{"id":11216,"date":"2021-02-07T19:49:02","date_gmt":"2021-02-07T19:49:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11216"},"modified":"2023-02-05T22:59:35","modified_gmt":"2023-02-05T21:59:35","slug":"1-korinther-14-1-3-20-25-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-14-1-3-20-25-2\/","title":{"rendered":"1. Korinther 14, 1-3.20-25"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">2. Sonntag nach Trinitatis, 25. Juni 2006<br \/>\nPredigt zu 1. Korinther 14, 1-3.20-25, verfasst von Walter Meyer-Roscher<\/span><\/b><\/h3>\n<p>In einem Theaterst\u00fcck des Dramatikers und Gesellschaftskritikers Franz Xaver Kroetz, das gerade in M\u00fcnchen seine Urauff\u00fchrung erlebt, sitzt der Souffleur in der ersten Reihe im Zuschauerraum. Er hat ein Pult mit dem Text vor sich und ein Mikrofon in der Hand. Vier Schauspieler sitzen in seiner N\u00e4he und jeder starrt in einen farbigen Plastik-Fernsehkasten.<\/p>\n<p>In der Kritik einer gro\u00dfen deutschen Tageszeitung wird dann weiter berichtet: \u201eWenn der Souffleur schreit: \u201aBeten!\u2019, dann beten sie, wenn er schreit: \u201aGrinsen!\u2019, dann grinsen sie, wenn er schreit: \u201aW\u00e4hlen!\u2019, dann w\u00e4hlen sie, machen ihr Staatsb\u00fcrgerpflichtskreuz auf dem Boden, auf den Fernsehern, auf den Sesseln, ja selbst auf ihren entbl\u00f6\u00dften Hinterbacken. Zwischen dem oft und oft vom Souffleur wiederholten &#8222;\u2019W\u00e4hlen!\u2019 plappern sie panisch und mechanisch nach, was durch ihre K\u00f6pfe beim Zappen rauscht: \u201aDeutschland!\u2019, \u201aSparpolitik!\u2019 \u201aZukunft!\u2019, \u201aWir brauchen mehr Kinder!\u2019. \u2019Deutschland muss ein Land der Ideen werden!\u2019 und so weiter. Die vier M\u00e4nner sind \u201aDr\u00fccker\u2019, ihr Leben besteht aus dauerndem Dr\u00fccken der Fernbedienung. Und was das Fernsehen ihnen vormacht und vorsagt, das machen und sagen sie nach.\u201c<\/p>\n<p>Werden wir tats\u00e4chlich schon so exzessiv durch Medienkonsum ferngesteuert? Sind unsere K\u00f6pfe schon mit vorgekauten Meinungen und vorgefertigten Entscheidungen so \u201everf\u00fcllt\u201c und unsere Ohren vom Dauerton medialer Kommunikation so zugedr\u00f6hnt, wie diese Gesellschafts- und Medienkritik uns weismachen will?<\/p>\n<p>Die Dichterin Nelly Sachs hat in einer sehr viel hintergr\u00fcndigeren Zukunftsvision schon vor Jahrzehnten gefragt, was wohl geschehen w\u00fcrde, wenn einmal der L\u00e4rm der vielen Stimmen, die auf uns einreden, pl\u00f6tzlich verstummen, wenn es still w\u00fcrde wie in einer nicht enden wollenden Nacht:<\/p>\n<p>\u201eWenn die Propheten einbr\u00e4chen durch T\u00fcren der Nacht \u2013<br \/>\nOhr der Menschheit, w\u00fcrdest du h\u00f6ren?<br \/>\nWenn die Propheten aufst\u00fcnden in der Nacht der Menschheit \u2013<br \/>\nW\u00fcrdest du ein Herz zu vergeben haben?\u201c<\/p>\n<p>So viele Fragen! Die selbsternannten Propheten, die uns im L\u00e4rm des Alltags bedr\u00e4ngen und doch nichts weiter sind als Souffleure, die uns von selbst\u00e4ndigem Denken und eigenen Entscheidungen abhalten, sind an einer Antwort auf diese Fragen nicht interessiert. Die Propheten der Macht und die Bef\u00fcrworter brutaler Gewalt, die Propheten eines rein wirtschaftlichen Denkens in roten und schwarzen Zahlen, die Anbeter steigender Aktienkurse und die Propheten eines bedenkenlosen Egoismus kennen nur eine Maxime: Es muss sich rechnen und es muss sich auszahlen. Nein, diese Propheten werden uns keinen Ausweg aus einem fremdbestimmten und ferngesteuerten Leben weisen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Paulus beschw\u00f6rt die prophetische Rede als die einzig hilfreiche Antwort, die eine christliche Gemeinde auf die dr\u00e4ngenden Lebensfragen geben kann. Ihre Aufgabe ist nicht das Soufflieren g\u00e4ngiger Trends, ihre Aufgabe ist es vielmehr, den Menschen \u201ezur Erbauung, zur Ermahnung und zur Tr\u00f6stung\u201c zu reden.<\/p>\n<p>Paulus redet die ganze Gemeinde an. Er meint alle, die sich im Gottesdienst versammeln, in der Gemeinde mitarbeiten und mit der Gemeinde leben. Alle sind empf\u00e4nglich f\u00fcr die \u201eGaben des Geistes\u201c. Sie k\u00f6nnen sich f\u00fcr Gottes Geist offen halten, sie sollen sich um die Gaben des Geistes bem\u00fchen \u2013 mit Ohren, die sie \u00f6ffnen und mit Herzen, die sie vergeben, verschenken k\u00f6nnen.<br \/>\n\u201eWenn die Propheten<br \/>\nden Z\u00f6gernden zu essen geben,<br \/>\nden Zaghaften reinen Wein einschenken,<br \/>\nbeim Namen nennen,<br \/>\nwas Kummer macht.<\/p>\n<p>Wenn die Propheten<br \/>\nden Schweigenden ein Stichwort geben,<br \/>\nden Hoffnungslosen<br \/>\nSchritte zeigen auf festem Grund<\/p>\n<p>Du da!<br \/>\nIn Schuhen gehend<br \/>\nauf d\u00fcnner Erdenhaut:<br \/>\nIn deinem Munde gl\u00fcht<br \/>\nein Feuerwort,<br \/>\nauch deine Zunge taugt<br \/>\nzum Feueranz\u00fcnden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir stehen auf d\u00fcnner Erdenhaut\u201c hat Arnim Juhre seine Sammlung von Gedichten und Psalmnachdichtungen genannt. Du da, ruft der Dichter, du gehst weiter auf d\u00fcnner Erdenhaut, und in einem Munde gl\u00fcht ein Feuerwort, Du hast etwas zu sagen \u2013 eine Botschaft, die sich wie in Feuer ausbreiten und andere anstecken k\u00f6nnte: Die vielleicht, die auf schwankendem Grund nicht mehr weiterzugehen wagen; die unsicher geworden sind und \u00e4ngstlich, vielleicht schon resigniert und hoffnungslos zu Boden blicken, aber nicht mehr nach vorn und nicht mehr nach oben sehen.<\/p>\n<p>Aus ihrer Erstarrung k\u00f6nnte die Botschaft auch alle die befreien, die keinen Ausweg aus einem fremdbestimmten und ferngesteuerten Leben mehr zu sehen meinen, deren Ohren und Herzen sich vor dem L\u00e4rm der vielen Stimmen verschlossen haben.<\/p>\n<p>Mit Paulus k\u00f6nnen wir uns sicher sein, dass dieses Feuerwort in allen christlichen Gemeinden entz\u00fcndet wird \u2013 in den Gottesdiensten, im Gemeindeleben und in jedem hilfreichen Einsatz f\u00fcr die, die Hilfe brauchen. Es zu entz\u00fcnden ist kein Privileg besonderer \u00c4mter und Berufe. \u201eDu da \u2013 auch deine Zunge taugt zum Feueranz\u00fcnden\u201c. Alle in der Gemeinde sind gemeint. Alle k\u00f6nnen sich dazu auch berufen f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Eins aber will Paulus ausschlie\u00dfen: Das Feuerwort soll keine ekstatische Religiosit\u00e4t entfachen. Es soll nicht durch \u201eZungenreden\u201c, durch Begeisterung ohne Verstand und ohne Verstehen weitergegeben werden. Begeisterte, die sich in ihrem ekstatischen Glauben den Z\u00f6gernden und Zaghaften, den Schweigenden und Hoffnungslosen nicht verst\u00e4ndlich machen k\u00f6nnen, reihen sich ein in die gro\u00dfe Schar derer, die letzten Endes nur das Leben und Zusammenleben anderer fremd bestimmen und Souffleure bleiben wollen.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4ren doch die vielen Au\u00dfenstehenden und Randsiedler im Umfeld der Kirche, die Kritiker und Skeptiker am Rande einer Gemeinde f\u00fcr Hoffnung und Ermutigung schon empf\u00e4nglich, vielleicht auch f\u00fcr Ermahnung und Wegweisung vor dem Horizont der Gebote Gottes im L\u00e4rm und in der Hetze des Alltags. Ganz sicher aber brauchen sie alle, was Paulus \u201eTr\u00f6stung\u201c nennt \u2013 Licht in einer sich verdunkelnden \u201eNacht der Menschheit\u201c. Zungenreden und \u00c4u\u00dferungen einer in sich verschlossenen, selbstgen\u00fcgsamen Religiosit\u00e4t k\u00f6nnen das nicht bewirken. Die prophetische Weitergabe von Gottes Feuerwort kann es, weil sie den Z\u00f6gernden das Brot des Lebens und den Zaghaften den Wein der Wahrheit anbietet. Das hilft, den von Leid und b\u00f6sen Erfahrungen Niedergebeugten ihren Kummen auszusprechen, und gibt den in sinnloser Hetze und in sorgengeplagtem Alltag Verstummten ein neues Stichwort. Es l\u00e4sst sie auf ihre vielen Fragen die alten Antworten des Glaubens neu erfahren und erproben. Das zeigt den auf d\u00fcnner Erdenhaut \u00e4ngstlich und hoffnungslos Gewordenen Schritte auf festem Grund, neue R\u00e4ume des Lebens und Zusammenlebens, die sich durch N\u00e4chstenliebe, Hilfsbereitschaft und F\u00fcrsorge f\u00fcr andere auftun.<\/p>\n<p>Auch das sind Gaben des Geistes, von den Paulus spricht. Sich um sie zu bem\u00fchen und so nach der Liebe zu streben, lohnt sich \u2013 f\u00fcr uns selbst und f\u00fcr die, die noch auf das Feuerwort warten. Paulus hat es erfahren: In diesem prophetischen Wort ist Gott selbst unter uns. Seine N\u00e4he wirkt einladend und schlie\u00dft auch die Zaghaften und Z\u00f6gernden in die Gemeinschaft einer lebendigen Gemeinde ein.<br \/>\nAmen<\/p>\n<p><strong>Walter Meyer-Roscher<br \/>\nLandessuperintendent i.R.<br \/>\nAdelog Str. 1<br \/>\n31141 Hildesheim<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:meyro-hi@arcor.de\">meyro-hi@arcor.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach Trinitatis, 25. Juni 2006 Predigt zu 1. Korinther 14, 1-3.20-25, verfasst von Walter Meyer-Roscher In einem Theaterst\u00fcck des Dramatikers und Gesellschaftskritikers Franz Xaver Kroetz, das gerade in M\u00fcnchen seine Urauff\u00fchrung erlebt, sitzt der Souffleur in der ersten Reihe im Zuschauerraum. Er hat ein Pult mit dem Text vor sich und ein Mikrofon [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":16525,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[42,409,1,727,853,114,752,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11216","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1-korinther","category-2-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-archiv","category-bibel","category-deut","category-kapitel-14-chapter-14-1-korinther","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11216","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11216"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11216\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16526,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11216\/revisions\/16526"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16525"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11216"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11216"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11216"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11216"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11216"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11216"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11216"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}