{"id":11135,"date":"2021-02-07T19:49:08","date_gmt":"2021-02-07T19:49:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11135"},"modified":"2023-01-31T08:28:53","modified_gmt":"2023-01-31T07:28:53","slug":"2-korinther-4-16-18-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-4-16-18-2\/","title":{"rendered":"2. Korinther 4, 16-18"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Jubilate, 7. Mai 2006<br \/>\nPredigt zu 2. Korinther 4, 16-18, verfasst von Jennifer Wasmuth<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>ein \u00f6ffentliches Streitgespr\u00e4ch \u2013 geladen sind zwei international bekannte Wissenschaftler, ein Philosoph und ein Soziologe. Sie sollen Stellung nehmen zu der Frage: Braucht der Mensch Religion? Der eine, ein inzwischen alter, betagter, fast gebrechlich wirkender Mann, meint, dass der Mensch durchaus Religion brauche, ja, dass sie ihm gut t\u00e4te und er viel verantwortlicher handeln w\u00fcrde, wenn er ein g\u00f6ttliches Gegen\u00fcber h\u00e4tte. Aber leider gebe es keine \u00fcberzeugenden rationalen Argumente f\u00fcr die Existenz eines solchen Gegen\u00fcbers, und deshalb sei die Religion tats\u00e4chlich ein reines Phantasiegebilde, Gott allein ein Wunschprodukt unserer Einbildungskraft. Der andere, sehr dynamisch, sehr engagiert, meint demgegen\u00fcber, dass die Frage, ob der Mensch die Religion brauche oder nicht, falsch gestellt sei. Denn sie setze voraus, dass der Mensch selbst\u00e4ndig entscheiden k\u00f6nne, ob er die Religion wolle oder nicht. Seine Beobachtung aber sei, dass der Mensch in jedem Fall religi\u00f6s sei, jeder mache st\u00e4ndig und \u00fcberall religi\u00f6se Erfahrungen. Es sei also vielmehr die Frage, <em>wie<\/em> der Mensch mit seinen religi\u00f6sen Erfahrungen umgehe, <em>wie<\/em> er sie in seinem Alltag aufsp\u00fcre, aber nicht, ob er solche Erfahrungen brauche oder nicht&#8230; Sie sehen, die Veranstalter hatten sich die richtigen Wissenschaftler eingeladen. Nicht nur zwei unterschiedliche Charaktere, sondern auch zwei v\u00f6llig unterschiedliche Auffassungen von Religion trafen hier aufeinander, und es kam dann auch tats\u00e4chlich zu einem \u00e4u\u00dferst hitzigen Streitgespr\u00e4ch. Das Gespr\u00e4ch kreiste dabei immer wieder um die Frage, ob es einen Gott gebe, ob die Religion ein Hirngespinst sei oder etwas, das zu unserem Leben dazugeh\u00f6re. Der \u00c4ltere von den beiden wurde nicht m\u00fcde zu betonen: Er w\u00fcrde ja gerne glauben, aber die Vernunft spreche nun einmal dagegen. Um das zu verdeutlichen, brachte er ein Beispiel und kam gleich mehrfach darauf zur\u00fcck: Wenn er einen L\u00f6wen vor sich sehe, dann sei es f\u00fcr ihn keine Frage, dass es sich um einen L\u00f6wen handele. Es brauche da keine weiteren Beweise oder merkw\u00fcrdigen Gedankeng\u00e4nge \u2013 er sehe einen L\u00f6wen und da sei dann auch ein L\u00f6we. Wie aber sei es mit Gott? Er sehe hin und sehe nichts. Wieso also sollte er an die Existenz Gottes glauben?<\/p>\n<p>Das Streitgespr\u00e4ch gelangte damit an einen Punkt, der zu den wirklichen kribbeligen Punkten von Religion und Glaube geh\u00f6rt. Denn einerseits erfahren Gl\u00e4ubige Gott als m\u00e4chtige, das Leben ver\u00e4ndernde Realit\u00e4t. Andererseits ist Gott in der Tat ja kein L\u00f6we, auf den man hinweisen und dessen Existenz sich dann schon von selbst beweisen w\u00fcrde. Bei uns Christen ist es vielmehr ja sogar so, dass wir auf einen Gekreuzigten, eine vermeintlich kriminelle Figur, einen elend Leidenden verweisen und behaupten, dass eben dieser der Sohn Gottes sei, dass Er auferstanden sei und f\u00fcr uns den Tod \u00fcberwunden habe.<\/p>\n<p>Paulus geht es in einem seiner Briefe an die Gemeinde in Korinth um genau diese Frage \u2013 um das Verh\u00e4ltnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Allerdings ist dies f\u00fcr ihn keine philosophische Frage. Man merkt noch heute, wenn man seine Zeilen liest, die existentielle Betroffenheit. Im 2. Korintherbrief (im 4. Kapitel, Verse 16-18) hei\u00dft es dazu:<\/p>\n<p>Darum werden wir nicht mutlos; sondern wenn auch unser \u00e4u\u00dferer Mensch zerf\u00e4llt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unser gegenw\u00e4rtiges Leiden, das leicht wiegt, schafft uns eine ewige und \u00fcber alle Ma\u00dfen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Sichtbare sehen, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist verg\u00e4nglich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.<\/p>\n<p>F\u00fcr Paulus ist das Unsichtbare also gerade nicht Anlass, um in Zweifel zu geraten, sondern Gegenstand der Hoffnung. Das, was wir nicht fassen k\u00f6nnen, was nicht zum \u201e\u00e4u\u00dferen Menschen\u201c geh\u00f6rt, das, was zu unserem inneren Wachstum, zu unserer geistigen Kraft und St\u00e4rke f\u00fchrt, darauf kommt es ihm an.<\/p>\n<p>Allerdings \u2013 dieses Unsichtbare ist auch f\u00fcr ihn nicht verf\u00fcgbar, ist eine jenseitige Gr\u00f6\u00dfe. Paulus w\u00fcrde deshalb wohl jenem Wissenschaftler aus Wien zugestimmt haben, dass die Frage in der Tat falsch gestellt ist: ob wir Religion brauchen, ob es uns n\u00fctzt, wenn wir an Christus glauben, diese Frage er\u00fcbrigt sich. Denn f\u00fcr Paulus ist der Glaube ein Faktum seines Lebens, die Begegnung mit Christus wird f\u00fcr ihn zu <em>dem<\/em> Wendepunkt in seinem Leben, ob er dies nun f\u00fcr n\u00fctzlich h\u00e4lt oder nicht. Und tats\u00e4chlich hat es Paulus zun\u00e4chst einmal nichts \u201egebracht\u201c; er schreibt selbst von Verfolgung, Unterdr\u00fcckung, dem Sterben Jesu, das er an seinem eigenen Leibe trage.<\/p>\n<p>Politisch klug verh\u00e4lt Paulus sich damit eigentlich nicht. Politisch klug h\u00e4tte er sich verhalten, wenn er eben diese Fragen \u2013 brauchen wir Religion? \u2013 aufgenommen und all die Vorz\u00fcge eines religi\u00f6sen Lebens aufgez\u00e4hlt h\u00e4tte. Ganz so, wie es im Moment geschieht, wenn \u00fcber Sinn und Gehalt einer religi\u00f6sen Erziehung nachgedacht wird. Da wird dann zugunsten einer religi\u00f6sen Erziehung argumentiert, dass die Religion Werte vermittle, dass, wer religi\u00f6s sei, verantwortlich zu handeln und sich f\u00fcr das Gemeinwohl einzusetzen wisse.<\/p>\n<p>Wenn ich selbst auch davon \u00fcberzeugt bin, dass alles dies die Folge einer religi\u00f6sen Erziehung sein kann und in der Tat auch oft ist; wenn ich deshalb die von der Bundesfamilienministerin und den beiden gro\u00dfen Kirchen gestartete Initiative f\u00fcr sehr sinnvoll halte und mir w\u00fcnschte, dass davon tats\u00e4chlich Impulse f\u00fcr eine bessere religi\u00f6se Erziehung ausgingen; und wenn mich schlie\u00dflich z.B. sehr die Erfolge beeindruckt haben, die eine evangelische Grundschule vorzuweisen hat, weil ihre Sch\u00fcler zum gro\u00dfen Teil eben all die Vorz\u00fcge aufweisen, die man sich von einer religi\u00f6sen Erziehung verspricht \u2013 Sch\u00fcler, die schon sehr fr\u00fch selbst\u00e4ndig arbeiten, die aufeinander R\u00fccksicht nehmen, lernbegierig und kreativ sind; wenn ich alles dies auch sehe, so bin ich geradezu dankbar, dass Paulus sich damals politisch so unklug verhalten und nicht davon geschrieben hat, welche Vorteile der christliche Glaube f\u00fcr unser Hier und Jetzt hat. Denn auf diese Weise hat er noch eine ganz andere T\u00fcr ge\u00f6ffnet, etwas viel Gr\u00f6\u00dferes gezeigt, was weit \u00fcber unseren kleinen Horizont hinausgeht, was, wie Paulus schreibt, \u201eewig\u201c ist. Er hat uns auf jene \u201e\u00fcber alle Ma\u00dfen gewichtige Herrlichkeit\u201c verwiesen, die uns nicht \u201emutlos\u201c werden l\u00e4sst, die uns innerlich zu bereichern vermag, auch wenn wir \u00e4u\u00dferlich immer weniger werden, die uns Trost und Freude vermittelt und alles andere \u201eleicht wiegen\u201c l\u00e4sst. Es ist dieses Wissen, das Paulus und viele Christen nach ihm immer wieder voll \u2013 von au\u00dfen betrachtet \u2013 unbegreiflicher Freude sein l\u00e4sst, dass sie geradezu \u201ejubilieren\u201c und wie jener Textdichter aus dem 16. Jahrhundert singen l\u00e4sst:<\/p>\n<p>\u201eIn dir ist Freude in allem Leide, o du s\u00fc\u00dfer Jesu Christ. Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist. Hilfest von Schanden, rettest von Banden, wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben, Halleluja. An dir wir kleben im Tod und Leben, nichts kann uns scheiden. Halleluja.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Jennifer Wasmuth<br \/>\nWiss. Mitarbeiterin am Lehrstuhl f\u00fcr Kirchengeschichte in Berlin<br \/>\n<a href=\"mailto:jennifer.wasmuth@theologie.hu-berlin.de\"> jennifer.wasmuth@theologie.hu-berlin.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jubilate, 7. Mai 2006 Predigt zu 2. Korinther 4, 16-18, verfasst von Jennifer Wasmuth Liebe Gemeinde, ein \u00f6ffentliches Streitgespr\u00e4ch \u2013 geladen sind zwei international bekannte Wissenschaftler, ein Philosoph und ein Soziologe. Sie sollen Stellung nehmen zu der Frage: Braucht der Mensch Religion? 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