{"id":11154,"date":"2021-02-07T19:49:04","date_gmt":"2021-02-07T19:49:04","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11154"},"modified":"2023-02-05T18:02:41","modified_gmt":"2023-02-05T17:02:41","slug":"kolosser-4-2-6-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/kolosser-4-2-6-3\/","title":{"rendered":"Kolosser 4, 2-6"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Rogate, 21. Mai 2006<br \/>\nPredigt zu Kolosser 4, 2-6, verfasst von Hans Uwe H\u00fcllweg<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Vorbemerkung: Predigt f\u00fcr den evangelischen Gottesdienst im katholischen Krankenhaus. In der Kapelle finden sich meist wenige, manchmal gar keine Besucher ein. So ist der Pfarrer\/die Pfarrerin auf die Hoffnung angewiesen, dass Patienten die \u00dcbertragung auf den Stationen h\u00f6ren. Die Predigt kann leicht auch auf andere Situationen \u00fcbertragen werden.<\/p>\n<p>Liebe Gottesdienstbesucherinnen und -besucher, liebe Patientinnen und Patienten hier im Krankenhaus,<\/p>\n<p>der atomangetriebene Flugzeugtr\u00e4ger \u201eEnterprise\u201c ist eines der gr\u00f6\u00dften Kriegsschiffe der Welt. Seit 1960 pfl\u00fcgt es mit seiner Schreckensmacht bis heute im Dienste der USA durch die Weltmeere von einem Krisengebiet zum andern. Vom Kommandoturm dieses Monstrums strahlen superstarke Lautsprecher Befehle und Anweisungen \u00fcber das Deck. Sie m\u00fcssen den L\u00e4rm der Jets \u00fcbert\u00f6nen. Alle drei oder vier Stunden ert\u00f6nen aus ihnen auch Gebete f\u00fcr die Soldaten; Amerika war schon immer eine fromme Nation.<\/p>\n<p>Als einmal ein Reporter auf den Turm klettert, um den Pfarrer zu interviewen, der die Gebete spricht, und ein paar Fotos zu machen, sagt ihm der Erste Offizier: \u201eDer Pfarrer hat dienstfrei; die Gebete kommen vom Band.&#8220;<\/p>\n<p>Ich will hier die Frage au\u00dfer acht lassen, ob man auf diesem Kriegsschiff, das dazu gemacht ist, Menschen zu t\u00f6ten, \u00fcberhaupt beten darf und wof\u00fcr, ob es so etwas gibt wie das \u201eb\u00f6se Gebet\u201c und ob diese Einordnung hier zutr\u00e4fe.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt bei diesem Beispiel auf, dass das Gebet zum technisch reproduzierbaren Zaubermittel gegen Gefahren geworden ist. Und es kann v\u00f6llig abgel\u00f6st werden von der Person des Betenden. Der Pfarrer hat frei. Die Soldaten machen ihren Job. Das Beten kommt vom Band.<\/p>\n<p>Nun kann es ja sein, dass dieser Vorgang eher f\u00fcr Amerika typisch ist. Was aber hat das Beten f\u00fcr uns heute, etwa hier in Deutschland, in M\u00fcnster, noch zu bedeuten? Betet, au\u00dfer dem Pastor, wenn er nicht frei hat, \u00fcberhaupt noch jemand? Hilft es bei der Bew\u00e4ltigung unseres Lebens? Und wie sieht es mit Ihnen aus, hier im Krankenhaus, bei Patienten und Personal?<\/p>\n<p>Sicherlich, es handelt sich um ein katholisches Haus, hier leben und arbeiten Menschen, die sich bewusst f\u00fcr eine christliche Lebensf\u00fchrung entschieden haben, die einem Orden angeh\u00f6ren und kirchlich engagiert sind. Zu solch einem Leben geh\u00f6rt das Beten dazu. Aber was ist mit den anderen?<\/p>\n<p>In unserer schnellebigen Welt, die auf ganz andere Werte aus ist, wird Beten f\u00fcr eine Angelegenheit frommer Phantasten, verinnerlichter Gef\u00fchlsmenschen oder, hart gesagt, religi\u00f6ser Spinner gehalten. Viele der Erfolgreichen, der Karrieremenschen, die sich mit K\u00f6nnen und Ellenbogen durchzusetzen haben, \u00fcberhaupt Menschen, die sich von Glaube und Kirche entfernt haben, k\u00f6nnen wohl mit dem Gebet kaum noch etwas anfangen. Es ist an den Rand lebensbedrohlicher Situationen gedr\u00e4ngt worden. Der Kapit\u00e4n in h\u00f6chster Seenot, w\u00e4hrend die Brecher \u00fcber dem Schiff zusammenschlagen: \u201eJetzt hilft nur noch beten!\u201c Ja, wenn alle menschliche Kunst am Ende ist, dann hilft nur noch beten. Vielleicht haben auch Sie, wenn sie ernstlich oder gar lebensbedrohlich krank sind, in dieser Situation schon einmal daran gedacht, zu beten: Ob es wohl hilft?<\/p>\n<p>Ich stelle allerdings zu meiner Verwunderung in der letzten Zeit gelegentlich fest, dass es wieder junge Leute gibt, z.B. unter meinen Konfirmanden, die dem Gebet gar nicht abgeneigt sind. Insbesondere wenn sie anonym gefragt werden, also keine Angst hegen m\u00fcssen, bel\u00e4chelt zu werden, schreiben viele von ihrer heimlichen Gewohnheit zu beten. Ein gutes Zeichen?<\/p>\n<p>\u201eHaltet an am Gebet\u201c, sagt die Bibel. Betet so oft wie m\u00f6glich, hei\u00dft das doch. H\u00f6rt einfach nicht auf damit. Integriert es in euer t\u00e4gliches, allt\u00e4gliches Leben.<\/p>\n<p>Wer nun gleich abschaltet und meint, hier werde eine \u00fcbertrieben fromme, ja weltfremde, eine religi\u00f6se Haltung gefordert, der ist auf dem Holzweg. Wer meint, hier werde das immerw\u00e4hrende Rasseln der Gebetsm\u00fchlen, wie in Tibet, verlangt, der liegt falsch. Es soll auch das Beten nicht die wache Aufmerksamkeit f\u00fcr die Welt um uns herum einschl\u00e4fern. Das Gebet bringt uns keineswegs in friedvolle, ungest\u00f6rte Himmelsh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Im Gegenteil: Wer die Bibel aufmerksam liest, erf\u00e4hrt, dass Beten beide Beine auf die Erde stellt; dass Beten die Augen \u00f6ffnet f\u00fcr all das Leid in der Welt und es nicht ungeschoren l\u00e4sst. \u201eKeine Zeitung ohne Gebet &#8211; kein Gebet ohne Zeitung\u201c hat mal jemand gesagt, und ich finde, er hat recht.<\/p>\n<p>Der Verfasser des Kol. l\u00e4sst keinen Zweifel daran, dass f\u00fcr ihn das Gebet niemals ein Geschehen nur im stillen K\u00e4mmerlein, im religi\u00f6sen Intimbereich sein kann, abgehoben von der Wirklichkeit, sondern ein Geschehen ist, das mit der Verantwortung f\u00fcr die Welt zusammengeh\u00f6rt. Gebet ist Antwort auf die Zusage Gottes, uns zu retten. Und es zeugt von Verantwortung f\u00fcr das Leben.<\/p>\n<p>Wer nun wissen will, wie man das denn eigentlich macht, mit dem Beten, vor allem, wenn man es lange nicht versucht hat, dem will ich gern eine Gebrauchsanweisung liefern. Ich habe sie mir nicht selbst ausgedacht. Die Freunde von Jesus, in vieler Hinsicht ebenso unwissend und schwer von Begriff wie wir, fragen ihn einmal: \u201eHerr, wir wissen nicht, wie wir beten sollen.\u201c Wenn das auch heute jemand nicht wei\u00df, ist er also in bester Gesellschaft!<\/p>\n<p>Die Antwort Jesu ist nun nicht ein l\u00e4ngerer Vortrag oder gar eine Predigt wie diese hier, sondern ein praktisches Bespiel. Die meisten Leute kennen es sogar, das Gebet, das Jesus jetzt \u201evormacht\u201c: Es ist das Vaterunser.<\/p>\n<p>Er meinte sicher nicht, dass man nur mit diesen Worten beten k\u00f6nne. Er wollte ein einfaches Beispiel geben: Gott seinen Vater nennen; seinen Namen in Ehren halten; aber ihn auch um das T\u00e4gliche bitten, also das aussprechen, was gerade \u201edran\u201c ist, das t\u00e4gliche Brot, die t\u00e4gliche Not&#8230;<\/p>\n<p>So sollt ihr beten, sagt Jesus. Das hat er selber auch so gemacht, im Garten Gethsemane, sogar am Kreuz.<\/p>\n<p>Wenn Sie mich fragen, wie man beten kann, kann ich Ihnen auch ein Beispiel nennen, das mich sehr ber\u00fchrt hat. Es stammt aus Schweden, ich wei\u00df nicht mehr genau, woher ich es habe.<\/p>\n<p>\u201eKomm doch mal her, Gott,<br \/>\nsieh dir das an!<br \/>\nSicher siehst du dasselbe wie ich,<br \/>\nwenn ich aus dem Fenster schaue<br \/>\naus dem 24. Stock.<br \/>\nWo warst du eigentlich<br \/>\nals dieser Tage der Aufzug stecken blieb?<br \/>\nWo warst du, als ich nach dir rief?<br \/>\nUnd: Ist das hier wohnen?<br \/>\nOder ist das nicht vielmehr offener Strafvollzug?<br \/>\nWenn du diesen Albtraum aus Stahl und Beton<br \/>\nnicht gewollt haben solltest,<br \/>\nwozu steht er dann da?\u201c<\/p>\n<p>Ungew\u00f6hnlich, ja, aber doch auch fesselnd. Da macht einer seinem Herzen Luft. Da klagt einer sein Leid. Da spricht jemand Gott in vorwurfsvollem Ton an, und das ganz ohne Verwendung der typischen Kirchensprache, einfach in normalen Frages\u00e4tzen.<\/p>\n<p>In der Kirche, in Gottesdiensten und Gruppen, h\u00f6rt man die Kirchenprofis meist gut heraus, selbst wenn sie sich um heutige Alltagssprache bem\u00fchen, die kirchliche F\u00e4rbung ist unverkennbar. Dieses Gebet jedoch macht vor, wie der Glaube wirklich mit der Alltagswelt konfrontiert werden kann.<\/p>\n<p>In den H\u00e4userschluchten und Trabantenst\u00e4dten von heute scheint Gott ja auch nicht vorzukommen. Beton erdr\u00fcckt, Glas ist kalt, Metall hart. Die Welt l\u00e4uft nach technischen Gesetzen ab. Alles ist organisiert und verwaltet. Wo soll da Gott sein? Dieses Lebensgef\u00fchl, solche Ratlosigkeit wird Gott vorgeworfen oder besser: vor Gott geworfen.<\/p>\n<p>Darf man so beten? Ja, man darf und man soll. Die Bibel selbst enth\u00e4lt \u00fcbrigens eine ganze Reihe von Gebeten, die vor Gott klagen, ja Gott anklagen. Wenn du nicht mehr weiter wei\u00dft, wenn du immer wieder vor die Wand l\u00e4ufst, wenn du immer wieder merkst, was nicht in deiner Macht steht &#8211; ja wohin soll man dann mit Frust und Fragen, mit \u00c4ngsten und Sorgen?<\/p>\n<p>\u201eKomm doch mal her, Gott, sieh dir das an!\u201c &#8211; kein schlechter Anfang f\u00fcr ein Gebet! Gebete m\u00fcssen nicht in frommer Kirchensprache verfasst werden. Gott versteht auch unsere allt\u00e4gliche Umgangssprache. Und Gebete sind bunt wie das Leben selbst &#8211; es gibt Klagen und Bitten, Danken und Loben, es gibt Sto\u00dfgebete, gestammelte und sorgf\u00e4ltig formulierte, lange und kurze.<\/p>\n<p>Herrlich sind die \u201eUngewaschenen Gebete\u201c von dem vor ein paar Jahren verstorbenen Schriftsteller Rudolf Otto Wiemer. Da gibt\u2018s unter anderen Gebete f\u00fcr das Unkraut, f\u00fcr eine Mopedfahrerin, f\u00fcr eine Hausfrau, die den Fu\u00dfboden bohnert, f\u00fcr einen Kettenhund, ein Gebet beim Rasenm\u00e4hen und viele andere &#8211; Gebete mit \u201eungewaschenen Fingern\u201c.<\/p>\n<p>Beten mit ungewaschenen Fingern? Das wird Gott uns das nachsehen, wenn unsere Gebete aus dem Herzen kommen.<\/p>\n<p>Vielleicht versuchen Sie&#8217;s auch mal! Amen.<\/p>\n<p class=\"Stil1\"><strong><span style=\"font-family: Arial; font-size: small;\">Hans Uwe H\u00fcllweg, Pfarrer i.R.<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"Stil1\"><strong><span style=\"font-family: Arial; font-size: small;\">Inselgarten 11<\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Arial; font-size: small;\">48151 M\u00fcnster<br \/>\n<a href=\"mailto:huh@citykom.net\">huh@citykom.net <\/a> <\/span><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rogate, 21. Mai 2006 Predigt zu Kolosser 4, 2-6, verfasst von Hans Uwe H\u00fcllweg Vorbemerkung: Predigt f\u00fcr den evangelischen Gottesdienst im katholischen Krankenhaus. In der Kapelle finden sich meist wenige, manchmal gar keine Besucher ein. So ist der Pfarrer\/die Pfarrerin auf die Hoffnung angewiesen, dass Patienten die \u00dcbertragung auf den Stationen h\u00f6ren. 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