{"id":11180,"date":"2021-02-07T19:48:56","date_gmt":"2021-02-07T19:48:56","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11180"},"modified":"2023-02-09T09:51:32","modified_gmt":"2023-02-09T08:51:32","slug":"1-korinther-2-12-16-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-2-12-16-9\/","title":{"rendered":"1. Korinther 2, 12-16"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Pfingstsonntag, 4. Juni 2006<br \/>\nPredigt zu 1. Korinther 2, 12-16, verfasst von Wolfgang V\u00f6gele<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><strong>G\u00f6ttliche Begeisterung und allt\u00e4gliche Weisheit<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eWir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, da\u00df wir wissen k\u00f6nnen, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge f\u00fcr geistliche Menschen. Der nat\u00fcrliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es mu\u00df geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Denn \u201ewer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen\u201c (Jes 40,13)? Wir aber haben Christi Sinn.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wir alle sehen und sp\u00fcren das intensiv: In begeisterten, in geist\u00fcberf\u00fcllten Zeiten leben wir. An Pfingsten und vor der Fu\u00dfballweltmeisterschaft \u2013 in dieser Reihenfolge \u2013 steht jedem das Bild der singenden Fu\u00dfballfans vor Augen. Sie dr\u00e4ngen in gro\u00dfer Menge aus dem Regionalexpress, um vom Bahnsteig aus hin\u00fcber ins Stadion zum Heimspiel zu ziehen.<\/p>\n<p>Unbeirrt erwarten die Fans den Sieg ihrer Mannschaft, nachdem der Schiedsrichter endlich angepfiffen hat. Sie tragen alle \u00e4hnliche Kleidung, Schals in den Vereinsfarben, dazu die Mannschaftstrikots ihrer Lieblingsspieler. Gemeinsam fahren sie zum Spiel. Gemeinsam feuern sie ihre geliebte, verehrte Elf an. Gemeinsam trinken sie, gemeinsam jubeln sie, gemeinsam trauern sie nach einer Niederlage.<\/p>\n<p>Wer sie als unbeteiligter Passant auf dem Bahnsteig sieht, der geht ihnen manchmal lieber aus dem Weg. Denn er sp\u00fcrt die Energie und die Kraft, die von solchen Gruppen ausgeht. Er sp\u00fcrt die Begeisterung, aus denen heraus solche Fanclubs vor dem Spiel und nach dem Spiel leben, eine Begeisterung, die sich manchmal r\u00fccksichtslos Bahn schafft.<\/p>\n<p>Ganz offensichtlich macht das den Fu\u00dfball so anziehend, er ist eine M\u00f6glichkeit, Gef\u00fchle auszuleben, Begeisterung zu sp\u00fcren, das eigene Leben f\u00fcr 90 Minuten zu vergessen und ganz in einem Gruppengef\u00fchl aufzugehen, das jenseits und gr\u00f6\u00dfer ist als ich selbst.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen ganz leicht den Test darauf machen: Allein Fu\u00dfball im Fernsehen zu schauen, ohne eine Mannschaft zu favorisieren, ist eine t\u00f6dlich langweilige Sache. Zu zweit, zu dritt oder in einer noch gr\u00f6\u00dferen Gruppe macht das viel mehr Spa\u00df, vor allem wenn man f\u00fcr eine Mannschaft mitfiebert und bei jedem Foul mitzittert und bei jeder Flanke auf ein Tor hofft.<\/p>\n<p>Genug vom Fu\u00dfballgeist. Ein anderes Beispiel: Auf gro\u00dfen Parkwiesen kann man sie manchmal sehen. Menschen, die einen ruhenden Pol bilden inmitten gro\u00dfer Gruppen von grillenden Familien, herumtobenden Hunden, spielenden Kindern und kickender Jugendlicher. Ruhig und still und mit geschlossenen Augen sitzen sie auf einer Decke und meditieren. Der fr\u00f6hliche L\u00e4rm um sie herum, das Durcheinander kann ihnen nichts anhaben. Mit verschr\u00e4nkten Beinen, angewinkelten Armen und geradem R\u00fccken sitzen sie da. Den meisten Menschen, die an ihnen vor\u00fcber laufen, fallen sie gar nicht auf, aber wer zuf\u00e4llig aufmerksam wird, der bemerkt sofort die Ausstrahlung, die von ihnen ausgeht: Sie verstr\u00f6men eine Ruhe, eine Konzentration, die sich durch nichts ablenken l\u00e4\u00dft. Sie ruhen in sich selbst. Die Beobachterin sp\u00fcrt an ihnen einen bestimmten Geist, der sich von der fr\u00f6hlichen Unruhe der grillenden Familien abhebt.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte die Reihe der Beispiele fortsetzen und jedem w\u00fcrden ohne weiteres weitere Bilder unterschiedlicher Geister vor das Auge r\u00fccken. Geist und Begeisterung finden sich zum Beispiel auch im Politischen: Denken Sie an den Geist von 1968, den Geist von 1989, den Geist der Aufkl\u00e4rung, den unseligen Geist des Krieges von 1918. Manche dieser Geister ergreifen von uns Besitz; gegen andere wehren wir uns.<\/p>\n<p>Nur vordergr\u00fcndig sieht es so aus, als w\u00fcrden wir in geistlosen Zeiten leben. Das Gegenteil ist der Fall. Geist hat mit Begeisterung zu tun, aber auch mit Gemeinschaft, mit einer Kraft und Energie, die sich \u00fcber das bewusste Ich hinwegsetzt und einen Menschen in eine bestimmte Stimmung hineinversetzt.<\/p>\n<p>In diese Welt der Begeisterung, die einem naturwissenschaftlichen Weltbild immer verschlossen bleiben wird, geh\u00f6rt der Geist hinein, von dem der Apostel Paulus spricht. Er unterscheidet sehr genau zwischen dem Geist Gottes und dem Geist (besser: den Geistern) der Welt. Und Paulus malt diesen Unterschied in starken, schroffen Gegens\u00e4tzen vor Augen. Er will zu einem sicheren Urteil verhelfen. Die Korinther sollen ganz genau unterscheiden k\u00f6nnen, wann sie der Geist Gottes beseelt und wann sie anderen Geistern nachlaufen.<\/p>\n<p>Gottes Geist ist kein Geist, der von den Menschen Vorleistungen oder Vorbereitungen fordert. Es geht nicht darum, sich in Trance oder in einen Zustand der Ruhe und Meditation zu versetzen. Gottes Geist hilft uns, Gottes Geschenke zu erkennen, sagt Paulus. In der Taufe nimmt Gott einen Menschen an, er sagt ihm seinen dauerhaften Beistand, seinen Segen und seine Begleitung zu, egal was ihm im Leben geschieht, egal welche Fehler er macht und egal was ihm auch zust\u00f6\u00dft. Die Liebe, die Gott einem Menschen in der Taufe zusagt, ist unverbr\u00fcchlich und unaufl\u00f6sbar, sie kann durch nichts gef\u00e4hrdet werden. Diese Beharrlichkeit Gottes gewinnt eine solche Tiefe, da\u00df Gott selbst dann an seiner Zusage festh\u00e4lt, wenn sich ein Mensch von ihm abwendet, wenn er nichts mehr von Gott wissen will, wenn er Gott leugnet, ihn verflucht oder ihm abschw\u00f6rt.<\/p>\n<p>Gottes Geist hilft zu der unverbr\u00fcchlichen Erkenntnis, da\u00df Gott sich unbeirrbar an seine Zusagen und Verhei\u00dfungen h\u00e4lt. Gottes Geist ist ein Geist der Dankbarkeit und der Freude, der Begeisterung und des Staunens \u00fcber die Sch\u00f6nheit der Sch\u00f6pfung, \u00fcber die dauerhafte Hoffnung auf Gott und \u00fcber die Zuversicht, in seiner Barmherzigkeit und in seinem Segen zu leben: Gott l\u00e4\u00dft mich niemals allein.<\/p>\n<p>Und diese Freude \u00fcber Gott, diese Begeisterung ist daran zu erkennen, da\u00df sie nicht bei sich selbst bleibt. Diese Freude will weitergegeben und verbreitet sein, als fr\u00f6hlicher Gesang, als beharrliches Gebet, als \u00fcberzeugende Verk\u00fcndigung. Kein griesgr\u00e4miges Christentum ist hier gemeint, keine verklemmte S\u00fcndenangst und zwanghafte Bu\u00dffr\u00f6mmigkeit, sondern die Freude, das Staunen und die Zuversicht dar\u00fcber, da\u00df Gottes Gnade \u00fcber alle Versuche des Menschen triumphiert, sich von ihm abzuwenden.<\/p>\n<p>In Gottes Geist lernen wir Dankbarkeit. Zum zweiten sagt Paulus: Wir m\u00fcssen zwischen Gottes Geist und menschlicher Weisheit unterscheiden. Menschliche Weisheit ist etwas sehr wichtiges, sie hat mit Klugheit und Besonnenheit, mit Vernunft und N\u00fcchternheit zu tun. Und als solche hat Weisheit in der letzten Zeit neue Aktualit\u00e4t gewonnen und in B\u00fcchern \u00fcber Lebenskunst, Alltags- und Klugheitsregeln die Bestsellerlisten gest\u00fcrmt. Viele Menschen wollen sich neu orientieren, weil sie sich \u00fcberfordert f\u00fchlen vom Stre\u00df des Berufs, von der Vielfalt der Angebote, von den einst\u00fcrmenden Anforderungen, die sich nicht mehr gelassen und \u00fcberlegt bew\u00e4ltigen lassen. Wer nicht mehr zur Besinnung kommt im Alltag, weil er zu viele Aufgaben l\u00f6sen, zu viele \u00dcberstunden absolvieren, zu vielen Anspr\u00fcchen nachkommen mu\u00df, der kommt vielleicht mit Hilfe von B\u00fcchern und Gespr\u00e4chen zur Besinnung: Er kann sich neu orientieren, \u00fcberfl\u00fcssigen Ballast abwerfen und sich auf die wichtigen Aufgaben des Lebens konzentrieren. Das ist auch gut so und hilfreich.<\/p>\n<p>Und trotzdem sagt Paulus, mit Gottes Geist habe das nichts zu tun. Und der Vergleich macht das ganz schnell deutlich. Die Weisheit sagt: Ordne dein Leben und orientiere dich neu, dann wirst du ein gl\u00fcckliches Leben f\u00fchren. Gottes Geist sagt: Verlasse dich auf Gott und seine Verhei\u00dfungen. Die Weisheit sagt: Denke nach! Stelle dir Aufgaben! Verwirkliche Deine Ziele! Gottes Geist sagt: Mache gar nichts! Verlasse dich allein auf Gott! Er hat alles schon getan. Die Weisheit sagt: Mit Vernunft und Nachdenken wird es schon klappen! Gottes Geist sagt: Es ist schon alles getan. Du mu\u00df Dir keine Sorgen machen.<\/p>\n<p>Der Unterschied wird deutlich. Wer sich auf die eigene Weisheit verl\u00e4sst, verl\u00e4sst sich auf sich selbst. Wer Gottes Geist annimmt und empf\u00e4ngt, der verl\u00e4sst sich auf Gott. Dieser Unterschied ist allerdings nicht so zu verstehen, da\u00df derjenige, der sich auf Gott und seinen Geist einl\u00e4sst, seinen Verstand und seine Weisheit aufgeben sollte, weil er meint, beides nicht mehr zu ben\u00f6tigen. Ganz im Gegenteil! Jeder soll Vernunft gebrauchen, Weisheit ausbilden und Erfahrungen verarbeiten. Aber er mu\u00df sich selbst nicht mehr \u00fcberfordern. Denn das Wichtigste ist schon getan. Das Wichtigste, die Verhei\u00dfung und der Segen Gottes f\u00fcr das eigene Leben, das ist schon geschehen, schon beschlossene Sache. Ich darf das h\u00f6ren und akzeptieren.<\/p>\n<p>Und wer das erkannt hat, der gewinnt gegen\u00fcber dem eigenen Leben nochmals eine besondere Gelassenheit \u2013 und Freude und Dankbarkeit, die er in vern\u00fcnftiges Handeln und weisheitliches Nachdenken mit einbringen kann.<\/p>\n<p>Dieses l\u00e4\u00dft sich noch weiter zuspitzen. Denn am Ende der kurzen Predigttextpassage sagt Paulus: Wir haben aber Christi Sinn. Was ist Christi Sinn? Der Geist Gottes hilft nicht nur, Gottes geschenkte Barmherzigkeit zu erkennen. Er gibt der neu geschenkten Weisheit Gottes auch eine bestimmte Richtung. Und das nennt Paulus \u201eChristi Sinn\u201c. Damit ist gemeint: Sich selbst um der anderen willen zur\u00fcckzunehmen. Wegzugeben um zu erhalten. Den Blick von sich selbst wegzurichten und \u2013 pl\u00f6tzlich \u2013 die anderen zu sehen, die Menschen neben mir, meine Familie, meine Freunde, meine Kollegen. Und es nicht das Kleinste, was ich f\u00fcr sie tun kann, da\u00df ich f\u00fcr sie bete, stellvertretend bete.<\/p>\n<p>Nochmals zur Erinnerung: Die Weisheit sagt: Gebrauche deine Vernunft, um dich selbst vollkommen zu machen. Der Geist Gottes, der auf Christi Sinn hinweist, sagt: Vergi\u00df dich und verliere dich, dann wirst du deine Vollkommenheit in Gott finden. Ich mu\u00df gar nicht vollkommen werden. Ich kann mit meinen Niederlagen und Fehlern leben, ich kann alle Br\u00fcche und Untiefen einfach stehen lassen \u2013 und mich an Gott freuen, der mich vollkommen macht. Das ist Christi Sinn, das Gegenteil von menschlicher Weisheit.<\/p>\n<p>Wer aus dem Geist Gottes lebt, der mu\u00df nicht seiner eigenen Vollkommenheit nachlaufen. Er kann sich f\u00fcr das Unvollkommene begeistern. Er wird sich auf das Ungew\u00f6hnliche, das Nichtselbstverst\u00e4ndliche einlassen, wenn er anderen damit helfen kann. Er kann den Schritt \u00fcber die Routinen der Alltagsweisheit hinaus tun. Die Alltagsweisheit erh\u00e4lt eine neue Perspektive. Sie ordnet sich ein in die gro\u00dfe Geschichte Gottes mit den Menschen. Sie stimmt ein in die Begeisterung f\u00fcr Gott.<\/p>\n<p>Ich schlie\u00dfe darum mit dem wundersch\u00f6nen Pfingstlied (EG 133,6-8):<\/p>\n<p>\u201eDu bist ein Geist der Freuden, von Trauern h\u00e4ltst du nichts, erleuchtest uns im Leiden mit deines Trostes Licht. Ach ja, wie manches Mal hast du mit s\u00fc\u00dfen Worten mir aufgetan die Pforten zum g\u00fcldnen Freudensaal.<\/p>\n<p>Du bist ein Geist der Liebe, ein Freund der Freundlichkeit, willst nicht, da\u00df uns betr\u00fcbe Zorn, Zank, Ha\u00df, Neid und Streit. Der Feindschaft bist du feind, willst, da\u00df durch Liebesflammen sich wieder tun zusammen, die voller Zwietracht seind.<\/p>\n<p>Du, Herr, hast selbst in H\u00e4nden die ganze weite Welt, kannst Menschenherzen wenden, wie dir es wohlgef\u00e4llt; so gib doch deine Gnad zu Fried und Liebesbanden, verkn\u00fcpf in allen Landen, was sich getrennet hat.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>PD Dr. Wolfgang V\u00f6gele<br \/>\nGoldaper Str.29<br \/>\n12249 Berlin<br \/>\n<a href=\"mailto:wolfgang.voegele@aktivanet.de\"> wolfgang.voegele@aktivanet.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfingstsonntag, 4. Juni 2006 Predigt zu 1. Korinther 2, 12-16, verfasst von Wolfgang V\u00f6gele G\u00f6ttliche Begeisterung und allt\u00e4gliche Weisheit \u201eWir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, da\u00df wir wissen k\u00f6nnen, was uns von Gott geschenkt ist. 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