{"id":11181,"date":"2021-02-07T19:49:03","date_gmt":"2021-02-07T19:49:03","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11181"},"modified":"2023-02-06T08:43:57","modified_gmt":"2023-02-06T07:43:57","slug":"1-korinther-2-12-16-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-2-12-16-7\/","title":{"rendered":"1. Korinther 2, 12-16"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong>Predigt zu 1. Korinther 2, 12-16, Pfingstfest\u00a0<\/strong><\/h3>\n<h3><strong>verfasst von Pfarrer Dr. Rainer Stahl<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>\u201ePfingsten, das liebliche Fest war gekommen! Es gr\u00fcnten und bl\u00fchten<br \/>\nFeld und Wald; auf H\u00fcgeln und H\u00f6hn, in B\u00fcschen und Hecken<br \/>\n\u00dcbten ein fr\u00f6hliches Lied die neuermunterten V\u00f6gel;<br \/>\nJede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gr\u00fcnden,<br \/>\nFestlich heiter gl\u00e4nzte der Himmel und farbig die Erde.\u201c<br \/>\n\u2013 So feiert Goethe in seinem \u201eReineke Fuchs\u201c das Pfingstfest.<br \/>\nErholung, Ausflug, Feiern \u2013 das sind die Erwartungen und Hoffnungen, die wir mit Pfingsten verbinden. Eine weitere Gelegenheit von \u2013 hoffentlich! \u2013 gelingender Freizeit, von Gemeinschaft in der Familie, von Erlebnissen mit Freunden.<\/p>\n<p>An zwei ganz verschiedene Traditionen darf ich erinnern, die aber doch jede f\u00fcr sich auch auf dieser Linie lagen:<\/p>\n<p>Zuerst sei bewusst gemacht: In langen Jahren der DDR-Zeit war der Ostermontag abgeschafft, denn den Karfreitag hatten die Kirchen als Feiertag verteidigen k\u00f6nnen. Auch am Pfingstmontag wurde \u2013 wenn ich mich recht erinnere \u2013 immer wieder \u201egedreht\u201c. Die Abschaffung gelang aber letztlich nicht, weil zu Pfingsten zwei Interessen aufeinander stie\u00dfen \u2013 und sich gegenseitig st\u00fctzten \u2013, eben die beiden schon angetippten Traditionen:<\/p>\n<p>Die Pfingsttreffen der Jugend und Studenten, die der Staat, die die FDJ (die \u201eFreie Deutsche Jugend\u201c) und die Pionierorganisation durchf\u00fchrten, und<br \/>\ndie Jugendtage der Kirche, die Treffen der \u201eJungen Gemeinden\u201c, die \u201eLandesjugendsonntage\u201c, die Ausfl\u00fcge der Konfirmandengruppen oder der Gruppen der Studentengemeinden.<\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen war organisatorische Leistung gefordert.<br \/>\nIn beiden F\u00e4llen mussten sich die Teilnehmenden entsprechend der Regeln des Gruppenlebens verhalten.<br \/>\nIn beiden F\u00e4llen war finanzieller und \u2013 heute w\u00fcrden wir sagen \u2013 \u201eehrenamtlicher\u201c Einsatz n\u00f6tig.<br \/>\nIn beiden F\u00e4llen wurden Ausgelassenheit und Lebensfreude gelebt.<br \/>\nIn beiden F\u00e4llen wurde Gl\u00fcck erfahren.<br \/>\nDas eine nur trist zu malen und das andere nur idyllisch, w\u00fcrde verf\u00e4lschen.<br \/>\nDoch aber gab es grundlegende Unterschiede, vor allem Unterschiede dahingehend, welcher \u201eGeist\u201c jeweils \u201eherrschte\u201c.<\/p>\n<p>Vielleicht sind beide M\u00f6glichkeiten auch f\u00fcr diejenigen, die sie nie erfahren haben, nachzuempfinden. Denn vielleicht wurde \u00c4hnliches unter anderen Namen erlebt \u2013 beim CVJM z.B. oder f\u00fcr die ganz Alten im Gegensatz dazu bei der \u201eHJ\u201c. So k\u00f6nnen Sie beide Beispiele als Bilder f\u00fcr die Gegens\u00e4tze verstehen, die Paulus anspricht, f\u00fcr die Gegens\u00e4tze, die doch auch unsere Lebenswirklichkeit bestimmen.<\/p>\n<p>Denn zum diesj\u00e4hrigen Pfingstfest ist uns nicht einfach die Feier der Gabe des Geistes Gottes aufgetragen, nicht einfach das Fest des Heiligen Geistes.<br \/>\nZum diesj\u00e4hrigen Pfingstfest ist uns aufgetragen durchzubuchstabieren,<br \/>\nwas es hei\u00dft, vom Geist gepr\u00e4gt zu sein,<br \/>\nwas es hei\u00dft, mit der Gabe des Geistes Gottes zu leben,<br \/>\nwas es hei\u00dft, den Alltag mit den \u201eAugen\u201c des Heiligen Geistes wahrzunehmen<br \/>\nund im Alltag von den \u201eMa\u00dfst\u00e4ben\u201c des Heiligen Geistes her zu entscheiden und zu handeln.<\/p>\n<p>Zwei Linien stellt Paulus nebeneinander, ja: gegeneinander \u2013 \u00e4hnlich der Linie der Jugendsonntage der Kirche gegen\u00fcber der Linie der Jugendfestspiele der Partei der Arbeiterklasse:<\/p>\n<p>Der Geist der Welt,<br \/>\ndie gelehrten Worte der \u00fcblichen Menschenweisheit,<br \/>\ndie normalen Geistgaben, durch die nicht aufzunehmen ist, was Gottes Geist zu sagen hat,<br \/>\ngegen<br \/>\nden Heiligen Geist von Gott,<br \/>\ndie Art, wie der Heilige Geist lehrt,<br \/>\ndie F\u00e4higkeit, belehrt vom Heiligen Geist, alles zu verstehen.<\/p>\n<p>An diese beiden Wege richte ich die Fragen:<br \/>\nWie finden wir den zweiten Weg?<br \/>\nWir gelingt es, den ersten Weg zu vermeiden?<br \/>\n\u2013 Wo wir doch gerade im Alltag dauernd im Sinne des ersten Weges funktionieren m\u00fcssen! Gar nicht anders k\u00f6nnen, als auf ihm zu gehen!<\/p>\n<p>Und da entdecke ich ganz am Ende unseres Briefabschnittes eine Antwort:<br \/>\n\u201eWir aber haben Christi Sinn.\u201c<\/p>\n<p>Das ist die F\u00e4higkeit, auf die es ankommt,<br \/>\ndie Dimension, f\u00fcr die wir offen sein sollten,<br \/>\ndie Bereitschaft, der wir uns verpflichten sollten.<\/p>\n<p>Nicht gro\u00dfartige Begeisterung,<br \/>\nnicht dauerndes High-Sein,<br \/>\nnicht Hingerissen-Sein, das uns selbst wie ergriffen vorkommen l\u00e4sst<br \/>\n\u2013 das alles manchmal vielleicht auch, aber im Alltag nicht st\u00e4ndig! \u2013,<br \/>\nsondern ganz n\u00fcchtern die Offenheit<br \/>\nf\u00fcr Christi \u201e\u039d\u03bf\u03c5\u03c2\u201c,<br \/>\nf\u00fcr Christi Verstand,<br \/>\nf\u00fcr Christi Durchblick,<br \/>\nf\u00fcr Christi Erkenntnisf\u00e4higkeit!<\/p>\n<p>Denken wir an die vielen Geschichten im Neuen Testament, die uns Jesus Christus als einen zeigen, der die Fassade durchschaut hat, der durch die Oberfl\u00e4che hindurchsehen konnte, der die innersten Beweggr\u00fcnde und Triebkr\u00e4fte wahrnahm, die Menschen bestimmten:<\/p>\n<p>Einer fragt nach den Regeln und nach der Kraft des Glaubens. Christus aber zwingt ihn, seine \u2013 eventuell t\u00e4uschende \u2013 Fassade scheinbarer Gelehrsamkeit abzulegen, indem er mit der Gegenfrage, mit der Wissensfrage antwortet: \u201eWas steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?\u201c (Lk 10,26). Aber dabei herausfordert zu benennen, worauf der Frager wirklich vertraut.<\/p>\n<p>Die Verhei\u00dfung solcher F\u00e4higkeit ist die Botschaft des diesj\u00e4hrigen Pfingstfestes:<br \/>\nBeschenkt vom Geist Gottes k\u00f6nnen wir die Hoffnung haben,<br \/>\nin mancher Situation \u2013 immer wieder einmal \u2013 den Sinn Christi als eigene M\u00f6glichkeit zu erleben,<br \/>\nden Durchblick Christi,<br \/>\nden Verstand Christi zu \u201ebesitzen\u201c \u2013 ja: zu \u201ebesitzen\u201c.<\/p>\n<p>Die beiden gegens\u00e4tzlichen Reihen des Paulus lehren uns, dass wir diese F\u00e4higkeit geschenkt bekommen k\u00f6nnen,<br \/>\nwenn wir uns nicht auf die normalen Geistgaben, die uns nicht zu Gottes Geist f\u00fchren werden,<br \/>\nwenn wir uns nicht an die gelehrten Worte der \u00fcblichen Menschenweisheit halten,<br \/>\nwenn wir nicht dem Geist der Welt folgen<br \/>\nsondern<br \/>\nwenn wir uns dem Heiligen Geist von Gott \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Wir alle kennen das mit Blick auf andere Menschen: Wie lange oft lassen wir uns von ihnen t\u00e4uschen, von ihren falschen Fassaden, von ihrem Auftreten, von ihrem materiellen Reichtum, von ihrem \u00e4u\u00dferlichen Erfolg. Den Durchblick vom Geist Gottes her erlangen wir oft ganz pl\u00f6tzlich, wenn wir die andere Person in ihrer inneren Unruhe, in ihren \u00c4ngsten, in ihrer Not wahrnehmen.<\/p>\n<p>Und wenn uns der Heilige Geist von Gott her solcherart die Augen \u00f6ffnet, dann werden wir nicht siegesbewusst und \u00fcberlegen werden sondern die Hilfsnotwendigkeit der anderen Person wahrnehmen und ihr unsere Zuwendung und Unterst\u00fctzung nicht verweigern. Dann wird Pfingsten werden \u2013 f\u00fcr uns beide. In diesem Sinne sollten wir singen:<\/p>\n<p>\u201eDu bist ein Geist der Liebe,<br \/>\nein Freund der Freundlichkeit,<br \/>\nwillst nicht, dass uns betr\u00fcbe<br \/>\nZorn, Zank, Ha\u00df, Neid und Streit.<br \/>\nDer Feindschaft bist du feind,<br \/>\nwillst, dass durch Liebesflammen<br \/>\nsich wieder tun zusammen,<br \/>\ndie voller Zwietracht seind.<\/p>\n<p>Du, Herr, hast selbst in H\u00e4nden<br \/>\ndie ganze weite Welt,<br \/>\nkannst Menschenherzen wenden,<br \/>\nwie dir es wohlgef\u00e4llt;<br \/>\nso gib doch deine Gnad<br \/>\nzu Fried und Liebesbanden,<br \/>\nverkn\u00fcpf in allen Landen,<br \/>\nwas sich getrennet hat.<\/p>\n<p>Erhebe dich und steu\u2019re<br \/>\ndem Herzleid auf der Erd,<br \/>\nbring wieder und erneu\u2019re<br \/>\ndie Wohlfahrt deiner Herd.<br \/>\nLa\u00df bl\u00fchen wie zuvor<br \/>\ndie L\u00e4nder, so verheeret,<br \/>\ndie Kirchen, so zerst\u00f6ret<br \/>\ndurch Krieg und Feuerszorn.<\/p>\n<p>Beschirm die Obrigkeiten,<br \/>\nricht auf des Rechtes Thron,<br \/>\nsteh treulich uns zur Seiten;<br \/>\nschm\u00fcck wie mit einer Kron<br \/>\ndie Alten mit Verstand,<br \/>\nmit Fr\u00f6mmigkeit die Jugend,<br \/>\nmit Gottesfurcht und Tugend<br \/>\ndas Volk im ganzen Land\u201c (Paul Gerhardt, 1653, EG 133,7-10).<\/p>\n<p>Das w\u00fcnsche ich mir zum diesj\u00e4hrigen Pfingstfest.<br \/>\nDas w\u00fcnsche ich Ihnen zum diesj\u00e4hrigen Pfingstfest.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Dr. Rainer Stahl<br \/>\nErlangen, Martin-Luther-Bund<br \/>\n<a href=\"mailto:rs@martin-luther-bund.de\">rs@martin-luther-bund.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu 1. 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