{"id":11225,"date":"2006-07-07T19:48:52","date_gmt":"2006-07-07T17:48:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11225"},"modified":"2025-04-23T09:19:21","modified_gmt":"2025-04-23T07:19:21","slug":"1-johannes-15-26-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-15-26-5\/","title":{"rendered":"1. Johannes 1,5 &#8211; 2,6"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">3. Sonntag nach Trinitatis | 2. Juli 2006 | 1. Johannes 1,5 &#8211; 2,6, | Hans Joachim Schliep |<\/span><\/b><\/h3>\n<p><em>1,5<\/em><em> Und das ist die Botschaft, die wir von ihm geh\u00f6rt haben und euch verk\u00fcndigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. <\/em><em> 6<\/em><em> Wenn wir sagen, da\u00df wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so l\u00fcgen wir und tun nicht die Wahrheit. <\/em><em> 7<\/em><em> Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von all er S\u00fcnde. <\/em><em> 8<\/em><em> Wenn wir sagen, wir haben keine S\u00fcnde, so betr\u00fcgen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. <\/em><em> 9<\/em><em> Wenn wir aber unsre S\u00fcnden bekennen, so ist er treu und gerecht, da\u00df er uns die S\u00fcnden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. <\/em><em> 10<\/em><em> We nn wir sagen, wir haben nicht ges\u00fcndigt, so machen wir ihn zum L\u00fcgner, und sein Wort ist nicht in uns. <\/em><\/p>\n<p><em> 2,1<\/em><em> Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht s\u00fcndigt. Und wenn jemand s\u00fcndigt, so haben wir einen F\u00fcrsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. <\/em><em> 2<\/em><em> Und er ist die Vers\u00f6hnung f\u00fcr unsre S\u00fcnden, nicht allein aber f\u00fcr die unseren, sondern auch f\u00fcr die der ganzen Welt. <\/em><em> 3<\/em><em> Und daran merken wir, da\u00df wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. <\/em><em> 4<\/em><em> Wer sagt: Ich kenne ihn, und h\u00e4lt seine Gebote nicht, der ist ein L\u00fcgner, und in dem ist die Wahrheit nicht. <\/em><em> 5<\/em><em> Wer aber sein Wort h\u00e4lt, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, da\u00df wir in ihm sind. <\/em><em> 6<\/em><em> Wer sagt, da\u00df er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>\u201eVorweggenommen in ein Haus aus Licht.\u201c Mit diesem Bild beschreibt Marie Luise Kaschnitz die christliche Existenz im Licht des Ostermorgens. \u201eVorweggenommen in ein Haus aus Licht.\u201c Dieses Licht ist Gott: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. Mehr als ein unsterblicher Sonnenk\u00f6nig. Mehr als ein unvordenklicher Lichtgott. Mehr auch als ein Lichtmeer, in das der Mensch sich versenken und darin versinken k\u00f6nnte. Und allemal mehr als die Lichtgewitter moderner B\u00fchnenshows. Gott braucht keine B\u00fchnenscheinwerfer und Schallverst\u00e4rker. Gott ist Licht: Licht vor allem Licht: Energie, Dynamik, Kreativit\u00e4t, aus der alles Leben kommt, von der alles Leben lebt und in die alles Leben zur\u00fcckkehrt. Das geht \u00fcber Albert Einstein hinaus, der die Geschwindigkeit des Lichts zur einzigen Naturkonstante erkl\u00e4rte. Es geht um die Kraft, aus der Leben \u00fcberhaupt hervorgeht. Selbst wer darauf verzichtet, nach dem Woher, dem Warum und Wohin dieser Kraft zu fragen, mu\u00df ihre Existenz anerkennen. Wie soll denn auch, wer nicht mindestens insgeheim von einer zentralen Wirklichkeit ausgeht, jemals zu einem Ergebnis, einer Einsicht, einer Erkenntnis gelangen?<\/p>\n<p>Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. Wer dieses erkennt, bekennt sich zum Geheimnis des Lebens. K\u00f6nnte auch in der Finsternis das Geheimnis des Lebens beschlossen sein? W\u00e4hrend das Licht niemals die Bejahung der Finsternis ist, ist die Finsternis immer und \u00fcberall die Verneinung des Lichts. Also hat sie keine eigene Kraft. Deshalb hei\u00dft es nicht, Gott sei Licht und keine Finsternis, sondern nur: in ihm ist keine Finsternis. Die Finsternis hat weder ein selbstst\u00e4ndiges Sein noch ein eigenes Recht. Sie ist ein leerer Raum, der das Licht nicht aufhalten kann.<\/p>\n<p>Doch kehren wir von solchen Raumfl\u00fcgen zur\u00fcck aufs irdische Ackerland, auf dem die christliche Kirche real existiert. Es ist richtig, da\u00df wir mitsprechen in Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung, Kunst und Medien, Gesundheit und Umwelt. Gerade jetzt, wo die Finanzmittel knapper werden, k\u00e4me der R\u00fcckzug in einen kirchlichen Binnenraum einer Verleugnung des \u201eLicht-der-Welt-Seins\u201c gleich, zu dem Jesus doch das Christ- und Kirche-Sein bestimmt hat (Mt 5,14). Wie aber stehen wir auf dem Markt der Waren, Werte und Wahrheiten? Und womit k\u00f6nnen wir bestehen? Mit Gott &#8211; einzig Gott. Das Christsein und damit die Kirche hat nur einen Lebensgrund: Gott selbst.<\/p>\n<p>Deshalb ist die Kirche zum Gotteslob da und damit der Gottesbegegnung einen Raum zu geben. Mithin ist das Christ- und Kirche-Sein in Kategorien von Zweck und Nutzen \u00fcberhaupt nicht zu fassen. Vorsicht deshalb auch vor dem inflation\u00e4ren Gebrauch von \u201eWerten\u201c! Der Wertbegriff entstammt der \u00d6konomie und pa\u00dft nur sehr bedingt in die Ethik! Als blo\u00dfe Wertebeschaffer dieser Gesellschaft sind wir wertlos. Sie hat genug \u201eWerte\u201c. Was ihr aber fehlt, ist Gott. Was ihr fehlt, ist das Licht, das selbst der Finsternis das Dunkle, den Schatten, die K\u00e4lte nimmt.<\/p>\n<p>Dieses Licht wahrzunehmen, f\u00e4ngt freilich bei uns selbst an. Nicht da\u00df unsere Gotteserkenntnis auf unseren Glauben gestellt w\u00e4re. Sondern da\u00df wir, wenn wir uns vorweggenommen wissen in ein Haus aus Licht, einfach nicht mehr so tun k\u00f6nnen, als seien wir Kinder der Finsternis. Kinder der Finsternis aber blieben wir, wenn wir die dunklen Seiten unseres Lebens, die Schatten auf unserer Seele leugneten; dann hielten diese Schatten uns fest. Die L\u00fcge, von der hier in 1. Johannes 1 die Rede ist, ist keine bewu\u00dfte Falschaussage. Sie ist eine L\u00fcge ohne Worte, ein Verschweigen dessen, was im Licht Gottes doch offen zutage tritt: da\u00df wir das, was wir sind, immer erst noch bei uns ankommen lassen m\u00fcssen (1. Joh 3,2), da\u00df die Wahrheit, in die Gottes Licht uns taucht, immer erst noch von uns angenommen sein will &#8211; angenommen als das, worin wir leben, weben und sind (Apg 17,28).<\/p>\n<p>Wir lassen, was wir sind: Gottes T\u00f6chter und S\u00f6hne, aber erst bei uns ankommen, wenn wir \u00fcber einen spekulativen, irgendwie kosmischen Gottesglauben hinausgelangen. Die Wahrheit ist konkret, nur so ist sie die ganze Wahrheit (V. 6). Sie wird getan, gelebt, wenn wir zueinander kommen und Jesus Christus zu uns kommen lassen. Dabei geht es um unsere Identit\u00e4t als Kirche, als Gemeinschaft der Christen &#8211; nicht im Sinne einer Abgrenzung von anderen, sondern als Angebot, als Einladung an andere, den Jesus Christus kennenzulernen, der mitten unter uns ist, \u201ewo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind\u201c (EG 564 nach Mt 18,20).<\/p>\n<p>Keine Abgrenzung, sondern Einladung &#8211; und doch Unterscheidung, \u00fcber die alle Philosophie und Religion verwundert \u201eden Kopf sch\u00fctteln\u201c. Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist&#8230; ein solcher Satz w\u00fcrde normalerweise fortgesetzt: \u201edann haben wir Gemeinschaft mit Gott\u201c. Das ist doch die gro\u00dfe Frage: Ist ein Gott oder ist kein Gott? Sind wir sinnstiftend, trost- und haltgebend umgriffen von einer Wirklichkeit, die uns pers\u00f6nlich kennt: die uns bei unserem Namen ruft? Oder sind wir nur einsame, auf uns selbst gestellte Nomaden am Rande des Universums?<\/p>\n<p>In 1. Johannes 1 werden wir schlicht an die Gemeinschaft der Menschen gewiesen: nicht im siebten Himmel, sondern auf der einen Erde, mitten unter Menschen, gleichsam in frommer Weltlichkeit entscheidet sich, ob jemand an Gott glaubt oder nicht. Die Frage nach Gott ist eben weniger eine theoretische denn eine praktische Frage: \u201eWoran du dein Herz h\u00e4ngst, das ist eigentlich dein Gott.\u201c (Martin Luther) Nicht da\u00df die Praxis den Glauben erzeugte, aber in der Praxis wird er bezeugt. Ich mu\u00df ja nicht dauernd von meinem Glauben reden. Aber wieviel w\u00e4re schon gewonnen, lebte ich so, da\u00df ich oft nach meinem Glauben gefragt w\u00fcrde?! Infolge dessen ist christlicher Gottesglaube auch keine Steigerung religi\u00f6ser Gef\u00fchle, sondern Hinwendung zum konkreten Leben &#8211; und schon deshalb keine Wellness-Kur.<\/p>\n<p>Darum ist die Rede vom Blut Jesu. Eine drastische, anst\u00f6\u00dfige Rede. Sie l\u00e4\u00dft einigen das Blut in den Adern erstarren. Sie bringt das Blut anderer in Wallung, hat doch auch die ganze fromme Blutw\u00e4sche schreckliche Blutb\u00e4der im Namen Gottes nicht verhindern k\u00f6nnen. Und immer noch spukt im Hirn ganz Frommer wie ganz Unfrommer die Vorstellung eines blutr\u00fcnstigen, auf Vergeltung erpichten Gottes herum. Wann, wann endlich wird allen Verehrern wie allen Ver\u00e4chtern des Christentums klar: Dem Gott Jesu Christi geht es nicht um die Lebenshergabe eines anderen an ihn, sondern um seine Lebenshingabe an uns?!<\/p>\n<p>Jesu Lebenshingabe ist Ausdruck einer unverwechselbaren Unbedingtheit. Wie f\u00fcr uns Glaube das Ergriffensein von dem ist, was uns unbedingt angeht (Paul Tillich), hat Gott immer schon ein unbedingtes Interesse am Menschen gehabt. Diese Unbedingtheit verdichtet sich in Jesus Christus: Seine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Gott, das (den) Unbedingte(n) selbst, treibt ihn in eine letzte, unteilbare, un\u00fcberbietbare Solidarit\u00e4t mit den Menschen. Nicht einmal der Tod kann sie aufhalten, sie erf\u00fcllt sich vielmehr in seinem Kreuzestod. Unbedingter geht es nicht. Das Licht, in dem keine Finsternis ist, ist dann die Liebe (1. Joh 4,9+10+16b). H\u00e4tte der Autor doch schon an dieser Stelle von der Liebe gesprochen statt von der Reinheit von aller S\u00fcnde!<\/p>\n<p>Aber er wird seine Gr\u00fcnde gehabt haben, sogar noch weiterzugehen: Wenn wir sagen, wir haben keine S\u00fcnde, so betr\u00fcgen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Die Gr\u00fcnde liegen im Denken derer, die der Autor des 1. Johannesbriefes neu zum Glauben, zur R\u00fcckkehr an den Anfang (1. Joh 1,1) einladen will. Immer wenn er schreibt Wenn wir aber sagen&#8230; zitiert er sogenannte Gnostiker, die sich so im Licht Gottes w\u00e4hnen, da\u00df sie es in sich selbst zu erkennen meinen und schon keinen Unterschied mehr zwischen sich und Gott, zwischen Gesch\u00f6pf und Sch\u00f6pfer, zwischen Empf\u00e4nger und Geber machen. Ja, sie empfinden sich selbst als derart Erleuchtete, da\u00df alle anderen nur noch Schattenmenschen sind. Dabei \u00fcbersehen sie aber die Schatten, die sie selbst werfen, weil ihnen das konkrete Leben mit seinem Anspruch praktischer Humanit\u00e4t schon gleichg\u00fcltig geworden ist.<\/p>\n<p>Diese Menschen m\u00fcssen an ihre \u201eS\u00fcnde\u201c erinnert werden: Mensch, du f\u00fchrst doch immer noch ein irdisches und kein himmlisches Dasein! Gerade im Licht, Mensch, werden doch die Zweideutigkeiten, die Risse und Br\u00fcche im Leben erst richtig sichtbar! Und gestern &#8211; ja: gestern &#8211; kann es doch nicht besser werden als heute! Das Geschehene k\u00f6nnen wir doch nicht r\u00fcckg\u00e4ngig machen, sondern nur vergeben und uns vergeben lassen! Alles andere ist doch Selbstbetrug.<\/p>\n<p>\u201eNun geht mir doch weg mit Selbstbetrug! Nun h\u00f6rt doch endlich auf mit diesem ewigen S\u00fcndengequatsche! Gerade ihr von der Kirche trinkt doch heimlich Wein und predigt \u00f6ffentlich Wasser! Was sagt ihr denn zur laufenden Fu\u00dfball-WM: heiter, gelassen, ausgelassen und doch freundlich, nicht nur auf die Sieger fixiert, sondern auch den Verlierern zugewandt! Echte Begeisterung! H\u00f6rt doch endlich auf mit der Spielverderberei. Redet doch wenigstens am Sonntag vor dem Endspiel nicht von L\u00fcge und S\u00fcnde und einer Wahrheit, die ihr selbst dauernd verratet!\u201c<\/p>\n<p>Um eine Antwort w\u00e4re ich ja nicht verlegen. So fu\u00dfballbegeistert ich selber &#8211; neben einem Fu\u00dfballstadion aufgewachsen und Helmut Rahn, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer und viele andere Fu\u00dfballgr\u00f6\u00dfen spielen gesehen habend &#8211; bin, so sehr erinnern mich die Sicherheitsma\u00dfnahmen an Freiheitsberaubung und so sehr sehe ich die FIFA und den DFB an den Ketten und in den Klauen der Sponsoren. Auf welcher Seite also ist der Selbstbetrug gr\u00f6\u00dfer? Ja, Fu\u00dfball ist \u201eein starkes St\u00fcck Leben\u201c (Wolfgang Huber), hat aber seinen Preis. Doch das w\u00e4re noch keine angemessene Antwort.<\/p>\n<p>Darum m\u00f6chte ich auf das neue Buch von Gerhard Schulze, dem wir die Studie zur \u201eErlebnisgesellschaft\u201c verdanken, ernsthaft eingehen: \u201eDie S\u00fcnde. Das sch\u00f6ne Leben und seine Feinde\u201c (M\u00fcnchen \/ Wien 2006). Seine These lautet: In der Moderne hat &#8211; mit dem Verlust von Transzendenz und Metaphysik &#8211; die Idee der \u201eS\u00fcnde\u201c abgewirtschaftet. Anschaulich beschreibt er, wie an die Stelle der \u201eSieben Tods\u00fcnden\u201c V\u00f6llerei, Unkeuschheit, Habsucht, Neid, Tr\u00e4gheit, Zorn, Hoffart, die als Abkehr von g\u00f6ttlichen Geboten galten, das \u201eProjekt des sch\u00f6nen Lebens\u201c, verbunden mit einer neuen Kultur der Selbstbegrenzung getreten ist: z. B. wird die Freude am guten Essen durch Schlankheits- und Fastenkuren begrenzt. Das alles ist gut so. Denn die Tods\u00fcndenlehre war nichts anderes als die \u201eMi\u00dfbilligung des Menschlichen\u201c. In der \u201egereiften Moderne\u201c aber geht es um eine ganz und gar freiwillige Selbstbegrenzung, \u201enicht als geoffenbarte Idee aus dem Jenseits, sondern als eigene Idee\u201c (S. 182). So bleibt dem Menschen die Freude am Menschlichen und \u201edas Projekt des sch\u00f6nen Lebens\u201c als Ausdruck von Daseinsfreude, Freiheit und Toleranz. Zu diesem Lebensstil sollten wir &#8211; \u201eder Westen\u201c &#8211; uns gegen alle Formen einer fundamentalistischen und rigoristischen, im Namen von Religion einherkommenden Moral \u201ebekennen\u201c.<\/p>\n<p>Gerhard Schulze hat f\u00fcr sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das \u201esch\u00f6ne Leben\u201c, \u00fcberhaupt f\u00fcr sein Festhalten an der \u201eAufkl\u00e4rung\u201c meine Sympathie, zumal er realistisch und illusionslos feststellt: \u201eDen sch\u00f6nen Augenblicken und Lebensphasen stehen Entt\u00e4uschungen gegen\u00fcber; eigene Verletzungen und die anderer; verunsichernde moralische Grenzg\u00e4nge; die Ungewi\u00dfheit zahlloser Wahlsituationen; die Gefahr, in eine Haltung nagender Unzufriedenheit zu verfallen. Alles k\u00f6nnte doch immer noch besser sein!\u201c (S. 260) Aber gerade an dieser Stelle ist er mir zu wenig aufgekl\u00e4rt. Sein Ansatz, seine Einsicht m\u00fc\u00dfte doch gerade dazu f\u00fchren, sich neu in das Licht Gottes zu stellen, um Vergebung zu bitten, die S\u00fcnde zu bekennen. Denn gerade im \u201eProjekt des sch\u00f6nen Lebens\u201c (es mag dahingestellt bleiben, ob das ein angemessener Ausdruck f\u00fcr das Leben ist) wimmelt es doch nur so von Entt\u00e4uschungen, Verletzungen, Verfehlungen. K\u00f6nnen wir uns wirklich am eigenen Schopf aus dem Sumpf herausziehen? K\u00e4me ich wirklich ohne Arzt aus, wenn ich mich &#8211; selbst &#8211; verletzt h\u00e4tte? K\u00e4me der, den ich entt\u00e4uscht und verletzt habe, geradewegs zu mir als seinem Therapeuten? K\u00f6nnte ich mir meine Verfehlungen umstandslos selbst vergeben, verzeihen? K\u00f6nnte ich mein eigener F\u00fcrsprecher sein? Wird nicht im \u201eProjekt des sch\u00f6nen Lebens\u201c der Mensch zum Angeklagten, Ankl\u00e4ger und Richter in einer Person? Bei aller Sympathie &#8211; auch in diesem Ansatz lauert eine kr\u00e4ftige Portion Selbstt\u00e4uschung, ja, Selbstbetrug.<\/p>\n<p>Ich bin sogar davon \u00fcberzeugt, da\u00df erst in Bezug zu einem Gegen\u00fcber das individuelle Leben als etwas Eigenes, Pers\u00f6nliches wahrgenommen werden kann. Die Differenz, die in diesem Gegen\u00fcbersein erfahren wird, wenn aus dem Gegen\u00fcber ein Gegensatz wird, nenne ich \u201eS\u00fcnde\u201c. \u201eS\u00fcnde\u201c ist doch kein moralischer Defekt, sondern etwas sehr Existentielles: die Wahrnehmung, da\u00df etwas, das nur miteinander sein kann, ganz weit auseinander ist und gegeneinandersteht. Denn Freiheit treibt erst einmal auseinander. Deshalb sage ich ganz zugespitzt: Wer die \u201eS\u00fcnde\u201c leugnet, kennt auch die Freiheit nicht, ja, er will sie gar nicht wirklich. Das \u201eProjekt des sch\u00f6nen Lebens\u201c, gedacht als Anerkennung des Menschlichen, kann doch auch zur Droge werden.<\/p>\n<p>An jenes mit \u201eS\u00fcnde\u201c eigentlich gemeinte schwer beschreibbare Existentielle &#8211; ich nenne es gelegentlich auch \u201eEntfremdung\u201c &#8211; hat doch die Tods\u00fcndenlehre niemals herangereicht. Martin Luther hat sie ja auch verworfen. Kleine und gro\u00dfe, l\u00e4\u00dfliche und untilgbare S\u00fcnden zu unterscheiden, ist unbiblisch und Unsinn. Es gibt nur eine S\u00fcnde &#8211; und das ist der Unglaube als radikaler Gegensatz zu dem, was ich als verbundenes Gegen\u00fcber zum Leben br\u00e4uchte: Ich bin mir selbst Licht genug. Diese Abkehr vom Anderen ist die Trennung von dem, was zu mir geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Im Blick auf das \u201eProjekt des sch\u00f6nen Lebens\u201c schlage ich vor, \u201eS\u00fcnde\u201c als Selbstverfehlung zu verstehen. Damit ist noch nicht ihr ganzer Bedeutungshorizont erfa\u00dft. Pr\u00fcfen Sie aber bitte selbst, ob die Verse 8 und 9 in 1. Johannes 1 auch in dieser Form einen guten Sinn ergeben: \u201eWenn wir aber sagen, wir verfehlen uns niemals selbst, so betr\u00fcgen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Selbstverfehlung, die eigenen Verletzungen und die anderer erkennen und bekennen, so stehen wir wieder in Gottes ungetr\u00fcbtem Licht und unsere Schatten ziehen uns nicht mehr hinab ins Dunkle.\u201c<\/p>\n<p>Ja, in der Bitte um Vergebung nehmen wir wieder Verbindung auf zu dem ganz Anderen &#8211; und schon das \u00e4ndert unsere Perspektive; aus dem t\u00f6dlichen Gegensatz wird wieder ein hilfreiches Gegen\u00fcber. Wir nehmen wahr, da\u00df wir unter einem Licht, dem Licht Gottes stehen. So geben wir Gott die Ehre, und Wahrheit leuchtet auf in unserem Leben. Wir sind in seinem Wort, d. h. in Jesus Christus, der der Mittler, der Lichttr\u00e4ger, der F\u00fcrsprecher ist. Der F\u00fcrsprecher &#8211; wie wir niemals nur von dem Eigenen, sondern stets von der F\u00fcrsprache, dem F\u00fcr-uns-Sein anderer existieren. Das zu \u00fcbersehen hie\u00dfe, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschlie\u00dfen. Der Autor des 1. Johannesbriefs nennt es sogar \u201eL\u00fcge\u201c.<\/p>\n<p>Die Kernbotschaft von 1. Johannes 1 ist l\u00e4ngst klar geworden: Wahre Gotteserkenntnis f\u00fchrt in echte Menschenliebe. Weil wir auch darin immer wieder auf halber Strecke stehenbleiben und oft in ganz finsteren Gegenden landen, brauchen wir die R\u00fcckwendung ins Licht, in dem keine Finsternis ist. Wir brauchen die Vers\u00f6hnung. Der Autor des 1. Johannesbriefes ist weit entfernt davon, die gegnerischen Gnostiker zu verteufeln und die Christen zu bejubeln. Wie Jesus die Vers\u00f6hnung &#8230; f\u00fcr die &#8230; ganze(.) Welt ist, so brauchen ihn alle als F\u00fcrsprecher &#8211; auch die, die sich treu zur Gemeinde halten. Sie sind ja nichts anderes als S\u00fcnder und Gerechte zugleich: geliebte S\u00fcnder. Es gibt noch Finsternis, auch und gerade in der Kirche selbst; aber den Kampf hat ein anderer schon f\u00fcr sie gewonnen.<\/p>\n<p>Also vollenden auch nicht wir eine etwa unvollkommene Gottesliebe. Vielmehr schlie\u00dft Gott selbst, der in der Hingabe Jesu Christi seine Liebe als vollkommen erwiesen hat, uns in die Vollendung seiner Liebe mit ein, indem er uns sein Wort zu halten gebietet. Darum gilt: Der Weg zu echter Menschenliebe &#8211; das sind die Gebote, die Zehn Worte Gottes. Sie sind es nicht als Einzelgebote. Damit entziehen sie sich auch jeder Bewertung, das eine Gebot sei wichtiger als das andere. Sie sind alle gleich wichtig. Denn jedes von ihnen gibt Gottes Lebensweisung weiter, das Lebensangebot aus dem Licht heraus. Keines von ihnen bedeutet eine \u201eMi\u00dfbilligung des Menschlichen\u201c. Denn bei jedem Gebot geht es um genau den Schutz, den jeder Mensch in Anspruch nehmen m\u00f6chte, um ein Leben in Freiheit f\u00fchren zu k\u00f6nnen; also geht es um Billigung, um Anerkennung des Menschlichen. Die Gebote sind wirklich ein Lebensangebot, eine Einladung zum Leben.<\/p>\n<p>Zudem begr\u00fcndet das erste Gebot Ich bin der Herr, dein Gott; du sollst keine anderen G\u00f6tter haben neben mir wie nichts sonst auf der Welt die Aufkl\u00e4rung. Denn aufgekl\u00e4rt ist doch erst, wer zwischen Sch\u00f6pfer und Gesch\u00f6pf zu unterscheiden wei\u00df und die Gefahr klar erkennt, wie schnell sich ein Mensch zu einem Herrn, einem Gott \u00fcber andere machen kann. Der \u00dcbermensch aber, das zeigt sich immer wieder, ist der Unmensch. Darum hat der Autor des 1. Johannesbriefes schon Recht, wenn er die Gebote in einem Atemzug mit Licht, Liebe und Wahrheit nennt.<\/p>\n<p>Licht kann auch blenden, einen sch\u00f6nen Schein vort\u00e4uschen. Im Halten der Gebote aber wird die Hinwendung zum Leben, der Respekt vor dem Menschlichen, der Anspruch auf Humanit\u00e4t ganz konkret. Gerhard Schulze sucht am Ende seines Buches nach den \u201eergreifenden Metaphern\u201c f\u00fcr eine \u201egereifte Moderne\u201c, die der Suggestivkraft \u201emagischer Glaubensbekenntnisse\u201c widersteht, auch \u201ewenn die Rhetorik metaphysischer Empfindsamkeit schweigt\u201c. Und ich denke, er meint, sie d\u00fcrfe um der Aufkl\u00e4rung willen auch nicht wiederbelebt werden. Seine eigene Antwort lautet: \u201eEs bleibt das Diesseits und sonst nichts: Oberfl\u00e4che, Sinneseindruck, Begegnung mit dem Konkreten. Was bleibt ist das Leben ohne Tods\u00fcnden. Was bleibt ist das irdische Gl\u00fcck.\u201c (S. 262)<\/p>\n<p>Ja doch, nehmen wir von den \u201eTods\u00fcnden\u201c endg\u00fcltig Abschied! Sie waren ein Irrweg und haben ohnehin nur verdunkelt, was \u201eS\u00fcnde\u201c wirklich ist: der Bruch, das Scheitern, das Verfehlen der eigenen Existenz, die freilich immer das Gegen\u00fcber braucht. Verschwindet nicht gerade dort, wo diese Dimension vergessen, verleugnet wird, das konkret Menschliche, der Mensch als das \u201ekrumme Holz\u201c, der er nach Kant nun einmal ist? Wer da kein Gebot und keine Vergebung als das Licht Gottes \u00fcber und in seinem Leben mehr kennt, wird &#8211; so bef\u00fcrchte ich &#8211; alsbald aufwachen in der Nacht menschlicher Selbstmanipulation und Selbstamputation, die ihn zurechttrimmt, zuschneidet auf das \u201eProjekt sch\u00f6nen Lebens\u201c. Ob das dann wirklich \u201esch\u00f6n\u201c ist?! Oder ob, wer in &lt;Gott&gt; bleibt und damit auch die Differenz, die \u201eS\u00fcnde\u201c wahrnimmt, aber doch zu leben versucht, wie &lt;Jesus Christus&gt; gelebt hat (2,6), von einem helleren, w\u00e4rmeren, dauerhafteren Licht beschienen wird und am Ende ein tieferes Gl\u00fcck erlebt, als in dem Wort \u201eGl\u00fcck\u201c ausgedr\u00fcckt werden kann? Ich wei\u00df, da\u00df auch \u201eLiebe\u201c eine Metapher, ein Bild ist. Aber wenn sie ein Bild f\u00fcr die unvergleichliche Selbsthingabe Jesu Christi ist, dann wei\u00df ich mich wirklich \u201evorweggenommen in ein Haus aus Licht\u201c. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Stil1\" align=\"left\"><strong>Hans Joachim Schliep <\/strong><br \/>\n<strong>Pastor am Ev. Kirchenzentrum <\/strong><br \/>\n<strong>Kronsberg in Hannover <\/strong><br \/>\n<strong>(EXPO-Neubaugebiet) <\/strong><br \/>\n<strong>E-Mail: <a href=\"mailto:Hans-Joachim.Schliep@evlka.de\">Hans-Joachim.Schliep@evlka.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Sonntag nach Trinitatis | 2. Juli 2006 | 1. Johannes 1,5 &#8211; 2,6, | Hans Joachim Schliep | 1,5 Und das ist die Botschaft, die wir von ihm geh\u00f6rt haben und euch verk\u00fcndigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. 6 Wenn wir sagen, da\u00df wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":16374,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[56,417,1,727,157,853,114,1271,952,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11225","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1-johannes","category-3-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-hans-joachim-schliep","category-kapitel-01-chapter-01-1-johannes","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11225","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11225"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11225\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23161,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11225\/revisions\/23161"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16374"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11225"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11225"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11225"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11225"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11225"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11225"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11225"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}