{"id":11237,"date":"2021-02-07T19:48:55","date_gmt":"2021-02-07T19:48:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11237"},"modified":"2023-02-09T16:35:13","modified_gmt":"2023-02-09T15:35:13","slug":"1-petrus-3-8-15-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-petrus-3-8-15-2\/","title":{"rendered":"1. Petrus 3, 8-15"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">4. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juli 2006<br \/>\nPredigt zu 1. Petrus 3, 8-15, verfasst von Elisabet Mester<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Gute-Nachricht-\u00dcbersetzung)<\/p>\n<p><em>8 Euch allen schlie\u00dflich sage ich: Haltet in derselben Gesinnung zusammen und habt Mitgef\u00fchl f\u00fcreinander! Liebt euch gegenseitig als Br\u00fcder und Schwestern! Seid g\u00fctig und zuvorkommend zueinander!<\/em><br \/>\n<em>9 Vergeltet B\u00f6ses nicht mit B\u00f6sem, und gebt Beleidigungen nicht wieder zur\u00fcck! Im Gegenteil, segnet eure Beleidiger, denn Gott hat euch dazu berufen, seinen Segen zu empfangen. <\/em><br \/>\n<em>10 Ihr wisst ja: <\/em><br \/>\n<em>\u00bbWer nach dem wahren Leben verlangt <\/em><br \/>\n<em>und gl\u00fcckliche Tage sehen will, <\/em><br \/>\n<em>der nehme seine Zunge gut in Acht, <\/em><br \/>\n<em>dass er nichts Schlechtes und Hinterh\u00e4ltiges sagt. <\/em><br \/>\n<em>11 Er kehre sich vom B\u00f6sen ab und tue das Gute. <\/em><br \/>\n<em>Er m\u00fche sich mit ganzer Kraft darum, <\/em><br \/>\n<em>mit allen Menschen in Frieden zu leben. <\/em><br \/>\n<em>12 Denn der Herr hat ein offenes Auge f\u00fcr die, <\/em><br \/>\n<em>die das Rechte tun, <\/em><br \/>\n<em>und ein offenes Ohr f\u00fcr ihre Bitten. <\/em><br \/>\n<em>Aber er wendet sich gegen alle, die B\u00f6ses tun.\u00ab <\/em><br \/>\n<em>13 Kann euch \u00fcberhaupt jemand B\u00f6ses antun, wenn ihr euch mit ganzer Hingabe darum bem\u00fcht, das Gute zu tun? <\/em><br \/>\n<em>14 Wenn ihr aber trotzdem leiden m\u00fcsst, weil ihr tut, was Gott will, dann d\u00fcrft ihr euch gl\u00fccklich preisen. Habt keine Angst vor Menschen; lasst euch nicht erschrecken! <\/em><br \/>\n<em>15 Christus allein ist der Herr; haltet ihn heilig in euren Herzen und weicht vor niemand zur\u00fcck!<\/em><\/p>\n<p>\u201eMama!\u201c, sagte meine Tochter. \u201eWir sind auf dem Weg zur Schule. Wir sind hier nicht im Krieg!\u201c Ich konnte sie im R\u00fcckspiegel sehen. Sie hielt den Ranzen fest auf dem Scho\u00df und guckte \u00e4rgerlich zu mir nach vorn.<\/p>\n<p>\u201eWas hab ich denn nun wieder gemacht?\u201c, fragte ich in ihre Richtung.<\/p>\n<p>\u201eGemacht, na ja\u201c, erwiderte sie. \u201eAber gesagt.\u201c \u2013 \u201eIch hab doch seit zwei Minuten gar nichts gesagt!\u201c, meinte ich. \u201eDoch\u201c, sagte meine Tochter. \u201eDu hast \u201aTr\u00f6delheini\u2019 gerufen und \u201aTreckerfahrer\u2019, \u201aTraumt\u00e4nzer\u2019 und \u201aT\u00fcdeltante\u2019. Du hast zu dem einen gesagt: \u2019Hier ist asphaltiert, wir sind nicht auf dem Feldweg!\u2019, und zu dem anderen \u201aSchlaf doch zuhause aus, wenn du noch nicht wach bist!\u2019.\u201c \u2013 \u201eDie k\u00f6nnen mich doch alle gar nicht h\u00f6ren\u201c, wandte ich entschuldigend ein. \u201cDas ist aber auch gut so\u201c, t\u00f6nte es von der R\u00fcckbank. \u201eAu\u00dferdem hast du heute wieder kein Benzin gespart. Du musst fr\u00fcher rauf schalten und nicht so doll Gas geben.\u201c<\/p>\n<p>Ich war f\u00fcr den Rest der Reise still. Es dauert nur f\u00fcnf Minuten bis zur Schule. \u201eWir sind hier nicht im Krieg!\u201c. Das hatte mich sehr erschreckt. Bin ich wirklich so aggressiv beim Autofahren?<br \/>\nAnscheinend schon. Kindermund tut Wahrheit kund.<br \/>\nAber warum bin ich so kriegerisch?<br \/>\nMit sich selbst ehrlich zu sein, das ist die beste Voraussetzung daf\u00fcr, zum Frieden zu finden.<br \/>\nMit sich selbst ehrlich zu sein, das allerdings ist gar nicht so leicht.<\/p>\n<p>In mir gibt es viele Zwiesp\u00e4ltigkeiten. Manches sehe ich so, aber gleichzeitig auch so \u2013 obwohl das beides nicht zusammen passt. Deshalb merke ich meistens nur eine Seite davon \u2013 eben die, die gerade st\u00e4rker ist. Das ist so bei Ambivalenzen. Wie zwei Seiten einer Medaille erscheinen sie. Nur, wer sehr ehrlich ist mit sich selbst, wird die andere, gerade verborgene Seite seiner zwiesp\u00e4ltigen Haltung auch erkennen und ber\u00fccksichtigen k\u00f6nnen, wenn die eine gerade oben liegt.<\/p>\n<p>In mir gibt es auch manches, das mir ziemlich unangenehm ist. Es st\u00f6rt das Bild, das ich von mir selbst habe, ganz empfindlich: \u201eIch bin doch ein ganz vern\u00fcnftiger und vertr\u00e4glicher Mensch. Ich bin nicht kriegerisch. Gewiss nicht. Da kann es also gar nicht sein, dass ich so aggressiv bin beim Autofahren. Ist doch klar.\u201c Jeder hat in sich verborgene Motive f\u00fcr das, was er tut: Gr\u00fcnde, die zwar wichtig, aber f\u00fcr einen selbst (oder erst recht: vor anderen) doch irgendwie peinlich sind. \u201eIch will mich durchsetzen\u201c oder \u201eIch bin aber st\u00e4rker als du\u201c, das k\u00f6nnen solche Beweggr\u00fcnde sein. Man muss sich selbst sehr gut kennen, um so einen Antrieb f\u00fcr das eigene Tun zu bemerken und gelten zu lassen. Wer sich traut, ehrlich zu sein, der versteht mit der Zeit die Motive f\u00fcr sein Handeln. Sie haben ihr Recht, ja, ihr gutes Recht. Das tun zu k\u00f6nnen, was man f\u00fcr erforderlich h\u00e4lt, das ist eine gute Sache. Es muss nicht hei\u00dfen, dass man mit angespitzten Ellenbogen durch Leben geht und r\u00fccksichtslos wird gegen andere. Jedenfalls nicht dann, wenn man von sich selber wei\u00df: Ich will stark sein. Gerade diejenigen, die das, was sie antreibt, nicht vor sich selbst verbergen, habe die Chance, gut umzugehen mit sich und mit anderen. Wissen, was man will. Das ist wichtig.<\/p>\n<p>Auch wissen, was man nicht will, es geh\u00f6rt dazu. Viele von uns hegen geheime Vorbehalte und haben in ihrem Herzen Einspr\u00fcche gegen bestimmte Dinge aufbewahrt. \u201eDas macht man nicht\u201c, \u201eDas darf ja wohl nicht wahr sein\u201c, oder auch: \u201eDas soll mir nie wieder passieren!\u201c \u2013 solche Veto-Stimmen k\u00f6nnen einem das Leben sehr schwer machen. Denn wer immer wieder damit besch\u00e4ftigt ist, bestimmte Dinge zu vermeiden, ist einer, der \u00fcber-lebt, und das hei\u00dft, dass er nicht richtig lebt.<\/p>\n<p>Es kommt hinzu, dass Dinge, die verhindert werden sollen, umso h\u00e4ufiger eintreffen. Der Versuch, etwas Bestimmtes zu umgehen, wirkt oftmals wie ein Magnet: er zieht gerade das an, was doch nicht passieren sollte.<\/p>\n<p>Manchmal kommen Menschen zu mir, klagen ihr Leid und fragen dann: \u201eFrau Pastorin, sagen Sie doch, warum passiert mir das immer wieder?\u201c<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt mir schwer, ihnen ehrlich zu sagen, was ich dazu denke: Die Dinge, die wir wegschieben, dr\u00e4ngen sich in unser Leben, und das, vor dem wir davon laufen, verfolgt uns.<\/p>\n<p>Ehrlich mit sich selbst zu sein, das ist das Einzige, was hilft. Sich aufrichtig zu fragen: was schiebe ich hier eigentlich immer weg? Warum meine ich, dies oder das d\u00fcrfte auf keinen Fall geschehen? Bin ich so gekr\u00e4nkt, dass ich verzweifelt versuche, an bestimmten Stellen erneute Verletzungen zu verhindern?<\/p>\n<p>Wer ehrlich mit der eigenen Person sein will, der sollte als erstes damit beginnen, auch freundlich mit sich selber umzugehen. Sonst wird sich sein Inneres dagegen wehren, ihm die Antworten, die er sucht, so aufrichtig zu geben, wie es n\u00f6tig ist.<\/p>\n<p>Ich denke, es w\u00e4re gut, zu Beginn einmal alle Erinnerungen, alle inneren Einstellungen und alle Beweggr\u00fcnde der Seele liebevoll so anzusprechen: \u201eEuch allen schlie\u00dflich sage ich: Haltet in derselben Gesinnung zusammen und habt Mitgef\u00fchl f\u00fcreinander! Liebt euch gegenseitig als Br\u00fcder und Schwestern! Seid g\u00fctig und zuvorkommend zueinander!\u201c<\/p>\n<p>Denn die Zwiespalte und Motive, die Vermeidungen und Kr\u00e4nkungen, die m\u00fcssen sich zun\u00e4chst einmal kennen und verstehen lernen. Wom\u00f6glich waren sie es gewohnt, sich gegenseitig in die Ecke zu stellen und einander Vorw\u00fcrfe zu machen. Vielleicht k\u00f6nnte man ihnen mal aufmunternd zusprechen und sagen: \u201eVergeltet B\u00f6ses nicht mit B\u00f6sem, und gebt Beleidigungen nicht wieder zur\u00fcck! Im Gegenteil, segnet eure Beleidiger, denn Gott hat euch dazu berufen, seinen Segen zu empfangen.\u201c Nichts ist \u00fcberfl\u00fcssig, was die Seele aufbewahrt, und alles, was darin vorkommt, hat sein Recht \u2013 oder doch zumindest einmal sein Recht gehabt. Es mag sein, dass manches gro\u00dfe \u201eNie wieder!\u201c heute \u00fcberfl\u00fcssig geworden ist. Dann kann man sich daf\u00fcr bedanken, dass es seinen Dienst getan, seine Zweck erf\u00fcllt hat, und es freundlich verabschieden.<\/p>\n<p>Wer der Wahrheit des eigenen Lebens n\u00e4her kommen will, wird das erreichen, wenn er gelten l\u00e4sst, ja, annimmt, was da ist in ihm. Wer eine solche Haltung sich selbst gegen\u00fcber einnimmt, dem wird es auch leichter fallen, sich annehmen zu lassen von Gott. \u201eErforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; pr\u00fcfe mich und erkenne, wie ich\u2019s meine\u201c (Ps. 139, 23) \u2013 so haben wir zu Beginn des Gottesdiensts gesprochen. Denn Gott unterst\u00fctzt uns in unserer Selbsterkenntnis. Er hilft uns, aufrichtig zu sein mit unseren Fehlern und Schw\u00e4chen und das zu werden, was man fr\u00fcher \u201edem\u00fctig\u201c nannte. \u201eHilfreich sich selbst und anderen gegen\u00fcber\u201c, so w\u00fcrde ich diese Haltung nennen. Sie erfordert zun\u00e4chst einmal viel Mut, die Demut.<\/p>\n<p>In der Begegnung mit dem wahren Gott k\u00f6nnen wir es lernen, wahrhaftig zu uns selbst zu sein und wahres Leben zu finden.<\/p>\n<p>\u201eIhr wisst ja: \u00bbWer nach dem wahren Leben verlangt und gl\u00fcckliche Tage sehen will, der nehme seine Zunge gut in Acht, dass er nichts Schlechtes und Hinterh\u00e4ltiges sagt.\u00ab\u201c<\/p>\n<p>Wer seine Zunge h\u00fcten will, dass sie nichts Falsches sagt, der wird als erstes sein Herz im Auge behalten. Wenn ich aufrichtig und redlich mit mir selber bin, wird mein Mund nicht unbedacht l\u00fcgen. Die meisten Leute, die l\u00fcgen, sind n\u00e4mlich in dem Moment, wo sie die Unwahrheit sagen, innerlich fest davon \u00fcberzeugt, dass das stimmt, was sie sagen. Sie machen sich selbst etwas vor, und das ist das Problem.<\/p>\n<p>Sich selbst nichts vorzumachen, wahrhaftig mit sich umzugehen, das ist darum der erste und wichtigste Schritt zur Wahrheit. Es ist ein Weg, den wir gehen k\u00f6nnen; ein Weg, zu dem Gott uns einl\u00e4dt: \u201eErforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; pr\u00fcfe mich und erkenne, wie ich\u2019s meine. Und sieh, ob ich auf b\u00f6sem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.\u201c<\/p>\n<p>Ein Weg mit Gott: Sich in seiner Gegenwart selbst begegnen, sich der eigenen Person zu stellen, in Gottes Angesicht. Nicht weglaufen, sondern bewusst gehen, Schritt f\u00fcr Schritt, mit seiner Hilfe, das ist gut. Es ist \u201ewahres Leben\u201c. Die echten und urspr\u00fcnglichen Gef\u00fchle erfahren, die tiefste Sehnsucht erkennen, die wirklichen Bed\u00fcrfnisse, die argen N\u00f6te wahrnehmen in der eigenen Seele, das alles geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n<p>Da, wo wir unseren eigenen Schw\u00e4chen begegnen, wird Gottes Liebe in uns stark. Das klingt widerspr\u00fcchlich, und es ist wahr. Eine Erfahrung, die jeder Christenmensch macht auf seinem Weg des Wachsens. \u201eDarum bin ich guten Mutes in Schwachheit (&#8230;) um Christi Willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.\u201c (2 Kor 12, 10) \u2013 so hat Paulus das in Worte gefasst.<\/p>\n<p>Schwach sein d\u00fcrfen. In Gottes guter Gegenwart vorkommen d\u00fcrfen, wie ich bin. Selbsterkenntnis gewinnen, Trost erfahren, Hilfe bekommen \u2013 das tut gut.<\/p>\n<p>Was mir gut tut, hilft mir auch wieder, Gutes zu tun.<\/p>\n<p>\u201eHaltet in derselben Gesinnung zusammen und habt Mitgef\u00fchl f\u00fcreinander! Liebt euch gegenseitig als Br\u00fcder und Schwestern! Seid g\u00fctig und zuvorkommend zueinander!\u201c Wenn ich das zu mir selber sagen kann, kann ich es auch auf andere anwenden. Freundlich zu den Mitmenschen zu sein \u2013 f\u00fcr den, der gelernt hat, mit sich selbst freundlich umzugehen, ist das nicht mehr allzu schwer. Denn wer sich mit sich selbst vertr\u00e4gt, kann sich auch mit anderen vertragen. \u201eEr kehre sich vom B\u00f6sen ab und tue das Gute. Er m\u00fche sich mit ganzer Kraft darum, mit allen Menschen in Frieden zu leben.\u201c Wom\u00f6glich braucht es dann gar nicht mehr so viel Kraft, um Gutes zu tun und Frieden zu halten. \u201eDenn der Herr hat ein offenes Auge f\u00fcr die, die das Rechte tun, und ein offenes Ohr f\u00fcr ihre Bitten.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Elisabet Mester<br \/>\nAnna-von-Borries-Stra\u00dfe 5<br \/>\n30625 Hannover<br \/>\nTel.: 0511\/5354119<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:mester@annastift.de\">mester@annastift.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juli 2006 Predigt zu 1. 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