{"id":11211,"date":"2021-02-07T19:49:06","date_gmt":"2021-02-07T19:49:06","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11211"},"modified":"2023-02-03T09:48:16","modified_gmt":"2023-02-03T08:48:16","slug":"lukas-1213-21-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1213-21-3\/","title":{"rendered":"Lukas 12,13-21"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach Trinitatis, 18. Juni 2006<br \/>\nPredigt zu Lukas 12,13-21, verfasst von Niels Henrik Arendt (D\u00e4nemark) <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Memento mori &#8211; denke daran, dass du sterben musst. Das waren die beiden einzigen Worte, die die M\u00f6nche des Trappistenordens zueinander sagen durften, wenn sie sich auf den G\u00e4ngen des Klosters begegneten. In einem gewissen Sinne ist das ein Teil der Botschaft in Jesu Gleichnis von dem reichen Kornbauer. Denn genau das hatte der Bauer vergessen. Und es ist eine Botschaft, die heute noch wichtiger ist als damals im Mittelalter. Wir reden heute zwar offener vom Tode, als man es noch vor nur einem Jahrzehnt tat. Und das ist gut so. Aber in einem anderen Sinne ist uns diese Tatsache: die Endlichkeit des Lebens, ferner als jemals zuvor. In einem gro\u00dfen Teil der Besch\u00e4ftigung der letzten Jahre mit Organtransplantation, Screening der gesamten Bev\u00f6lkerung, Forschung \u00fcber das Gen des Alters usw. ist ein Unterton zu sp\u00fcren, dass das Leben eines Tages doch nicht einfach vorbei sein kann. Jedenfalls nicht, ehe wir selbst meinen, wir seien damit fertig.<\/p>\n<p>Ich habe vor einiger Zeit an einer Diskussion \u00fcber Organtransplantiation teilgenommen und gebrauchte in diesem Zusammenhang den Ausdruck, es herrsche &#8222;Mangel an Organen&#8220;. Ein Zuh\u00f6rer reagierte prompt: Es gebe keinen Mangel an Organen! Seines Wissens h\u00e4tten wir alle die Organe bekommen, die wir n\u00f6tig h\u00e4tten, so dass es genau so viele Organe gebe wie n\u00f6tig. Das Problem sei, dass wir uns nicht damit abfinden wollten, dass sie mit begrenzter Haltbarkeit geliefert w\u00fcrden und wir deshalb versuchten, um diese Tatsache herumzukommen, indem wir einige davon zweimal gebrauchten.<\/p>\n<p>Man m\u00f6ge mich nicht missverstehen: ich bin kein Gegner der Organtransplantation. Aber ich bin beunruhigt angesichts der Verdr\u00e4ngung der Verwundbarkeit des Lebens, die Voraussetzung f\u00fcr oder Folge von moderner Behandlungstechnologie zu sein scheint. Bis auf unsere Zeit haben die Menschen gewusst und anerkannt, dass das Leben verwundbar ist. Und das hat immerhin bewirkt, dass sie dem Leben gegen\u00fcber ab und an eine Aufmerksamkeit an den Tag legten, die heute oft verloren scheint. Was geschieht, wenn dieses Wissen um die Verwundbarkeit des Lebens verdr\u00e4ngt wird? Ja, dann sind wir &#8211; in aller K\u00fcrze gesagt &#8211; weniger geeignet zum Leben, das Leben zu bestehen, wenn es anders verl\u00e4uft, als wir vorausberechnet hatten. Und wir sind weniger imstande zur Aufmerksamkeit anderen gegen\u00fcber, wenn es sie trifft. Das ist der Preis f\u00fcr all das, was wir heute k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir glauben, wir k\u00f6nnten uns absichern. Und wir wiegen uns in falscher Sicherheit. Ein Arzt hat nachgewiesen, wie die enormen Summen, die hierzulande f\u00fcr sogenannte vorbeugende Screenings, also f\u00fcr gro\u00dfe Untersuchungen der Bev\u00f6lkerung, ausgegeben werden, hinsichtlich unseres Gesundheitszustandes keine entscheidende Bedeutung haben, sondern uns oft nur ein falsches Sicherheitsgef\u00fchl vermitteln oder eben einen falschen Schreck einjagen, weil sie mit gro\u00dfer Unsicherheit verbunden sind &#8211; davon aber wissen die Leute nichts. In einer kleineren Stadt f\u00fchrte man 30 aufeinander folgende Screenings an tausend im \u00fcbrigen gesunden Menschen durch. Das Ergebnis war, dass 90% von ihnen faktisch in die Hochrisikogruppe f\u00fcr irgendeine ernsthafte Krankheit geh\u00f6rten. H\u00e4tte man ein paar Untersuchungen mehr gemacht, h\u00e4tte man die 100% erreicht. Und das ist selbstverst\u00e4ndlich wissenschaftlich korrekt: wir geh\u00f6ren alle zur Hochrisikogruppe derer, die eines Tages sterben m\u00fcssen. Die Leute wollen die Untersuchungen dennoch haben, obwohl sie ihr Leben mit Unruhe oder mit zweifelhalt begr\u00fcndeter Sicherheit f\u00fcllen. Und: obwohl dieses ganze Geschrei um den quantitativen Umfang des Lebens ihre Aufmerksamkeit von dem ablenkt, was das Leben ist: N\u00e4he, Gemeinschaft mit anderen Menschen, Aufmerksamkeit f\u00fcr das, was Gott f\u00fcr uns will. Und in genau diesem Punkt gleichen wir dem reichen Kornbauern in dem Gleichnis Jesu. Wir handeln, als ob das Leben etwas w\u00e4re, was wir besitzen, genauso wie der Kornbauer von der Erwartung aus plante, dass das Leben ihm im selben Ma\u00dfe geh\u00f6rte, wie sein Korn und seine gef\u00fcllten Scheunen ihm geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Ein d\u00e4nisches Fernsehspiel aus den 70ern bietet eine \u00dcbersetzung des Gleichnisses von dem reichen Kornbauern in das D\u00e4nemark unserer Zeit. In dem St\u00fcck m\u00f6chte der sympathische Fabrikant Daniel, der sich sein Leben lang geschunden hat und so ein wohlhabender Mann geworden ist, sich zur Ruhe setzen, die Fr\u00fcchte seiner jahrelangen Anstrengungen genie\u00dfen, um mit der Familie zusammen zu sein, die er in all den betriebsamen Jahren nur allzu selten gesehen hat. Aber als seine Frau vorschl\u00e4gt, eine Lebensversicherung abzuschlie\u00dfen, zeigen die \u00e4rztlichen Untersuchungen, dass er ein Geschwulst im Gehirn und nur noch kurze Zeit zu leben hat. Man folgt ihm nun in dem schmerzvollen Prozess, in dem er die bittere Erkenntnis machen muss, dass sein Leben in mehr als einem Sinne kein gutes Leben gewesen ist, weil er ununterbrochen aufgeschoben hat, sein Leben in Wirklichkeit zu leben, bis es zu sp\u00e4t war. Daniel f\u00fchlt, dass es sinnlos ist, dass das Leben nichts mehr f\u00fcr ihn bereit hat, gerade jetzt, wo er es genie\u00dfen will. Er ist bitter und entt\u00e4uscht. Aber das ist ja ganz und gar der reiche Kornbauer in neuem Gewande, abgesehen davon, dass Daniel ein durch und durch sympathischer Mensch ist &#8211; wir wissen nichts dar\u00fcber, ob der Bauer das auch war &#8211; aber warum eigentlich nicht? Daniel ist auch weitestgehend ein Bild des gew\u00f6hnlichen D\u00e4nen.<\/p>\n<p>Dieser flei\u00dfige und sympathische D\u00e4ne ist, was das Evangelium einen Toren nennt, weil er Leben so auffasst und eingerichtet hat, als w\u00e4re es etwas, wor\u00fcber er frei verf\u00fcgen k\u00f6nnte. Weil er erwartet, dass es erst vorbei ist, wenn er ganz satt geworden ist. Aber nun ist es eben einfach so, dass wir sterben m\u00fcssen. Und das m\u00fcsste unsere Aufmerksamkeit eigentlich darauf richten, wozu wir dieses Leben gebrauchen, solange wir es haben, in einem v\u00f6llig anderen Umfang, als wir es jetzt tun.<\/p>\n<p>Jesus erz\u00e4hlt das Gleichnis von dem reichen Kornbauern nicht mit der geringsten Schadenfreude oder, wie wenn er jetzt seine J\u00fcnger dar\u00fcber belehren wollte, wie sich alles letzten Endes in einer h\u00f6heren Einheit ausgleicht.<\/p>\n<p>Der reiche Kornbauer musste sterben &#8211; wie jeder von uns. Und das bedeutet ganz einfach, dass das Leben nicht sein Eigentum war, nicht etwas, womit er rechnen oder worauf er Anspruch erheben konnte, und dass er seinen Reichtum nicht mit sich nehmen konnte. Wieviel hat er hinterlassen? wurde einmal ein Rechtsanwalt gefragt in Bezug auf jemanden, der kurz zuvor verstorben war. Alles, antwortete der Rechtsanwalt.<\/p>\n<p>Das ist die Lehre, die der Tod jeden uns lehren sollte. Das ist die Lehre, die anzunehmen uns schwerer f\u00e4llt als irgend etwas sonst. Und u.a. aus diesem Grunde liegt uns so sehr daran, das Leben zu verl\u00e4ngern. Nicht dass das an sich schon verkehrt w\u00e4re. Aber es wird verkehrt, wenn es zur Sache selbst wird. Wenn das, wozu das Leben gebraucht werden soll, am Horizont verschwindet.<\/p>\n<p>Jesu Gleichnis ist nicht so sehr ein &#8222;memento mori&#8220; als vielmehr ein &#8222;memento vivere&#8220; &#8211; denke daran, zu leben, und selbstverst\u00e4ndlich: auf die richtige Weise zu leben. Das Leben ist nicht dein Eigentum. Das Leben ist nicht etwas, wozu du ein Recht h\u00e4ttest. Ist es billig, dass ich jetzt sterben muss, fragt der Bauer. Aber die richtige Frage lautet nat\u00fcrlich: ist es billig, dass wir leben? Das Leben zu behandeln, als ob man es bes\u00e4\u00dfe, hei\u00dft vergessen, dass man sterben muss. Daran denken, dass man sterben muss, sollte vielmehr in uns auch das Bewusstsein wecken f\u00fcr das grundlose, unglaubliche Geschenk: dass wir das Leben in diesem Augenblick haben, es zu gebrauchen, von ihm abzugeben. Denn das ist der Sinn des Lebens; es ist Gottes Sinn mit dem Leben, des Gottes, der es uns geschenkt hat: dass wir es gebrauchen sollen, dass wir es ausgeben sollen, dass wir davon abgeben sollen &#8211; nicht erst morgen, sondern jetzt, hier und jetzt. Sobald wir nicht davon abgeben wollen, weil wir andere Pl\u00e4ne damit haben, sind wir von derselben Torheit gefangen wie der reiche Bauer.<\/p>\n<p>Sterben m\u00fcssen wir &#8211; aber davon k\u00f6nnen wir lernen, dass das Leben ein unverdientes Geschenk ist. Der Tod ist eine Erinnerung daran, wer allein und anhaltend alles Recht hat und haben wird &#8211; im Leben und \u00fcber das Leben. Der Tod bedeutet, dass uns das Steuer aus der Hand genommen wird. Das erf\u00fcllt uns mit Furcht. Aber das Evangelium will haben, dass es uns mit Freude erf\u00fcllt. Das Evangelium will, dass wir erfahren: &#8222;Wenn das Dunkel schwindet, das Seelenweh, sag ich\u2019s neu: Dein Wille, mein Gott, gescheh&#8220; (Lied 629,3, Jakob Knudsen). Wenn Gott das Steuer ergreift, d\u00fcrfen wir uns damit begn\u00fcgen, das Leben zu empfangen und uns dar\u00fcber zu freuen. Und der gr\u00f6\u00dfte Grund zur Freude ist, dass selbst der Tag, den wir am meisten f\u00fcrchten, der Tag, an dem wir endg\u00fcltig das Steuer aus der Hand geben m\u00fcssen, an dem Gott nimmt, was sein ist, dass dieser Tag im Grunde dasselbe bedeutet; dass er die Macht hat und dass wir in allem auf ihm ruhen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\nRibe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<br \/>\nTel.: +45 74 52 20 25<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\">nha@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Trinitatis, 18. Juni 2006 Predigt zu Lukas 12,13-21, verfasst von Niels Henrik Arendt (D\u00e4nemark) Memento mori &#8211; denke daran, dass du sterben musst. Das waren die beiden einzigen Worte, die die M\u00f6nche des Trappistenordens zueinander sagen durften, wenn sie sich auf den G\u00e4ngen des Klosters begegneten. 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