ist eine menschliche Grundbedingung. Niemand kommt hinter das Geheimnis Gottes oder das Wesen Jesu. Wir sehen und h\u00f6ren, und die Deutung dessen, was wir sehen und h\u00f6ren, ist dann uns \u00fcberlassen. Wir werden dem Glauben \u00fcberlassen, wenn es das Mysterium von Gott und Gottes Sohn gilt.<\/p>\n<p>Unsere Gedanken werden daher zu den vielen verschiedenen Erz\u00e4hlungen zur\u00fcckgelenkt, was Jesus tat, als er auf Erden war. Was hatten die verschiedenen Berichte gemeinsam? Er heilte Kranke, die niemand anders heilen konnte. Er s\u00e4ttigte Hungrige in der W\u00fcste. Er gab den Verzagten neuen Lebensmut. Er vergab den Schuldigen ihre Schuld. Er gab ihnen Vergebung der S\u00fcnden\u2026 Er erweckte die Toten zu neuem Leben. Seine G\u00fcte war ohne Ende, und die Macht seiner G\u00fcte kannte keinen Grenzen. Alles, was er tat, tat er aus Barmherzigkeit. Was war das also f\u00fcr eine Sprache, die seine Werke sprachen? Es war die Sprache der Barmherzigkeit. Es war nicht die Sprache der Logik oder der Wissenschaft, sondern die der Ethik und der Religion. Die Sprache der Liebe. Die Sprache Gottes und des Menschen. Eine Sprache, die erlebt, erfahren, ausgelegt und gedeutet werden will. Die Sprache der Empfindungen, die nie flach und eindeutig ist, sondern offen f\u00fcr unser eigenes Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Jesus hat gelebt und gehandelt. Es ist uns in den Erz\u00e4hlungen \u00fcber ihn \u00fcberliefert. Nun sind wir es, die Stellung dazu nehmen m\u00fcssen, was wir \u00fcber die Barmherzigkeit meinen, denn seine Verk\u00fcndigung war sowohl in seinen Werken als auch in seinen Worten. Ob Gott Barmherzigkeit ist oder ob Gott ein Gesetz ist, das wir nicht erf\u00fcllen k\u00f6nnen? Ob Gott bedingungslose Erneuerung oder ob Gott steinharte Gerechtigkeit ist?<\/p>\n<p>Diejenigen, die nicht glauben wollen, dass Jesu Werke Gottes Werke waren, wollen nicht glauben, dass Gott Barmherzigkeit ist. Sie wollen es nicht h\u00f6ren, denn sie wollen nicht, dass Barmherzigkeit das g\u00f6ttliche Prinzip in der Welt sein soll. Denn sie wollen selbst nicht danach leben! Sind Jesus Christus und seine Werke Gottes Werke, dann leben wir jetzt von Gottes Barmherzigkeit, nur wenn wir selbst barmherzig sind, sind wir Kinder Gottes. Diejenigen, die nicht barmherzig gegen andere sein wollen, und die, die anderen die Barmherzigkeit Gottes nicht g\u00f6nnen, wollen davon einfach nichts h\u00f6ren. Es r\u00fchrt an ihr Gewissen, und es w\u00fcrde sie anderwohin f\u00fchren als sie selbst wollen. Deshalb schlie\u00dfen sie Augen und Ohren, Seele und Herz und lehnen es ab, etwas damit zu tun zu haben. Denn Barmherzigkeit ist Wirrwar. Sie ist wie Rechenaufgaben, die nicht aufgehen, und die gegenseitigen menschlichen Verh\u00e4ltnisse erscheinen ungerecht und unbeherrschbar, wenn man sie nicht in Schuld und Strafe aufrechnen kann. Gottes Barmherzigkeit macht uns unsicher, was wert ist, geliebt zu werden, und was nicht \u2013 besonders das Letztere \u2013 und damit mag man nicht leben. \u201eIhr glaubt es nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen geh\u00f6rt.\u201c So antwortete Jesus den kritischen Leuten um sich. Und sie geh\u00f6rten nicht zu seinen Schafen, weil sie nicht leben wollten, wie er wollte. Sie wollten nicht im Geist der Barmherzigkeit leben, denn sie wollten sie nicht anerkennen. Die Barmherzigkeit w\u00fcrde an ihren Privilegien und ihrer Selbsteinsch\u00e4tzung r\u00fctteln. Sie w\u00fcrde an der in Klassen aufgeteilten Gesellschaft r\u00fctteln. Sie w\u00fcrde eine Umw\u00e4lzung der Welt, die sie kannten, bedeuten. Und des Gottesbildes, das das ihre war. Heute ist unser Gottesbild der barmherzige Gott der Kirche, aber dennoch tun wir uns schwer zu akzeptieren, dass der Geist der Barmherzigkeit allumfassend und allgegenw\u00e4rtig geworden ist und dass er in uns selbst Wohnung nehmen solle. Denn er ist nicht zu lenken, und seine Konsequenzen sind nicht vorauszusehen. Wir m\u00fcssten dann ja unseren N\u00e4chsten lieben, unseren Feind lieben, ihm das vergeben, was uns wehtut&#8230; Das scheint unerreichbar, es kommt uns wie ein \u00dcbergriff vor. Wenn wir ihm nun nicht vergeben k\u00f6nnen noch wollen, was uns wehtut.<\/p>\n<p>Aber die Barmherzigen akzeptieren das neue Gottesbild. Sie wollen selbst im Geist der Barmherzigkeit leben und sie pratizieren. \u201eMeine Schafe h\u00f6ren meine Stimme und folgen mir,\u201c sagte Jesus. Sie sehen und h\u00f6ren gern und folgen mir gern nach. Sie sind Menschen im Guten wie im Schlechten wie alle anderen auch, aber sie haben eingesehen, dass sie selbst Vergebung n\u00f6tig haben und dass sie kein Recht haben, dasselbe anderen nicht zu g\u00f6nnen. Im Prinzip, theoretisch kann das einleuchtend und richtig sein. Aber in der Praxis! Wenn es so weit kommt, dass du selbst deinen Widersacher, den der dich verletzt, lieben sollst? Es gibt Liebe, die zu empfinden oder zu schenken wir uns nicht \u00fcberreden lassen k\u00f6nnen. Vergebung, die wir nicht gew\u00e4hren k\u00f6nnen. Von der wir aber wissen, dass wir dazu imstande sein m\u00fcssten. Eines ist, den Geist der Barmherzigkeit abzulehnen, wie die Schafe, die nicht dazu geh\u00f6ren. Etwas anderes ist es, zu verstehen, dass ich den Geist der Barmherzigkeit meinerseits akzeptieren muss, auch wenn ich nicht immer imstande bin, ihn zu verwirklichen. Verstehen und akzeptieren ist ja eine Form der Hingabe an das, was gr\u00f6\u00dfer und st\u00e4rker ist als mein eigener Wille. N\u00e4mlich an den Geist, der der Geist des Christentums ist. In dieser Hingabe liegt keine Verdammnis. Sie ist im Gegenteil ein Verh\u00e4ltnis der Zugeh\u00f6rigkeit. Eine Aufnahme in das ewige Leben.<\/p>\n<p>Es ist eine gro\u00dfe Erleichterung \u2013 ja, eine alles entscheidende Befreiung, eine Art von Wiedergeburt, dass der Geist der Barmherzigkeit gr\u00f6\u00dfer und st\u00e4rker ist als unser eigener Wille. Dass Hingebung an ihn ewiges Leben ist. Es ist Freiheit, dass nicht alles von unserem eigenen widerspenstigen Willen abh\u00e4ngt. \u2013 In der Bergpredigt im Matth\u00e4usevangelium preist Jesus die Barmherzigen selig. \u201eSelig sind die Barmherzigen, denn ihnen soll Barmherzigkeit widerfahren.\u201c Das sind die Schafe, die seine Stimme h\u00f6ren und ihm nachfolgen. Da werden sie im Geist hingef\u00fchrt zu der Liebe, die gr\u00f6\u00dfer ist als ihre eigene \u2013 gr\u00f6\u00dfere Seligkeit kann niemand erwarten.<\/p>\n<p>Kann all das auf eine eindeutig buchst\u00e4bliche Sprache, direkt und geradeheraus gesagt werden? Die man sich w\u00fcnschte und noch immer w\u00fcnscht? Nein, wie du selbst ja auch nicht direkt und eindeutig antworten kannst, wenn dich jemand fragt, wer du bist, denn daran hindert dich dein Schamgef\u00fchl und deine Anst\u00e4ndigkeit au\u00dfer deiner Selbsterkenntnis. Nein, wir sind wieder bei der Bildersprache angekommen, bei Auslegungen und Deutungen von Worten und Werken. Und wir sind wieder bei der Verantwortung des Einzelnen angekommen, selbst den Versuch zu machen, zu verstehen. Und schlie\u00dflich zu glauben und sich dem hinzugeben, was gr\u00f6\u00dfer ist als er selbst. Wir sind die Schafe, Christus ist der Hirte, der zu uns spricht \u00fcber das, was wir nicht von selbst wissen. Damit wir ihm folgen und gr\u00f6\u00dfer werden, als wir sonst sind. Und barmherzig, wenn wir es sonst nicht sind.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Kirsten B\u00f8ggild<br \/>\nThun\u00f8gade 16<br \/>\nDK-8000 \u00c5rhus C<br \/>\nTel. +45 86124760<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:kboe@km.dk\">kboe@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Miserikordias Domini, 30. 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