{"id":11132,"date":"2021-02-07T19:49:04","date_gmt":"2021-02-07T19:49:04","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11132"},"modified":"2023-02-04T13:35:40","modified_gmt":"2023-02-04T12:35:40","slug":"2-korinther-4-16-18-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-4-16-18-3\/","title":{"rendered":"2. Korinther 4, 16-18"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Jubilate, 7. Mai 2006<br \/>\nPredigt zu 2. Korinther 4, 16-18, verfasst von Ulrich Haag <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Tr\u00fcbsal.<br \/>\nwas f\u00fcr ein Gegensatz zum Sonntag Jubilate.<br \/>\nAls wollte Paulus uns auf den Teppich zur\u00fcckholen.<br \/>\nTr\u00fcbsal &#8211; so \u00fcbersetzt Martin Luther das griechische Wort thlipsis. W\u00f6rtlich bedeutet es Drangsal, Bedr\u00fcckung. In heutiger Sprache w\u00fcrde man vielleicht ganz einfach von Druck sprechen: Ich stehe unter Druck. Druck gibt es \u00fcberall. Vor den Abiturklausuren und Pr\u00fcfungen. Druck gibt es zu Hause und am Arbeitsplatz, im Sportverein und nat\u00fcrlich im Portemonnaie. Sogar zum Alltag der Kirche geh\u00f6rt es l\u00e4ngst, unter finanziellem Druck zu stehen.<br \/>\nWenige Verse vorher, im zweiten Kapitel erw\u00e4hnt Paulus den Druck, unter dem er steht. Er spricht von der Enge und der Beklemmung, die sich auf sein Herz legt, weil er mit den Korinthern in Streit geraten ist. Denn die wollen ihn als Apostel nicht mehr anerkennen und weichen von seinem Evangelium ab.<\/p>\n<p>Herrlichkeit: Das zweite Schl\u00fcsselwort in unserem Predigttext.<br \/>\nIn der griechischen Bibel steht &#8222;doxa &#8222;- eines der h\u00e4ufigsten und vielschichtigsten W\u00f6rter des neuen Testaments. Doxa &#8211; das W\u00f6rterbuch \u00fcbersetzt mit Glanz, Schein. Gemeint ist der Lichtglanz Gottes, der seine Majest\u00e4t, seine Erhabenheit wiederspiegelt &#8211; eben seine Herrlichkeit. An dieser hellen Herrlichkeit werden im Jenseits alle, die zu Gott geh\u00f6ren teilhaben. Sie werden eintauchen in den vollendeten Lichtglanz des Ewigen. Doch nicht, erst dann &#8211; schon jetzt haben die Menschen, die ihr ganzes Leben Gott weihen, Opfer daf\u00fcr auf sich nehmen, Leiden oder gar ein Martyrium &#8211; schon jetzt haben Menschen an diesem Lichtglanz teil.<br \/>\nDeshalb \u00fcbrigens werden auf den Ikonen der orthodoxen und katholischen Kirchen die Heiligen immer mit einem Heiligenschein dargestellt. Die mittelalterliche Kirche hat diesen Satz aus unserem Predigttext offenbar w\u00f6rtlich verstanden: Die Tr\u00fcbsal, die Bedr\u00fcckung, die Qual, die Verfolgung schaffen den Menschen die sie auf sich nehmen, einen \u00fcber alle Ma\u00dfen best\u00e4ndigen Schein der Herrlichkeit. F\u00fcr das menschliche Auge ist dieser Schein unsichtbar. Aber ein Ikonenmaler stellt den Menschen nicht so dar, wie er vor Augen steht, sondern wie er ihn glaubt. Seine Darstellungen blieben nicht beim vordergr\u00fcndig Sichtbaren \u2013 sondern zeigen die Wirklichkeit in ihrer Tiefe &#8211; auch das Unsichtbare eben, das Ewige, das G\u00f6ttliche am Menschen.<\/p>\n<p>Das Sichtbare &#8211; das Unsichtbare.<br \/>\nUnter diesem Wortpaar l\u00e4\u00dft sich tats\u00e4chlich der ganze Predigttext in zwei Teile gliedern:<br \/>\nHier das Vordergr\u00fcndige, das Greifbare, das Me\u00dfbare &#8211; dort das Unsichtbare, das eigentliche Wesen, der g\u00f6ttliche Wille, die Intention hinter den Dingen.<br \/>\nHier Tr\u00fcbsal, M\u00fchsal, Druck und Gegendruck. Dort Herrlichkeit, Leichtigkeit, Pracht, Erf\u00fcllung. Hier der \u00e4u\u00dfere Mensch, der mit den Jahren verf\u00e4llt. Dort der innere Mensch, der Tag f\u00fcr Tag erneuert und wieder aufgebaut wird.<\/p>\n<p>Wir wundern uns hier und da \u00fcber die Naivit\u00e4t mittelalterlicher und zeitgen\u00f6ssischer Heiligenbilder. Wir leben schlie\u00dflich im Zeitalter der Photographie, der Videoaufnahme, der digitalen Bilder. Wenn wir Menschen auf beweglichen oder unbewegten Bildern festhalten, dann realistisch, dann wirklichkeitsnah. Dann so wie sie sind, das hei\u00dft, so wie sie das Auge sieht.<br \/>\nDie Menschen fr\u00fcher haben hinter dem Sichtbaren immer das Unsichtbare gesucht und erkannt. Mag sein, sie haben auch eine Menge religi\u00f6ses Beiwerk in die Welt hineininterpretiert. Aber sie ahnten etwas vom geheimen Wesen, vom unsichtbaren Leben und Weben aller Dinge. Wir heute halten am Sichtbaren fest. Wenn wir eine Sache besser verstehen wollen, dann versuchen wir sie zu durchdringen. Und zwar nicht geistig und geistlich, sondern wirklich im physischen Sinne. Wenn wir eine Sache besser verstehen wollen, dann nehmen wir sie auseinander. Schauen sie uns aus der N\u00e4he an, genauer, noch genauer. Wir nehmen die Lupe zur hand, ein Mikroskop. Auf diese Weise haben wir Ungeheuerliches in Erfahrung gebracht \u00fcber die Welt und den Menschen. Wir haben erkannt, da\u00df ein Mensch aus Erbanlagen zusammengesetzt ist, und aus welchen. Wir haben begriffen, da\u00df ein Mensch durch Zellteilung entsteht und w\u00e4chst, und sich in der Tat t\u00e4glich erneuert &#8211; bis zu einem gewissen Alter. Wir sind tats\u00e4chlich bis zum Innersten vorgedrungen, was die Welt zusammenh\u00e4lt &#8211; und gleichzeitig in Bewegung bringt, zum Kern aller Dinge &#8211; dem Atom, dem kleinsten unteilbaren Bestandteil, aus dem sich alle Dinge zusammensetzen. Das elementare, grundlegende Prinzip, nach dem alle Dinge funktionieren, nach dem alle Dinge in einem gewissen Sinne sogar lebendig sind. Das Atom \u2013 kann man noch genauer sehen?<\/p>\n<p>Und doch: Mit alldem bleiben wir beschr\u00e4nkt auf das, was Paulus die Welt der sichtbaren Dinge nennt. Nur ist der \u00e4u\u00dfere Mensch nicht alles.<br \/>\nZwar sp\u00fcrt Paulus die Anzeichen des \u00e4u\u00dferlichen Verfalls.<br \/>\nZwar sp\u00fcrt er, wie sich die M\u00fcdigkeit mit den Jahren tiefer in seinen Glieder einnistet.<br \/>\nAber er wei\u00df: An mir, in mir gibt es etwas, das wird von Tag zu Tag erneuert, bleibt bestehen bis \u00fcber den Tod hinaus, und hat jetzt schon Teil an der Herrlichkeit Gottes:<br \/>\nPaulus nennt es den inneren Menschen.<\/p>\n<p>Mag sein, unsere moderne Art, nur das Sichtbare zu sehen, hat den Menschen aus so manchem abergl\u00e4ubischem Gestr\u00fcpp befreit und gewaltige Kulturelle Leistungen hervorgebracht. Doch ebensoviel Barbarei und Zerst\u00f6rung &#8211; und manche Verarmung. Eine davon r\u00fchrt Paulus mit seinen Worten an. Es ist die Angst davor, einmal nicht mehr zu k\u00f6nnen, und die Kontrolle \u00fcber sich selbst abgeben zu m\u00fcssen. Es ist die Unf\u00e4higkeit, Leiden anzunehmen.<\/p>\n<p>Wir glauben zwar auch an innere Werte. Aber das sind f\u00fcr uns doch meist nicht mehr als Tugenden, Eigenschaften, die man erlernen kann, sich aneignen kann. Die man sich zumindest duch disziplinierte Arbeit an sich selbst zulegen kann.<br \/>\nIn unseren Augen sind wir das Werk unserer selbst.<br \/>\nWir sind, was wir k\u00f6nnen.<br \/>\nWir sind, wie wir aussehen.<br \/>\nWir sind, was wir selbst aus uns machen.<\/p>\n<p>Und doch sp\u00fcren wir, wie unser K\u00f6rper unaufhaltsam verf\u00e4llt.<br \/>\nWir wehren uns nach Kr\u00e4ften dagegen.<br \/>\nDoch was ist, wenn meine Kr\u00e4fte nachlassen.?<br \/>\nWer bin ich noch, wenn mein Geist seinen Geist aufgibt? Wenn ich wirr und ungeordnet rede, denke? Wer bin ich, wenn der Glanz meiner Augen matt wird, mein Stern zu sinken beginnt, und meine Herrlichkeit erlischt? Wer bin ich, wenn meine Lust sich langsam verfl\u00fcchtigt,<br \/>\nund damit die Aussicht, einmal in meinen Nachkommen weiterzuleben? Wer bin ich, wenn ich das Heft einmal aus der Hand legen mu\u00df, am Ende gar ein anderer, eine andere die letzten Seiten meiner Biographie schriebt \u2013 nicht ich selbst?<br \/>\nDie Vorstellung, einmal zur Passivit\u00e4t verurteilt zu sein, die Vorstellung, da\u00df ich einmal nicht mehr mich selbst leben kann, sondern gelebt <em>werde<\/em>, da\u00df ich mich einmal nicht mehr selbst entwerfen, selbst planen k\u00f6nnte, sondern von einem anderen geformt, verformt werde, da\u00df ich den Weg nicht selbst bestimme, sondern einer mich nimmt, und f\u00fchrt, wohin ich nicht will, die Vorstellung, da\u00df ich einmal zur Passivit\u00e4t verurteilt sein k\u00f6nnte, zur Passion,<br \/>\nzum Leiden &#8211; wehrlos, ausgeliefert &#8211; diese Vorstellung ist schwer zu ertragen.<br \/>\nWer bin ich noch, wenn ein anderer, ein Fremder &#8211; und sei es Gott &#8211; mein Leben formt?<br \/>\nWeil wir uns nicht mehr vorstellen k\u00f6nnen, da\u00df der Mensch mehr ist als das Sichtbare, mehr als das Vorfindliche, weil wir nicht mehr glauben k\u00f6nnen, da\u00df das Entscheidende von uns, der wichtigste Teil unserer Pers\u00f6nlichkeit ganz woanders aufbewahrt ist, als in unserem eigenen Bewusstsein &#8211; deshalb sind wir weitgehend unf\u00e4hig geworden, zu leiden, etwas an uns heranzulassen, uns formen zu lassen. Auch: Uns einbinden, eingliedern, einf\u00fcgen zu lassen.<\/p>\n<p>Gegen diese Verarmung erinnert Paulus an das Kreuz Christi \u2013 an sein Leiden und Sterben. So wie Jesus erst aus dem Tod erweckt worden ist zu gro\u00dfer Glorie, so gelangen auch wir Menschen erst durch Tr\u00fcbsal zur Herrlichkeit. Dabei ist das Leid nicht nur eine Durchgangsstation. Paulus sagt es ausdr\u00fccklich: Die zeitliche Tr\u00fcbsal erst schafft uns ewige Herrlichkeit.<\/p>\n<p>Man h\u00f6re und staune. Die Tr\u00fcbsal ist in der Lage, ewiges f\u00fcr uns zu schaffen. Wo sonst wird das noch \u00fcber etwas irdisches gesagt? Tr\u00fcbsal, Leid, Traurigkeit \u2013 all das setzt Paulus hoch in Kurs, es bringt uns mit dem Ewigen in Verbindung.<\/p>\n<p>So will Paulus die Sichtweise \u00e4ndern \u2013 die Sichtweise der Korinther und unsere.<br \/>\nEr lenkt den Blick \u00fcber das \u00c4u\u00dferliche, vordergr\u00fcndig Sichtbare hinaus auf das Unsichtbare, auf den Unsichtbaren, bei dem mein Menschsein aufgehoben ist. Er will uns eine Perspektive geben, die \u00fcber den Verfall, den wir allenthalben feststellen m\u00fcssen, hinausreicht. Er sch\u00e4rft unsere Augen, die an der blo\u00dfen Tr\u00fcbsal allzu leicht h\u00e4ngen zu bleiben drohen. Er sch\u00e4rft unseren Blick f\u00fcr die Herrlichkeit, die tiefe Freude, den Jubel, die still, aber sicher und gegen alle Erwartung im Leiden wachsen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Haag, Aachen<br \/>\n<a href=\"mailto:haag@ekir.de\">haag@ekir.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jubilate, 7. 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