{"id":11238,"date":"2021-02-07T19:48:52","date_gmt":"2021-02-07T19:48:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11238"},"modified":"2023-03-03T22:47:27","modified_gmt":"2023-03-03T21:47:27","slug":"1-petrus-3-8-17-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-petrus-3-8-17-2\/","title":{"rendered":"1. Petrus 3, 8-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">4. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juli 2006<br \/>\nPredigt zu 1. Petrus 3, 8-17, verfasst von Ralf Hoburg <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"center\"><strong>Gutmenschentum<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">So stellt man sich doch gemeinhin einen Christen oder eine Christin vor! Vom Outfit her \u201eDutt und feste Schuhe\u201c \u2013 immer dem Trend von vorgestern nachh\u00e4ngend oder vielmehr gar keinen Wert auf das \u00c4u\u00dfere legend, daf\u00fcr aber mit einem hohen Anteil innerer Werte! Wenn die Welt schon schlecht ist und das Geld die Welt regiert, dann soll es doch in der Kirche anders zugehen: eben dem\u00fctig und bescheiden. In der Kirche soll nach g\u00e4ngiger Meinung alles brav und artig sein und der Umgang br\u00fcderlich und dem\u00fctig. Ein bisschen verstaubt und langweilig, harmlos und gutherzig. Die Kirche repr\u00e4sentiert im Urteil vieler Menschen das Gegenbild zur Welt. Seien Sie mal ehrlich: Erwarten Sie in diesen sommerlichen Tagen eine Pastorin im kurzen roten Sommerkleid mit hochhackigen Sandalen zum Geburtstagsbesuch oder einen gutaussehenden Pastor, der bei Hochzeitsfeiern in der Gemeinde durchaus in der Lage ist die Damenwelt beim Disko-Fox auf der Tanzfl\u00e4che zu begeistern? Vermutlich w\u00fcrden wir dies ganz klar als Grenz\u00fcberschreitung der guten Sitten ansehen und in unseren K\u00f6pfen moralisch ahnden. Bei aller Modernit\u00e4t in unserer Gesellschaft mit ihrer scheinbaren Beliebigkeit verk\u00f6rpert das Christentum irgendwie in den K\u00f6pfen Vieler immer noch oder gerade die heile Welt. Pastorinnen und Past\u00f6re als deren Berufsrepr\u00e4sentanten sind eben keine normale Menschen. Sie sind heilig und der Allt\u00e4glichkeit und Profanit\u00e4t des Lebens teilweise entnommen. In gewisser Weise leiden wir als Theologen aber auch an diesem Stigma der Unber\u00fchrbarkeit, das sich in den K\u00f6pfen so vieler festgesetzt hat und das uns auf die Rolle der Gutmenschen festlegen will. Aber ich vermute, dass wir innerhalb der Kirche so ganz unschuldig an den Klischees, die in der \u00d6ffentlichkeit bestehen, nicht sind.<\/p>\n<p>Aber Klischees halten sich im \u00f6ffentlichen Bewusstsein dann doch lange. Es sind die Bilder im Kopf, die unsere Einstellungen pr\u00e4gen und zum Teil zu Vorurteilen werden lassen. Sie werden von bestimmten biblischen Traditionsstr\u00e4ngen unterst\u00fctzt. In der Nachfolge Jesu Christi zu leben, hei\u00dft dann im Urteil der Allgemeinheit offensichtlich, auf gehobenen Lebensstil und Konsum oder auf Genuss zu verzichten \u2013 \u00fcberhaupt ein Leben in Verzicht zu f\u00fchren. Mir erz\u00e4hlte ein Oberkirchenrat, dass er von seinem Bischof in den 80er Jahren auf den ethischen Wert seines Autos angesprochen worden sei und dieser ihm mahnend und eindringlich ins Gewissen geredet hat, dass ein Porsche doch nun wirklich nicht zum Lebensstil eines Kirchenmannes geh\u00f6re. Da ist sie, diese Falle moralischer Scheinheiligkeit, der wir innerhalb der Kirche selber anheimfallen. Was hat ein Porsche mit dem gelebten und gelehrten Glauben eines Theologen zu tun? Ist die Entscheidung, auf einen Porsche zu verzichten, gleichzeitig Ausdruck von religi\u00f6ser Glaubw\u00fcrdigkeit? Wir sind also innerhalb der Kirche selber verantwortlich f\u00fcr die Images und Klischees, die wir nach au\u00dfen hin repr\u00e4sentieren. Gerade aus Zusammenh\u00e4ngen diakonischer Einrichtungen ist in den letzten Jahren bekannt, dass die Entt\u00e4uschungen bei den Menschen und in der \u00d6ffentlichkeit immer dann hoch ist, wenn das Fremdbild \u00fcber Kirche einer gelebten Einm\u00fctigkeit durch die Realit\u00e4t der Institution zerbrochen wird. Mobbing in der Kirche, Konflikte, K\u00fcndigung und sogar arbeitsrechtliche Prozesse zwischen Mitarbeitern der Diakonie und ihrem Arbeitgeber zerst\u00f6ren das Bild eines harmlosen Gutmenschentums, das man in der Kirche \u2013 dem eigenen Bild im Kopf folgend \u2013 erwartet hatte. Dringt das Kirchengez\u00e4nk dann nach au\u00dfen, so ist das Image nachhaltig ramponiert. Und wehe der Pastorin, die wirklich einmal zu sexy durch die Gemeinde l\u00e4uft! Perdu ist dann der Eindruck eines Verhaltenscodex, wie ihn der Text aus dem 1. Petrusbrief als scheinbar normativ beschreibt: \u201eSeid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, br\u00fcderlich, barmherzig, dem\u00fctig\u201c. Hier liegt in gewisser Weise der Selbstwiederspruch der Kirche auch theologisch begr\u00fcndet. Einerseits repr\u00e4sentieren wir als Gemeinde die Gemeinschaft der Heiligen und bilden somit das Reich Gottes auf Erden ab. Und andererseits pr\u00e4sentiert sich die Kirche als eine v\u00f6llig diesseitige Institution und Beh\u00f6rde, als ein Arbeitgeber, der einsparen mu\u00df und gezwungen ist, Entlassungen auszusprechen. Dass es dar\u00fcber hinaus auch in der Kirche um Macht und Geld, Ansehen, Leistung und Erfolge, ja sogar um eine Hackordnung und soziale Hierarchien geht mit allen Facetten des \u201eMenschelns\u201c, wird sowohl in den eigenen Reihen wie in der gesellschaftlichen \u00d6ffentlichkeit verdr\u00e4ngt und damit auch das Bewusstsein um das Vorhandensein von Konflikten. Wir transportieren selbst das Klischee des harmlosen Gutmenschentums in die \u00d6ffentlichkeit und machen uns damit der T\u00e4uschung schuldig, weil wir um die andersartige Realit\u00e4t der Volkskirche wissen. Sind wir damit doch auf Gedeih und Verderb der Falle des Gutmenschentums ausgeliefert und bleiben auf dem Klischee des Harmlosen sitzen? Oder noch sch\u00e4rfer: Mein Eindruck ist, dass wir uns selber wider besseren Wissens in diesen Klischees gefangen halten! Im Predigttext hei\u00dft es: \u201eHeiligt den Herrn Jesus Christus&#8230; und das mit Sanftmut und Gottesfurcht\u201c (1. Petr. 3,15-16).<\/p>\n<p align=\"center\">I)<\/p>\n<p>Die gelebte Unauff\u00e4lligkeit, die als Klischee von au\u00dfen noch heute oftmals an die Kirche herangetragen wird, hat Gr\u00fcnde, die bis in die Ursprungssituation christlicher Gemeinden in der Antike zur\u00fcckreicht. Das Problem der Gemeinde, an die sich der 1. Petrusbrief wendet, ist es gerade, nur in der Unauff\u00e4lligkeit im Umfeld der r\u00f6mischen Gesellschaft \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. Den ganzen Petrusbrief durchzieht deshalb die Mahnung nach N\u00fcchternheit und Wachsamkeit gegen\u00fcber der Situation. Die Gemeinde, an die sich der 1. Petrusbrief richtet, lebt in der \u201eFremde\u201c und hat kein rechtes Zuhause. Damit ist zugleich eine ekklesiologische Dimension thematisiert, die in sich durchaus aktuell ist. In der Geschichte der christlichen Kirche ist die Erfahrung der Fremde immer wieder bedr\u00fcckende Realit\u00e4t geworden, wie ein Textausleger dieser Tage schreibt: \u201eF\u00fcr engagierte Christen aus der DDR ist das ein vertrauter Gedanke, den sie allerdings erst nach dem Mauerbau 1963 richtig begriffen haben.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"> (*) <\/a> Ist es zuviel gesagt, wenn sich der Text gegen eine allzu angepasste, allzu saturierte Seite einer Kirche im Staat wendet? Oder ist nur eine Kirche wirklich glaubw\u00fcrdig, die auf Distanz zur Gesellschaft geht und ihre N\u00e4he zum Reich Gottes sucht? Der Theologe Dietrich Neuhaus fragte einmal provokativ: Ist prophetische Kritik dauerhaft institutionalisierbar? Schon hier deutet sich an, dass der Text eine brisante Note in sich tr\u00e4gt, wenn man ihn in Beziehung setzt zu der heutigen Lebenswirklichkeit des kirchlichen Alltags.<\/p>\n<p>Aus der Situation heraus ist es verst\u00e4ndlich, dass die Gemeinde ihr Selbstbild und das Fremdbild in der \u00d6ffentlichkeit sorgsam aufeinander abstimmen muss. Ein gro\u00dfes Problem scheint deshalb die Abgrenzung gegen\u00fcber der sozialen Umwelt des Heidentums inmitten der r\u00f6mischen Gesellschaft zu sein. Das Motto der Unauff\u00e4lligkeit war damit geradezu zu einer \u00dcberlebensstrategie in der Umwelt geworden. Die kleine Gemeinde der Christen hat sich offenbar von der j\u00fcdischen Gemeinde und ihrer Synagoge getrennt und ging ihre eigenen Wege. Wichtige angesprochene Gemeindeglieder sind Sklaven und Frauen, die mit nichtchristlichen M\u00e4nnern verheiratet sind, wie aus den Stellen 1. Petr. 2,18 und 1. Petr. 4,1 deutlich wird. Daraus allein schon ist ersichtlich, dass diese Gemeinde in ihrer Umwelt jedenfalls nicht unt\u00e4tig war, sondern aller Voraussicht nach sich sozial engagierte. Hier k\u00f6nnten konkrete Konfliktherde liegen, mit denen umzugehen ist. Vor diesem Hintergrund l\u00e4sst sich vermuten, dass der Aufruf des Briefschreibers zu Verantwortung und Rechenschaft konkrete Anl\u00e4sse hat. Angesichts der spannungsgeladenen Situation spricht der Brief Trost und Ermunterung aus an die, die um der Gerechtigkeit willen leiden. Es geht darum, aufrichtig zum Glauben zu stehen, sich also \u2013 so w\u00fcrde es die heutige Sprache zum Ausdruck bringen \u2013 klar zu positionieren und dann auch bereit sein, f\u00fcr die eigene Haltung Nachteile in Kauf zu nehmen. Damit macht der Verfasser des Briefes in der Tradition des Apostel Paulus deutlich, dass gerade in der Situation der Verfolgung der Auftrag zur Verk\u00fcndigung an der Art und Weise erkannt werden kann, wie die Gemeinde ihren Glauben lebt. Vielleicht kann man es so ausdr\u00fccken, dass die Gemeinde in ihrer Umwelt authentisch bleibt. Sie unterliegt weder der Gefahr, sich vorschnell an die Verh\u00e4ltnisse anzupassen noch propagiert sie heroisch den Widerstand. Vielmehr zeigt der 1. Petrusbrief das Bem\u00fchen einer jungen christlichen Gemeinde, die Situation so anzunehmen wie sie ist und das Beste daraus zu machen. Bei alledem steht dann trotzdem die Botschaft des Evangeliums im Vordergrund und macht das Leben der Gemeinde aus. In Verfolgungszeiten ist neben einer Leidensf\u00e4higkeit, die sich allerdings vom \u00fcbersteigerten Leidenspathos abgrenzt, auch ein Pragmatismus gefragt. Dass von der Gemeinde Rechenschaft gefordert wird (1. Petr. 3,15) k\u00f6nnte darauf hindeuten, dass hiermit die Verteidigung in einer Gerichtsverhandlung gemeint ist. Die Antworten, die der 1. Petrusbrief auf die schwere Frage nach dem rechten Verhalten in der Welt zu geben versucht, zeigt in jedem Fall eine Gemeinde, die nicht \u201eweltfl\u00fcchtig\u201c oder gar weltfremd ist, sondern sich klar positioniert und Farbe bekennt: n\u00e4mlich zur Hoffnung, die in uns ist. Die Kirche, die uns hier begegnet, ist ganz und gar nicht weltfremd, sondern aus einem inneren Motor heraus in der Welt pr\u00e4sent. Trotzdem bem\u00fcht sie sich um \u201eEinvernehmlichkeit\u201c, aber nicht weil sie den Konflikt scheut oder das Zauberwort der Verharmlosung zur Strategie erhebt, sondern um als in sich geeinte Gruppe in der Gesellschaft umso effektiver sein zu k\u00f6nnen. Hinter der Strategie der Gemeinde zeigt sich eine enorme Anpassungsleistung der fr\u00fchen christlichen Kirche an ihre Umwelt, die letztendlich die Basis f\u00fcr den sp\u00e4teren Erfolg des christlichen Gedankens bildet.<\/p>\n<p align=\"center\">II)<\/p>\n<p>In seiner Grunds\u00e4tzlichkeit erinnert der Text die Kirche an ihre Identit\u00e4t. Letztlich existiert auch heute in einer durch die sinkenden Finanzeinnahmen unter Druck stehenden Kirche die Frage nach der Identit\u00e4t der Gemeinde in der gesellschaftlichen \u00d6ffentlichkeit. Wer ist die Gemeinde in der Welt? Der Text mahnt also auch uns selbst als Kirche in der Gegenwart zu einer gewissen N\u00fcchternheit und zur Konzentration auf das Wesentliche. Nun ist es ja aber so, dass die Volkskirche von einst mittlerweile und nicht nur in den Neuen Bundesl\u00e4ndern zu einer \u201eMinderheit mit Zukunft\u201c geworden ist und die Kirche nicht anders als der Staat zur Verk\u00fcnderin der \u201en\u00fcchternen Zahlen\u201c geworden ist. Auch in dieser Situation ist der Text f\u00fcr die Kirche aktuell. Der Gedanke an eine \u201eEinvernehmlichkeit\u201c erscheint uns in dieser Situation geradezu wie eine Utopie wenn man auf die drastischen Einsparungen blickt, die auch die Kirche zukommen.<\/p>\n<p>Die N\u00fcchternheit, zu der die Gemeinde aufgefordert wird, hat eine Mitte, aus der heraus sie als Erkenntnis getragen wird. Die Lebenshaltung der Demut und Geduld ist das Ergebnis der Hoffnung, die in uns ist. (V. 15) Die Hoffnung zeichnet das Leben als Christ qualitativ aus. Will man sie beschreiben, so wird man innerhalb des Textes auf den Zusammenhang von Leben und Segen verwiesen. Gleich zu Anfang spricht der Briefschreiber die Gemeinde auf den Segen an. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Berufung zur christlichen Nachfolge und der Erbschaft des Segens, wie es V. 9 zum Ausdruck bringt: \u201eSegnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.\u201c Und der Segen wird dann in seiner Wirkung auf den Menschen etwas sp\u00e4ter beschrieben: \u201eUnd wenn ihr doch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig.\u201c (V. 14) Das Wissen um diesen Zusammenhang l\u00e4sst sich als die Erkenntnis des Glaubens beschreiben. Denn das Ererben des Segens und der Stand der Seligkeit hei\u00dft doch nichts anderes als was der Apostel Paulus als das Stehen unter der Gnade oder das Leben der Kinder Gottes bezeichnet. Diese Mitte macht die christliche Identit\u00e4t aus, dass wir n\u00e4mlich als Menschen um die Wirkung der Gnade Gottes wissen, die in Jesus Christus offenbar geworden ist. Das Leben in der Nachfolge hei\u00dft dann nicht in erster Linie, selber wie Jesus Christus zu leiden, sondern vielmehr, sich in der eigenen Lebens- und Leidenssituation getragen zu wissen von der Kraft des Heils, die im Segen liegt. Die Hoffnung, dass Jesus Christus das Leiden durch Kreuz und Auferstehung besiegt hat, macht dann die St\u00e4rke des christlichen Bekenntnisses aus. Aus dieser Hoffnung resultiert dann ein besonderer Umgangs- und Lebensstil in der Gemeinde. Wenn es erlaubt ist, einen Buchtitel geradezu als Slogan f\u00fcr christliches Leben zu benutzen, so erinnere ich mich an den Titel eines Buches des Theologen Helmut Gollwitzer, der f\u00fcr mich in den Anfangsjahren meines Studiums und mitten in der kirchlich erhitzten Debatte um den Nato-Doppelbeschluss und der Friedensbewegung am Anfang der 80er Jahre wichtig wurde: \u201eKrummes Holz, aufrechter Gang\u201c. Hier kommt f\u00fcr mich die Haltung der Geradlinigkeit und Authentizit\u00e4t zum Ausdruck, die das christliche Leben viel tiefer als alles nett gemeinte Gutmenschentum auszeichnet. Darin steckt f\u00fcr mich eine klare christliche Lebensorientierung.<\/p>\n<p align=\"center\">III)<\/p>\n<p>Neben allem Pathos von Demut und Gutmenschentum gibt es zwei Dimensionen dieses Textes, die mich als Ausleger besonders interessieren. Sie gilt es unter dem Aspekt eines zeitgem\u00e4\u00dfen Lebens in der Nachfolge im Blick zu behalten. Da ist einerseits im Text in Aufnahme j\u00fcdischer Weisheitslehre die Rede von einer Lebensklugheit, die im Leben Orientierung gibt. In V. 10 hei\u00dft es: \u201eWer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der h\u00fcte seine Zunge, dass sie nichts b\u00f6ses rede&#8230;\u201c Mit diesem, tief im j\u00fcdischen Denken verwurzelten Lebensansatz ist f\u00fcr mich in heutiger Zeit eine Grunderkenntnis verbunden: Die Voraussetzung, um im Leben einen inneren Frieden und damit so etwas wie Gl\u00fcck und Zufriedenheit zu erreichen, ist der verantwortliche Umgang mit mir und dem Anderen. Wie viele Menschen sehen sich gegenw\u00e4rtig als Opfer der Verh\u00e4ltnisse und schieben die Schuld recht vorschnell auf Andere. Ruppigkeit und steigende Agressivit\u00e4t im Umgang miteinander sind oftmals keine Seltenheit mehr. Konflikte am Arbeitsplatz nehmen zu und die Notwendigkeit Grenzen zu ziehen zwischen mir und dem Anderen steigt. Wer da zu schnell nachgibt oder im Sinne eines Gutmenschentums den Ausgleich sucht, l\u00e4uft Gefahr, \u00fcbergangen und nicht ernst genommen, vielleicht sogar \u00fcbervorteilt zu werden. Der Umgangsstil zwischen den Menschen hat sich ver\u00e4ndert und das soziale Klima ist k\u00e4lter geworden. Orientierung nach einem rechten und alternativen Umgangsstil tut hier Not, wo die F\u00e4higkeit zu Kommunikation und gegenseitigem Verst\u00e4ndnis nachl\u00e4sst. Vom Predigttext aus gesehen ist eine Friedenf\u00e4higkeit im Umgang miteinander gefragt, die sich nicht vorschnell in die Harmonie fl\u00fcchtet, sondern mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus im R\u00fccken und damit aus der Haltung des Glaubens Position bezieht. Ich gestehe, dass mir das in der Lutherbibel benutzte Wort der \u201eRechenschaft\u201c dabei ausnehmend gut gef\u00e4llt. Denn wer Rechenschaft abgibt, scheut sich nicht eine klare Meinung zu sagen ohne dabei in Verteidigungsposition zu geraten. In diesem Sinne w\u00fcnsche ich mir auch in der Kirche einen Kommunikationsstil und eine Konfliktkultur, die in aller Klarheit das Streitige benennt um dann mit einer ebensolchen Klarheit zu L\u00f6sungsstrategien zu kommen.<\/p>\n<p>Der andere Aspekt, den es in gegenw\u00e4rtiger Zeit stark zu machen gilt, ist f\u00fcr mich das Weltverhalten des Christentums oder anders formuliert: seine diakonische und soziale Dimension. In der Hoffnung auf das Reich Gottes gr\u00fcndet sich der innere Impuls zur sozialen Gestaltung und Ver\u00e4nderung der Welt. Die Gemeinde der Christen ist, weil sie sich am Gewissen und an der Hoffnung orientiert, zur Rechenschaft und Verantwortung in der Welt gerufen. Eine Kultur des Helfens, die sich christlich begr\u00fcndet wei\u00df, \u00fcbernimmt Verantwortung an der Gestaltung der Gesellschaft und schau dann erst in zweiter Linie auf die Finanzierbarkeit sozialer Hilfe. Die Haltung \u201eGutes zu tun\u201c ist f\u00fcr mich nicht nur Ausdruck des Gutmenschentums, sondern folgt dem Auftrag des Evangeliums. Der Ma\u00dfstab des Handelns sollte dabei die aus der Hoffnung auf die Vers\u00f6hnung getragene Gerechtigkeit sein. Und die ist oftmals alles andere als \u201eharmlos\u201c, weil sie auf Missst\u00e4nde klar aufmerksam macht und an manchen Punkten verlangt, umzudenken. Christsein hei\u00dft von daher gesehen Leben im \u201eUnruhestand\u201c. Das ist in der Tat das Gegenbild zur Welt. Aus seiner Mitte heraus ist christliches Leben alles andere als langweilig, auch wenn manche in den Reihen der Kirche langweilig aussehen!<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Ralf Hoburg<br \/>\nEvangelische Fachhochschule Hannover<br \/>\n<a href=\"mailto:hoburg@efh-hannover.de\">hoburg@efh-hannover.de<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a>(*) Dietrich Mendt, Auslegung zu 1. Petr. 3,8-15, in: GPM 89 (2000\/5), 315.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juli 2006 Predigt zu 1. Petrus 3, 8-17, verfasst von Ralf Hoburg Gutmenschentum So stellt man sich doch gemeinhin einen Christen oder eine Christin vor! 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