{"id":11236,"date":"2021-02-07T19:49:05","date_gmt":"2021-02-07T19:49:05","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11236"},"modified":"2023-02-04T12:55:03","modified_gmt":"2023-02-04T11:55:03","slug":"1-petrus-3-8-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-petrus-3-8-17\/","title":{"rendered":"1. Petrus 3, 8-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">4. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juli 2006<br \/>\nPredigt zu 1. Petrus 3, 8-17, verfasst von Stefan Knobloch <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><strong>Die Verwurzelung im Glauben suchen<\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte meinen, der heutige Bibeltext aus 1 Petr 3,8-17 habe uns wenig zu sagen. Er kommt so moralisch einher. Er scheint sich lediglich in phrasenhaften Anmutungen an den \u201eGutmenschen\u201c zu ergehen. Und das haben wir schon zu oft geh\u00f6rt! Au\u00dferdem leben wir unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen als die damals &#8211; offenbar aufgrund ihres Glaubens &#8211; in Bedr\u00e4ngnis geratenen jungen Gemeinden des n\u00f6rdlichen und westlichen Kleinasiens, an die sich der erste Petrusbrief richtet. Schlie\u00dflich sollten wir aus der Tatsache, da\u00df es nicht gelungen ist, in die Pr\u00e4ambel der europ\u00e4ischen Verfassung einen ausdr\u00fccklichen Gottesbezug aufzunehmen \u2013 den ja die Pr\u00e4ambel des Grundgesetzes immerhin enth\u00e4lt -, nicht so etwas wie eine Verfolgungssituation des Glaubens und der Kirchen ableiten. Das w\u00e4re ma\u00dflos \u00fcbertrieben.<\/p>\n<p>In der Tat tut unser Text vermeintlich zun\u00e4chst alles, um bei uns nicht anzukommen. Das aber r\u00fchrt vor allem davon her, da\u00df uns seine eigentlichen Kern- und Haftpunkte im ersten H\u00f6ren verborgen bleiben, so da\u00df bei uns nicht mehr zur\u00fcckbleiben k\u00f6nnte als der Eindruck eines s\u00e4uerlich-moralischen Textes.<\/p>\n<p>Wenn wir den Text aber etwas gegen den Strich unserer H\u00f6rgewohnheiten b\u00fcrsten und ihn von seinen eigenen Haftpunkten her lesen, d\u00fcrfte er uns als Text entgegentreten, der uns etwas zu sagen hat und unsere Nachdenklichkeit anregen kann.<\/p>\n<p>1. Segnen<\/p>\n<p>Ein erster Haftpunkt liegt in der Aufforderung vor, die damaligen Gemeindemitglieder \u2013 und damit auch wir heute \u2013 sollten \u201esegnen\u201c statt B\u00f6ses mit B\u00f6sem und Kr\u00e4nkung mit Kr\u00e4nkung zu vergelten. Denn wir seien berufen, \u201ein der Wirklichkeit des Segens zu leben\u201c, so m\u00f6chte ich den Gedanken des ersten Petrusbriefes pr\u00e4ziser ausdr\u00fccken als in der mi\u00dfverst\u00e4ndlich futurisch-zuk\u00fcnftig gehaltenen Formulierung, wir w\u00fcrden den Segen einmal erlangen, als seien wir nicht schon in seinem Besitz und unter seinem Einflu\u00df. Die Aufforderung, wir sollten \u201esegnen\u201c statt B\u00f6ses mit B\u00f6sem zu vergelten, ist nicht eine Aufforderung an den \u201eGutmenschen\u201c in uns, wir k\u00f6nnten gewisserma\u00dfen aus eigener Kraft auch anders leben, n\u00e4mlich Segenskr\u00e4fte von uns ausgehen lassen; wir m\u00fc\u00dften es nur entsprechend wollen. Die Aufforderung des ersten Petrusbriefes zu \u201esegnen\u201c setzt vielmehr als unverzichtbare Basis voraus, da\u00df wir in der Annahme des Glaubens und in Annahme des Evangeliums von Gott und in Gott Gesegnete sind. Wir sind mit seiner segensreichen Wirklichkeit in Ber\u00fchrung gekommen. Wir sind \u2013 was freilich nicht mi\u00dfverstanden werden darf \u2013 Instrumente seines Segens geworden. Denn nach biblischen Verst\u00e4ndnis ist allein Gott der Tr\u00e4ger und Spender allen Segens, nur er allein.<\/p>\n<p>Die Wirklichkeit des Lebens aus dem Glauben verdichtet der erste Petrusbrief hier gewisserma\u00dfen im Begriff des \u201eSegens\u201c. Er er\u00f6ffnet den Horizont, unter dem die Christen ihr Leben leben. Zu diesem Horizont, in dem zu leben sie von Gott in Jesus Christus erm\u00e4chtigt sind, pa\u00dft es nicht, B\u00f6ses mit B\u00f6sem, Kr\u00e4nkung mit Kr\u00e4nkung zu vergelten. Dazu pa\u00dft allein, Instrument des Segens Gottes zu werden. Deshalb sollen die Gl\u00e4ubigen voller Mitgef\u00fchl, voller Liebe, barmherzig und dem\u00fctig leben. Womit freilich nicht gesagt ist, da\u00df das immer gelingt. Aber der Haftpunkt wird eindeutig: Gottes \u201eSegen\u201c, Gottes Heilshandeln in Christus bildet die Grundlage, auf der die Gl\u00e4ubigen zum Segen werden sollen.<\/p>\n<p>2. Gerecht sein<\/p>\n<p>Was sich hier im Stichwort des Segens verdichtet, verdichtet das Zitat des Psalms 34 im Wort \u201edie Gerechten\u201c. Wieder m\u00fcssen wir auch diesen Begriff in seiner biblischen Semantik verstehen lernen und ihn m\u00f6glicherweise unserer Gerechtigkeitsvorstellungen entkleiden. Denn wieder geht es nicht um eine zuerst vom Menschen zu erbringende oder erbrachte Leistung, die ihn vor sich, vor den anderen und vor Gott zu einem Gerechten macht, so da\u00df er sich dar\u00fcber auf die eigene Schulter klopfen d\u00fcrfte. \u201eGerecht\u201c wird der Mensch durch die Annahme des Evangeliums, durch die Annahme des Heilshandelns Gottes an ihm.<\/p>\n<p>Gerecht wird aber so nicht nur der, der f\u00fcr sich in Glaube und Taufe und in einem christlichen Leben diese Annahme lebt, in wessen Leben es aber nicht zu dieser Annahme kommt, der sei vor Gott verworfen. So zu denken ist uns verwehrt. Es ist vielmehr so, da\u00df die Gl\u00e4ubigen als \u201eGerechte\u201c, das hei\u00dft, als soziale, den Glauben reflex und ausdr\u00fccklich bekennende Gemeinschaft, sich als<em> Zeichen<\/em> daf\u00fcr verstehen sollen, da\u00df Gott zu allen Menschen steht, da\u00df er heilshandelnd ist und ins Heil beruft, zugeneigt, lebendig und barmherzig.<\/p>\n<p>\u201eDie Augen des Herrn blicken auf die \u201aGerechten\u2019,\u201c lautet das Zitat aus Psalm 34, \u201eseine Ohren h\u00f6ren ihr Flehen.\u201c Die damaligen Leser und H\u00f6rer des ersten Petrusbriefes \u2013 aber eben nicht nur sie \u2013 sollen wissen, da\u00df sie auch in der Zeit aktueller Bedr\u00e4ngnisse nicht der Verl\u00e4\u00dflichkeit Gottes und seiner bergenden Heilsbotschaft entbehren. Sie sind und bleiben \u201eGerechte\u201c, das hei\u00dft, sie sind und bleiben die an Gott als ihren Lebenshorizont und ihre Lebensgrundlage Glaubenden.<\/p>\n<p>Man kann auch das unmittelbar vorangehende Wort des Friedens dazunehmen, das gewi\u00df im urspr\u00fcnglichen Kontext des Psalms 34 eine einfache Einladung zu Frieden und Friedfertigkeit gewesen sein mag, das aber im nach\u00f6sterlichen Kontext des ersten Petrusbriefes eine tiefere Bedeutung angenommen hat. Der Auferstandene hatte seinen J\u00fcngern immer wieder den \u201eFrieden\u201c angesagt: \u201eFriede sei mit euch.\u201c Das bedeutete mehr als, nach Verrat und Untreue, die Aufforderung: \u201eVertragen wir uns wieder. Petrus, ich trage dir deinen Verrat nicht nach.\u201c Der Friedensgru\u00df ist unter eschatologischer Perspektive zu lesen: \u201eTretet ein in den eschatologisch-endg\u00fcltigen Frieden, der durch meinen Tod und meine Auferstehung endg\u00fcltig Wirklichkeit geworden ist. In ihm sollt ihr euer Leben gestalten.\u201c Dies vorausgesetzt blicken die Augen des Herrn auf die Gerechten und seine Ohren h\u00f6ren ihr Flehen. Wie zur Ermutigung f\u00fcgt der erste Petrusbrief noch an: \u201eDas Antlitz des Herrn richtet sich gegen die B\u00f6sen.\u201c Wir haben diesen Satz wohl so zu deuten: Das Treiben der B\u00f6sen kann dem Gang der Dinge nicht mehr die entscheidende Richtung geben. Denn die entscheidende Richtungs\u00e4nderung hat Gott der Welt in seinem Heilshandeln l\u00e4ngst gegeben.<\/p>\n<p>3. Gerechtigkeit\/Rechtfertigung<\/p>\n<p>Diese Richtungs\u00e4nderung markiert der erste Petrusbrief ein weiteres Mal im Stichwort der \u201eGerechtigkeit\u201c. Es kann sein, so sagt er seinen Lesern, da\u00df sie um der Gerechtigkeit willen Leid auf sich nehmen m\u00fc\u00dften. Dann aber seien sie in Wahrheit gl\u00fccklich zu preisen. Wieder ist mit Gerechtigkeit zun\u00e4chst nicht das rechtschaffene Leben der Gl\u00e4ubigen gemeint, die sich aufgrund ihrer moralischen Lauterkeit von der (b\u00f6sen) Umwelt abgehoben h\u00e4tten. Nein, gemeint ist wieder die von Gott in Christus geschenkte Gabe seiner Botschaft, eine Gabe, die allein von ihm kommt, der aber die Gl\u00e4ubigen mit ganzer Kraft zustreben sollen. Beides geh\u00f6rt zusammen: die Gabe von Gott und das auf sie ausgerichtete Streben der Menschen. Ganz so, wie es das Matth\u00e4usevangelium klassisch zum Ausdruck gebracht hat: \u201eEuch soll es zuerst um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit gehen\u201c (Mt 6,33). Reich Gottes, aber auch Gerechtigkeit stehen hier zun\u00e4chst als Formeln f\u00fcr Gottes Gabe. Auf der anderen Seite aber mu\u00df die Gerechtigkeit auch verstanden werden als das &#8211; von Gott unterst\u00fctze &#8211; Streben des Menschen, sich der Gabe Gottes existentiell zu verschreiben.<\/p>\n<p>Der erste Petrusbrief rechnet damit, ja, er wei\u00df darum, da\u00df die Gl\u00e4ubigen offensichtlich aufgrund ihres Glaubens gesellschaftliche Einbu\u00dfen und Benachteiligungen hinnehmen m\u00fcssen. Um so n\u00e4her lag es f\u00fcr ihn, exakt deshalb die Gerechtigkeit durch Gott in Jesus Christus ins Spiel zu bringen. Denn sie wurde im Leiden, im Sterben und Tod Jesu am Kreuz ins Werk gesetzt. Die Fixierung auf diesen \u201eAusschnitt\u201c der Rechtfertigung war im fr\u00fchen Christentum so stark ausgepr\u00e4gt, da\u00df man den Eindruck haben kann, demgegen\u00fcber sei die Bedeutung des gesamten Lebens Jesu, seine Verk\u00fcndigung und sein \u00f6ffentliches Wirken in den Hintergrund geraten. So kommt es nicht von ungef\u00e4hr, da\u00df das Glaubensbekenntnis die Bedeutung Jesu gewisserma\u00dfen auf die Aspekte reduziert hat: \u201e&#8230; incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine, et homo factus est. Crucifixus etiam pro nobis sub Pontio Pilato; passus et sepultus est.\u201d An Jesu Menschwerdung schlie\u00dft sich unmittelbar seine Kreuzigung, sein Leiden und seine Bestattung an. In der bedr\u00e4ngten Situation der Gemeinden im n\u00f6rdlichen und westlichen Kleinasien hatte der Hinweis auf die Leidkomponente der Gerechtigkeit Sinn. Er wirkte motivierend und stabilisierend.<\/p>\n<p>Deshalb sollten sie Christus in ihrem Herzen heilig halten. Wir ahnen, was wir meinen, wenn uns etwas heilig ist, wenn wir etwas heilig halten, mit dem wir keine Sp\u00e4\u00dfe und Witze machen. Das schwingt sicher auch hier mit. In erster Linie aber ist es auch hier wieder so, da\u00df als das eigentliche Subjekt, als eigentlicher Handlungstr\u00e4ger der Heiligung wiederum Gott mitzuh\u00f6ren ist, und nicht der Mensch. Wenn der erste Petrusbrief also die Gl\u00e4ubigen auffordert, Christus heilig zu halten, hei\u00dft das nichts anderes als, sie sollten treu in der Wirklichkeit ihres Glaubens, in der Wirklichkeit des Evangeliums verbleiben.<\/p>\n<p>4. Zeugnis geben<\/p>\n<p>Und das ist dann die Stelle, an der sie gewisserma\u00dfen in die Offensive gehen sollen. Sie sollen, wenn sie nach ihrem Lebens- und Glaubensgrund gefragt werden, Rede und Antwort stehen, sie sollen von der Hoffnung Zeugnis ablegen, die sie in Christus erf\u00fcllt. Dies allerdings sollen sie nicht besserwisserisch, arrogant und \u00fcberheblich tun, sondern bescheiden und ehrf\u00fcrchtig. Ehrf\u00fcrchtig meint hier wohl soviel wie, in Ehrfurcht und Respekt vor der anderen Lebens- und Weltanschauung, auch vor der m\u00f6glichen anderen religi\u00f6sen Ausrichtung der Leute zu agieren, die sie nach ihrem Glauben, nach dem Grund ihrer Hoffnung gefragt haben.<\/p>\n<p>5. Bez\u00fcge zu uns heute?<\/p>\n<p>Hat der Text nun nach diesem nachdenklichen Durchgang etwas mit uns zu tun bekommen? Oder bleibt er uns weiter fremd und ohne Bezug zu uns?<\/p>\n<p>Ein erster Bezug d\u00fcrfte allein schon in dem gewi\u00df schwer einl\u00f6sbaren Anspruch an uns liegen, uns in unserem Christsein wirklich auf das Evangelium, auf die Botschaft Jesu einzulassen, \u00fcber alle blo\u00df ritualisierten Formen des christlichen Lebens hinaus.<\/p>\n<p>Ein zweiter Bezug aber kann m\u00f6glicherweise darin liegen, da\u00df wir anderen Glaubensformen und anderen religi\u00f6sen Gemeinschaften und Traditionen , heutzutage insbesondere den unter uns lebenden Muslimen, mit Ehrfurcht und Respekt begegnen, ja mit einem offenen und unverstellten Interesse. Die Aufforderung, von der Hoffnung Zeugnis zu geben, zielt nicht darauf ab, in einem blickverengten falschen missionarischen Anspruch andere eines besseren belehren zu wollen. Wo uns heute die unter uns lebenden Muslime so naheger\u00fcckt sind \u2013 und uns weiterhin so fremd sind, was an beiden Seiten liegt -, kommt es wohl besonders darauf an, Wege zueinander zu suchen, die Fremdheit im Alltag abzubauen, um sich schlie\u00dflich im Raum des gegenseitigen Vertrauens dem zu n\u00e4hern, wovon sie und wovon wir auf der Basis des Glaubens tats\u00e4chlich leben<strong>. <\/strong><\/p>\n<p>In einem solchen Austausch kann es f\u00fcr uns zu einer bewu\u00dften Vergewisserung, zu einer bewu\u00dfteren \u00dcbernahme unseres Glaubens kommen, so da\u00df wir dann in der Tat eher in der Lage sind, jedem Rede und Antwort zu stehen, der uns nach dem Grund unserer Hoffnung fragt. Auch wenn die Bedingungen solcher Fragen und unserer Auskunft andere sind als die der damaligen Gl\u00e4ubigen im n\u00f6rdlichen und westlichen Kleinasien.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Stefan Knobloch<br \/>\n<a href=\"mailto:dr.stefan.knobloch@t-online.de\">dr.stefan.knobloch@t-online.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juli 2006 Predigt zu 1. Petrus 3, 8-17, verfasst von Stefan Knobloch Die Verwurzelung im Glauben suchen Man k\u00f6nnte meinen, der heutige Bibeltext aus 1 Petr 3,8-17 habe uns wenig zu sagen. Er kommt so moralisch einher. Er scheint sich lediglich in phrasenhaften Anmutungen an den \u201eGutmenschen\u201c zu ergehen. 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