{"id":11174,"date":"2021-02-07T19:48:54","date_gmt":"2021-02-07T19:48:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11174"},"modified":"2023-02-23T16:34:31","modified_gmt":"2023-02-23T15:34:31","slug":"johannes-1720-26-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1720-26-4\/","title":{"rendered":"Johannes 17,20-26"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Exaudi, 28. Mai 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 17,20-26, verfasst von Niels Henrik Arendt (D\u00e4nemark) <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Einsamkeit ist die gr\u00f6\u00dfte Plage der hochentwickelten Gesellschaft: Menschen, die aus irgendeinem Grund das Gef\u00fchl haben, ausgeschlossen zu sein, und die deshalb oft die \u00e4rmlichste Kompensation daf\u00fcr suchen, etwa vor dem Bildschirm. Entsprechend ist Gemeinschaft das, wonach alle trachten. Gemeinschaften sind gut f\u00fcr diejenigen, die ihnen angeh\u00f6ren. Aber sie sind schrecklich f\u00fcr diejenigen, die nicht in sie hineinfinden k\u00f6nnen, \u2013 Zeugnisse ihrer Einsamkeit und Andersartigkeit. Im Glaubensbekenntnis bekennen wir den Glauben an \u201edie Gemeinschaft der Heiligen\u201c. Es ist die Gemeinschaft, die durch die frohe Botschaft gebildet wird, die f\u00fcr alle, \u201ef\u00fcr alles Volk\u201c ist. Aber oft kritisiert man an der Kirche \u2013 und zwar auch Leute, die eine positive Einstellung zu ihr haben \u2013, dass man in ihr zu wenig von der Gemeinschaft sp\u00fcrt. Wenn die Leute tats\u00e4chlich eine starke Gemeinschaft unter den Kirchg\u00e4ngern erlebten, dann w\u00fcrden sie doch in die Kirche kommen, hei\u00dft es. Es ist sicherlich wahr, dass man Wege finden k\u00f6nnte, die Gemeinschaft in der Kirche deutlicher hervortreten zu lassen. Aber das ganz Entscheidende an der Gemeinschaft, die hier in der Kirche entsteht, im Gegensatz zu allen anderen Gemeinschaften, die wir kennen, ist dies, dass die kirchliche Gemeinschaft keinen Unterschied macht und sagt: wir hier in der Kirche sind etwas, wovon die, die drau\u00dfen stehen, ausgeschlossen sind. Wir begn\u00fcgen uns lieber mit den wenigen sichtbaren Zeichen von Gemeinschaft, die wir haben, wenn wir uns erheben, um zuzuh\u00f6ren, oder wenn wir gemeinsam singen, &#8211; als dass wir etwas schaffen wollten, was auch nur einem einzigen von au\u00dfen Kommenden das Gef\u00fchl g\u00e4be, dass hier etwas sei, woran er oder sie nicht teilnehmen kann. Wenn wir von der christlichen Gemeinschaft reden und davon, was wir tun k\u00f6nnen, um sie deutlicher hervortreten zu lassen, dann ist die gr\u00f6\u00dfte aller Gefahren die, dass es so aussehen k\u00f6nnte, als ginge der gro\u00dfe Trennungsstrich zwischen uns, die wir dazugeh\u00f6ren, und denjenigen, die eben keinen Anteil an der Gemeinschaft haben. So unterscheidet man \u00fcberall sonst: <em>wir<\/em> und <em>die Anderen<\/em>. Und dadurch schaffen diese anderen hochgelobten Gemeinschaften Isolation, Entfremdung und Einsamkeit. Wir, die Jungen \u2013 und alle die Alten. Wir, die Arbeit haben \u2013 und alle diejenigen, die keine Lust haben zu arbeiten. Wir, die Mitglieder der Vereinigung \u2013 und alle diejenigen, die drau\u00dfen stehen. Wir D\u00e4nen \u2013 und alle die Fremden. Wir, die Gott kennen \u2013 und alle die, die ihn nicht kennen.<\/p>\n<p>In den Worten Jesu, die wir soeben geh\u00f6rt haben, gibt es diesen gro\u00dfen Trennungsstrich zwischen der einen und der anderen Sorte Menschen nicht. Jesus sagt zu Gott: \u201eDie Welt kennt dich nicht.\u201c Das ist etwas, was <em>alle <\/em>Menschen gemeinsam haben: sie kennen Gott nicht. Und dann f\u00e4hrt er fort und sagt: \u201eIch aber kenne dich.\u201c Das hei\u00dft: die gro\u00dfe Grenze verl\u00e4uft nicht zwischen den Christen auf der einen Seite und der Welt auf der anderen Seite, nein, die gro\u00dfe Grenze geht zwischen allen Menschen (Christen wie Nichtchristen) auf der einen Seite \u2013 und Jesus auf der anderen Seite. Zwischen denen, die Got nicht kennen, und dem Einen, der ihn kennt.<\/p>\n<p>Was bedeutet es, dass die Welt Gott nicht kennt? Die Menschen glaubten doch auch an Gott, bevor Jesus kam. Und was bedeutet es, dass wir, die wir heute hier sind, Gott nicht kennen? Geht die Grenze nicht zwischen uns, die Gott kennen, und denen, die ihn nicht kennen, aber vielleicht dahin kommen k\u00f6nnen, dass sie ihn kennen, und dann hereinkommen k\u00f6nnen? Nein, die Grenze geht zwischen allen Menschen und Jesus. Gott kennen ist nicht dasselbe wie glauben, dass Gott <em>ist<\/em>. Das Wort <em>kennen<\/em> hat in der Bibel eine weitaus umfassendere Bedeutung, als es in unserem Sprachgebrauch hat. Z.B. wird es im Alten Testament vom Beischlaf benutzt. Zu <em>kennen<\/em> gibt in der Bibel eine Abh\u00e4ngigkeit und einen Zusammenhang von so grundlegendem und selbstverst\u00e4ndlichem Charakter an, wie es ihn nur zwischen Liebenden oder zwischen einer Mutter und ihrem Kind gibt. Im Evangelium wird \u201eGott kennen\u201c auch mit dem Ausdruck \u201eeins mit ihm sein\u201c erkl\u00e4rt. Und in einem so grundlegenden und einleuchtenden Zusammenhang mit und einer solchen Abh\u00e4ngigkeit von Gott leben keine Menschen. <em>Aber Jesus tat es.<\/em> Dies kommt so klar zum Ausdruck in dem Gebet, das er sprach und das wir geh\u00f6rt haben. Das ist der Unterschied, der alle Unterschiede zwischen <em>uns<\/em> und <em>denen<\/em> verschwinden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Wie zeigt sich, dass wir Gott nicht kennen \u2013 in der Bedeutung des Wortes, dass wir ihm nicht so nahe leben, wie Jesus ihm nahe lebte? Ja, man kann darauf hinweisen, dass wir unser Dasein nicht in Geborgenheit und Unbek\u00fcmmertheit leben. Ungeborgenheit und rastlose Bem\u00fchungen, das zu bergen, wovon wir glauben, dass es unser Leben sichern kann, pr\u00e4gen uns. Oder man kann die Schwierigkeit des modernen Menschen nennen, das Dasein so anzunehmen, wie es ist, und sein Gef\u00fchl der Einsamkeit. Wir sollen mit unserem Dasein arbeiten, sagt man uns, wir sollen unsere Trauer oder unsere Angst bearbeiten, wir sollen kreativ und sch\u00f6pferisch sein \u2013 und wenn auch einige Berechtigung in solchen Ausdr\u00fccken liegen mag, so geben sie doch alle an, dass das Dasein so, wie es ist, nicht gut genug ist. Es enth\u00e4lt Seiten, die in unseren Augen schwierig, ungerecht, unzul\u00e4ssig, unordentlich sind. Und die nicht selten das Gef\u00fchl ausl\u00f6sen, dass man Opfer ist \u2013 die Bitterkeit oder jedenfalls Unzufriedenheit ausl\u00f6sen. Auch das zeigt, dass wir nicht aus der Kenntnis Gottes leben, wie Jesus et tat. Oder wenn man ein Beispiel nennen will, bei dem sich zeigt, dass wir Gott nicht kennen: wie wenig ist <em>die Freude<\/em> unsere Grundstimmung?<\/p>\n<p>Ich las folgenden Satz: \u201eStatistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf die Welt kommen, so klein, dass man glauben sollte, dass die Tatsache, dass es uns \u2013 jeden von uns \u2013 gibt, uns veranlassen m\u00fcsste, in einem ewigen Zustand zufriedener Sprachlosigkeit und froher \u00dcberraschung zu leben.\u201c Grundlegend m\u00fcsste die Freude dar\u00fcber, dass wir ganz einfach dasind, uns durchs Leben tragen, aber f\u00fcr uns muss die Freude immer eine besondere Ursache haben; oder sie muss uns \u00fcberraschen, um sich \u00fcberhaupt Platz in unserem Dasein zu verschaffen, uns zu \u00fcberrumpeln, bevor wir ihr nachgeben.<\/p>\n<p>Etwas verk\u00fcrzt k\u00f6nnte man sagen: Gott kennen ist sich immer freuen. Oder sich immer dankbar f\u00fchlen. So wie auch der Apostel Paulus seine Gemeinden dazu ermahnt. Freut euch allezeit, sagt er. Denn ihr habt Gott kennen gelernt. Aber so hat die Welt Gott nicht gekannt. Welche Unterschiede zwischen Menschen wir auch immer nennen m\u00f6gen, so besteht diese Einheit zwischen ihnen: dass sie Gott nicht kennen. Aber nun kommt also das Evangelium heute und sagt, dass es eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine andere Einheit gibt: die Einheit im Glauben an ihn, den Gott gesandt hat. Das ist die Art und Weise, wie das Christentum Gott zu kennt: zu glauben, dass Jesus von Gott gesandt ist. In dem, was Jesus sagt, ist betont, dass die Gemeinde, die Kirche, die Christen nicht dasind, um einen Unterschied zu machen zwischen sich und den Anderen, sondern, wie es heisst, \u201edamit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast\u201c. Die Gemeinde kann nicht sagen: wir kennen Gott, das tut ihr nicht. Sondern sie kann auf Jesus zeigen und sagen: dort k\u00f6nnen wir gemeinsam Gott kennen lernen, denner ist von Gott gesandt, und er kennt ihn, und was er sagt und tut, zeigt uns Gott. Ja, er kennt ihn in der Bedeutung des Wortes, dass er eins mit ihm ist.<\/p>\n<p>Zu glauben, dass Jesus von Gott in die Welt gesandt ist, das ist nicht nur, dass man in die Einheit all derer gebracht wird, die Gott nicht kennen. Es ist auch dies, dass man in einer neuen Einheit Platz bekommt, unter all denen, die Gott liebt. Es ist nicht nur, zu erleben, dass die Grenze zwischen <em>uns<\/em> und <em>denen<\/em> verschwindet, denn diese Grenze hat niemals eine wirkliche Grundlage gehabt.<\/p>\n<p>Sondern es ist, das ganz Unerwartete zu erleben, dass die Grenze zwischen uns und <em>ihm<\/em> verschwindet. Darum bittet Jesus im Text von heute: dass <em>wir<\/em> eingeschlossen werden m\u00f6gen in die Gemeinschaft, die zwischen ihm und Gott ist. Dies kehrt mit vielen verschiedenen Worten immer wieder: dass die Grenze zwischen uns und Jesus verschwinden soll, nicht durch unser Bem\u00fchen, sondern durch sein Bem\u00fchen, durch sein Opfer und durch sein Gebet, dass wir an seiner Herrlichkeit teilhaben sollen, einer Herrlichkeit, die wir nicht in uns selbst haben, sondern an der Herrlichkeit, die Jesus von Gott hat. Ich in ihnen, und du in mir, hei\u00dft es \u2013 oder: wo ich bin, sollen auch die sein, die du mir gegeben hast. Die Grenze zwischen uns und ihm wird abgel\u00f6st von der Gemeinschaft zwischen uns, ja, nicht nur zwischen ihm und uns, sondern dadurch zwischen Gott und uns, von der Gemeinschaft, in der alle Unterschiede zwischen Menschen dahinschmelzen, und in der all menschliche Isolation und Einsamkeit und Fremdheit verschwindet, von der Gemeinschaft, in der die Freude nicht nur eine vor\u00fcbergehende \u00dcberraschung ist, sondern der Grundton. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\nRibe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<br \/>\nTel.: +45 74 52 20 25<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\">nha@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exaudi, 28. Mai 2006 Predigt zu Johannes 17,20-26, verfasst von Niels Henrik Arendt (D\u00e4nemark) (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Einsamkeit ist die gr\u00f6\u00dfte Plage der hochentwickelten Gesellschaft: Menschen, die aus irgendeinem Grund das Gef\u00fchl haben, ausgeschlossen zu sein, und die deshalb oft die \u00e4rmlichste Kompensation daf\u00fcr suchen, etwa vor dem Bildschirm. 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