{"id":11244,"date":"2021-02-07T19:48:57","date_gmt":"2021-02-07T19:48:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11244"},"modified":"2023-02-08T13:26:30","modified_gmt":"2023-02-08T12:26:30","slug":"1-mose-12-1-4a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-mose-12-1-4a\/","title":{"rendered":"1. Mose 12, 1-4a"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">5. Sonntag nach Trinitatis, 16. Juli 2006<br \/>\nPredigt zu 1. Mose 12, 1-4a, verfasst von Inke Raabe <\/span><\/b><\/h3>\n<p>20 Jahre ist das jetzt her, dass Annegrets Vater mit einer anderen Frau davonging. Annegret war damals 15. Ihre Mutter war am Boden zerst\u00f6rt, sie hatte nichts geahnt und niemals damit gerechnet. Nach der Arbeit traf sie ihn beim Kofferpacken. \u201eIch gehe fort. Es tut mir leid.\u201c Das war alles, was er sagte. Es gab keine Erkl\u00e4rungen und keine Gespr\u00e4che. Das war\u00b4s. Einige Wochen sp\u00e4ter bekam Annegret einen Brief von ihm. Sie \u00f6ffnete ihn gar nicht, sondern zerriss ihn noch in der Haust\u00fcr. Dann hat er noch ein paar Mal versucht, sie anzurufen. Weil sie aber nie mit ihm sprechen wollte, unterlie\u00df er es irgendwann. Seitdem hat sie nichts mehr von ihm geh\u00f6rt und sie hat sich auch nicht danach gesehnt. Ihr Vater ist f\u00fcr sie gestorben. Sie will ihn nicht sehen. Sie will nicht wissen, wie es ihm geht. Sie wei\u00df nicht, wo er wohnt und was aus ihm geworden ist. Und wenn sie ihre beiden kleinen Kinder spielen sieht, dann w\u00fcnscht sie sich oft intensiv, dass sie ihren Gro\u00dfvater niemals kennen lernen.<\/p>\n<p>Annegret ist \u00fcberrascht, als eines Tages ein Brief in ihrem Kasten liegt. Eine sympathische Handschrift, die sie nicht kennt, hat die Adresse drauf geschrieben. Eine Einladung? Annegret \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>\u201eLiebe Annegret \u2013 mein Name ist Lilo Sievers. Ich bin die Frau, wegen der dein Vater euch damals verlassen hat. Du hast mich nie kennen lernen wollen, ich verstehe das gut, es ist in Ordnung. Dein Vater aber hat dich nie aus den Augen und schon gar nicht aus seinen Gedanken verloren. Freunde von Freunden hielten ihn auf dem Laufenden. Er liebt dich sehr, Annegret und du fehlst ihm. Aber das allein ist nicht der Grund, warum ich dir schreibe. Dein Vater hat Krebs. Es geht ihm nicht gut und die Prognosen sind schlecht. Aber er selbst w\u00fcrde es nicht wagen, zu dir Kontakt aufzunehmen. Er wei\u00df, wie weh er euch getan hat und respektiert deine Entscheidung.<\/p>\n<p>Dennoch m\u00f6chte ich dich bitten: \u00dcberleg es dir, ob du deinem Vater nicht doch noch in diesem Leben eine Chance geben m\u00f6chtest. Wahrscheinlich hat er nicht mehr viel Zeit. Er w\u00fcrde es leichter haben, wenn er dich noch einmal sehen k\u00f6nnte. Bitte, Annegret, besuche ihn. Er w\u00fcrde sich so sehr freuen. Sei gegr\u00fc\u00dft von Lilo Sievers.\u201c<\/p>\n<p><em>Dazu lese ich den Predigttext f\u00fcr den heutigen Sonntag. Er steht im 1. Buch Mose im 12. Kapitel:<br \/>\n<\/em><em>Der Herr sprach zu Abraham: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem gro\u00dfen Volk machen, dich segnen und deinen Namen gro\u00df machen. Ein Segen sollst du sein. Ich will segnen, die dich segnen und verfluchen, die dich verfluchen. Durch dich sollen gesegnet werden alle V\u00f6lker der Erde. Da zog Abraham weg wie der Herr ihm gesagt hatte. <\/em><\/p>\n<p>Da ist von einem, der auszog, die Rede, liebe Gemeinde. Abraham macht sich auf Gottes Befehl hin auf den Weg. Er verl\u00e4sst Vater und Mutter, Br\u00fcder und Schwestern und macht sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft. Gott segnet ihn. Er sch\u00fctzt ihn und er gibt ihm ein gro\u00dfes Versprechen: Aus ihm soll ein gro\u00dfes Volk hervorgehen. Und Gott hat Land f\u00fcr ihn bereit, ein Land, in dem er bleiben kann, ein Land, das ihm geh\u00f6ren soll. Geh, Abraham, geh und vertrau mir \u2013 und Abraham geht und vertraut.<\/p>\n<p>Sie denken vielleicht bei dieser Geschichte an Annegrets Vater, an den, der auszog, das gro\u00dfe Gl\u00fcck zu finden. Auch er verl\u00e4sst seine Familie und macht sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft. Aber kann auf so einem Verhalten Segen liegen? Nun ist er krank. Wahrscheinlich wird er sterben. Er ist noch keine 60 Jahre alt. So was kommt von so was, sagen die Leute und sch\u00fctteln den Kopf. Und es gibt sogar einige, die denken: Gott ist eben doch gerecht und straft, die es verdienen.<\/p>\n<p>Ich aber meine es anders. Ich denke dabei an Annegret.<\/p>\n<p>Annegret liest den Brief und sie zittert vor Wut. Soll er doch verrecken, ist ihr erster Gedanke. 20 Jahre ist es jetzt her und sie hasst ihn noch genau wie damals. Vollkommen undenkbar ist es, dem Wunsch der Stiefmutter nachzukommen. Das kann sie nicht, das will sie nicht. Niemals. Und sie merkt, wie ihr das Herz rast und der Hass ihr die Luft abschn\u00fcrt. Sie rennt raus und l\u00e4uft und l\u00e4uft und l\u00e4uft, bis sie sich wieder etwas beruhigt hat.<\/p>\n<p>\u201eWarum gehst du nicht hin?\u201c Annegret kann es kaum glauben: Ausgerechnet ihre Mutter r\u00e4t ihr dazu. \u201eWas hast du zu verlieren? Es ist 20 Jahre her, Kind, du vergiftest dein eigenes Leben mit deinem Hass. Er hat nicht dich, er hat mich verlassen. Du schadest dir selbst mehr als ihm.\u201c<\/p>\n<p>Eigentlich h\u00e4tte sie sich das denken k\u00f6nnen. \u201eWas hast du zu verlieren?\u201c Das war immer Mutters Standardfrage in schweren Entscheidungen gewesen. Niemals hatte sie locker gelassen, bis Annegret ihr von ihrer Angst erz\u00e4hlen konnte. Und war die Angst erst einmal genannt, dann war sie schon fast gebannt.<\/p>\n<p>Ich denke bei der Geschichte von Abraham an Annegret. Denn auch Annegret muss den sicheren Boden verlassen, auf dem sie steht. Sie hat sich jahrelang in der Ablehnung ihres Vater ge\u00fcbt, sie kann sich das gar nicht mehr anders vorstellen. \u201eIch will dich segnen und du sollst ein Segen sein\u201c \u2013 jetzt ist es an der Zeit f\u00fcr sie, den Auftrag Gottes anzunehmen. \u201eGeh und vertraue!\u201c Oder: Was hast du zu verlieren?<\/p>\n<p>Die Geschichte von Abraham ist eine zentrale Geschichte f\u00fcr das j\u00fcdische Volk und auch f\u00fcr uns Christen. Abraham ist der Stammvater Israels \u2013 die Israeliten sind Kinder und Kindeskinder Abrahams. Und wir Christen, so sagt Paulus, geh\u00f6ren durch Jesu Christi zu diesem Bund dazu, durch ihn sind auch wir Kinder Abrahams und Erben der Verhei\u00dfung.<\/p>\n<p>Die Sendung und Segnung Abrahams zu Beginn der V\u00e4tererz\u00e4hlungen ist mehr als eine Geschichte, sie ist eine Art Prolog, ein Leitbild. Geh! Vertraue! Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. In ihm ist die enge Bindung Israels an das Land Pal\u00e4stina begr\u00fcndet, in ihm sein besonderer Auftrag unter den V\u00f6lkern. Hier dr\u00fcckt sich die besondere Liebe Gottes zu seinem Volk aus und vielleicht beginnt hier auch das besondere Leiden dieses Volkes, das schweres Schicksal immer wieder als Strafe Gottes verstand. Denn auch Abraham marschierte keineswegs direkt in das Land seiner Tr\u00e4ume; es dauerte Jahre und selbst dann geh\u00f6rte ihm nicht mehr als ein Brunnen. Er wurde keineswegs Vater vieler Kinder \u2013 ein einziges Kind gebar seine Frau Sarah noch in fortgeschrittenem Alter und dieses eine Kind w\u00e4re ihm beinahe genommen worden. Abraham h\u00e4tte allen Grund gehabt, an der Verhei\u00dfung Gottes zu zweifeln. Aber er tat es nicht. Seine Segnung und seine Sendung gab ihm immer neuen Mut, sie stand wie eine \u00dcberschrift \u00fcber seinem Leben.<\/p>\n<p>Und die Erinnerung an Abraham hat dem Volk Israel immer wieder neuen Mut gegeben. Abraham ist ihr Vater, ihr Vorbild, ihre Leitfigur. Durch ihn sollen gesegnet werden alle V\u00f6lker \u2013 das ist ein Glaubensbekenntnis. Gott hat etwas mit dir vor. Geh und vertraue.<\/p>\n<p>Vielleicht macht es das Annegret so schwer. Ihr Vater war auch ein Vorbild f\u00fcr sie gewesen und als er ging, hat er damals den festen Grund zerst\u00f6rt, auf dem ihr Leben ruhte. Sie hatte keine Verhei\u00dfung f\u00fcr sich und f\u00fchlte keinen Segen. Auf einmal stand sie ganz allein da. Sie f\u00fchlte sich verlassen. Sie \u00fcberlebte, weil sie hassen lernte, zumindest glaubte sie das. Arme Annegret \u2013 was hast du zu verlieren? \u201eZieh aus deinen alten Wunden und Verletzungen und aus deinem Hass und deiner Traurigkeit in das Land, das ich dir zeigen will. Ich werde dich gesund machen und dich segnen und stolz auf dich sein. Durch dich sollen andere gesegnet werden. Du kannst nur gewinnen.\u201c<\/p>\n<p>Annegret ist in Not. Es f\u00e4llt ihr so schwer, neues Vertrauen zu fassen und einen neuen Weg mit ihrem Vater zu beginnen. Sie muss loslassen lernen, sie muss den Hass und die Wut loslassen und einen neuen Anfang finden. Aber sie wei\u00df nicht, wie das gehen soll.<\/p>\n<p>Anders als das Volk Israel hat sie nie an eine Verhei\u00dfung f\u00fcr ihr Leben geglaubt. Sie hat keinen sicheren Grund, auf dem sie steht. Jetzt, wo ihr Vater stirbt, hat sie nur noch Angst und sie w\u00fcnscht sich, sie w\u00e4re wieder Kind und unschuldig und ganz geborgen.<\/p>\n<p>Die Geschichte von Abraham, von seiner Segnung und seiner Sendung ist eine positive, lebensbejahende Geschichte. Menschen, ob nun Juden oder Christen, die sich diese Worte zu eigen machen k\u00f6nnen, haben einen guten Grund in ihrem Leben. Sie f\u00fchlen sich mit Abraham gesegnet und gewollt. Sie finden Mut f\u00fcr neue Lebenswege und f\u00fcr neue Aufgaben. Sie lassen sich von Gott auch auf neue Gedankenwege f\u00fchren. Sie leben als \u201egesendete\u201c Menschen, weil sie wissen, dass Gott etwas mit ihnen vorhat. Schwere Zeiten sind manchmal nur zu ertragen, wenn man glauben und vertrauen kann. Geh. Vertraue. Das sind die beiden starken Aspekte der Abrahamserz\u00e4hlung. Geh. Vertraue. Verzeihe. Fang neu an.<\/p>\n<p>F\u00fcr Annegret wird die Mutter ausschlaggebend: Was hast du zu verlieren?. Und so sehr sie auch \u00fcberlegt, es gibt kein Risiko, nur ihren Zorn, der sie schon so lange m\u00fcrbe macht. Sie kann dabei nur gewinnen. Geh. Vertraue.<\/p>\n<p>Sie wird gehen, bald. Sie will ihn sehen, mit ihm sprechen. Er liebt sie, schreibt die Stiefmutter, er hat sie nie vergessen. Vielleicht findet sie endlich inneren Frieden. Und wenn nicht, dann macht sie wenigstens einem sterbenden Mann eine Freude. Die Kinder malen dem Kranken ein Bild. F\u00fcr Opa \u2013 schreiben sie drauf und es f\u00fchlt sich noch ein bisschen komisch an.<\/p>\n<p>Wie wird es werden? &#8211; Auch Abraham geht in eine ungewisse Zukunft. Aber er geht mit Gottes Segen. Und auch Annegret geht gesegnet: Sie wei\u00df, dass sie das Richtige tut. Amen.<\/p>\n<p><strong>Inke Raabe<br \/>\n<a href=\"mailto:inkeraabe@web.de\"> inkeraabe@web.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>5. Sonntag nach Trinitatis, 16. Juli 2006 Predigt zu 1. 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