{"id":11184,"date":"2021-02-07T19:49:10","date_gmt":"2021-02-07T19:49:10","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11184"},"modified":"2023-01-30T11:29:39","modified_gmt":"2023-01-30T10:29:39","slug":"apostelgeschichte-21-41","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-21-41\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 2,1\u201341"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Muttersprache | Pfingsten |\u00a0Apg 2,1\u201341 | Erik Bredmose Simonsen |<\/h3>\n<p>In der Sprache entsteht die Welt. Das Kind lernt die Welt durch die Sprache kennen. F\u00fcr das Kind, das noch keine Sprache hat, besteht alles nur aus unbestimmten Formen. Das Kind sieht eine ganze Menge, aber es wei\u00df noch nicht, was das ist, was es sieht. Dieses Wissen kommt erst, wenn das Kind beginnt, die Dinge voneinander zu unterscheiden und den verschiedenen Dingen, die es sieht, Namen zu geben.<\/p>\n<p>Recht besehen ist das ein phantastischer Prozess, eine phantastische Entwicklung, die das Kind durchmacht, wenn es nach und nach mit den Nuancen der Sprache vertraut wird, so dass es in wachsendem Ma\u00dfe imstande ist, alles, was es sieht, in verschiedene Kategorien einzuteilen: Menschen, Tiere, H\u00e4user, Autos usw.<\/p>\n<p>Nun beginnt das Kind ja aber nicht damit diese \u00fcbergeordneten Kategorien kennen zu lernen. Es beginnt vielmehr mit dem, was ihm ganz nahe ist und was konkret ist, was es tagt\u00e4glich sehen, h\u00f6ren, merken und f\u00fchlen kann: Mutter, Vater, Gro\u00dfmutter, Gro\u00dfvater, Schwester Karen, den Hund Fido usw.<\/p>\n<p>Und nun entwickelt es sich von hier aus: Zuerst nennt das Kind alle Hunde, die es sieht, \u201eFido\u201c, lernt dann aber, dass alle anderen Hunde als Fido also \u201eHund\u201c hei\u00dfen; dann f\u00e4ngt das Kind an, mit der neu erworbenen Einsicht alle vierbeinigen Wesen Hund zu nennen, woraufhin es wiederum belehrt wird, dass das nicht alles Hunde sind, sondern Pferde, K\u00fche, Schafe, Katzen und Kaninchen.<\/p>\n<p>Und dann lernt es weitere Unterscheidungen, so dass es z.B. innerhalb der Kategorie Hund erkennt, dass es etwas gibt, was \u201ePudel\u201c, \u201eSch\u00e4ferhund\u201c, \u201eLabrador\u201c hei\u00dft, usw.<\/p>\n<p>Die Welt des Kindes wird immer gr\u00f6\u00dfer und immer nuancierter, w\u00e4hrend es in die Sprache hineinw\u00e4chst, und umgekehrt wird das Kind durch die Sprache mit seiner Welt allm\u00e4hlich vertraut.<\/p>\n<p>Aber die Sprache besteht nicht nur aus Bezeichnungen f\u00fcr das, was wir sehen. Mit ihrer Hilfe k\u00f6nnen wir auch unsere Bed\u00fcrfnisse ausdr\u00fccken, z.B. wenn wir Hunger haben oder durstig sind, wenn wir schl\u00e4frig sind oder wenn uns etwas weh tut, und wir k\u00f6nnen Gef\u00fchle ausdr\u00fccken, wenn wir froh sind, wenn wir traurig sind usw.<\/p>\n<p>Die Muttersprache ist unsere Herzenssprache,<br \/>\nnur lose ist all fremde Rede,<br \/>\nsie allein in Mund und Buch<br \/>\nkann ein Volk wach machen.<\/p>\n<p>So singen wir mit Grundtvig in einem seiner volkst\u00fcmlichen Lieder. Die Muttersprache ist die Sprache, in der wir aufgewachsen sind, in der wir unsere Welt kennen gelernt haben und in der wir gelernt haben, uns in Lust und Not auszudr\u00fccken, in Leid und Freud. Und \u00fcber die Muttersprache teilen wir unser Leben mit anderen, wenn wir miteinander reden.<\/p>\n<p>Wenn Grundtvig sagt: \u201enur lose ist all fremde Rede\u201c, dann liegt darin keinerlei Verachtung f\u00fcr andere Sprachen, sondern nur das ganz Fundamentale, dass die Muttersprache f\u00fcr jeden \u2013 ist man nun Deutscher, Russe, Chinese oder D\u00e4ne \u2013 Herzenssprache ist.<\/p>\n<p>Die Muttersprache ist diejenige Sprache, in die wir alle hineingewachsen sind, sie hat uns geformt und sie hat daran mitgewirkt, dass wir die sind, die wir nun einmal sind. Und in unserer Muttersprache k\u00f6nnen wir uns \u00fcber alles, was Bedeutung f\u00fcr uns hat, \u00fcber das Gro\u00dfe und das das Tiefe, ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>All dies zog Gott in Betracht, als er seinen Geist in die Welt schickte. Wir haben in der Lesung aus der Apostelgeschichte geh\u00f6rt, wie der Heilige Geist zu den Aposteln kam, die bange, mutlos und verzagt in einem Haus in Jerusalem sa\u00dfen. Es erregte einiges Aufsehen, denn der Geist kam, so dass man es h\u00f6ren und merken konnte: Es kam ein Brausen vom Himmel wie von einem heftigen Windsto\u00df, und es erf\u00fcllte das ganze Haus, in dem sie sa\u00dfen, und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, verteilten sich und setzten sich auf einen jeden von ihnen.<\/p>\n<p>All dies war an sich schon bemerkenswert, aber am meisten Aufsehen erregte doch die Wirkung dieses Ereignisses, denn mit einem Mal begannen die J\u00fcnger, in anderen Sprachen zu predigen, so dass sie verstanden werden konnten von den vielen verschiedenen V\u00f6lkern und Nationalit\u00e4ten, die in Jerusalem versammelt waren, um das Pfingstfest zu feiern. Die Verwunderung und Verwirrung waren gro\u00df, als jedermann die J\u00fcnger das Evangelium in seiner eigenen Muttersprache verk\u00fcnden h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Und fast h\u00e4tte ich gesagt, dass es nat\u00fcrlich so hat sein m\u00fcssen, denn das Evangelium verbindet sich mit der Welt, wie sie ist, und mit den Menschen in der Welt, wie sie sind und wo sie sind.<\/p>\n<p>Der Heilge Geist schafft eine neue und geistliche Wirklichkeit, die uns aus der gew\u00f6hnlichen Welt heraushebt und \u00fcber sie erhebt, und er bedient sich keiner besonders heiligen oder g\u00f6ttlichen Sprache, sondern tr\u00e4gt das Wort Gottes hinaus in die Welt in unseren Sprachen, auf dass ein jeder es h\u00f6ren und es als lebendige und lebenspendende Rede zu sich nehmen kann, ohne dass damit besondere F\u00e4higkeiten oder Vorkenntnisse verbunden sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Heilige Geist ist gekommen, um unsere Ohren und Augen zu \u00f6ffnen f\u00fcr die Wirklichkeit und Wahrheit, die der Welt in Jesus Christus zuteil wurde. Und das kann nat\u00fcrlich nur durch unsere Herzenssprache geschehen \u2013 wie sonst sollten wir damit irgend etwas Echtes und Relevantes verbinden k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Durch seinen Sohn Jesus Christus verband Gott sich ganz konkret in Fleisch und Blut mit der Welt. Die Welt wurde \u2013 mitten in all dem, was sie zu spalten und zu zerst\u00f6ren droht \u2013 zu einem guten Ort. Auf diese Weise schloss Gott einen neuen Pakt mit der Menschheit. Wir h\u00f6rten in der Lesung vorhin, wie der Mensch ungehorsom war gegen\u00fcber dem alten Pakt, dem Pakt, der auf dem Berg Sinai geschlossen wurde, als Moses die Zehn Gebote erhielt. Der alte Pakt beruhte auf einem gegenseitigen Verh\u00e4ltnis: der Mensch hatte das Gesetz zu halten, dann w\u00fcrde Gott mit ihm sein. Aber die Menschheit konnte also ihren Teil des Pakts nicht einhalten. So wie der alte Pakt zusammengesetzt war, h\u00e4tte man also erwarten k\u00f6nnen, dass Gott den ungehorsamen Menschen nur aufgeben und verwerfen w\u00fcrde. Das tat er aber nicht, dazu war seine Liebe zur Sch\u00f6pfung zu gro\u00df. Gott bot sozusagen die andere Backe dar und schenkte uns eine neue M\u00f6glichkeit. Gott errichtete einen neuen Pakt, der nicht auf Gegenseitigkeit gebaut war, sondern allein auf seine Liebe. Er sandte seinen Sohn in die Welt, damit er in Gehorsam gegen seinen Vater im Himmel f\u00fcr die Menschheit das Leben leben sollte, das der Mensch nicht leben wollte und konnte. Und dieser Pakt wurde endg\u00fcltig besiegelt, als Jesus am Kreuz sein Leben hingab. Er gab seinen Leib und sein Blut f\u00fcr uns, wie es im Abendmahlsritual hei\u00dft. Jedesmal wenn wir das Abendmahl feiern, wird uns best\u00e4tigt, dass sein neuer Pakt mit uns feststeht. Und wir brauchen nicht mehr etwas zu leisten, denn Christus hat alles f\u00fcr uns getan. Das Einzige, was wir sollen, ist dies, dass wir das alles annehmen und daran glauben, dass das, was er damals tat, auch uns hier und heute gilt.<\/p>\n<p>Gott hat sich in Jesus Christus mit der Welt eins gemacht, womit er f\u00fcr sie eingestanden ist. Und dadurch hat Gott dann auch zu uns gesagt, dass wir nicht danach trachten sollen, die Welt hinter uns zu lassen, sondern dass wir im Gegenteil leben und unseren Einsatz hier leisten sollen. Es gibt f\u00fcr den Menschen keinen besseren Ort, an dem er leben kann, als genau hier auf Gottes gr\u00fcner Erde. Hier sollen wir miteinander leben in Verantwortung und Liebe, \u2013 und wenn wir anderer Meinung sind, ja, dann lassen wir nicht blo\u00df unseren N\u00e4chsten im Stich, wir verachten auch all das, was Jesus Christus f\u00fcr uns getan hat.<\/p>\n<p>Der Heilige Geist f\u00e4hrt dort fort, wo Jesus aufh\u00f6rte, k\u00f6nnten wir sagen.<\/p>\n<p>Als Jesus gen Himmel gefahren war, sandte er stattdessen seinen Geist in die Welt, auf dass er uns weiterhin nahe sein konnte und auf dass der neue Pakt in der ganzen Welt bekannt werden konnte.<\/p>\n<p>Der Heilige Geist tr\u00e4gt das Wort Gottes weiter in die Welt, und er ist keinerlei Einschr\u00e4nkungen ausgesezt, ja er entfernt die Grenzen, die es geben mag. Wie Jesus in diese zweideutige Welt ging und sich mit ihr, wie sie ist, verband, so kommt auch der Heilige Geist zu uns, ohne sich zu fein zu f\u00fchlen. Auch er verbindet sich mit der Welt, wie sie ist.<\/p>\n<p>Der Heilige Geist ist keine handgreifliche Gr\u00f6\u00dfe, die einzufangen und zu beobachten w\u00e4re, aber seine Wirkungen sind sichtbar und h\u00f6rbar, indem er sich mit Menschen verbindet und sie zum Reden bringt und dazu, die frohe Botschaft von der Liebe Gottes und dem neuen Pakt weiterzuerz\u00e4hlen, so wie es an jenem Pfingstag vor zweitausend Jahren geschah, als die Apostel pl\u00f6tzlich anfingen, in allen m\u00f6glichen Sprachen der Welt zu predigen.<\/p>\n<p>Der Heilige Geist bedient sich der gew\u00f6hnlichen Menschensprache, der ganz gew\u00f6hnlichen einfachen Alltagssprache, die wir gebrauchen, wenn wir t\u00e4glich miteinander reden: der Muttersprache. Und durch sie bahnt er sich einen Weg in der Welt von Mensch zu Mensch.<\/p>\n<p>Deshalb k\u00f6nnen wir seine Sprache h\u00f6ren und verstehen, wenn wir denn unsere Ohren f\u00fcr sie \u00f6ffnen wollen. Wir sollen uns m.a.W. nicht so sehr darauf konzentrieren, was wir unter dem Heiligen Geist zu verstehen haben, sondern darauf, uns f\u00fcr eine Wirkungen unter uns und in uns zu \u00f6ffnen. Es ist eine frohe neue Botschaft, die er uns bringt und die wir nach seinem Willen weitergeben sollen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Stil1\" align=\"left\"><strong>Pastor Erik Bredmose Simonsen <\/strong><br \/>\n<strong>Pr\u00e6stebakken 11<br \/>\n<\/strong><strong>DK-8680 Ry<br \/>\n<\/strong><strong>Tel.: +45 86 89 14 17<br \/>\n<\/strong><strong>E.mail: <a href=\"mailto:ebs@km.dk\">ebs@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Muttersprache | Pfingsten |\u00a0Apg 2,1\u201341 | Erik Bredmose Simonsen | In der Sprache entsteht die Welt. Das Kind lernt die Welt durch die Sprache kennen. 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