{"id":11171,"date":"2021-02-07T19:48:58","date_gmt":"2021-02-07T19:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11171"},"modified":"2023-02-07T19:22:13","modified_gmt":"2023-02-07T18:22:13","slug":"jeremia-31-31-34-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-31-31-34-3\/","title":{"rendered":"Jeremia 31, 31-34"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong><b><span style=\"color: #000099;\">Exaudi, 28. Mai 2006<br \/>\nPredigt zu Jeremia 31, 31-34<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">, verfasst von Rainer Kopisch<\/span><\/b><\/strong><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Trauern und Tr\u00f6sten geh\u00f6ren zusammen wie ein sich erg\u00e4nzendes Paar.<br \/>\n\u201eIst es denn so schlimm, mein M\u00e4dchen?\u201c, fragt ein Vater seine von Liebeskummer geplagte Tochter. Er schafft Raum f\u00fcr die Trauer der Tochter. Beide lassen sich auf einen heilsamen Proze\u00df ein, der neue Hoffnung schafft.<br \/>\nSie selbst haben sicher auch solche Prozesse erlebt. Sie haben die Kraft der liebenden Zuwendung erfahren.<br \/>\nDazu ist es sicher n\u00f6tig, den Schmerz des Verlustes und die Hilflosigkeit den unab\u00e4nderlichen Fakten gegen\u00fcber zuzulassen und der Wahrheit Raum zu geben.<\/p>\n<p>Im Evangelium des Sonntags Exaudi (=H\u00f6re) spricht Jesus zu seinen J\u00fcngern vom Tr\u00f6ster, dem Heiligen Geist, als dem Geist der Wahrheit.<br \/>\nDer Heilige Geist ist auch der wichtige Mittelpunkt im Gebetswunsch des Apostels f\u00fcr die H\u00f6rer der Epistellesung: \u201eda\u00df er(Gott) euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist am inneren Menschen, da\u00df Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegr\u00fcndet seid. So k\u00f6nnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die L\u00e4nge und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis \u00fcbertrifft, damit ihr erf\u00fcllt werdet mit der ganzen Gottesf\u00fclle.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHeilger Geist, du Tr\u00f6ster mein\u201c haben wir vorhin gesungen. Ist Ihnen der wiegende Rhythmus des Liedes aufgefallen? Das Gewiegtwerden ist f\u00fcr kleine Kinder eine der wichtigen wohltuenden k\u00f6rperlichsinnlichen Erfahrungen. Unser K\u00f6rper beh\u00e4lt diese Erinnerung.<br \/>\nDer Text des Liedes ist ein Gebet. Der Dichter Martin Moller, Kirchenmusiker, Theologe und Verfasser vieler Andachtsb\u00fccher, schrieb auch eines mit dem Titel \u201eMeditationen der heiligen V\u00e4ter\u201c.<br \/>\nIn der sechsten Strophe gibt es einen Hinweis auf die bekannte Stelle Jesaja 11,2, wo von den sieben Geistesgaben des Messias die Rede ist. \u201eAuf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der St\u00e4rke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.\u201c<\/p>\n<p>Die eigenartige Spannung, die auf diesem Gebet liegt, ist die Frage nach der Gegenwart Gottes: Ist unsere Zukunft nicht in Gottes Gegenwart &#8211; und damit gegenw\u00e4rtig?<br \/>\nMartin Luther legt uns in seiner Auslegung des Vaterunsers den Gedanken nahe, da\u00df Gott auch ohne unser Gebet gegenw\u00e4rtig ist und dass das Gebet die Funktion hat, uns f\u00fcr die Gegenwart Gottes und seiner Gaben zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Wir Menschen sind in unserem Kulturkreis dazu erzogen worden, unsere Wirklichkeit in Raum und Zeit zu verstehen. In unseren M\u00f6glichkeiten zu glauben und zu denken sind wir damit beschr\u00e4nkt worden. Der Glaube an Gott mu\u00df aber unsere Glaubensvorstellung von Raum und Zeit \u00fcbersteigen.<\/p>\n<p>Gott offenbart sich in unsere beschr\u00e4nkte Wirklichkeit hinein. In der Bibel sind viele solcher Offenbahrungen aufbewahrt. Dadurch k\u00f6nnen wir von seiner liebenden Zuwendung zu uns Menschen Kenntnis nehmen, auch wenn die Adressaten im Text zun\u00e4chst andere waren.<br \/>\nEine solche Offenbarung Gottes m\u00f6chten ich ihnen jetzt weitergeben.<br \/>\nSie steht bei Jeremia im 31. Kapitel, von Vers 31 bis 34 und lautet:<\/p>\n<p>Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR,<br \/>\nda will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schlie\u00dfen,<br \/>\nnicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren V\u00e4tern schlo\u00df,<br \/>\nals ich sie bei der Hand nahm, um sie aus \u00c4gyptenland zu f\u00fchren,<br \/>\nein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war,<br \/>\nspricht der HERR;<br \/>\nsondern das soll der Bund sein,<br \/>\nden ich mit dem Hause Israel schlie\u00dfen will nach dieser Zeit,<br \/>\nspricht der HERR:<br \/>\nIch will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben,<br \/>\nund sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.<br \/>\nUnd es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen:<br \/>\n\u00bbErkenne den HERRN\u00ab, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und gro\u00df, spricht der HERR;<br \/>\ndenn ich will ihnen ihre Missetat vergeben<br \/>\nund ihrer S\u00fcnde nimmermehr gedenken.<\/p>\n<p>Viele Theologen, halten diesen Bibeltext f\u00fcr die zentrale Stelle des Alten Testamentes.<br \/>\nGott spricht von seinem neuen Bund in einer tiefgr\u00fcndenden Weise, die in uns eine Ahnung aufkommen l\u00e4\u00dft: Ja, das ist es.<br \/>\nUns Christen kommen vertraute Worte in den Sinn:<br \/>\n\u201ef\u00fcr euch gegeben und vergossen zur Vergebung der S\u00fcnden\u201c,<br \/>\n\u201edieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut\u201c.<br \/>\nVor der Gleichsetzung: Altes Testament = Alter Bund, Neues Testament = Neuer Bund, sollten wir uns h\u00fcten. In Demut sollten wir uns vielmehr mit unseren j\u00fcdischen Schwestern und Br\u00fcdern vor unserem gemeinsamen Gott verneigen. Wir sollten Gott danken f\u00fcr die Ansage des Neuen Bundes, von dem das Volk Israel lange vor uns geh\u00f6rt hat. Wir Christen sollten uns bescheiden eingestehen, dass auch wir Wartende sind wie sie .<br \/>\nWir Menschen in Zeit und Raum sollten genau h\u00f6ren, was in der Ank\u00fcndigung des Neuen Bundes gesagt ist: nach dieser Zeit.<br \/>\nJesus hat in dieser Welt gelebt. Er hat das Warten auf die endg\u00fcltige Erl\u00f6sung nicht abgeschafft. Er hat vielmehr unsere Liebe zu Gott gest\u00e4rkt.<br \/>\nIn Liebe warten, hei\u00dft, die zuk\u00fcnftige Begegnung schon in die Gegenwart holen, den Geliebten oder die Geliebte schon gegenw\u00e4rtig sp\u00fcren, besonders im Herzen.<\/p>\n<p>Unsere Sakramente sind mit der Vergebung der S\u00fcnde verbunden. Sie sind daher Vergegenw\u00e4rtigung des Neuen Bundes. Sie sind erlebbare Zeichen der kommenden Herrlichkeit Gottes. In der Vergegenw\u00e4rtigung des Kommenden sind sie auf Wiederholung hin angelegt.<br \/>\nIm Kleinen Katechismus weist Martin Luther auf die Notwendigkeit der t\u00e4glichen Vergegenw\u00e4rtigung der Taufe hin.<br \/>\nDas Abendmahl wird durch die Vergegenw\u00e4rtigung des Opfertodes Jesu mit der Vergebung unserer S\u00fcnden auch gleichzeitig zur Vergegenw\u00e4rtigung des Neuen Bundes.<\/p>\n<p>Wollen wir Gott erkennen, so sind wiederholte Bem\u00fchungen hilfreich, uns f\u00fcr seine Gegenwart zu \u00f6ffnen. Menschen, die t\u00e4glich die Bibel lesen, meditieren und sich in die Liebe Gottes vertiefen, erleben oft Gef\u00fchle von Anger\u00fchrtsein, Geborgenheit und Freude. Es erschlie\u00dfen sich f\u00fcr sie neue Lebensquellen, die hineinwirken bis in ihren Alltag.<\/p>\n<p>Was kann uns davon abhalten, es ihnen gleich zu tun?<br \/>\nDie Hindernisse liegen tief in uns verborgen.<br \/>\nEs sind innere Glaubenss\u00e4tze wie:<br \/>\nDu hast es nicht verdient.<br \/>\nDu bist nicht w\u00fcrdig.<br \/>\nDu mu\u00dft dich erst noch \u00e4ndern.<br \/>\nDu mu\u00dft Bu\u00dfe tun.<br \/>\nDu mu\u00dft Opfer bringen.<br \/>\nEs sind Glaubenss\u00e4tze des alten Bundes.<br \/>\nSie geh\u00f6ren zum innerlichen Erbe, das wir von unseren Vorfahren \u00fcbernommen haben.<br \/>\nSie hindern uns zu leben. Der lebendige Gott stellt uns davon frei, wie wir h\u00f6rten.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen wir tun?<\/p>\n<p>Auf Gottes Zusage vertrauen und uns auf den Weg in den Neuen Bund machen.<br \/>\nDazu aber m\u00fcssen wir bereit sein, Abschied zu nehmen<br \/>\nvon alten Gewohnheiten, die uns hindern und bockieren,<br \/>\nvon unerf\u00fcllbaren W\u00fcnschen, an denen wir schon lange trotzig festhalten,<br \/>\nvon vermeintlichen Verpflichtungen, von denen wir eigentlich frei sind,<br \/>\nvon \u00fcbernommener Verantwortung f\u00fcr die Schuld anderer.<br \/>\nDas setzt allerdings manchmal schmerzhafte Trauerprozesse in Gang,<br \/>\ndie wir in der Regel gern aufschieben.<br \/>\nWer wird uns beistehen?<br \/>\nWer kann uns Mut machen?<br \/>\nWer wird uns tr\u00f6sten?<\/p>\n<p>Der Heilige Geist.<br \/>\nEr wird uns Menschen schicken, die uns begleiten. Er wird die Liebe in uns st\u00e4rken und Leidenschaft zu unserem Tun und Wollen entz\u00fcnden. Er selbst wird ein guter Ratgeber in unserem Herzen sein, wie Gott es uns f\u00fcr den Neuen Bund zugesagt hat.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Rainer Kopisch, Martin-Luther-Haus Braunschweig<br \/>\nPfarrer em. ab 1. Juni 2006<br \/>\n<a href=\"mailto:Rainer.Kopisch@gmx.de\">Rainer.Kopisch@gmx.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exaudi, 28. Mai 2006 Predigt zu Jeremia 31, 31-34, verfasst von Rainer Kopisch Liebe Gemeinde, Trauern und Tr\u00f6sten geh\u00f6ren zusammen wie ein sich erg\u00e4nzendes Paar. \u201eIst es denn so schlimm, mein M\u00e4dchen?\u201c, fragt ein Vater seine von Liebeskummer geplagte Tochter. Er schafft Raum f\u00fcr die Trauer der Tochter. 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