{"id":11253,"date":"2021-02-07T19:49:10","date_gmt":"2021-02-07T19:49:10","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11253"},"modified":"2023-01-17T22:50:04","modified_gmt":"2023-01-17T21:50:04","slug":"apostelgeschichte-8-26-39","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-8-26-39\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 8, 26-39"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">6. Sonntag nach Trinitatis, 23. Juli 2006<br \/>\nPredigt zu Apostelgeschichte 8, 26-39, verfasst von Eugen Manser<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201e&#8230;er zog aber seine Stra\u00dfe fr\u00f6hlich.\u201c Ein sch\u00f6ner Schlu\u00df! Ich kenne ihn sonst nur aus M\u00e4rchen: \u201e&#8230;und sie lebten herrlich und in Freuden.\u201c<\/p>\n<p>Da fragt man sich doch: Was geht solchem Gef\u00fchlswandel einer Menschenseele von Tiefdruckgebieten zu stabiler Sch\u00f6nwetterlage f\u00fcr eine Geschichte voraus?<\/p>\n<p>Ich finde Geschichten, in denen ein Mensch sich ver\u00e4ndert, verwandelt aus Ratlosigkeit in eine Stimmung frohen Mutes, sehr rar und deshalb sehr kostbar. Lassen Sie uns an der Geschichte mit dem sch\u00f6nen Schlu\u00df \u201e&#8230;er zog aber seine Stra\u00dfe fr\u00f6hlich\u201c, teilnehmen.<\/p>\n<p>Da war ein Mann, merkw\u00fcrdigerweise wird uns sein Name nicht verraten, ein hoher Staatsbeamter aus \u00c4thiopien, Finanzminister der K\u00f6nigin. Der war 2000 km gereist, um in Jerusalem \u201eanzubeten\u201c.<\/p>\n<p>Irgendwer mu\u00df ihn ja dazu bewegt haben. Ob ihn seine Chefin, die K\u00f6nigin von \u00c4thiopien selbst nach Jerusalem geschickt hat, sozusagen zur religi\u00f6sen Weiterbildung? Oder ob der Drang in ihm selbst war, in der ber\u00fchmten Gottesstadt Jerusalem anzubeten? Dann hat sie ihm immerhin einen langen Urlaub f\u00fcr diese Reise gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Jerusalem mu\u00df in der alten Welt einen \u00e4hnlichen Ruf gehabt haben wie heute Taiz\u00e9 in Europa.<\/p>\n<p>Und K\u00f6nigin sowohl als auch ihr Minister waren sich offenbar beide darin einig, da\u00df ein Finanzminister sich nicht nur Gedanken machen sollte \u00fcber das Geld, sondern auch \u00fcber Gott, da\u00df er nicht nur die Marktgesetze studieren sollte, sondern auch die Gottesgesetze, da\u00df er nicht nur im Staatsdienst sein sollte, sondern auch im Gottesdienst.<\/p>\n<p>Wodurch die lange Fahrt eines Menschen auf seinem Lebenswagen zu Gott hin ausgel\u00f6st wird, bleibt letztlich im Dunkeln.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr uns Glaubende nicht ganz leicht zu akzeptieren. Wie gern h\u00e4tten wir ein Programm oder eine Methode, mit der Menschen dazu gebracht werden k\u00f6nnten, sich auf den Weg zu Gott zu machen. Da\u00df wir unsere Kinder, unsere Freunde und Zeitgenossen in den tiefen Brunnenstuben ihrer Herzen bewegen k\u00f6nnten, dort wo die Entschl\u00fcsse geboren werden! Wir k\u00f6nnen Menschen allenfalls \u00fcberreden, manipulieren, ihnen etwas befehlen \u2013 sie zu einem Entschlu\u00df bringen, das k\u00f6nnen wir nicht.<\/p>\n<p>Der \u00e4thiopische Schatzmeister hatte sich entschlossen, nicht nur zu Gedankenfahrten, sondern zu einer wirklichen weiten Reise.<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, was er in Jerusalem erlebt hat. Vermutlich ist es ihm ergangen wie jedem Weitgereisten. Vom Vorhof der Heiden aus hat er an den Tempelgottesdiensten teilgenommen und sich zugleich angezogen und fremd gef\u00fchlt. Immerhin war er so bewegt von dem, was er erlebte, da\u00df er eine gro\u00dfe Investition t\u00e4tigte: Er kaufte sich eine Heilige Schrift. Nicht gleich die allerheiligste, die Thora, aber doch eine sehr anerkannte- eine Schriftrolle des Propheten Jesaja. Er mu\u00df gro\u00dfe Hoffnungen mit dieser Schriftrolle verbunden haben, kaufte er sie doch zu einer Zeit, in der man noch sagen konnte: Es ist <strong>wahr<\/strong>, denn \u201aes steht <strong>geschrieben<\/strong>\u2018. Auch mu\u00df er sehr gespannt auf den Inhalt gewesen sein, denn er packte die Schriftrolle schon auf der Heimfahrt nach \u00c4thiopien aus und begann im dahin rollenden Wagen zu lesen.<\/p>\n<p>Aber hier fing nun die gro\u00dfe Entt\u00e4uschung an: Er versand nicht, was er las. Er hatte sich von dieser Heiligen Schrift so viel versprochen und nun las er und las er und wurde nicht klug daraus. Manchmal ein Lichtblick, dann wieder lange unverst\u00e4ndliche Wortreihen. Er wurde immer mi\u00dfmutiger.<\/p>\n<p>Vor sich hatte er die \u00f6de gerade Stra\u00dfe, bei sich auf dem Scho\u00df ein Buch mit sieben Siegeln.<\/p>\n<p>Da tauchte pl\u00f6tzlich neben seinem Wagen ein Fremder auf, ein Wanderer auf der einsamen Steppenstra\u00dfe. Der Minister hatte ihn gar nicht bemerkt. Wer wei\u00df, wie lange der schon neben seinem Wagen herlief \u2013 ob er seine erfolglosen Leseversuche mitgeh\u00f6rt hatte?<\/p>\n<p>Er hatte; denn jetzt fragte er ihn \u00fcber den Wagenrand: \u201eSag mal, verstehst du auch, was du da liest?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie soll ich\u2019s denn verstehen, wenn mir niemand dabei hilft? Kannst du mir helfen?\u201c fragte der \u00c4thiopier. \u201eJa, ich glaube, das kann ich. Ich hei\u00dfe Philippus und bin von Gott dazu berufen, mich um die Armen zu k\u00fcmmern und Menschen zu Gott zu f\u00fchren.\u201c \u201eDich schickt der Himmel!\u201c, rief der Minister. Und Philippus darauf: \u201eJa, das ist wahr, mich schickt der Himmel. Hier auf diese \u00f6de Stra\u00dfe hat mich Gott befohlen \u2013 und da treffe ich <strong>dich<\/strong>.<\/p>\n<p>Und kurz darauf sa\u00dfen sie beide nebeneinander im Wagen und lasen und redeten \u00fcber das Gelesene, verglichen es mit ihren eigenen Lebenserfahrungen und wurden dabei reicher und hoffnungsvoller.<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, wie lange die beiden miteinander gefahren sind, ob Stunden oder Tage \u2013 wir ahnen nur, da\u00df sie in ihrem Gespr\u00e4ch mit der Bibel Gott er-fahren haben<\/p>\n<p>Vielleicht ist in Glaubenssachen nicht das Wissen entscheidend, sondern das Verstehen. Gewu\u00dft hat der \u00e4thiopische Finanzminister ja einiges: Er wu\u00dfte, da\u00df man sein Heil in Jerusalem, in Zion suchen mu\u00df und nahm daf\u00fcr eine beschwerliche Reise auf sich. Er beherrschte offensichtlich mehrere Sprachen und konnte sogar hebr\u00e4isch, die Lieblingssprache Gottes, lesen.<\/p>\n<p>Aber er hat nicht <strong>verstanden<\/strong>.<\/p>\n<p>\u201aVerstehen\u2018 ist mehr als \u201aWissen\u2018. Wenn ich mich mit einem Menschen verstehe, dann vertrage ich mich mit ihm gut; wir schwingen auf einer Wellenl\u00e4nge. Wenn ich einen Text verstehe, dann verinnerliche ich ihn so, da\u00df er in mir von selbst weiterspricht. Wenn ich ein Ereignis verstehe, dann komme ich pl\u00f6tzlich selbst darin vor.<\/p>\n<p>Beim Verstehen werden Trennungen \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>All das ist dem Finanzminister auf seiner Heimfahrt gemeinsam mit seinem Fahrgast Philippus widerfahren.<\/p>\n<p>Da\u00df er nun den Wagen anhalten l\u00e4\u00dft, um sein neu gewonnenes Verst\u00e4ndnis von Gott und der Welt im Fest der Taufe zu besiegeln und zu feiern, verstehe ich gut.<\/p>\n<p>\u201ePhilippus\u201c, sagte der Minister, \u201eder neue Anfang ist jetzt gemacht. Das Wichtigste habe ich verstanden, und ich wei\u00df jetzt auch, wie ich es machen mu\u00df, um das Andere noch einigerma\u00dfen zu verstehen. Gibt es einen Hinderungsgrund, da\u00df ich mich taufen lasse?&#8220;<\/p>\n<p>Einem gestrengen Kirchenmann und Buchhalter des Glaubens w\u00e4ren gewi\u00df eine Menge Hinderungsgr\u00fcnde eingefallen: Der Glaubensunterricht auf dem rollenden Wagen sei zu kurz gewesen. Der Mann wisse noch viel zu wenig. Er habe auch keine Glaubenspraxis. Er sei \u00fcberhaupt nicht vertraut mit dem Leben einer christlichen Gemeinde.<\/p>\n<p>Philippus l\u00e4\u00dft keinen dieser Einw\u00e4nde gelten; denn die wichtigste Voraussetzung f\u00fcr die Taufe war erf\u00fcllt: Der weitgereiste Fremde aus Afrika hatte <strong>verstanden<\/strong> und war nun nicht mehr Fremder, sondern Glaubensbruder.<\/p>\n<p>Und so fordert er ihn auf: \u201eSteig aus! Nichts steht deiner Taufe im Wege. Ich taufe dich.\u201c<\/p>\n<p>Und die beiden gehen zu einem Wasser am Wegrand. Wir sehen sie stehen wie einst Johannes den T\u00e4ufer und Jesus. \u00dcber ihnen stand gro\u00df der lichte Himmel.<\/p>\n<p>Und ganz gewi\u00df hat der Finanzminister auch das Gotteswort geh\u00f6rt, das Gott einem jeden bei seiner Taufe zuspricht: \u201aDu bist mein lieber Sohn; an dir habe ich Freude!\u2018 Denn wie sollte sonst der sch\u00f6ne Schlu\u00dfsatz der Geschichte entstanden sein als sich der Wagen nach der Taufe entfernte: \u201e&#8230;er zog aber seine Stra\u00dfe fr\u00f6hlich.\u201c?<\/p>\n<p>Vermutlich hat der \u00e4thiopische Finanzminister nach seiner Heimkehr noch viele seiner Landsleute zum <strong>Verstehen<\/strong> angeleitet, so wie es ihm mit Philippus ergangen ist. Und ein klein wenig von dieser unkonventionellen Art k\u00f6nnen wir bis heute an der \u00c4thiopischen Kirche sehen. In der Grabeskirche zu Jerusalem, diesem umstrittenen Heiligtum der Christenheit, haben die \u00e4thiopischen Christen ihr Quartier und ihren Anbetungsort \u2013 auf dem Dach!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong><span style=\"font-family: Arial; font-size: small;\">Eugen Manser<\/span><br \/>\n<a href=\"mailto:eugen.manser@gmx.de\">eugen.manser@gmx.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6. Sonntag nach Trinitatis, 23. Juli 2006 Predigt zu Apostelgeschichte 8, 26-39, verfasst von Eugen Manser Liebe Gemeinde, \u201e&#8230;er zog aber seine Stra\u00dfe fr\u00f6hlich.\u201c Ein sch\u00f6ner Schlu\u00df! 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