{"id":11220,"date":"2021-02-07T19:48:52","date_gmt":"2021-02-07T19:48:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11220"},"modified":"2023-03-06T22:33:59","modified_gmt":"2023-03-06T21:33:59","slug":"lukas-14-25-35-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-14-25-35-4\/","title":{"rendered":"Lukas 14, 25-35"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">2. Sonntag nach Trinitatis, 25. Juni 2006<br \/>\nPredigt zu Lukas 14, 25-35, verfasst von Erik Bredmose Simonsen (D\u00e4nemark) <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Es ist nicht ungew\u00f6hnlich, dass man Menschen begegnet, die der Meinung sind, es passiere zu wenig bei einem Gottesdienst. Die Kirche sei allzu anst\u00e4ndig und bequem, und man beziehe ja \u00fcberhaupt keine Stellung zu irgendwas.<\/p>\n<p>Eine solche Meinung kann man nat\u00fcrlich haben, das steht jedem frei, die Frage ist nur, wer es im Grunde ist, der zu anst\u00e4ndig und bequem ist, wenn es darauf ankommt.<\/p>\n<p>Es ist auf jeden Fall interessant zu beobachten, dass dieselben Menschen, die lauthals nach Farbigkeit, Haltung und Stellungnahme rufen, es oft nicht verkraften k\u00f6nnen, wenn das Evangelium Klartext redet und kein Blatt vor den Mund nimmt. Wenn sie auf Worte sto\u00dfen wie denen im heutigen Evangelium, machen sie sich davon, denn dann wird es ihnen zu grob.<\/p>\n<p>Viele von denen, die die Kirche zu anst\u00e4ndig finden, wollen, wenn es darauf ankommt, am liebsten genau so gut frisiert wieder weggehen, wie sie gekommen sind. Wenn die Verk\u00fcndigung an all den guten Idealen und der guten Stimmung kratzt und sie st\u00f6rt, ja, dann ist man ver\u00e4rgert, und bei manchen ist es dann so, dass sie dann nur noch widerwillig in die Kirche gehen.<\/p>\n<p>Viele m\u00f6chten gern mit Kirche und Christentum zu tun haben, wenn sie von Liebe reden und davon, dass wir gut zueinander sein sollen, denn dann dr\u00fccken sie ja all das aus, was man auch selbst f\u00fcr gut und richtig h\u00e4lt. Aber die Kirche sollte es unterlassen, von all den leidigen Dingen wie S\u00fcnde, S\u00fcndenvergebung und dergleichen zu reden, denn das m\u00f6chte man sich nicht anh\u00f6ren, und heute sind es wohl die wenigsten, die sich selbst als einen S\u00fcnder auffassen.<\/p>\n<p>Indessen: es ist nicht m\u00f6glich, das Evangelium so zu behauen und zuzuschneiden, dass alles Unbehagliche au\u00dfen vor gelassen wird, ohne dass man das Evaangelium damit verr\u00e4t, ja, man w\u00fcrde dann etwas v\u00f6llig anderes bekommen als das, worum es eigentlich geht. Deshalb k\u00f6nnen wir also auch nicht das Evangelium von heute beiseite schieben, blo\u00df weil es uns anst\u00f6\u00dfig erscheint. Wir kriegen es an den Kopf geworfen in all seiner scheinbaren Brutalit\u00e4t, und es ist Jesus, der diese krassen Worte zu den gro\u00dfen Scharen, die ihm folgten, sagt: \u201eWenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter, seine Frau und Kinder, Br\u00fcder und Schwestern, ja, sein eigenes Leben, der kann nicht mein J\u00fcnger sein.\u201c<\/p>\n<p>Das ist zweifellos eine harte Behandlung, aber indem es also Jesus selbst ist, der sich so \u00e4u\u00dfert, sind wir gezwungen, Halt zu machen und zuzuh\u00f6ren, jedenfalls hier in der Kirche, denn es k\u00f6nnte ja sehr wohl sein, dass sich mitten in dem scheinbaren Wahnsinn ein Sinn verbirgt.<\/p>\n<p>Aber ehe wir uns \u00fcberhaupt an den Versuch machen, die Aussage zu verstehen, m\u00fcssen wir uns klar machen, dass sie nicht vom Evangelium im NT im \u00fcbrigen losgerissen werden darf, denn dann w\u00fcrde sie im Ernst sinnlos.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist es ja nicht gerade ungewohnt, dass Jesus Dinge sagt und tut, die gegen gew\u00f6hnliches und normales menschliches Denken versto\u00dfen, dass er unsere Vorstellungen und Werte auf den Kopf stellt und uns den Teppich der Selbstsicherheit unter den F\u00fc\u00dfen wegzieht, normalerweise aber tut er das, indem er die Liebe als das entfaltet und verk\u00fcndet, was unser Dasein tragen soll, und normalerweise ist es unsere Unzul\u00e4nglichkeit der Liebe gegen\u00fcber, die er aufdeckt.<\/p>\n<p>Das verstehen wir nicht immer voll und ganz, d.h. wohl verstehen wir das mit der Liebe, das glauben wir jedenfalls zu verstehen \u2013 und wir erkennen es auch an; aber wir verstehen nicht, dass wir immerzu mit unseren eigenen Unzul\u00e4nglichkeiten konfrontiert werden sollen.<\/p>\n<p>Wenn Jesus die Liebe entfaltet, die wir von unserem eigenen Leben her wiederzuerkennen glauben, dann passt das zu unserem Idealbild vom Christentum, das in erster Linie eine Liebesreligion ist. Dann befindet sich das Christentum in sch\u00f6ner \u00dcbereinstimmung mit uns selbst, meinen wir.<\/p>\n<p>Aber heute spricht Jesus also nicht von Liebe, sondern von Hass \u2013 und zwar nicht nur gegen die, die wir sowieso schon hassen, sondern auch von Hass gegen die, die wir lieben, die uns alles bedeuten, und dann kommt unser Bild vom Christentum zweifellos ins Wanken.<\/p>\n<p>Das Ganze ist ja v\u00f6llig unmenschlich!<\/p>\n<p>Ja, und vielleicht ist es auf gewisse Weise genau das, worauf Jesus aus ist, n\u00e4mlich zu zeigen, dass die wahre Liebe unmenschlich ist. Nicht unmenschlich in dem Sinne, dass sie gegen das verst\u00f6\u00dft, was zu sein der Mensch mit Recht geschaffen ist, sondern in dem Sinne, dass er mit dem ins Gericht geht, wozu sich der Mensch selbst gemacht hat.<\/p>\n<p>Denn die wahre, gottgewollte Liebe ist nicht ohne Weiteres dieselbe wie die menschliche Liebe.<\/p>\n<p>Warum ist sie das nicht?<\/p>\n<p>Weil die menschliche Art und Weise, seine Angelegenheiten zu ordnen, ihren Mittelpunkt immer im Menschen selbst haben wird, wohingegen die wahre Liebe ihren Mittelpunkt in \u2013 ja, nat\u00fcrlich in der Liebe selbst hat, in Gott, dem Ursprung und Ziel aller Dinge.<\/p>\n<p>\u201eDu sollst keine anderen G\u00f6tter haben,\u201c sagt das erste Gebot, du sollst nichts anderes vor Gott stellen. Das ist es, wovon Jesus spricht, wenn er vom Hassen spricht. Zu hassen bedeutet im AT beiseite zu schieben oder zu versto\u00dfen, und in dieser Bedeutung ist das Wort bei Jesus zu verstehen. Er sagt m.a.W., dass der, der seinen Vater und seine Mutter, seine Kinder, seinen Ehepartner, ja sogar sich selbst nicht Gott gegen\u00fcber beiseite schiebt, \u2013 dass der sein J\u00fcnger nicht sein kann.<\/p>\n<p>Was man im Dasein an die erste Stelle setzt, ist eigentlich der Gott, den man hat. Es geht hier nicht um eine Stellungnahme gegen die Kernfamilie oder dergleichen, sondern darum, dass Jesus ganz einfach den Dingen und den Proportionen ihren rechten Ort zuweist. Er nennt das, was normalerweise f\u00fcr einen Menschen das Gr\u00f6\u00dfte ist, \u201ealle guten Namen, die besten, die ich kenne: Mutter, Schwester, Geliebte: meine Liebe!\u201c, und dann sagt er: Solange das das Gr\u00f6\u00dfte f\u00fcr dich ist, kannst du nicht mein J\u00fcnger sein. Das trifft uns alle, niemand von uns kann \u2013 angesichts dieser Unm\u00f6glichkeit \u2013 von sich behaupten, ausgerechnet wir seien Jesu wahre J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Aber warum nun derartige absolute \u2013 und unm\u00f6gliche \u2013 Forderungen? Weil wir uns hier selbst als diejenigen, die wir sind, sehen k\u00f6nnen, gefangen und verwickelt wie wir sind in unserem Eigenen \u2013 und das hei\u00dft, in unserer Konzentration auf unser eigenes Selbst. Genau hier, im Verh\u00e4ltnis zur Unm\u00f6glichkeit des Absoluten, k\u00f6nnen wir uns selbst im rechtenVerh\u00e4ltnis zur Liebe begegnen. Zu der Liebe, die nicht nur sich selbst und ihre N\u00e4chsten liebt, sondern die alle famili\u00e4ren und freundschaftlichen Bande und Beschr\u00e4nkungen sprengt.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber kommen wir alle zu kurz. Aber das Christentum hat gl\u00fccklicherweise mehr auf dem Herzen, als uns in unserem Unverm\u00f6gen zu enth\u00fcllen. Der Herr steht nicht nur an der Seitenauslinie und macht sich mit verh\u00f6hnenen Zurufen lustig, wenn wir auf dem Fu\u00dfballfeld sind. Vielmehr ist uns gesagt, dass wir mitten in der Ohnmacht und den Beschr\u00e4nkungen unserer eigenen Liebe von ihm unendlich geliebt sind, geliebt von dem, von dem alle Liebe ausgeht.<\/p>\n<p>Ja, aber, was ist mit dem Hass und mit der Versto\u00dfung derer, die einem am n\u00e4chsten stehen und die man am meisten liebt? Es kann doch nicht wahr sein, dass wir sie \u2013 als Ideal \u2013 voll und ganz versto\u00dfen sollen? Doch, zun\u00e4chst einmal und grunds\u00e4tzlich sollen wir das, denn wir d\u00fcrfen keine anderen G\u00f6tter haben, aber dann ist hinzuzuf\u00fcgen: Sollte das Unm\u00f6gliche geschehen, dass wir Gott zu lieben verm\u00f6chten vor allem anderen in unserem Leben, so dass wir rechtm\u00e4ssig J\u00fcnger Jesu hei\u00dfen k\u00f6nnen, ja, dann w\u00fcrden wir auch unser Leben in Liebe leben, so wahr das Leben in Christus ein Leben in Liebe ist, und damit w\u00fcrden wir unsere N\u00e4chsten lieben wie alle die anderen, die wir sonst nicht w\u00fcrdig finden. Gott zu lieben vor allem anderen bedeutet, dass das Vorzeichen f\u00fcr unsere Liebe verschoben wird; es hat nicht l\u00e4nger uns selbst als Mittelpunkt, und nur als solche ist sie wahr und echt.<\/p>\n<p>Dieser unm\u00f6glichen Forderung von Seiten Jesu gegen\u00fcbergestellt, sind wir zu dem Eingest\u00e4ndnis gezwungen, dass wir uns nur erlauben k\u00f6nnen, uns Christen und J\u00fcnger zu nennen, wenn wir eingestehen, dass wir es nicht selbst verm\u00f6gen, \u2013 dass wir all das, was uns t\u00e4glich Sicherheit und Geborgenheit schenkt, weder aufgeben wollen noch k\u00f6nnen \u2013 alles das, ohne das wir nicht leben k\u00f6nnen: Familie, Haus, Heim, Arbeit.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Sollten wir selbst zu Gott kommen, uns selbst zu Christen machen, ja, dann w\u00fcrde nichts daraus werden.<\/p>\n<p>Aber das Evangelium, die frohe Botschaft, ist nun, dass Gott eben deshalb, eben wegen unseres Unverm\u00f6gens, Mensch geworden ist. Da wir nicht zu ihm kommen k\u00f6nnen, ist er stattdessen zu uns gekommen. Da wir nicht imstande sind, ihn allem anderen im Leben voranzustellen, ist er zu uns gekommen, weil er uns allem anderen voranstellt.<\/p>\n<p>Jesu Wort heute ist mit anderen Worten kein Rezept, wie wir leben sollen, denn so kann niemand von uns leben \u2013 das konnte nur Jesus selbst! Die Worte sind vielmehr als scharfe Antworten an uns gemeint. Sie sind als eine notwendige Herausforderung gemeint, die uns zu der Einsicht bringen soll, was das Leben ist und worauf es beruht: Wir leben von all dem und durch all das, was wir geschenkt bekommen!<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Erik Bredmose Simonsen<br \/>\nPr\u00e6stebakken 11<br \/>\nDK-8680 Ry<br \/>\nTel.: +45 86 89 14 17<br \/>\nE.mail: <a href=\"mailto:ebs@km.dk\"> ebs@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach Trinitatis, 25. Juni 2006 Predigt zu Lukas 14, 25-35, verfasst von Erik Bredmose Simonsen (D\u00e4nemark) (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Es ist nicht ungew\u00f6hnlich, dass man Menschen begegnet, die der Meinung sind, es passiere zu wenig bei einem Gottesdienst. 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