{"id":11217,"date":"2021-02-07T19:48:56","date_gmt":"2021-02-07T19:48:56","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11217"},"modified":"2023-02-09T10:08:31","modified_gmt":"2023-02-09T09:08:31","slug":"1-korinther-14-1-3-22-25","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-14-1-3-22-25\/","title":{"rendered":"1. Korinther 14, 1-3.22-25"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">2. Sonntag nach Trinitatis, 25. Juni 2006<br \/>\nPredigt zu 1. Korinther 14, 1-3.22-25, verfasst von Rudolf Rengstorf<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Eine geschlossene Gesellschaft war das, zu der der Gastgeber, von dem wir eben geh\u00f6rt haben, geladen hatte. Die G\u00e4ste waren handverlesen und geh\u00f6rten alle zu den Kreisen der besseren Gesellschaft, in denen der Gastgeber zu Hause war. Doch dann drohte sein Fest zu platzen, weil eine Absage nach der anderen kam. Und er entschied sich kurzerhand daf\u00fcr, die geschlossene in eine offene Gesellschaft umzufunktionieren und alle in sein Haus zu holen, die nichts anders vor hatten. Hauptsache, das Haus wird voll, war seine Devise. Mit leeren Pl\u00e4tzen vor Augen mag ich nicht feiern. Und so lud er sie ein von den Stra\u00dfen und Gassen, von Hecken und Z\u00e4unen: Arme und Behinderte, Stra\u00dfenm\u00e4dchen und Strauchdiebe. Alle waren sie ihm recht; jeder so, dass er mit ihm und ihr feiern wollte.<\/p>\n<p>Bei uns hier in der Kirche sollte es nicht anders zugehen. Und in der Tat: An den T\u00fcren steht nicht: \u201eGeschlossene Gesellschaft\u201c. Unsere Glocken tragen die Einladung an alle Ohren, und die T\u00fcren stehen offen f\u00fcr alle, die eintreten m\u00f6chten. Trotzdem sind wir meist unter uns, viele Pl\u00e4tze bleiben leer. Woran liegt das?<\/p>\n<p>Der Abschnitt, der f\u00fcr die heutige Predigt vorgesehen ist, kann da weiterf\u00fchren. Er steht im ersten Brief, den Paulus an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei die Situation dort v\u00f6llig anders gewesen als bei uns. Da wurde der Gottesdienst von der Zungenrede beherrscht, die bei uns v\u00f6llig aus der \u00dcbung gekommen und h\u00f6chstens noch bei begeisterten Kindern oder Fu\u00dfballanh\u00e4ngern vorkommt. Also bei Menschen, die von einer Begeisterungswoge erfasst und so mitgerissen werden, dass ihnen die Worte fehlen und sie nur mit Stammeln und Lallen ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, wie ihnen ums Herz ist. So ging es den Gemeindegliedern in Korinth damals mit Gott. H\u00f6ren, wir, was Paulus dazu sagt und was, wie ich meine, auch f\u00fcr unsere Gottesdienste ein hilfreicher Fingerzeig sein kann:<\/p>\n<p><em>Strebt nach der Liebe! Bem\u00fcht euch um die Gaben des Geistes,<br \/>\nam meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!<br \/>\nDenn wer in Zungen redet, der redet nicht f\u00fcr Menschen, sondern f\u00fcr Gott.<br \/>\nDenn niemand versteht ihn. Vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen<br \/>\nWer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung<br \/>\nund zur Ermahnung und zur Tr\u00f6stung&#8230;<br \/>\nWenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammen k\u00e4me<br \/>\nund alle redeten in Zungen, es k\u00e4men aber Unkundige oder Ungl\u00e4ubige hinein,<br \/>\nw\u00fcrden sie nicht sagen: Ihr seid von Sinnen?<br \/>\nWenn sie aber alle prophetisch redeten und es k\u00e4me ein Ungl\u00e4ubiger oder<br \/>\nUnkundiger hinein, der w\u00fcrde von allen gepr\u00fcft und \u00fcberf\u00fchrt;<br \/>\nwas in seinem Herzen verborgen ist, w\u00fcrde offenbar, und so w\u00fcrde er niederfallen<br \/>\nauf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist. <\/em><\/p>\n<p>Also, nichts gegen eure Begeisterung f\u00fcr Gott, sagt Paulus. Aber ihr m\u00fcsst darauf achten, dass eure Gottesdienste verst\u00e4ndlich sind. Das geschieht vor allem durch die prophetische Rede. Prophetische Rede, damit meint Paulus nicht das, was wir heute darunter weithin verstehen, n\u00e4mlich die Gabe, die Zukunft vorhersagen zu k\u00f6nnen, also das ansprechen zu k\u00f6nnen, wovon an sich niemand etwas wissen kann. Ganz im Gegensatz dazu zielt prophetische Rede in der Bibel immer auf das, was jetzt dran ist. Was Klarheit schafft in den K\u00f6pfen und zum Ausdruck bringt, was die Menschen im Herzen bewegt. Prophetische Rede spricht so, dass die, die es h\u00f6ren, sagen: Du hast mir aus dem Herzen gesprochen und zwar so, dass wir uns jetzt gemeinsam daran halten k\u00f6nnen. Prophetische Rede bringt die in ihrer Fr\u00f6mmigkeit, ihrer Gottesbegeisterung vereinzelten Menschen zusammen und l\u00e4sst sie zu einer Gemeinde werden, die wei\u00df, was sie will und wozu sie da ist.<\/p>\n<p>An sich m\u00fcsste Paulus &#8211; so sollte man annehmen &#8211; sehr angetan sein von unseren Gottesdienstes. Alles geht vern\u00fcnftig zu in allgemein verst\u00e4ndlicher Sprache. Und alles, was man tun soll, wird einem erkl\u00e4rt oder vorgemacht. Und so wird gew\u00e4hrleistet, dass alle sich gleich verhalten und um Gottes Willen keiner aus der Reihe tanzt und die anderen st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Und nun stelle ich mir vor, Paulus w\u00e4re heute morgen wirklich hier unter uns. Die Ruhe und Ordnung unseres Gottesdienstes w\u00fcrde er gewiss zu sch\u00e4tzen wissen. Und er w\u00fcrde, wenn man ihm das erkl\u00e4rte, auch Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr haben, dass von Begeisterung hier wenig zu sp\u00fcren ist. Norddeutsche sind eben keine Orientalen. Wir brauchen Ruhe und Besinnung, um etwas in unserem Herzen zu bewegen und uns zum Zwiegespr\u00e4ch mit Gott anregen zu lassen.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n, w\u00fcrde Paulus sagen, aber gilt das auch f\u00fcr Eure jungen Leute, die M\u00e4dchen und Jungen hier &#8211; Konfirmanden nennt Ihr sie. Die machen mir nicht den Eindruck, dass sie Eure Lieder, die alten Texte und erst recht nicht die lange wohlformulierte Predigt, bei der nichts passiert, zu sch\u00e4tzen wissen. Seht nur, wie unruhig sie hin und her rutschen, st\u00e4ndig auf die Uhr sehen und ganz offenkundig darauf warten, dass sie wieder raus d\u00fcrfen. Sie kommen, weil sie m\u00fcssen, hat mir einer von ihnen gesagt. F\u00fcr sie ist das, was hier geschieht, mehr eine Prozedur als eine prophetische Rede. Denn dass sie im Herzen getroffen und dazu bewegt werden, einzustimmen in euer Gotteslob. davon ist wirklich nichts zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Naja, w\u00fcrden wir wohl sagen, das ist ja auch ein ganz schwieriges Alter. Aber wenn sie konfirmiert werden und in der Kirche erwachsen sein wollen, m\u00fcssen sie doch etwas vom Gottesdienst wissen und ihn einge\u00fcbt haben. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob Paulus sich mit dieser Erkl\u00e4rung zufrieden geben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Keine Frage, w\u00fcrde er wohl sagen: Hier wird sehr verst\u00e4ndlich gesungen und gebet und auch klug geredet. Aber die innere Erbauung, die die einen dabei erleben, bedeutet den anderen nichts. So war das damals in Korinth auch mit dem Zungenreden, das die von au\u00dfen kommenden nicht verstanden. Und deshalb empfehle ich auch euch: Bem\u00fcht euch um die prophetische Rede, die das Herz anspricht und Gemeinschaft unter euch stiftet.<\/p>\n<p>Und als einem, der auch von au\u00dfen zu euch herein gekommen ist, ist mir gleich aufgefallen, wie sehr man hier unter euch allein bleibt. Gewiss, vorne an der T\u00fcr wurde mir ein Gesangbuch in die Hand gedr\u00fcckt, Doch seitdem bin ich mir selber \u00fcberlassen. Die anderen Leute in der Bank nehmen mich gar nicht wahr. Jeder vermeidet es offenbar mit den anderen Kontakt aufzunehmen. Den meisten Gottesdienstbesuchern kann ich noch nicht einmal ins Gesicht sehen. Ich sehe entweder auf ihren R\u00fccken oder sie auf meinen. Und meint Ihr, das ist reizvoll und \u00fcberzeugend f\u00fcr Menschen, die von au\u00dfen hereinkommen? Ich erlebe eure Freude nicht und nicht das, was euch zu schaffen macht. Ich erlebe kein Lachen, keine Gef\u00fchlsbewegung. \u00dcber all das wird geredet, es kommt zur Sprache, gewiss. Aber das Herz versteht nur, wenn es auch etwas zu sehen und zu sp\u00fcren bekommt.<\/p>\n<p>Ihr singt: \u201eNun daket alle Gott mit Herzen, Mund und H\u00e4nden&#8220;. Aber weder vom Herzen noch von den H\u00e4nden ist etwas zu sp\u00fcren. Ihr reduziert den Menschen in euren Gottesdiensten auf Kopf, Mund und Ohren. Und dann wundert ihr euch, dass Au\u00dfenstehende davon nicht ^angezogen, sondern eher abgesto\u00dfen werden?<\/p>\n<p>Die ganze Klarheit und Verst\u00e4ndlichkeit eures Gottesdienstes hilft euch nicht, wenn ihr nicht beherzigt, womit ich meine Empfehlung zu einem \u00fcberzeugenden Gottesdienst \u00fcberschrieben habe: Strebt nach der Liebe!<\/p>\n<p>Die Liebe, die aus Gottes Herzen kommt, und euch und die Menschen um euch herum wie auch die von au\u00dfen Hereinkommenden froh und frei machen will &#8211; sie ist das Herz der prophetischen Rede.<\/p>\n<p>Du hast recht, Paulus. Wir h\u00f6ren das auch nicht zum ersten Mal. Und deshalb wird es Zeit, dass es von unseren Ohren in die Herzen dringt und wir der Liebe den entscheidenden Platz bei der Gestaltung des Gottesdienstes einr\u00e4umen. Amen.<\/p>\n<p><strong>Superintendent Rudolf Rengstorf<br \/>\nStade<br \/>\n<a href=\"mailto:Rudolf.Rengstorf@evlka.de\">Rudolf.Rengstorf@evlka.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach Trinitatis, 25. Juni 2006 Predigt zu 1. Korinther 14, 1-3.22-25, verfasst von Rudolf Rengstorf Liebe Gemeinde! Eine geschlossene Gesellschaft war das, zu der der Gastgeber, von dem wir eben geh\u00f6rt haben, geladen hatte. 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