{"id":11163,"date":"2021-02-07T19:49:07","date_gmt":"2021-02-07T19:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11163"},"modified":"2023-02-02T10:21:30","modified_gmt":"2023-02-02T09:21:30","slug":"psalm-139-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/psalm-139-2\/","title":{"rendered":"Psalm 139"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Christi Himmelfahrt, 25. Mai 2006<br \/>\nPredigt zu Psalm 139, verfasst von Joachim Ringleben<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><strong>Psalm 139: Gott entdecken<br \/>\n<\/strong>Predigt am Himmelfahrtstage im Kloster Bursfelde<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Dieser gro\u00dfartige Psalm und wir: welch eine Spannung! Bei uns: die Sprachnot mit dem Wort \u201eGott\u201c, und hier: die F\u00fclle der Gotteserfahrung. Wo uns das gr\u00f6\u00dfte Wort unserer Sprache schnell verstummen l\u00e4sst, da wird es f\u00fcr den Beter des Psalms zu einer sprachlichen Produktivkraft.<\/p>\n<p>Der 139. Psalm ist ein Entdeckungszusammenhang f\u00fcr das Geheimnis, das uns im Wort \u201eGott\u201c begegnet. Was hier zur Sprache gefunden hat, hat seinesgleichen kaum in der ganzen Bibel. Auf einzigartige Weise ist ins Wort gefasst, wer Gott ist, und zugleich: wer denn wir selber sind.<\/p>\n<p>Diese hohe Sprachschule des Glaubens, sie ist zugleich eine Schule des Betens. Indem er im Gebet zu ihm redet, entdeckt der Psalmist Gott, und auch wir wollen etwas \u00c4hnliches tun, indem wir uns hineinholen lassen, nachdenkend, meditierend, betend, in diese unvergleichliche Sprache der Bibel, in die sich schon viele Menschengeschlechter hineingebetet haben. Wir nehmen uns daf\u00fcr jetzt Zeit.<\/p>\n<p>Der Psalm bewegt sich in den weiten R\u00e4umen des Gottesnamens; so gelangt er an die Grenzen des irdischen Raums, der erfahrbaren Welt, des \u00c4u\u00dferen \u00fcberhaupt, aber auch an die Grenzen des menschlichen Innern, indem er die Weiten und Tiefen der Seele durchmisst.<\/p>\n<p>Auf diese Entdeckungsreise lassen wir uns mitnehmen. Vielleicht gelingt es, dem wei\u00dfen Fleck im religi\u00f6sen Bewusstsein n\u00e4her zu kommen und Gott im Psalmwort zu entdecken: wie ein weites Land, einen unsichtbaren, aber h\u00f6rend zu erfahrenden Kontinent. Im Glauben ist ohnehin jeder sein eigener Kolumbus.<\/p>\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p>\u201eHerr, du erforschest mich und kennst mich\u201c (1).<\/p>\n<p>Gott entdecken \u2013 das klingt nach einer schwierigen langwierigen Suche, mit unsicherem Ausgang. Aber der Beter des Psalms ist kein ungewiss-skeptischer Gottsucher, sondern von der ersten Silbe an, in der Anrede seines Gebetes, ist Gott da: \u201eHerr\u201c. W\u00e4re er sonst auch Gott? Mit einem Schlage findet er Gott \u2013 und findet sich selber <em>vor<\/em> Gott: \u201edu erforschst mich und kennst mich\u201c. Er findet sich als einen vor, den Gott schon l\u00e4ngst gefunden hat. Er entdeckt Gott als den, der ihm so <em>nahe<\/em> ist, dass umst\u00e4ndliches Suchen nicht mehr n\u00f6tig ist: wenn man sich darauf einl\u00e4sst, sich selber im Lichte von Gottes Suche nach uns zu begreifen, dann kann man Gott erfahren \u2013 und nur so.<\/p>\n<p>Nur dieser eine Schritt vor die T\u00fcr der engen Horizonte des Selbstverst\u00e4ndlichen, nur diese Umkehrung des Blickes auf uns selbst, und wir entdecken Gott. Wir <em>werden<\/em> gesehen, er hat uns im Auge; wir sind nicht die Mitte, nicht einmal unserer kleinen Welt, nicht einmal die Mitte unserer selbst. Gott entdecken, das artikuliert dieser Psalm, bedeutet, dass er uns immer schon zuvorgekommen ist, bedeutet zu entdecken, dass wir immer schon vor seinem Angesicht \u201eleben, weben und sind\u201c (Act 17,28), bedeutet einzu\u00fcben, dass wir einen Herrn haben.<\/p>\n<p>Aber jetzt f\u00e4ngt die Geschichte der Entdeckung Gottes erst richtig an. Gott schon zu kennen hei\u00dft immer, ihn doch erst kennen zu lernen. Der ganze restliche Psalm formuliert nur die weiteren Entdeckungen aus, die man dabei macht. Er ist der Weg, sich von Gott entdecken zu lassen. In dem Ma\u00dfe, in dem der Psalmist sich \u00fcber Gott klarer wird, wird er es auch \u00fcber sich selbst. In Gottes N\u00e4he kommt er sich selber nahe. \u201eErforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; pr\u00fcfe mich und erfahre, wie ich\u2019s meine\u201c (23). Er will sich vom g\u00f6ttlichen Blick durchleuchten lassen, um \u00fcber sich aufgekl\u00e4rt zu werden. Wir sind uns meist f\u00fcr uns selber so dunkel, weil wir uns zu nahe sind, eine terra incognita. Aber wo \u201eEs\u201c war, soll \u201eIch\u201c werden. Die Entdeckungsreise dieses Psalms ist eine Reise ins innere Afrika. Wenn wir auf ihr mitgehen und je mehr wir \u00fcber Gott und seine Gegenwart erfahren, desto mehr erfahren wir \u00fcber uns selbst \u2013 von Gott aus. Im weiten Sprachraum des Psalms gibt sich eine unausdenkliche und unersch\u00f6pfliche N\u00e4he zu entdecken.<\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>\u201eVon allen Seiten umgibst du mich und h\u00e4ltst deine Hand \u00fcber mir\u201c (5).<\/p>\n<p>Die N\u00e4he Gottes bedeutet Geborgenheit in seiner umgreifenden Gegenwart, einen Schutz und eine Zuflucht in einem Unsichtbaren, das doch wirklicher ist als alle sichtbare Wirklichkeit. Was einem auch von au\u00dfen und von welcher Seite auch immer zusto\u00dfen mag: Gott ist uns immer noch n\u00e4her; seine bergende Macht <em>h\u00e4lt<\/em> uns in aller Bedr\u00e4ngnis, macht uns frei, wo uns die Luft zum Atmen fehlt, und aus seiner Hand kann niemand herausfallen. Es gibt keinen Ort und keine Lage, \u00fcber die er nicht der Herr bleibt. Wie der Raum \u00fcberall um uns ist und wir in ihm, so ist es Gott auch, denn auch der Raum ist nur sein \u201eSensorium\u201c, Medium seiner unfasslichen Pr\u00e4senz. \u201eVon allen Seiten\u201c, das gilt nicht nur von jedem Aufenthalte, den wir haben, und nicht nur von jedem Weg, den wir gehen, es gilt gleicherma\u00dfen von unseren inneren \u201eR\u00e4umen\u201c: auch hier ist er da \u2013 mit seiner unaussagbaren N\u00e4he bei uns.<\/p>\n<p>Das wird zuerst an unserem Lebensraum veranschaulicht. \u201eIch sitze oder stehe auf, so wei\u00dft du es; ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege\u201c (2f).<\/p>\n<p>Ob wir passiv nur sitzen oder daliegen; ob wir zielgerichtet aufstehen und irgendwo hingehen, auf etwas losgehen; ob wir vom n\u00e4chtlichen Liegen aufstehen oder nach festem Stillsitzen uns in Bewegung machen; ob wir verharren oder voranschreiten, uns ausruhen oder in Arbeit st\u00fcrzen \u2013 all diese Zust\u00e4nde und T\u00e4tigkeiten, Ruhe und Ver\u00e4nderung, Innehalten und auf etwas Neues zugehen, unser Lebensraum, worin sich dies abspielt, die vertraute Umwelt und unsere Orientierung darin, alles dieses ist zugleich der Raum eines Anderen, ist die Weise, wie Gott <em>dabei<\/em>, bei uns ist. Das erstreckt sich auch auf die Absichten und Ziele, die wir \u2013 verschwiegen oder offen \u2013 verfolgen, ja selbst auf die uns selber unbekannten Intentionen unseres Verhaltens und Tuns; denn: \u201edu verstehst meine Gedanken von ferne\u201c (2b).<\/p>\n<p>Keinen Atemzug k\u00f6nnen wir tun, ohne dass Gottes schaffendes Leben uns tr\u00e4gt und umgibt. Wie Goethe wusste: \u201eIm Atemholen sind zweierlei Gnaden: die Luft einziehen, sich ihrer entladen &#8230;\u201c. Darum ist Gott auch bei unserem Sprechenk\u00f6nnen dabei: \u201eDenn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, dass du, Herr, nicht alles wissest\u201c (4). In seiner geistigen Gegenwart reden wir und haben wir \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit zu sprechen. Weil das Wort schon im Anfang bei Gott war und er mit seinem Wort alles und auch unsere Worte begleitet (Joh 1,1 u. 3), ist Gott unserem Sprechen besonders nahe. In der Sprache \u201eleben, weben und sind wir\u201c (Act 17,28) \u2013 wie im lebendigen Gott selber. Das gilt in gesteigertem Sinn von allem, was wir <em>zu<\/em> Gott sagen, d.h. vom Beten \u2013 dem des Psalmisten hier und unserem eigenen Beten. Denn Gott selber ist in unserem Gebet mit seinem Geiste anwesend (R\u00f6m 8,26), und der himmlische Vater \u201ewei\u00df, was wir n\u00f6tig haben, noch bevor wir ihn bitten\u201c (Mt 6,8b).<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, da mag man schon sagen: \u201eSolche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen\u201c (6). Der Beter des Psalms wei\u00df selber, dass man die Unentrinnlichkeit der g\u00f6ttlichen Gegenwart nicht ausdenken kann. Immerhin k\u00f6nnen wir noch sagen, warum das so ist. Gottes N\u00e4he ist unbegreiflich, weil er mir n\u00e4her ist als ich mir selber, mir innerlicher als mein Innerstes (Augustin).<\/p>\n<p>Ich mag mir selber so nah sein, wie ich will; immer ist da noch eine Distanz, die ich zu mir habe, und sie ist un\u00fcberwindlich. Keiner hat sich selber im Besitz oder ist sich v\u00f6llig durchsichtig. Immer entgeht uns etwas von uns. Gott ist da noch anwesend: im kleinsten Zwischenraum zwischen Mir und meinem Ich, zwischen mir und mir selber. Auch dass ich mir f\u00fcr mich selber irgendwie vertraut bin, hat noch etwas Dunkles an sich; denn wer kennt sich ganz und bis ins letzte? Aber f\u00fcr Gott gilt: \u201eDenn auch Finsternis ist nicht finster bei dir\u201c (12a); mit dem Licht seiner geistigen Gegenwart durchdringt er auch das an mir, was in meinem Selbst mir selber undurchdringlich bleibt.<\/p>\n<p>So kann ich mich nicht in mein Inneres zur\u00fcckziehen, um Gottes N\u00e4he zu entgehen. Sie hat etwas Unentrinnliches. Daher kann sie einem wohl auch Angst machen. Der Psalm spricht diesen Fluchtimpuls offen aus: \u201eWo soll ich hingehen vor deinem Geist, und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht?\u201c (7).<\/p>\n<p>Aber liegt es an Gott, dass wir vor ihm, dem Allwissenden, fliehen m\u00f6chten und seiner Gegenwart entkommen? Es gibt ja Dinge an uns, die wir selber nicht sehen wollen oder so ansehen m\u00f6chten, als w\u00e4ren sie nie geschehen, als g\u00e4be es sie gar nicht. Gott erinnert uns an unsere eigene Wirklichkeit, und darum m\u00f6chten wir uns seinem Blick entziehen. Doch dieser Fluchtversuch ist sinnlos: wir nehmen das mit, wovor wir uns zu verstecken versuchen, wie Adam und Eva (Gen 3,8), und wir tragen in uns, was wir durch kein Nicht-hinsehen los werden k\u00f6nnen. Denn Gottes Blick geht mit uns mit, er bewohnt unseren Blick auf uns selber, und das Auge, mit dem wir uns selber sehen, ist auch Gottes Auge. Umgekehrt ist auch das Auge, mit dem wir Gott sehen, das Auge, mit dem Gott uns ansieht (M. Eckhart).<\/p>\n<p>Der Psalmist wei\u00df beides: dass er vor Gott fliehen m\u00f6chte und dass er es doch nicht kann. Denn der Psalm ist davon durchdrungen, dass bewusstes Menschsein hei\u00dft: vor Gott zu sein; dass es hei\u00dft, im Lichte der Frage zu existieren: \u201eAdam, wo bist du?\u201c (Gen 3,9).<\/p>\n<p>Obwohl er Gott ausweichen m\u00f6chte, dankt er schlie\u00dflich Gott doch wieder f\u00fcr seine sch\u00f6pferische und sch\u00fctzende N\u00e4he: \u201eIch danke dir daf\u00fcr, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, und das erkennt meine Seele wohl\u201c (14). Er kann nicht anders \u2013 im Widerspruch zu seiner Scheu vor Gott &#8211; , als das Geheimnis seiner Gegenwart bewundernd anzubeten, obwohl sie seine Erkenntnis \u00fcbersteigt (8): \u201eAber wie k\u00f6stlich sind vor mir, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihrer so eine gro\u00dfe Summe!\u201c (17).<\/p>\n<p align=\"center\">IV<\/p>\n<p>Auf zwei Wegen gelangt der Psalmist zu dieser Einsicht in das Gott-Innesein, dem Weg in die Weite der \u00e4u\u00dferen Welt und dem Weg zur N\u00e4he des eigenen Daseins.<\/p>\n<p>\u201eWo soll ich hingehen vor deinem Geist &#8230; ? F\u00fchre ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mich in die H\u00f6lle, siehe, so bist du auch da. N\u00e4hme ich Fl\u00fcgel der Morgenr\u00f6te und bliebe am \u00e4u\u00dfersten Meer, so w\u00fcrde mich doch deine Hand daselbst f\u00fchren und deine Rechte mich halten\u201c (7-10).<\/p>\n<p>Auch die Extreme von Oben und Unten, Himmel und H\u00f6lle, umgreift Gottes alldurchdringendes Sein, im absolut Positiven wie in \u00e4u\u00dferster Negativit\u00e4t, in Seligkeit wie in tiefster Verzweiflung: er ist selber mit dabei. An den Grenzen der \u00e4u\u00dferen Welt, sei es an fernsten Gestaden, sei es im Ungreifbaren, wo die Morgenr\u00f6te aufd\u00e4mmert, \u00fcberall und immer noch und immer wieder: Er.<\/p>\n<p>Warum? Warum erzeugt sich an Grenzen die Ahnung von Gott, warum stellt sich im Erfahren der Extreme das Wort \u201eGott\u201c so schnell ein? Weil die Erfahrung der Grenzen des \u00c4u\u00dferen, des Raums, unweigerlich auch eine Erfahrung der Grenzen von einem selber ist. Gottes Allgegenwart ist weder ein \u00fcberdimensionaler \u00dcberraum noch ein gleichm\u00e4\u00dfig alles erf\u00fcllender geheimnisvoller \u201e\u00c4ther\u201c. Gottes Voraussein geht mit; \u00fcberall wo ich nur sein kann, da ist er mir <em>zuvor<\/em>; ich selber bringe ihn mit als den Uneinholbaren. Ich kann Gott nicht entkommen, weil ich mir selber nicht entkommen kann, bzw.: genau so wenig.<\/p>\n<p>Aber nicht nur die Flucht vor Gott ins Weite des Raumes ist sinnlos. Weil man Gott nicht entdecken kann wie einen fernen Kontinent, ist auch der umgekehrte Versuch, Gott an den Grenzen der Erde zu finden, im Erlebnis exotischer Fremde Gott durch Fernreisen n\u00e4her zu kommen, vergeblich. Man mag reisen, wohin man will, bis ans Ende der Welt: die Karibik bringt es nicht, und das Nordkap auch nicht. Denn auch hier gilt: \u201eEntfliehst du, vom Hause scheidend, auch vor dir selber?\u201c (Horaz, Od. II, 18, 19f). Ja, \u201eselbst wer alle Meere durchkreuzt hat, hat nur die eigene Eint\u00f6nigkeit durchkreuzt\u201c (F. Pessoa). Wer Gott nicht bei sich selber und in sich findet, dem zeigt sich auch in der \u00e4u\u00dferen Welt nichts von ihm.<\/p>\n<p>Ach vergeblich das Fahren!<br \/>\nSp\u00e4t erst erfahren Sie sich:<br \/>\nbleiben und stille bewahren<br \/>\ndas sich umgrenzende Ich.<br \/>\n(G. Benn, Reisen; Gedichte 327)<\/p>\n<p>Der zweite Weg f\u00fchrt den Psalm-Beter zur Einkehr bei sich selber; aus dem Weitesten wird er auf sich zur\u00fcckgeworfen.<\/p>\n<p>\u201eDenn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir daf\u00fcr, dass ich wunderbar gemacht bin &#8230; Es war dir mein Gebein nicht verhohlen, da ich im Verborgenen gemacht ward, da ich gebildet ward unten in der Erde\u201c (13-15).<\/p>\n<p>Nicht nur <em>vor <\/em>uns: Gott und zuletzt nur Gott, sondern auch, wo wir hinter uns zur\u00fcckzugehen versuchen: wieder nur Er. Wir finden uns zu uns bestimmt schon vor: als <em>dieser<\/em> einmalige Mensch mit seinem Leib und diesem Ich, das wir sind. Darin sind wir uns selbst einigerma\u00dfen \u201eerhellt\u201c; aber hinter uns, woher wir kommen: dasselbe Dunkel wie im Innern unseres eigenen Leibes. Hinter uns nur das Dunkel, aus dem wir an uns entlassen werden, das allein f\u00fcr Gott hell ist, der uns nach Herz und Nieren kennt, der schon bei uns war, ehe noch wir bei uns selber sein konnten. F\u00fcr ihn ist dies wie alles Dunkel selber noch hell und durchsichtig: \u201eDenn auch Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht\u201c (12). Gott selber ist alldurchdringendes Licht (1Joh 1,5; Jak 1,17b); darum kann kein Dunkel uns vor ihm verbergen (11).<\/p>\n<p>Wir finden uns <em>leibhaft<\/em> vor; dahinter kann keiner zur\u00fcckweichen. Aber ehe wir <em>wurden<\/em> und sind, <em>ist<\/em> die Macht, durch die wir sind und jeder \u201eIch\u201c ist; sie geht uns unerreichbar voraus. Gott ist der, der uns zu uns selber gebracht, der uns geschaffen hat. Durch ihn, in seinem Licht, sind wir an uns selber uns \u00fcbergeben und eingelassen in unser bewusstes Dasein. Ehe noch wir waren, wirkt er auf uns hin. Wie sollten wir dahin reichen?<\/p>\n<p>Gott ist da noch, wo wir uns entgehen; aber er ist auch da, wo wir zu uns kommen: \u201eWenn ich aufwache, bin ich noch bei dir\u201c (18b). Im Schlafen entgleiten wir uns, aber \u201eder H\u00fcter Israels schl\u00e4ft noch schlummert nicht\u201c (Ps 121,4; vgl. Ps 63,7). Mit dem Aufwachen werden wir uns selbst wieder geschenkt: als dasselbe Ich. Das ist an sich schon ein kleines Wunder jeden Tag. Der Psalmist aber wei\u00df: dann bin ich auch wieder, und wieder neu, \u201ebei dir\u201c, vor Gott. Ich bin dann wieder lebendig bei mir und <em>so<\/em> ist <em>Gott<\/em> immer noch bei mir da.<\/p>\n<p>Der Schlaf, das Sichentgleiten, ist wie ein irdischer Bruder des Todes. Nach dem Tod werden wir aufwachen zu Gott \u2013 von ihm geweckt, auferweckt; auch dann: \u201ebin ich noch bei dir\u201c, dem Herrn!<\/p>\n<p>So sind wir von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht, ja von Tag zu Nacht und von Nacht zu Tag \u201eauf dem ewigen Wege\u201c, wie das letzte Wort des Psalms lautet.<\/p>\n<p>Immer leben wir, ob wir denn leben oder sterben (R\u00f6m 14,8), im sch\u00f6pferischen Blick Gottes, der mit uns geht, vom Anfang bis zum Ende. In seinen Augen unsere Vorvergangenheit: \u201eDeine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war\u201c (16a), und in seinen Augen meine unentdeckte Zukunft, die jetzt noch unenth\u00fcllt ist: \u201ealle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, als derselben keiner da war\u201c (16b).<\/p>\n<p align=\"center\">V<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, warum dieser gewaltige Psalm am Fest von Christi Himmelfahrt?<\/p>\n<p>Wir h\u00f6rten: \u201eF\u00fchre ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mich in die H\u00f6lle, siehe, so bist du auch da\u201c (8).<\/p>\n<p>Der Himmelfahrt Christi, seiner Erh\u00f6hung, geht die H\u00f6llenfahrt voraus. Er hat die tiefsten Tiefen der Gottesferne und der toten Vergangenheit durchmessen; aber f\u00fcr ihn gilt in Ewigkeit: \u201eWenn ich aufwache, bin ich noch bei dir\u201c (18b). Auch er war vom \u00e4u\u00dfersten Dunkel verschlungen, im Grab; auch er hat erfahren, dass Gott dies Dunkel in Licht und Leben zieht: bei ihm ist \u201eFinsternis wie das Licht\u201c (12b). Er sitzt zur Rechten Gottes und nimmt teil an Gottes allm\u00e4chtigem Leben. Wie Gott ist Jesus Christus, der Menschensohn, uns n\u00e4her als wir uns selber.<\/p>\n<p>Der 139. Psalm l\u00e4sst uns davon etwas ahnen, er l\u00e4sst uns das Geheimnis des lebendigen Gottes entdecken.<\/p>\n<p>Paulus hat unser Stehen in diesem Geheimnis schlagend formuliert: \u201eWir sehen jetzt durch einen Spiegel in einen dunklen Ort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich\u2019s st\u00fcckweise, dann aber werde ich erkennen, gleich wie ich <em>erkannt bin<\/em>\u201c (1Kor 13,12).<\/p>\n<p>Dazu verhelfe Gott uns allen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Abt Prof. Dr. Joachim Ringleben<br \/>\nE-Mail c\/o <a href=\"mailto:heidi.wuttke@theologie.uni-goettingen.de\">heidi.wuttke@theologie.uni-goettingen.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christi Himmelfahrt, 25. Mai 2006 Predigt zu Psalm 139, verfasst von Joachim Ringleben Psalm 139: Gott entdecken Predigt am Himmelfahrtstage im Kloster Bursfelde Liebe Gemeinde! Dieser gro\u00dfartige Psalm und wir: welch eine Spannung! Bei uns: die Sprachnot mit dem Wort \u201eGott\u201c, und hier: die F\u00fclle der Gotteserfahrung. 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